Großstadt > Dorf

Aktuell ein sehr wichtiges Thema in meinem Leben und auch sehr zukunftsweisend in besonderer Hinsicht ist das Thema Großstadt vs. Dorf/Landleben. Der werte Freund hatte sich vor zig Jahren in jugendlichem Leichtsinn gedacht „Hamburg… da sind die so viele coole Bands und Hip Hop-Menschen her, da muss ich hin..“, oder so. Und total awesome, dass er hier hergezogen ist, sonst hätten wir uns nie kennengelernt und LOVE und so bullshit. Aber nun ist der Tag gekommen, an dem wir vor einem Scheideweg stehen und man gucken muss wohin denn die fuckin Reise nunmal geht.

Ich komme vom Land. So richtig hart vom Land. Ich bin eins der wenigen Landeier, das keinen eigenen Führerschein ihr eigen nennen kann weil das Geld ist viel besser in Nietengürtel und Konzerte investiert, als in so nen dummen Lappen, der einem erlaubt ein motorisiertes Gefährt von Punkt A nach Punkt B (der zig Kilometer weit weg ist) zu dingsen. Also kenne ich die Abhängigkeit von Anderen, diesen verzehrenden Wunsch auszubrechen und die Stunden des Wartens auf den nächsten Bus, wenn denn überhaupt einer fuhr, weil es ist Wochenende und scheinbar wollen Dorfies nur unter der Woche in die nächstgrößere Stadt um dort zu arbeiten, weil was sollten sie denn sonst dort tun, sie haben es doch so schön hier mit Feuerwehr und der netten Kapelle und überhaupt, zur Kirche kann man auch zu Fuß laufen, wenn man sich nur dolle anstrengt.

Nach vielen Jahren der Dorf-Knechtschaft, zog ich nun nach Hamburg. Besser gesagt nach Harburg, was für die echten Hamburger nicht mehr dazu gehört, weil ist ja südlich der Elbe (FUCK OFF!!!!). Wenn wir Freunde in Niedersachsen besuchen, gibts immer das Freudenfäustchen, wenn wir wieder nach Hause fahren und das Schild sagt „Yo digga, biste wieder in Hamburg.“ Weil ich das hier mag. Und nun die Gründe, die gegen „eigenes Haus“, „eigener Garten“, „mehr Platz“ und den ganzen anderen Kram spricht, der rausgeholt wird, wenn es darum geht, dass man doch aufs Land ziehen sollte, weil viel schöner.

  1. Menschen

Wir haben hier Menschen. So viele, dass wir sie in Häusern in kleinen Wohnungen übereinanderstapeln müssen. Aber das ist OK. Denn wir sind uns egal. Erst nachdem wir einen Wasserschaden in unserer Wohnung bemerkten, der offensichtlich bis zu den Nachbarn ging, merkten diese vorsichtig an, dass es ganz nett wäre, wenn wir nicht um 3 Uhr Morgens unsere Wäsche waschen würden, weil das laut sei. Die wären nicht im Leben auf den Gedanken gekommen uns zu nerven. Weil man es als Großstädter nunmal einfach hinnimmt, dass 99% der Menschen, die einen umgeben, Arschkrampen sind. Und so ist es nicht nur mit Nachbarn. Auch die Leute, die mir in der Bahn gegenübersitzen und lautstark meinen ihren Jahresvorrat an Karotten wegzusnacken. Die seh ich nie wieder. Mit denen muss ich mich auseinandersetzen, weil sie irgendwann in den Weiten des Großstadtuniversums verschwinden und nichts bleiben als eine lästige Erinnerung. Auf dem Land ist es was Anderes. Man kennt sich. Und wenn man sich nicht kennt, dann wird trotzdem gesprochen. Übereinander. Das ist die welche und haste gesehen wie sie am Samstag noch um 12 Uhr Mittags mit der Schlafanzughose vor dem Haus rumgelaufen ist?! Ungekämmt!!! Man ist sich nicht egal. Zwar ignoriert man sich, wenn man sich trifft, oder man grüßt sich, wenn man Wochenends spazieren geht, weil es sonst nichts gibt, was man tun kann, außer seiner Familie auf den Sack zu gehen oder heimlich im Partykeller den Wodkavorrat leerzusaufen. Aber man spricht übereinander. Man hat Meinungen. Und die Meinungen, die gehen nicht weg, weil man eben nicht nach einer Station aussteigt und dann in die nächste Bahn steigt. Man hängt fest in seinem kleinen verfickten Scheiß-Universum und hat nunmal nicht anderes als sich und mit sich will man sich nicht beschäftigen als beschäftigt man sich dem was einen umgibt und das sind die Nachbarn, die den Rasen nicht mähen und das Unkraut nicht rupfen und viel zu laut sind oder zu leise, sonderbar einfach, weil nicht so wie man selbst.

