Triggerwarnung

Frohes Neues! 2017! Fuck yeah! Es wird alles besser und großartiger und überhaupt… wir werden alle awesome sein… bullshit!!!!

Nichts wird besser. Nicht weil wir es nicht verdient hätten, sondern weil wir daran die Schuld tragen. Wir sind alle verdammte Hurensöhne. Nichts gegen eure Mütter, die sind super… doch wir sind Hurensöhne. Wie wir uns freuen, wenn wir einmal im Monat ein einziges Produkt im Supermarkt kaufen, auf dem ein BIO abgedruckt ist. Dann haben wir unseren Beitrag geleistet. Wir haben die Welt verbessert.

Ich steh an der Kasse und freu mich nen Keks, wenn die nette Dame fragt, ob ich eine Plastiktüte will. Nein, my dear, ich packe die in Indien zusammengenähten Kleidungsstücke, die ich auf keinen Fall brauche, weil ich einen Schrank voll davon zu Hause habe, gerne in meinen von Kinderhänden zusammengefummelten Rucksack, der mehr gekostet hat, als die in nem Monat verdienen. Ich rette damit nämlich die Welt. Mit dem Verzicht auf Plastiktüten. Ich bin ein verfickt guter Mensch. Ey und wirklich. Wenn ich zu Primark gehe, die Sachen, die ich da kaufe, die trage ich auch. Nicht wie diese youtube-Schnallen, die einfach nur kaufen um dann ein Video davon zu machen und alles danach in den Altkleidercontainer ballern. Ich bin ein guter Primark-Konsument. Schör!

Natürlich ist der Verzicht auf eine Plastiktüte dem toten Schwein egal, was sein Leben lassen musste für den Schinken in meinem Kühlschrank aber hey, die arme Sau. Das Leben was es bisher hatte war doch echt nicht lebenswert. Vielleicht war das ganz froh getötet zu werden. Sterbehilfe, sozusagen. Und hab ich schon erwähnt, dass die Gurke da in dem Salat voll krass BIO ist. Ok. Derzeit ist keine Gurkenzeit und das Zeuch kommt ausm Ausland und musste extra für mich hier her gekarrt werden, aber besser als die Gurken die nicht so öko sind.

Und überhaupt. Ich kaufe ja jetzt Waschmittel und so Zeug nur von der ökologischen Sorte. Weil ich will ja meinen Teil dazu beitragen, dass das Wasser nicht zu sehr belastet wird. Sogar den Weichspüler. Da ist ein niedlicher kleiner Frosch drauf. Die dürfen so ein Tier sicher nicht auf was drucken, was nicht gut ist für die Umwelt. Wie, ich könnte einfach weniger Klamotten haben und die weniger waschen und dadurch weniger Wasser verbrauchen? Ja also ne… find ich voll krass wenn Menschen das können so mit diesem Minimalismus und so aber mein Ding ist das nicht, weil ich brauche ja schon ne Auswahl und manchmal ist mir halt nach dem einen Teil, welches seit drei Jahren unberührt im Schrank lungert. Ganz sicher.

Wir sind Hurensöhne. Jeder für sich. Jeder auf seine Art. Der eine mehr, der andere weniger. Es gibt diese schwindend kleine Anzahl an Menschen, daran glaube ich ganz fest, die es ändern könnten. Die als realitätsfremde Spinner in eine Schublade gestopft werden und da hocken sie dann und wollen doch einfach nur ihren Beitrag leisten.

Außerdem… hab ich schon erwähnt, dass ich spende. Ja! So richtig mit Geld und jeden Monat und Dauerauftrag. Na gut. Ist das Geld, welches eigentlich an die Kirche gegangen wäre, aber ich bin aus der Kirche ausgetreten und da kann man das Geld, was man vorher schon nicht hatte, auch einfach einer einem absolut fremden Stiftung in den Arsch schieben. Dann kriegt man auch immer Post von denen. Was fühl ich mich dann beseelt, wenn ich die lächelnden Kinder auf den Fotos sehe. Ich habe meinen Beitrag geleistet. Ich Gutmensch!

