Großstadt > Dorf

Aktuell ein sehr wichtiges Thema in meinem Leben und auch sehr zukunftsweisend in besonderer Hinsicht ist das Thema Großstadt vs. Dorf/Landleben. Der werte Freund hatte sich vor zig Jahren in jugendlichem Leichtsinn gedacht „Hamburg… da sind die so viele coole Bands und Hip Hop-Menschen her, da muss ich hin..“, oder so. Und total awesome, dass er hier hergezogen ist, sonst hätten wir uns nie kennengelernt und LOVE und so bullshit. Aber nun ist der Tag gekommen, an dem wir vor einem Scheideweg stehen und man gucken muss wohin denn die fuckin Reise nunmal geht.

Ich komme vom Land. So richtig hart vom Land. Ich bin eins der wenigen Landeier, das keinen eigenen Führerschein ihr eigen nennen kann weil das Geld ist viel besser in Nietengürtel und Konzerte investiert, als in so nen dummen Lappen, der einem erlaubt ein motorisiertes Gefährt von Punkt A nach Punkt B (der zig Kilometer weit weg ist) zu dingsen. Also kenne ich die Abhängigkeit von Anderen, diesen verzehrenden Wunsch auszubrechen und die Stunden des Wartens auf den nächsten Bus, wenn denn überhaupt einer fuhr, weil es ist Wochenende und scheinbar wollen Dorfies nur unter der Woche in die nächstgrößere Stadt um dort zu arbeiten, weil was sollten sie denn sonst dort tun, sie haben es doch so schön hier mit Feuerwehr und der netten Kapelle und überhaupt, zur Kirche kann man auch zu Fuß laufen, wenn man sich nur dolle anstrengt.

Nach vielen Jahren der Dorf-Knechtschaft, zog ich nun nach Hamburg. Besser gesagt nach Harburg, was für die echten Hamburger nicht mehr dazu gehört, weil ist ja südlich der Elbe (FUCK OFF!!!!). Wenn wir Freunde in Niedersachsen besuchen, gibts immer das Freudenfäustchen, wenn wir wieder nach Hause fahren und das Schild sagt „Yo digga, biste wieder in Hamburg.“ Weil ich das hier mag. Und nun die Gründe, die gegen „eigenes Haus“, „eigener Garten“, „mehr Platz“ und den ganzen anderen Kram spricht, der rausgeholt wird, wenn es darum geht, dass man doch aufs Land ziehen sollte, weil viel schöner.

  1. Menschen

Wir haben hier Menschen. So viele, dass wir sie in Häusern in kleinen Wohnungen übereinanderstapeln müssen. Aber das ist OK. Denn wir sind uns egal. Erst nachdem wir einen Wasserschaden in unserer Wohnung bemerkten, der offensichtlich bis zu den Nachbarn ging, merkten diese vorsichtig an, dass es ganz nett wäre, wenn wir nicht um 3 Uhr Morgens unsere Wäsche waschen würden, weil das laut sei. Die wären nicht im Leben auf den Gedanken gekommen uns zu nerven. Weil man es als Großstädter nunmal einfach hinnimmt, dass 99% der Menschen, die einen umgeben, Arschkrampen sind. Und so ist es nicht nur mit Nachbarn. Auch die Leute, die mir in der Bahn gegenübersitzen und lautstark meinen ihren Jahresvorrat an Karotten wegzusnacken. Die seh ich nie wieder. Mit denen muss ich mich auseinandersetzen, weil sie irgendwann in den Weiten des Großstadtuniversums verschwinden und nichts bleiben als eine lästige Erinnerung. Auf dem Land ist es was Anderes. Man kennt sich. Und wenn man sich nicht kennt, dann wird trotzdem gesprochen. Übereinander. Das ist die welche und haste gesehen wie sie am Samstag noch um 12 Uhr Mittags mit der Schlafanzughose vor dem Haus rumgelaufen ist?! Ungekämmt!!! Man ist sich nicht egal. Zwar ignoriert man sich, wenn man sich trifft, oder man grüßt sich, wenn man Wochenends spazieren geht, weil es sonst nichts gibt, was man tun kann, außer seiner Familie auf den Sack zu gehen oder heimlich im Partykeller den Wodkavorrat leerzusaufen. Aber man spricht übereinander. Man hat Meinungen. Und die Meinungen, die gehen nicht weg, weil man eben nicht nach einer Station aussteigt und dann in die nächste Bahn steigt. Man hängt fest in seinem kleinen verfickten Scheiß-Universum und hat nunmal nicht anderes als sich und mit sich will man sich nicht beschäftigen als beschäftigt man sich dem was einen umgibt und das sind die Nachbarn, die den Rasen nicht mähen und das Unkraut nicht rupfen und viel zu laut sind oder zu leise, sonderbar einfach, weil nicht so wie man selbst.