2. Essen

In einer Idealvorstellung von Landleben hat man seinen eigenen Garten mit Kräutern und Gemüse und alles ist so schön und geil und man liegt masturbierend (wenn die Hecken hoch genug sind) zwischen den drallen Beeten und freut sich schon über die Instagramfotos die man posten kann von #healthyliving und #selfwattauchimmer. Aber ich will mir nicht mühselig mein Gemüse aus der Erde rupfen. Ich will es in kleinen Schälchen, nett portioniert vor die Tür geliefert bekommen, fertigt gegart mit einer unmenschlichen Portion Reis dazu und weil man sich mal was gönnt auch ne Flasche Wein oben drauf. Ich will die Auswahl haben. Asiatisch, indisch, italienisch oder doch einfach nur ein pampiger Burger? Wenn man Glück hat, dann hat man einen Liefertypen aufm Land. Der ist völlig überfordert und so eine Lieferung die dauert, weil er seine zig Kilometer zurücklegen muss. Vielleicht sind die Pizzen bei ihm geiler, weil keine Massenproduktion, aber wen interessiert das, wenn er nach einer Stunde vor Hunger den Kitt aus den Fenstern gefressen hat? Ich will Sushi und indisch. Ich will den Dönermann um die Ecke und um die Ecke und um die Ecke und verdammte Scheiße ich weiß gar nicht wo ich Döner essen will, wenn ich aus dem Haus gehe weil ich allein 3 Dönerläden in nächster Nähe habe. Und wenn ich ganz verrückt bin dann geh ich raus und geh in Burgerläden mit dem geilen Scheiß. Nicht die Mc King-Scheiße. Mit geilen Brötchen und auch die Currywurst am Kiez ist besser als alles was ich mir selber in meinen eigenen vier Wänden zusammenbrutzle. Ich kann essen wo ich will, wann ich will, was ich will. Ich muss nur meinen Geldbeutel zücken und vielleicht ein paar Meter laufen. Wenn überhaupt.

3. Veranstaltungen

Ich nehme an kaum welchen von diesen hippen Dingen teil. Diesen ganzen Stadtteilfesten auf denen man sich gegenseitig beschissen im Weg rumsteht, während einem die Soße von irgendeinem leckeren neuen veganen fancy Irgendwas aufs Shirt tropft. Doch ich weiß, dass es sie gibt. Und allein das Wissen darüber beruhigt. Kein Schützenfest, auf dem Jugendliche betrunken hinter die Pommesbude kotzen, sondern die guten Sachen. Früher waren solchen Feste ein Zwang weil man wollte raus und Alkohol. Jetzt braucht man das nicht mehr, weil das Angebot so groß ist, dass man sich nicht mehr schlecht fühlen muss, wenn man stattdessen die bequeme Jogger anzieht und sich einfach auf dem Sofa verkriecht. Man hat endlich mal keinen Zwang an irgendwas teilzunehmen. Man kann, aber man entscheidet selbst, dass man nicht will.