Ich mag die Welt gerade nicht. Oder anders ausgedrückt. Ich mag die Welt, die Menschen darauf stören mich nur unglaublich. Mir eingeschlossen. Ich versuche mich zu verschließen. Weil ich es langsam nicht mehr ertrage. Diese Flut an Beschissenheit, die einem jeden Tag mit Hilfe jeglicher Kanäle ins Gehirn gewichst wird. Menschen bringen sich gegenseitig um, weil sie der Meinung sind, dass es das Richtige ist. Wir sind dann kurz betroffen, aber auch nur für bestimmte Menschen. Weil man kann ja nicht jeden Tag trauern, denn wusstet ihr, dass wenn Promis schnippen, in Afrika Kinder tot umfallen? Wir haben auch Angst. Plötzlich. Sogar ich. Für kurze Momente. Ich schäme mich. Wenn diese Ängste kommen. Rucksäcke. In der Bahn. Finde ich plötzlich völlig ungeil. Ich dummer Mensch. Das ist doch der Sinn dahinter. Ich falle drauf rein. Ertappe mich, reiße mich zusammen und starre dann weiter auf mein Handy, welches mir die letzte Fähigkeit klaut, mich länger als fünf Minuten daran zu erinnern, was ich eigentlich gerade für eine sinnfreie Suchanfrage bei google starten wollte.

Und dann gibt es diese Momente voller Freude. Sie sind einfach da. Ich bin glücklich mit dem hier und jetzt und erfreue mich an Menschen die gut sind zu mir und zu denen, die sie umgeben. Plötzlich fällt all die Schuld von mir ab und für einen kurzen Moment bin ich kein Hurensohn. Aber es sind eben nur diese kurzen Augenblicke, in denen ich nichts konsumiere. Keine Kleidung, kein Essen, keine Nachrichten, kein Nichts! Dann bin ich nur Mensch und voll OK.

Wir sind alles Hurensöhne. Haben Angst vor Schatten und vergessen dabei, dass diese zu uns gehören und nur unsere eigene Courage sind, vor der wir versuchen wegzulaufen.

2017! Wird super… oder beschissen. Muss jeder für sich entscheiden.

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grown-up

Dann bist du erwachsen. Einfach so. Es ist passiert. Ein bisschen hast du es herbeigesehnt. Die Freiheiten, die man plötzlich nicht nur auskostete, wenn der Mann an der Kasse keine Ahnung hatte, dass man so machen Dinge nicht an Minderjährige verkauft. Sie waren einfach da, lagen vor einem und man hat sie genossen, so sehr. Jeder Schnaps in der Kehle der Undurstigen sondern der Verklemmten, ein Genuss. Jeder Zug an der Zigarette ein „Fuck yeah, du kannst mir gar nichts mehr.“ Ein jedes Tattoo ein „Mir doch egal ob ich dieses dumme Ambigramm irgewann verfluchen und mir vom Bein reissen möchte mit den bloßen Zähnen. Jetzt bin ich cool und voller Emotion und Hate ist nun mal Love, nur auf dem Kopf, bitch.“ Die erste Wahl ein Fest. Aufgeregt reihte man sich am Sonntag ein, zwischen all diesen erwachsenen Menschen. Man wählte dumm, hatte sich zwar die Programme durchgelesen aber CSU das macht jeder und du bist anders. Nicht Nazi-anders aber auch nicht links. Deine Kreuze hatten keinen Wert und anstrengend war es, weswegen du seitdem die Briefwahl vorziehst, weil du dich dann darauf konzentrieren kannst und dann doch wieder nur die wählst, die keinen Doppelnamen haben. Du willst plötzlich arbeiten, Geld verdienen und nicht mehr abhängig sein von Behörden oder Eltern. Und du lernst einen Beruf den du nicht ausübst, machst andere Dinge und verdienst gerade eben so viel, dass wenn du sparen würdest, du dir einen kleinen netten Urlaub in Griechenland leisten könntest. Dir wird mehr Geld versprochen, du erhältst mehr Geld und der Arbeitgeber tut so, als wäre es ein großer Schritt für dich und auch für sie bis zu dem Zeitpunkt an dem du erfährst das andere, die nicht fünf Jahre in der Firma sind, schon zu Beginn fast so viel verdienen wie du jetzt. Du hast das Gefühl endlich alles machen zu können was du willst. Rausgehen und erleben und so lange wach sein wie du willst, doch eigentlich willst du plötzlich nur noch schlafen und gar nicht mehr wach sein, denn das bedeutet du müsstest Dinge tun und dann streitest du dich mit dem Freund darüber wer die Spülmaschine ausräumt und gibt es nicht Wichtigeres?  Und irgendwann kriegen sie alle Kinder und bauen oder kaufen Häuser und du trauerst immer noch deiner Katze hinterher, die du einschläfern lassen musstest. Sogar die Jungen, die dich umgeben, haben mehr Ahnung vom Erwachsensein. Sie haben Versicherungen deren Namen du nur vom Hören-Sagen kennst und legen ihr Geld an. Du freust dich, wenn du eine halbe Schachtel Zigaretten findest, die du versoffen in einer Handtasche vergessen hast. Du hast den Absprung verpasst und bist gefangen in dem „Für immer 21“ und wenn du krank bist, so richtig mit Husten und stechender Brust, dann weißt du, wie es sein wird wenn du alt bist. Noch älter als jetzt. Man sagt dir, dass man dir dein Alter nicht anmerkt und du schämst dich. Weil du dich damals, als du es dir vorgestellt hast, reif warst und nicht nur altklug. Die Frage nach dem Ausweis beim Zigarettenkauf, immer noch kein Kompliment, wird es nie sein. Denn es erinnert dich nur daran, dass du nicht so bist, wie man es von dir erwartet. Und du möchtest doch eigentlich nur endlich das Erwachsen genießen, wie du es dir vorgestellt hattest. Doch es macht keinen Spaß.  Arbeiten, putzen, einkaufen, Wäsche waschen, regelmäßig zum Frauenarzt gehen. Erwachsen bin ich. Bist du. Mit dem Ausweiß. Doch der Rest… verlorenes Irgendwas.