2. Essen

In einer Idealvorstellung von Landleben hat man seinen eigenen Garten mit Kräutern und Gemüse und alles ist so schön und geil und man liegt masturbierend (wenn die Hecken hoch genug sind) zwischen den drallen Beeten und freut sich schon über die Instagramfotos die man posten kann von #healthyliving und #selfwattauchimmer. Aber ich will mir nicht mühselig mein Gemüse aus der Erde rupfen. Ich will es in kleinen Schälchen, nett portioniert vor die Tür geliefert bekommen, fertigt gegart mit einer unmenschlichen Portion Reis dazu und weil man sich mal was gönnt auch ne Flasche Wein oben drauf. Ich will die Auswahl haben. Asiatisch, indisch, italienisch oder doch einfach nur ein pampiger Burger? Wenn man Glück hat, dann hat man einen Liefertypen aufm Land. Der ist völlig überfordert und so eine Lieferung die dauert, weil er seine zig Kilometer zurücklegen muss. Vielleicht sind die Pizzen bei ihm geiler, weil keine Massenproduktion, aber wen interessiert das, wenn er nach einer Stunde vor Hunger den Kitt aus den Fenstern gefressen hat? Ich will Sushi und indisch. Ich will den Dönermann um die Ecke und um die Ecke und um die Ecke und verdammte Scheiße ich weiß gar nicht wo ich Döner essen will, wenn ich aus dem Haus gehe weil ich allein 3 Dönerläden in nächster Nähe habe. Und wenn ich ganz verrückt bin dann geh ich raus und geh in Burgerläden mit dem geilen Scheiß. Nicht die Mc King-Scheiße. Mit geilen Brötchen und auch die Currywurst am Kiez ist besser als alles was ich mir selber in meinen eigenen vier Wänden zusammenbrutzle. Ich kann essen wo ich will, wann ich will, was ich will. Ich muss nur meinen Geldbeutel zücken und vielleicht ein paar Meter laufen. Wenn überhaupt.

3. Veranstaltungen

Ich nehme an kaum welchen von diesen hippen Dingen teil. Diesen ganzen Stadtteilfesten auf denen man sich gegenseitig beschissen im Weg rumsteht, während einem die Soße von irgendeinem leckeren neuen veganen fancy Irgendwas aufs Shirt tropft. Doch ich weiß, dass es sie gibt. Und allein das Wissen darüber beruhigt. Kein Schützenfest, auf dem Jugendliche betrunken hinter die Pommesbude kotzen, sondern die guten Sachen. Früher waren solchen Feste ein Zwang weil man wollte raus und Alkohol. Jetzt braucht man das nicht mehr, weil das Angebot so groß ist, dass man sich nicht mehr schlecht fühlen muss, wenn man stattdessen die bequeme Jogger anzieht und sich einfach auf dem Sofa verkriecht. Man hat endlich mal keinen Zwang an irgendwas teilzunehmen. Man kann, aber man entscheidet selbst, dass man nicht will.

4. Kiosk

Supermärkte auf dem Land sind weit weg und man muss mit dem Auto hin und man muss immer alles auf dem Zettel haben was man braucht und was man will, weil nochmal raus ist voll anstrengend. Hier habe ich allein drei Kiosk in erreichbarer Nähe. Sie warten auf mich. Die netten Menschen da drin die mir Kippen und mein Bier verkaufen. Ich kann da rein, ungewaschen und völlig neben der Spur, weil es egal ist, denn nach mir kommen die Berufsalkis, die sehen um Welten schlimmer aus als ich. Im Supermarkt sehe ich nur die Nachbar. Die, die nett grüßen, wenn sie am Haus vorbeilaufen und dann sich das Maul darüber zerreissen, wenn die Haare fettig aussahen oder die Hose dreckig war. Wenn man oft genug einen bestimmten Kiosk besucht, dann grüßt einen der Besitzer schon von Weitem. Er nennt einen vielleicht sogar beim Namen und fragt einem wie es einem geht. Ist verwirrt, wenn man eine Weile nicht gekommen ist, macht sich vielleicht sogar Sorgen. Der Supermarkttante ist es egal, wenn man nicht kommt.