4. Kiosk

Supermärkte auf dem Land sind weit weg und man muss mit dem Auto hin und man muss immer alles auf dem Zettel haben was man braucht und was man will, weil nochmal raus ist voll anstrengend. Hier habe ich allein drei Kiosk in erreichbarer Nähe. Sie warten auf mich. Die netten Menschen da drin die mir Kippen und mein Bier verkaufen. Ich kann da rein, ungewaschen und völlig neben der Spur, weil es egal ist, denn nach mir kommen die Berufsalkis, die sehen um Welten schlimmer aus als ich. Im Supermarkt sehe ich nur die Nachbar. Die, die nett grüßen, wenn sie am Haus vorbeilaufen und dann sich das Maul darüber zerreissen, wenn die Haare fettig aussahen oder die Hose dreckig war. Wenn man oft genug einen bestimmten Kiosk besucht, dann grüßt einen der Besitzer schon von Weitem. Er nennt einen vielleicht sogar beim Namen und fragt einem wie es einem geht. Ist verwirrt, wenn man eine Weile nicht gekommen ist, macht sich vielleicht sogar Sorgen. Der Supermarkttante ist es egal, wenn man nicht kommt.

5. S- und U-Bahn

Ich kenne die Erfahrung, dass man mit dem Bus versucht auf dem Land ein Ziel zu erreichen. Nicht nur, dass die Busse nur alle heiligen Zeiten fahren und man, wenn man so einen Bus verpasst gerne mal eine Stunde warten darf. Wenn sie denn fahren, dann fahren die da gesamte Gebiet ab… alles… jeden Misthaufen… jeden verfickten Misthaufen. Hier in Hamburg bin ich schon überfordert, wenn eine Bahn länger als 5 Minuten auf sich warten lässt. Was fange ich nur an mit dieser Zeit????? Noch schnell eine rauchen gehen? Panisch hin- und herlaufen und mit den Händen fuchteln? Wenn man auf dem Land wo hinfährt, dann ist alles Minimum 40 Minuten entfernt. In Hamburg 20 Minuten. Immer. Egal wo man ist, egal wohin man will. Und ich mag den Geruch. Ich mag es, dass mir eine freundliche Stimme sagt, was die nächste Haltestelle ist. Auf dem Land sitzt du in so nem Bus und hast keine verfickte Ahnung wo du dich befindest und wann du rausmusst. Du musst den netten Busfahrer in seinem 80er-Jahre-Bus fragen ob er so nett ist dir mitzuteilen, wann du dein Ziel erreicht hast, denn du würdest es verpassen.

6. Wohnen

Wir leben hier in einer ziemlich übertriebenen Wohnung in Hamburg für zwei Personen. Man stelle sich vor dass diese Wohnung gedacht war als WG für drei Personen. Nun hat jeder, weil wir es verfickt nochmal können, jeder sein eigenes Zimmer und ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer und eine Küche in der noch ein Tisch für 4 Personen Platz hat und awesome!!! Wenn mir meine Nachbarn ab irgendeinem Punkt ganz derbe auf den Sack gehen würde z. B. der komische Spast, der meint rechte Parolen von sich geben zu müssen, während er volltrunken auf der Straße torkelt, dann suche ich nach einer neuen Wohnung, sage „Fick dich Gegend!“ und verpiss mich. Weil ich es kann. Weil ich keine Verantwortung habe. Wenn ich jedoch ein Haus kaufe und nebenan wohnt einer, der gerne mal tagelang die „Best of Landser“ auf hyperlaut spielt, dann bin ich am Arsch. Denn das Haus wurde gekauft, finanziert, vielleicht sogar hart renoviert… Fuck! Und man kriegt den Idioten ja nicht weg. Also muss man sich arrangieren. Aber das möchte man nicht. Ich würde sagen… kacke. Wenn ich hier wohne, dann muss ich das nicht. Ich kann, weil ich es will. Wenn da ein Haus ist, dann muss ich da leben. Und wenn es sich herausstellt, dass die gesamten Menschen in dem näheren Umkreis absolute Vollidioten sind, dann muss ich damit klarkommen.

Das sind die ersten Punkte die mir einfallen. Und klar sehe ich nur das Negative. Weil ich eine Abneigung gegen dieses „Land“ habe. Und natürlich könnte auch alles total geil sein, weil alles Menschen um einen rum voll nett und super und awesome aber eigentlich mag ich das so wie es jetzt ist. Genau so! ABER Liebe versetzt Berge und ich bin ja wohl kein Berg… und ich kriege ein Fahrrad! Freudenfäustchen!

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