wenn Liebe nicht reicht

„Manchmal reicht die Liebe nicht.“, sage ich. Halte mich an einem Bier fest oder der Zigarette. Hauptsache beschäftigen und die Stimme ruhig halten, um nicht anfangen zu weinen. Wie vor einigen Tagen mit zu viel Wein und zu viel Hysterie im Kopf und im Herzen und vielleicht auch im Bauch.

Wir highfiven. Haben den Trend „Trennungsjahr“ sicher umschifft. Uns gefeiert, die fünf Jahre mit einem Essen und sich schick machen und dabei albern vorkommen. Der Moment gerade verdient aber kein Highfive. Sondern nur eine Klatsche. Ins Gesicht. Stimmen von Fremden, die dir flüstern, dass du doch glücklich bist und man doch das Kind nicht mit dem Bade ausschüttet und wie klug sie doch alle sind. Ich sage dir, dass ich nur möchte, dass du glücklich bist. Irgendwann. Und dir was fehlen wird. Irgendwann mehr als im Jetzt. Und du sagst, dass wir das dann schon sehen werden. Du jetzt glücklich bist, wir glücklich sind. Doch denkt vielleicht auch jemand mal an mich? Daran, dass es für mich noch schwerer wird, wenn wir Jahr um Jahr kaputt Diskutiertes vor uns herschieben wie den nötigen Frühjahrsputz. Ich dann vielleicht noch mehr zerbrechen könnte, als jetzt schon? Ich deine Augen sehe, dich erlebe wenn dich das umgibt was du gerne hättest, was ich dir aber nicht geben kann, weil … es gibt so viele Argumente, die dagegen sprechen.

„Wir müssen reden.“ Wir reden, schweifen ab, lachen, weichen dem Thema aus. Da liegt es. Das Thema. Auf dem Tisch. Ich stupse es an, es quiekt. Dieses Thema, die dumme Sau. Es könnte doch alles so schön sein.

Plötzlich wird wieder gut geschlafen. Auf der linken Seite des Bettes. Ich tauche ein und den traumlosen Dunst aus körperlicher Müdigkeit. Mehr geht nicht. Kein erholsam in dem Wort Schlaf zu finden. Manchmal reicht Liebe allein nicht aus. „All you need is love!“ ist für Teenager, die ein ganzes Leben vor den Füßen haben. Erwachsene haben ein „Mein Haus, meine Yacht, mein Auto…“ Sogar wenn es um die Liebe geht.