5. S- und U-Bahn

Ich kenne die Erfahrung, dass man mit dem Bus versucht auf dem Land ein Ziel zu erreichen. Nicht nur, dass die Busse nur alle heiligen Zeiten fahren und man, wenn man so einen Bus verpasst gerne mal eine Stunde warten darf. Wenn sie denn fahren, dann fahren die da gesamte Gebiet ab… alles… jeden Misthaufen… jeden verfickten Misthaufen. Hier in Hamburg bin ich schon überfordert, wenn eine Bahn länger als 5 Minuten auf sich warten lässt. Was fange ich nur an mit dieser Zeit????? Noch schnell eine rauchen gehen? Panisch hin- und herlaufen und mit den Händen fuchteln? Wenn man auf dem Land wo hinfährt, dann ist alles Minimum 40 Minuten entfernt. In Hamburg 20 Minuten. Immer. Egal wo man ist, egal wohin man will. Und ich mag den Geruch. Ich mag es, dass mir eine freundliche Stimme sagt, was die nächste Haltestelle ist. Auf dem Land sitzt du in so nem Bus und hast keine verfickte Ahnung wo du dich befindest und wann du rausmusst. Du musst den netten Busfahrer in seinem 80er-Jahre-Bus fragen ob er so nett ist dir mitzuteilen, wann du dein Ziel erreicht hast, denn du würdest es verpassen.

6. Wohnen

Wir leben hier in einer ziemlich übertriebenen Wohnung in Hamburg für zwei Personen. Man stelle sich vor dass diese Wohnung gedacht war als WG für drei Personen. Nun hat jeder, weil wir es verfickt nochmal können, jeder sein eigenes Zimmer und ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer und eine Küche in der noch ein Tisch für 4 Personen Platz hat und awesome!!! Wenn mir meine Nachbarn ab irgendeinem Punkt ganz derbe auf den Sack gehen würde z. B. der komische Spast, der meint rechte Parolen von sich geben zu müssen, während er volltrunken auf der Straße torkelt, dann suche ich nach einer neuen Wohnung, sage „Fick dich Gegend!“ und verpiss mich. Weil ich es kann. Weil ich keine Verantwortung habe. Wenn ich jedoch ein Haus kaufe und nebenan wohnt einer, der gerne mal tagelang die „Best of Landser“ auf hyperlaut spielt, dann bin ich am Arsch. Denn das Haus wurde gekauft, finanziert, vielleicht sogar hart renoviert… Fuck! Und man kriegt den Idioten ja nicht weg. Also muss man sich arrangieren. Aber das möchte man nicht. Ich würde sagen… kacke. Wenn ich hier wohne, dann muss ich das nicht. Ich kann, weil ich es will. Wenn da ein Haus ist, dann muss ich da leben. Und wenn es sich herausstellt, dass die gesamten Menschen in dem näheren Umkreis absolute Vollidioten sind, dann muss ich damit klarkommen.

Das sind die ersten Punkte die mir einfallen. Und klar sehe ich nur das Negative. Weil ich eine Abneigung gegen dieses „Land“ habe. Und natürlich könnte auch alles total geil sein, weil alles Menschen um einen rum voll nett und super und awesome aber eigentlich mag ich das so wie es jetzt ist. Genau so! ABER Liebe versetzt Berge und ich bin ja wohl kein Berg… und ich kriege ein Fahrrad! Freudenfäustchen!

Lass mich los

HÖR VERFICKT NOCHMAL AUF MIR ZU FEHLEN!!!! Tagelang vergesse ich dich. Du bist einfach nicht da. Wenn andere Menschen von ihren Müttern sprechen, ein kurzer Gedanke an dich, wie du tot in deiner Urne liegst und nicht mehr. Weil es so ist, dass Menschen sterben, so manch einer früher, so manch einer später. Du so, wie ich meine, dass es richtig war. Für dich. Doch dann kommen diese Momente. Ich fahre an einem Pflegeheim vorbei und dann ist da diese Frau. Sie hat nicht viel Ähnlichkeit mit dir außer die Tatsachen Rollstuhl und die Körperfülle. Und plötzlich brennt es. Tief in mir drin. Eine Trauer die in Tränenform aus mir brechen möchte. Weil ich dich vermisse, weil man seine Mama nunmal liebt. Ich saß dir gegenüber, sah dir beim Essen zu und ekelte mich vor dir. So viele Texte handeln davon. Wie sehr du mich aufgefressen hast mit deinem Schmerz und wie sehr ich damit beschäftigt war mir Sorgen zu machen. Es ist verdammt nochmal gut, dass es dich in der Form, in der du dich am Schluss befunden hast, nicht mehr gibt. Weil ich dich nicht mehr ertragen hätte. Wie beschissen ich mich dabei fühle, diese Worte zu denken und auch noch zu fühlen. Aber du warst eine Last. Für eine sowieso gebeutelte Familie warst du das Schirmchen im Kackhaufen. Die Krönung. Du warst einer der liebsten Menschen, die es auf diesem gottverfickten Planeten gab. Dein Herz so groß für andere. Für dich zu klein, weswegen es aufhörte zu schlagen. Kannst du es verstehen wenn ich dich liebe und vermisse und doch hasse, dass ich wegen dir so bin, wie ich bin? Kannst du es verstehen, dass ich es vermisse dir mich in meiner jetzigen Form, in meinem Dasein zu zeigen? Ich spreche manchmal mit dir. Wenn ich besoffen oder einfach nur zu müde bin um Realist zu sein. Ich hasse die Vorstellung, dass du über mich wachst. Denn du sollst das alles nicht sehen. Du sollst nicht sehen, wenn du Recht damit hast, dass ich meinem Vater ähnle. Ich will dir diesen „Ich habs doch gesagt“-Moment einfach nicht gönnen. Und doch will ich dich nicht loslassen. Ich bin verdammte 32 Jahre alt. Da muss mal langsam klarkommen mit diesem Tod. Weil er passiert. Und es ist doch schon so lange her. Ich war Mitte 20. Das Jahr vergessen. Den Tag nie. Den Moment. Immer noch diese Erinnerung. Als der Vater in den Bus stieg, mich ansah, mit diesem Blick. Und vor all den fremden Leuten sagte, dass du tot bist. Der Vermieter, der Witze machte, weil uns die Polizei suchte. Die Scham in seinem Blick. Das Bigpack, dass ich wegrauchte. Du fehlst mir. Dein du sein. Deine Herzlichkeit. Dein mich trotzdem lieben, auch wenn ich dich immer wieder von mir gest0ßen habe. Ich vermisse nicht die Momente in denen ich Dinge machte, vor denen sich viele Menschen ekeln. In denen du mich mit Sauerstoffgerät im Gesicht nach einer Zigarette angebettelt hast. Nicht den Moment als ich Morgens aufwachte und du leblos auf deinem Bett lagst und ich nicht wusste was zu tun ist. Dröhnte dir eigentlich der Kopf nach diesen Schlägen ins Gesicht? Wir sprachen nie darüber. Diese Bilder werde ich nie los und dich werde ich nicht los. Nicht die Erinnerung, die sich in mein Hirn frisst, sobald ich jemanden sehe, der nur ansatzweise ist, wie du es warst. Und sei es nur eine dicke Frau in Leggins. Jeder Schritt in ein Krankenhaus, auch sei es weil ich jemanden besuche der ein Baby bekommen hat, ist ein Kampf für mich. Hör auf damit. Hör auf mir zu fehlen. Bitte lass mich endlich los. Weil ich nicht weiß damit umzugehen. Geh dahin, wo du hinsollst. Valhalla, der Himmel oder einfach das Nichts. Aber geh. Bitte. Ich ähnle dir immer mehr. Das muss doch reichen. Ich bin du. Reicht dir das nicht? Lass mich los. Bitte.