Man wird sich ja wohl mal graue Haare wachsen lassen dürfen

30 werden. Das war eine große Nummer. Noch schnell eine To-Do-Liste geschrieben, die bis dahin abgehakt neben den leeren Bierdosen liegen sollte, wenn man hineingleitet in den Zustand 30. Damals stand nicht viel auf diesem Zettel. Ich glaube ich wollte mein Zimmer aufräumen. Habe ich auch gemacht. Zufrieden setzte ich ein rotes Häkchen und konnte endlich ohne schlechtes Gewissen 30 werden. Das war vor einem Jahr.

30 sein fühlte sich gut an. Es kam der Moment des Verstehens, dass es mir absolut egal sein kann, was andere Menschen von mir denken, solange ich mit meinem Verhalten und Auftreten niemanden kurzfristig oder nachhaltig schädige. Ich machte kurze Reisen, für mich große Schritte in die richtige Richtung. Ich begann mich zu finden. Versuchte mich nicht dauernd in Frage zu stellen und hörte auf das innere JA. Ich sagte plötzlich ja. Ja zu neuen Menschen, zu Erfahrungen. Vielleicht zu oft ja zu dem weiteren Bier… aber das ist ein anderes Thema. Kuschelig fühlte sie sich an. Diese 30.

Und vor einigen Tagen dann die 31. Unspektakulär. Jede Supermarkteröffnung löst wohl größere Gefühlsausbrüche aus, als dieser Geburtstag. Umgeben von Menschen die ich liebe, aber ohne ein Gefühl des „jetzt werde ich älter“-Werdens. Vielleicht ein kurzer Moment. Zwischen zwei Schluck Bier.

Und dann heute Nachmittag… nachdem das kalte China-Essen von gestern vertilgt war, ein forschender Blick des Freundes. Seine Aufmerksamkeit war auf meinen Kopf gerichtet. Ich dachte eine Nudel hätte sich dort verfangen. Kann passieren. Im Eifer des Gefechts… essen war noch nie eins meiner Talente. Er entdeckte es. Schob mich durch die Wohnung, vielleicht liegt es auch am Licht.

Das erste graue Haar!

Wahrscheinlich sind dort schon viele. Irgendwo in diesem Wust an ungekämmten, unförmig geschnittenen Haaren verstecken sie sich. Nun traute sich aber eins von ihnen raus. Raus in die Öffentlichkeit. Ohne Feuerwerk. Ohne großes Blasorchester. Ohne Sektempfang. Einfach so. Und als ich es genau betrachtete im Spiegel, war der erste Reflex weder es auszureissen oder mit Rotznase und Superheldenschlafhose in die nächste Drogerie zu laufen, um diesem einzelnen Haar mit Färbemitteln den Garaus zu machen. Ich nahm es hin.

Bis eben… es stört mich immer noch nicht. Zumindest nicht auf die Weise, auf die es mich stören könnte. Soll heißen der Ästhetik-Faktor ist mir egaler als jedes Finale jeglicher Castingshow oder die Tatsache, ob diese komischen Hampelmänner auf RTL2 denn nun endlich eine Frau finden, die sie ranlassen und gleichzeitig verstehen, welchen Blödsinn die Herren der Schöpfung von sich geben.

Viel mehr beschäftigt mich die Frage „Was nun?“

Ich bin 31. Das ist nicht alt. Wenn ich vielleicht mal anfangen würde auf meine Gesundheit zu achten (schrieb sie mit der Kippe im Mund und dem Bier neben sich… demonstrativ daneben die Packung Vitamine), ist das noch nicht mal die Hälfte meines Lebens.

Aber Menschen mit grauen Haaren. In meinem Kopf sind sie weise. In jedermanns Kopf sind das weise Menschen. Sie erinnern sich an geschichtliche Ereignisse, können Philosophen zitieren oder können zumindest benennen was sie am 7.8.19sonstwas um 14:53 Uhr gemacht haben. Ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern von welchem Strand der dunkle Sand ist, den ich in einem Anfall von Kitsch in ein Glas gepackt und auf ein Regal gestellt habe. Und das ist ganz sicher keine vier Jahre her.

Philosophen habe ich gelesen… einen. Die Hälfte eines seiner Bücher. Weil ich musste. Geschichte… ja damals. Krieg, bumm bumm, alle tot. Stimmt doch meistens immer, wenn es um Geschichte geht, oder? Vielleicht habe ich Talente, die ich weitergeben könnte. Grauhaarig wie ich bin, habe ich doch jetzt einen Lehrauftrag. Die heranwachsenden Kinder der Freunde. Die sollen doch was davon haben, dass ich nun grauhaarig bin. Bierflaschen mit einem Feuerzeug öffnen zählt da wohl nicht dazu. Nicht mal Geschichten vorlesen kann ich gut. Zwei Stunden ein Buch über Traktoren angucken. Nur mit Bildern. Das kriege ich sehr gut hin. Und Little Big Planet auf der PS Vita innerhalb von zwei Tagen durchspielen kann ich auch. Macht man das als grauhaariger Mensch überhaupt noch? Zocken?! Oder sollte ich jetzt nur noch bei gedimmten Licht Klassik hören und dabei dicke Wälzer lesen? Und damit meine ich keine Bücher die nur dick sind wie Twilight. Sprachen kann ich keine bis auf bruchstückhaftes „No thanks.“ auf die Frage ob ich eine Tüte oder den Kassenzettel haben möchte, wenn ich einkaufe. Ich habe nie den Führerschein gemacht, stricken kann ich immer noch nicht, nähen nur, wenn die Sachen krumm aussehen dürfen. Vom Backen wollen wir gar nicht erst anfangen.

Zusammengefasst die stumpfe Frage… was kannst du überhaupt? Was hast du, was du der Welt oder minimieren wir das Ganze, deinem Umfeld mitgeben kannst, was Wert und Sinn hat. Außer auf Fotos komisch zu gucken, super rülpsen und Ikea-Regale aufbauen zu können. Was ist der Wert dieser 31 Jahre?

„Oh Barbara… du hast so vielen Menschen blabla geschenkt. Blabla.“ Was auch immer blabla ist. Aber jetzt ist er wieder da, der Wunsch mehr als nur blabla zu sein, mehr als bodensatz, brackarawr. Nicht nur klugscheißen mit Halbwissen. Wirklich klug sein. Nicht nur dilettantisch alles ein bisschen können, sondern endlich DAS Talent aus sich herauskitzeln, welches in einem schlummerte. Nicht nur erleben, erinnern.

Blogeinträge endlich mal mit einem richtigen Ende versehen. Das könnte doch mal ein erster Schritt sein. Ein letzter Satz, nicht nur tausend offene Fragen. Eine runde Sache. Aber ich bin ja erst 31 und das ist das erste graue Haar. Bis es mit mir zu Ende geht hab ich noch genügend graue Haare, die ich mir wachsen lassen kann, wegen diesem Thema.

Unmensch

Jeden Morgen stehe ich auf und male mich. Nicht mich an. Nicht diese Nummer mit Eyeliner und Mascara. Ich male mein Selbst. So wie ich bin, sein will. Ich versuche ein echter Mensch zu sein. Ein guter. Einer, der denkt, bevor er spricht. Was selten funktioniert. Aber ich versuche gerecht zu sein. In dem was ich tue. In dem wie ich mich Menschen gegenüber verhalte. Und ich male mit Farben, die ich oft selbst nicht kenne. Manchmal treffe ich die richtigen Farbtöpfe und der Tag und die Begegnungen mit den Menschen um mich herum stimmen sich farblich ab. Dann war es ein guter Tag. Mit einem Lächeln. Und manchmal gibt es diese Disharmonie. Sie ist nicht schlimm. Sie ist nie so drastisch, dass man das Bild des Tages wegwerfen müsste, weil es in den Augen brennt. Aber das ist auch gut so. Sogar Van Gogh, Da Vinci und wie die ganzen Ficker heißen, die krasse Kunstkacke am Start hatten, heißen mögen, haben ganz sicher so manches Bild in die Tonne gekloppt.