Deine Tochter

Schlafende Pendler

Schlafende Menschen in der Bahn. Ich könnte sie stundenlang beobachten. Nicht weil sie lustig grunzen, mit weit geöffnetem Mund jede kleine Fliege inhalieren, die an ihnen vorbeihuscht, sondern weil sie etwas ausstrahlen, was mich beruhigt. Ich romantisiere den Moment, ich weiß. Die meisten Menschen schlafen in der Bahn ein, weil sie nunmal müde sind. Fünf Tage die Woche pendeln sie. Erst mit dem Auto zur Haltestelle. Dann eine Stunde in dem wackelnden Gefährt bis zum Ziel. Die Nacht zuvor wenig geschlafen weil Baby oder Party oder Gartenzaunstreichen bis der letzte Sonnenstrahl von der Nacht verschluckt wurde. Sie versuchen zu lesen oder zumindest einem Hörbuch zu lauschen. Die Müdigkeit haut ihnen mit einem Knüppel auf den Kopf. Doch mir sind diese Dinge egal. Ein schlafender Mensch strahlt Unschuld aus. Auch wenn die Träume in dessen Kopf morbide sein könnten, sie wären doch nur Träume und keine Realitäten, bei denen man vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Das Gesicht ist entspannt. Nicht jeder sieht dabei schön aus, doch man hat das Gefühl, dass all die Last, die auf den Schultern dieser Pendler sitzt, abgeworfen wurde. Zumindest für einen kurzen Moment. Sie vertrauen. Einfach so. Den Menschen um sich herum, dass sie ihnen kein Leid antun. Sie vertrauen ohne die anderen zu kennen. Das alles strahlen sie aus. Ich möchte es aufsaugen und mitnehmen. Nicht schlafend möchte ich entspannt, unschuldig und vertrauend sein, sondern wenn ich wach bin. Doch dann hört man Geschichten. Handtaschen, die aufgeschnitten wurden, während man schlief. Fest im Arm gehalten. Vertrauen an der falschen Stelle. Und wenn man schon nicht mehr darauf bauen kann, dass einem im Schlaf kein Leid zugefügt wird, wie soll man das, wenn man wach ist!? Also bleibe ich wach, hellwach. Misstraue, bin selbst ein bisschen verschlagen, verdecke meine Karten, auch wenn sie miserabel sind. Der Nacken verspannt und jeder Muskel in Warteposition um schnell aufzuspringen oder jemanden anzuspringen. Für einen kurzen Moment, da beruhigen sie mich. Die schlafenden Pendler. Ich verliere mich in der Unschuld ihrer Gesichtszüge und schmunzle, ohne Wertung, wenn sie schnarchen. Ob ich selbst in der Bahn schlafe? Ich bin doch nicht bescheuert. Da sitzen so Psychopaten. Die starren einen an und wollen einem nur Schlechtes. 
  

Betrunkene sind auch nur…

Betrunkene sind seltsam. Es ist unterschiedlich, sie sind unterschiedlich in ihrer Seltsamkeit.

Bei manchen hat man das Gefühl, dass ihnen mit jedem Schluck aus dem Glas ein noch viel größerer Brocken von ihrer Seele purzelt und sie endlich der Vollidiot sein können, der sie nun mal sind, so tief in sich drin. Sie trinken und reden, plappern, werden redselig und bei manchen möchte man sich, wie ein Kind, die Finger tief in die Ohren stecken und Sepultura-Songs brüllen, nur um nicht noch tiefer in deren Innerstes zu gelangen, dass glibberig und so völlig entblößt vor einem liegt und gestreichelt werden will. Sie bewegen sich komisch und beginnen plötzlich zu tanzen, zu Liedern, die sie hassen.

Früher gab es draußen nur Kännchen. Heute gibt es dort die Männer mittleren Alters, die sich zur Feier des Tages die billigsten Zigarillos des Kiosks gegönnt haben. Paffend stehen sie da, mit glänzenden Augen und glotzen damit den Frauen in ihren engen Kleidern auf die Titten und die Ärsche. Vergessen dabei Frau, Haus, Baum, Kind. Vielleicht sehnen sie sich danach jung zu sein, so wie früher, was vergessen ist, denn jetzt ist man Chef oder zumindest irgendein Leiter von einer Abteilung, einer Ressource oder vielleicht auch nur der Blitzableiter von einem anderen, der über ihm steht.