Doch dann kommt der Tag an dem ein Mensch, der dir sonst positiv gesonnen war, einen Edding auspackt. Er nimmt ihn, setzt an und schreibt auf deine Stirn Unmensch. Vielleicht weil er nur verletzt ist, vielleicht aber auch, weil er dich verletzen will. Und dann wache ich auf, beginne zu malen, wie jeden Morgen. Aber da ist es. Dieses dicke, fette, krakelige ‚Unmensch‘. Auf der Stirn. Kein Farbton der es übertünchen könnte. Und ich frage mich, hat dieser Mensch Recht. Die Tage über, trotz dieses Tags auf der Stirn, tänzeln nette Menschen um einen herum. Sie malen an dir. An mir. Sie malen kleine Blumen und Herzen und versuchen dich zu versüßen. Mich zu versüßen. Ich nehme es war. Doch sehe ich nur dieses Wort. Und schlafe mit einem bitteren Geschmack von Selbstgerechtigkeit ein.

Die Tage vergehen, der Edding verblasst. Die Pinsel tun das was sie am besten können und ich versuche den Gedanken wegzuschieben. Halte mich zurück. Versuche zu verschwinden. Schattengrau zu werden, statt neongrün. Es funktioniert. Man nimmt mich nicht mehr wahr. Die Blümchen werden weniger. Und es umgibt mich das sichere Grau des Schweigens. Doch es reicht nur ein kleiner Klecks signalrot. Vielleicht nicht mit Absicht. Ein kleiner Tupfer dort wo das Herz sitzt, vielleicht auch die Seele. Und schon beginnen die Nächte kürzer zu werden weil die Gedanken toben und ich mich hinterfrage. Immer und immer wieder. Listen, die geschrieben werden. Menschen, die einen bestätigen, ohne es zu müssen. Aber man hört nicht hin. Tut es ab als Nettigkeit die es geben muss, sonst würde das Konstrukt Welt zusammenstürzen und verenden.

Tränen der Wut auf meinem Gesicht. Nicht stark genug um das Grau zu zerstören. Stark genug einzudringen. In mich. Mich zu hinterfragen. Mich stumm zu schalten.

Ich wollte nie gemocht werden. Immer nur akzeptiert. Ich wollte nie verletzen. Teste Grenzen, erkenne sie zu oft nicht. Und es schwappt immer wieder die Frage auf „Muss man mich wirklich so hinnehmen wie ich bin, oder bin ich einfach ein schlechter Mensch?“ Erkaufe ich mir Liebe mit Annehmlichkeiten, die ich anderen Menschen zukommen lasse? Bin ich ein Freier meiner Freunde? Was wäre wenn die Freigiebigkeit sein Ende fände? Stünde ich dann alleine da? Und vor allem, wäre es wirklich so schlimm?

Ich kippe die bunten Farben, die strahlenden, weg. Sehe keinen Sinn darin. Nicht im Moment. Es bleiben die Töne die an Wein, Bier, Whisky und an das Vergessen erinnern. Weil vielleicht hatte der Edding Recht…

Ich gehe zu Karstadt. Schreibwarenabteilung. Die Auswahl riesengroß. Weil es in dort selten einen Spiegel gibt, muss die Handykamera herhalten. Ich hole den dicksten Edding heraus, teste ihn, an mir. Mit dicken Lettern in Spiegelschrift ein ‚WER BIST DU ÜBERHAUPT?‘. Auf der Stirn. Das Wort ‚Unmensch‘ schimmert durch.

Ich ignoriere es und lasse den Stift einfach fallen.

Geburtstort

Bayern. Ich zucke mit den Schultern. „Wann fährst du denn mal nach Bayern?“, fragen sie. Nicht viele. Aber sie fragen. Und ich zucke mit den Schultern und eine innere Stimme flüstert „Nie wieder.“. Sie nennen es meine Heimat. Ich nenne es Geburtsort. Nichts wofür man sich schämen sollte, worauf man aber auch auf keinen Fall stolz sein kann. Dinge passieren, Kinder werden geboren und weil es Bayern nunmal gibt, werden auch dort, weil die Menschen sich nunmal fortpflanzen, kleine Babys geboren. Heimat war es nie. Und wenn sie dann weiterfragen, warum denn nicht oder warum ich es denn nicht wüsste, weil man wolle doch sicher mal wieder in die alte Heimat, zucke ich weiter mit den Schultern und sage Dinge wie „Weil ich nichts vermisse.“, „Schon mal ein Bahnticket gekauft von Hamburg nach Bayern?“ oder „Keine Zeit.“