Die Frauen, mit ihren kleinen Fältchen, die sie jeden Morgen aufs Neue verfluchen, kichern albern, wenn sie trinken und die Männer mit den Augen an ihren Ärschen haften. Sie fühlen sich begehrt, ausnahmsweise. Zu Hause gucken sie heimlich Pornos, manche fassen sich dabei sogar an und schämen sich nicht mal dafür. Sie wollen gefickt werden, wie damals, als es OK war, für fünf Minuten in der Dorfdisko auf dem Klo zu verschwinden. Es war nie schön, der Orgasmus so weit weg, wie der Prinz auf dem weißen Ross, aber sie fühlten etwas dabei und wenn es nur die kalten Fließen auf dem Rücken waren.

Junge Dinger hopsen dazwischen hin und her und feiern sich und ihr Leben und Millionen Möglichkeiten, die Tonnen an Zeit, die vor ihnen liegt. Sie sorgen nicht, sie sind einfach nur. Sogar sie fühlen sich von den Sabberblicken der Männer noch ein bisschen schöner. Sie spüren, wie die Alten ihnen die Jugend neiden und machen sich größer als sie jemals sein werden.

So betrunken wie sie sind, jeder für sich ein bisschen anders und doch im Kern gleich. Jeder von ihnen kehrt die größte Sehnsucht heraus, sobald die Promillegrenze erreicht und das Torkeln beginnt. Nähe wollen sie oder Aufmerksamkeit. Vielleicht setzen sie sich auch nur in eine Ecke, bedauern sich öffentlich, ansonsten tun sie dies nur alleine im Wohnzimmer mit der Fernbedienung in der linken und der Knarre in der rechten Hand. Doch bevor man abdrückt, schaltet man lieber weiter und sucht das Elend in tausend Kanälen um sich besser zu fühlen.

Nicht jeder Betrunkene wird akzeptiert. Es gibt feine Nuancen. Nicht jeder ist der perfekte Betrunkene und wird der Flirt bei dem Büromauerblümchen noch als niedlich empfunden, ist es bei der alternden Abteilungsleiterin nur noch peinlich und macht einen betroffen. Der laute junge Kerl aus der Postabteilung, der die Mädchen um sich schart und einen Drink nach dem anderen spendiert, ist der Held des Abends, während der Chef, der seinen Kollegen einen ausgibt, doch einfach nur Sympathiepunkte sammeln will, die dumme Sau.

Nüchtern betrachtet, sind Betrunkene doch auch nur Menschen. Vielleicht mehr, als sie es nüchtern je sein werden.

müde

Müde bist du. Du wachst auf, weil der Wecker es dir so befiehlt. Mit dicken Augen siehst du in den Spiegel und weißt, du siehst beschissen aus. So wie du dich eben nunmal fühlst in dir drin und auch an dir dran. Der ganze Körper klebt vor Verdrossenheit. Mit schnellen Schritten rennst du zur Bahn, zum Job, zur Arbeit, zum täglichen Wahnsinn von 8 bis 17 Uhr. Kurze Momente des Wachseins. Meistens wenn du laut lachst. Wegen Albernheiten. Du malst dir Gesichter auf die Fingerkuppen, stülpst Himbeeren darüber und schüttelst die Finger zum widerwertigen Radioprogramm. Doch meistens bist du müde. Zäh der Tag, die Stunden rasen und schleichen. So wie sie es gerade wollen und es dir nicht in den Kram passt. Du wartest auf das Trampeln der Anderen, dass dir sagt, dass du endlich auch gehen darfst. Schnell noch Dinge erledigen, die du dir in den Kopf gesetzt hast und die mit Konsum zu tun haben. Schnell zu H&M, die Modetrends nicht verstehen und vor dem DANZIG-Shirt stehen und sich fragen, ob auch nur ein Mensch, der sich dieses Shirt hier kauft, jemals DANZIG gehört hat. Kurzzeitige Energie, die dich durchströmt. Shopping-Freude, nennt es der Profi. Verfliegt sehr schnell, wenn der dürre Junge an der Kasse die Endsumme nennt und man im Kopf ausrechnet wieviel Geld einem denn dann noch rein theoretisch und verdammt nochmal auch praktisch bleibt, für den Rest des Monats. Träge schleppt man sich nach Hause und doch dieser Stechschritt, der einen vorantreibt und einem jeder vorhält, wenn man denn mal mit anderen Menschen unterwegs ist. Was selten ist, da man doch gestresst ist und Dinge tun muss. Essen zubereiten und währenddessen fallen die Augen zu. Einfach so. Als hätte man seit Wochen keine Stunde mehr geschlafen. Sich selbst ohrfeigen, weil alles ist doch schön und gut und man kann doch froh sein um solch ein Leben andere Menschen müssen länger arbeiten, härter arbeiten oder noch viel schlimmer, die können gar nicht arbeiten und müssen den ganzen Tag zu Hause sitzen und Dinge hassen oder traurig sein. Das Essen ist verbrannt und geschmacksneutral aber es stillt das was sich Hunger nennt. Die Decke, das Sofa aber es entspannt nicht. Du wartest auf den Moment in dem eine Stimme dir sagt, dass du endlich ins Bett gehen darfst. Um endlich zu schlafen. Damals, als du jung warst, konntest du in solchen Momenten nicht schlafen. Stundenlang hattest du dich versucht in den Schlaf zu wälzen, immer tiefer hinein, doch er wollte nichts von dir wissen. Heute liegst du in diesem Bett, hörst dem Fernseher beim Schlafklimaverseuchen zu und bist eingeschlafen. Zehn Minuten, vielleicht sogar weniger. Du schläfst wie ein Stein, komatös. Kein Traum zwängt sich dir auf. Und doch erholt dich dieser Schlaf nicht mehr. Nicht mal am Wochenende. Denn alles an dir ist müde und träge und du trauerst den Zeiten hinterher an denen du agil und voller falscher Lebensfreude warst. Der Wecker lärmt, du stehst auf, brav wie du bist, ein Vorbild für all die Anderen, die nicht sehen können, wie beschissen du aussiehst, wenn du Morgens in den Spiegel siehst. Du bist einfach nur müde. Doch schlafen hilft hier schon lange nicht mehr.