Alles Dinge, die irgendwie, so für sich selbst eine kleine Wahrheit enthalten. Aber der Hauptgrund, wenn ich in mich horche ist, dass ich mich der Konfrontation der „Zurückgebliebenen“ nicht stellen möchte. Sie gucken einen an. Mit diesem Blick der einem sagt, dass sie Großes von einem erwarten. Weil man ist nicht nur vom Land in eine größere Stadt gezogen. Nein. Man hat den Schritt gewagt fast bis an das andere Ende von Deutschland zu ziehen. Und so eine Großstadt, die pulsiert doch und man erlebt ständig verrückte Sachen und trifft seltsame Menschen und ist auf Hinterhofpartys eingeladen die darin enden, dass man splitterfasernackt in der Elbe schwimmen geht und dabei der Sonne beim Aufgehen zusieht. Man trinkt nur noch Starbuckskaffee und isst Gerichte deren Namen man nicht aussprechen kann. Das Leben, wird erwartet, wird so viel aufregender sein als am Land. Da wo man geboren ist. Weil die Großstadt… Da trifft man doch dauernd Künstler und vielleicht wird man selber Künstler und eröffnet einen eigenen Laden in dem man seine mundgeschnitzten Briefbeschwerer verkauft. Oder man geht ständig ins Theater. Weil Großstadt eben…

Und wenn sie einen dann angucken und Geschichten erwarten, dann kann man nur erzählen, dass man südlich der Elbe wohnt. Und nein, man kann da nicht auf die Elbe gucken. Man fährt ins Büro, geht danach Wolle kaufen. Und nein, im Büro kann man auch nicht auf die Elbe gucken. Aber der Kiez… ja der ist da. Manchmal versumpft man dort. Zusammen mit den Touristen. Guckt sie an, wie sie aufgeregt und verschämt an den Damen am Hans-Albers-Platz vorbeilaufen und kichern. Aber selten. Weil man doch nur ein kurzes Wochenende hat. Und es ist noch so viel zu erledigen. Und man setzt sich nicht stundenlang an die Landungsbrücken. Kann man auch gar nicht. Weil da sind die Touristen. Und man will nicht aussehen wie ein Tourist. Und eigentlich will man die Touristen schubsen, weil die so langsam sind und so langsam gehen und gucken und immer eigentlich gar nicht wissen wo sie gerade hinwollen.

Und dann kann ich nichts erzählen, außer, dass ich plötzlich gerne Dinge mache wie sticken. Und häkeln. Und nen Freund, ja den hab ich auch. Und den Kater, immer noch. Aber sonst. Ja nix. Und sie wirken so betroffen. Sind enttäuscht, weil wozu denn dann in die große Stadt ziehen, wenn man nicht mehr macht als zuvor und eigentlich das selbe macht.

Weil ich es kann. Weil ich dort in diesem Bayern immer das Gefühl hatte ich müsste erleben. So viel erleben, dass mir der Kopf platzt wegen den Bildern und den Farben und den Tonnen an Erfahrungen. Und jetzt wo ich hier bin. Hier, wo man erleben könnte, wenn man doch nur wollen würde, dann will ich nicht. Es reicht zu wissen, dass ich könnte. Es reicht das Gefühl rausgehen zu können und schon wär es da. Das Erleben. Man müsste nur danach greifen. Aber ich entscheide mich frei dazu, dass ich es nicht möchte. In Bayern, ja da war es anders. Da wurde ich gezwungen nichts zu erleben. Wie aufregend es war, wenn wir biertrinkend an der Tankstelle saßen. Es reichte mir, uns. Für diesen Moment. Manchmal vermisst man diese Momente. Aber jetzt. Da hat man genug Bandbreite, eine eigene Couch, versorgt sich selbst und will nicht mehr raus, weil man es nicht kann, sondern will nicht raus, weil man nicht möchte.

Bayern? Frage ich mich. Was soll ich da denn? Außer Leberkäse essen und eine Stunde auf den nächsten Bus warten?! Da rege ich mich doch lieber mit nem Franzbrötchen in der Hand darüber auf, dass ich jetzt wirklich 4 Minuten auf die nächste Bahn warten muss.

Eines Tages, Baby, werden wir tot sein

„Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein, und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“

Eines Tages, Baby, da werden wir richtig alt sein. Nicht dieses ich-bin-jetzt-30-und-habe-immer-noch-kein-Haus-keinen-Baum-kein-Baby-und-keine-Ahnung-vom-Leben-alt, sondern richtig verdammt alt. So alt, dass wir keine eigenen Zähne mehr tragen. Künstliches Gebiss können wir uns nicht leisten. So alt, dass wir nicht mehr unterscheiden können ob das unter uns eine Sitzheizung ist, oder doch der eigene Urin, der wärmend zwischen der Poritze hin und her schwappt, während wir unseren Raucherhusten der Kifferlungen versuchen zu unterdrücken. Wir werden so verdammt alt sein, dass wir uns keine Gedanken darüber machen ob wir Geschichten erzählen können, weil wir aus allem eine Geschichte machen werden. Jeder Tag wird eine Geschichte, jede Scheibe Brot eine Geschichte und damals, da schmeckte das Brot noch nach Brot und wir mussten es nicht vorher in 2 Liter Sagrotan einweichen, weil die Pestizide der Nahrungsmittel uns sonst von innen auffressen. Wenn wir uns denn Brot leisten können. Denn wir werden so alt sein, so unglaublich alt sein, dass wir gar nicht mehr wissen wie es ist nicht alt zu sein. Wir werden warten und hoffen und nicht sterben und kein Geld haben. Aber hatten wir das denn je? Wir werden die Leberschmerzen wegtrinken wie wir uns damals unsere Kreativität angetrunken haben. Wir werden einsam sein weil die jungen Menschen Partys wie Konfetti werfen und dabei vergessen wie es wohl sein wird alt zu sein.

Eines Tages, Baby, da werden wir richtig alt sein. Wir werden Flaschen sammeln oder versuchen unsere letzte Internetwährung bei ebay zu verhökern. Doch alles was wir finden sind die alten youporn-Links. Wir waren doch so frei. Wir konnten doch alles tun. Wir konnten Länder bereisen und uns besaufen an den Menschen und dem Leben und wir haben es aufgefressen dieses Leben. So lange haben wir daran gesaugt bis nur noch eine Hülle übrig war. Lustlos lag es dann da wie eine Weißwursthaut an einem Frühschoppensonntag.

Eines Tages, Baby, da werden wir richtig alt sein. So alt, dass uns egal ist ob wir was zu erzählen haben, weil es da weh tut und hier auch und wir am besten einfach überall da hindeuten wo es nicht weh tut. Mutlos lassen wir den Finger in den Schoß fallen. Denn es tut überall weh. Wir haben Sport betrieben und uns gesund ernährt. Wir haben geyogat und gejoggt und gezumbat und getanzt in die Nächte voller grüner Wolken. Gekotzt in Gärten, in die der anderen. Die, die wir nie sein wollten weil wir doch leben und lebendig sind und „Lebe doch verdammt nochmal jeden Tag als wärs dein letzter, auch wenn am Ende nicht doch ein Herzinfarkt auf dich wartet.“

Eines Tages, Baby, da werden wir uns daran erinnern wie egoistisch wir waren. Wie geil wir waren auf diesen Style, dieses mehr-sein. Wir werden allein sein und keinem sagen können, dass er uns etwas bedeutet. Wir werden alt sein und hoffen, dass wir bald tot sind. Uns wird es egal sein, dass wir keine Geschichten zu erzählen haben, denn eigentlich, ja eigentlich, wollen wir doch nur endlich tot sein.  Denn Baby, eines Tages werden wir so alt sein, dass die fehlenden Geschichten unser kleinstes Problem sein wird. Denn frag sie doch, Baby, die Alten. Die richtig Alten. Die, die durch die Fußgängerzone laufen und Plastikflaschen aus stinkenden Mülleimern sammeln. Frag sie doch einfach mal, ob sie dir eine nette kleine Geschichte erzählen wollen. Von den lila Wolken. Oder dem Dopamin. Frag sie.

Denn Baby, eines Tages, da werden wir genau so alt sein. Wir werden in ihre Fußstapfen treten und einen Fick drauf geben, ob wir jemals wirklich gelebt haben. Weil plötzlich das Leben mehr ist als eine Ausschüttung von Glücksgefühlen.