grown-up

Dann bist du erwachsen. Einfach so. Es ist passiert. Ein bisschen hast du es herbeigesehnt. Die Freiheiten, die man plötzlich nicht nur auskostete, wenn der Mann an der Kasse keine Ahnung hatte, dass man so machen Dinge nicht an Minderjährige verkauft. Sie waren einfach da, lagen vor einem und man hat sie genossen, so sehr. Jeder Schnaps in der Kehle der Undurstigen sondern der Verklemmten, ein Genuss. Jeder Zug an der Zigarette ein „Fuck yeah, du kannst mir gar nichts mehr.“ Ein jedes Tattoo ein „Mir doch egal ob ich dieses dumme Ambigramm irgewann verfluchen und mir vom Bein reissen möchte mit den bloßen Zähnen. Jetzt bin ich cool und voller Emotion und Hate ist nun mal Love, nur auf dem Kopf, bitch.“ Die erste Wahl ein Fest. Aufgeregt reihte man sich am Sonntag ein, zwischen all diesen erwachsenen Menschen. Man wählte dumm, hatte sich zwar die Programme durchgelesen aber CSU das macht jeder und du bist anders. Nicht Nazi-anders aber auch nicht links. Deine Kreuze hatten keinen Wert und anstrengend war es, weswegen du seitdem die Briefwahl vorziehst, weil du dich dann darauf konzentrieren kannst und dann doch wieder nur die wählst, die keinen Doppelnamen haben. Du willst plötzlich arbeiten, Geld verdienen und nicht mehr abhängig sein von Behörden oder Eltern. Und du lernst einen Beruf den du nicht ausübst, machst andere Dinge und verdienst gerade eben so viel, dass wenn du sparen würdest, du dir einen kleinen netten Urlaub in Griechenland leisten könntest. Dir wird mehr Geld versprochen, du erhältst mehr Geld und der Arbeitgeber tut so, als wäre es ein großer Schritt für dich und auch für sie bis zu dem Zeitpunkt an dem du erfährst das andere, die nicht fünf Jahre in der Firma sind, schon zu Beginn fast so viel verdienen wie du jetzt. Du hast das Gefühl endlich alles machen zu können was du willst. Rausgehen und erleben und so lange wach sein wie du willst, doch eigentlich willst du plötzlich nur noch schlafen und gar nicht mehr wach sein, denn das bedeutet du müsstest Dinge tun und dann streitest du dich mit dem Freund darüber wer die Spülmaschine ausräumt und gibt es nicht Wichtigeres?  Und irgendwann kriegen sie alle Kinder und bauen oder kaufen Häuser und du trauerst immer noch deiner Katze hinterher, die du einschläfern lassen musstest. Sogar die Jungen, die dich umgeben, haben mehr Ahnung vom Erwachsensein. Sie haben Versicherungen deren Namen du nur vom Hören-Sagen kennst und legen ihr Geld an. Du freust dich, wenn du eine halbe Schachtel Zigaretten findest, die du versoffen in einer Handtasche vergessen hast. Du hast den Absprung verpasst und bist gefangen in dem „Für immer 21“ und wenn du krank bist, so richtig mit Husten und stechender Brust, dann weißt du, wie es sein wird wenn du alt bist. Noch älter als jetzt. Man sagt dir, dass man dir dein Alter nicht anmerkt und du schämst dich. Weil du dich damals, als du es dir vorgestellt hast, reif warst und nicht nur altklug. Die Frage nach dem Ausweis beim Zigarettenkauf, immer noch kein Kompliment, wird es nie sein. Denn es erinnert dich nur daran, dass du nicht so bist, wie man es von dir erwartet. Und du möchtest doch eigentlich nur endlich das Erwachsen genießen, wie du es dir vorgestellt hattest. Doch es macht keinen Spaß.  Arbeiten, putzen, einkaufen, Wäsche waschen, regelmäßig zum Frauenarzt gehen. Erwachsen bin ich. Bist du. Mit dem Ausweiß. Doch der Rest… verlorenes Irgendwas.

Zu verkaufen

Viele fragen mich, wie es denn so sei, wenn man denn nun ein Buch veröffentlicht hätte und das Neue schon vor der Tür steht? Na gut. Eigentlich fragt einen keiner. Also wirklich niemand. Man hört nur Dinge wie „Ich lese dein Buch momentan in der Bahn.“ oder „Voll gut um Wartezeiten beim Arzt zu überbrücken.“ oder „Ey, das Bier war echt OK.“ Wenn man keinen Namen in der Literaturwelt hat oder großen Fame durch Blog, Twitter, Videos bei diesem komischen Fotoding mit dem Geist, dann passiert nämlich rein gar nichts. Man kauft selber einige Expemplare des Buches, kann sich nicht richtig freuen, weil der Stress der letzten Monate einen gefühlsmäßig ausgehungert haben und macht weiter das, was man semi-gut kann. Arbeiten. Ganz normal. Mit Büro und Kunden und Kartoffelsalat mit Würstchen, weil der Kollege Geburtstag hatte. Man ist weder steinreich, weil man die Tantiemen spendet, noch wird man eingeladen zu lustigen Partys oder angefragt für tolle Interviews, bei denen man erzählt, dass man bei vielen Geschichten erstmal eine halbe Dose Bier trinken musste, um auch nur ansatzweise eine Idee ins Gehirn gekotzt zu bekommen. Das Einzige was sich geändert hat ist, dass man mich mit meinem echten Namen nun bei amazon findet. Und ich bei einem Verlag als Autor gelistet werde. Aber ansonsten… nichts.

Nun die Frage ob das so soll, ob man Erwartungen haben sollte. Oder ob man einfach nur mit dem Buch im Wohnzimmer sitzen und sich darüber freuen sollte, dass man etwas geschaffen hat, was für die Ewigkeit ist. So ein bisschen zumindest.

Ich sitze in meiner Küche. Keine neuen Texte oder wundervolle Ideen, die mir aus den Fingern schießen. Die absolute Leere, bei der nicht mal ein ganzer Kasten Bier helfen würde. Das ist dann also die nüchterne Erkenntnis, dass man vielleicht doch kein Schreiberling ist, sondern Bürokraft, die ein bisschen Glück hatte mal auf die richtigen Tasten auf der Tastatur zu hauen.

Und weil ich nunmal noch einige von meinen Büchern hier liegen habe, die raus in die Welt und gelesen werden wollen gibt es hier den Deal des Lebens. Jeder der ein Buch mit Widmung, oder auch ohne, möchte, möge mir einen E-Mail schreiben. Das Schätzchen kostet 19,90 und weil ich so unglaublich gut drauf bin, geht das Porto auf mich. Ohne Bier, weil das Porto sonst mein Erspartes auffrisst.

Wer will? Du? Ja? Mail an brbrlala@gmail.com und schon gehts los.

Autor… was hab ich mir dabei nur gedacht.