Nacktes Geheimnis

[19.09.2010]

Ich musste mich nie den prüfenden Augen deiner Freunde aussetzen. Wenn man es genau betrachtet hatte es fast den Eindruck, dass du keine Freunde hast. Doch viele Dinge gab es auch, die dagegen sprechen. Wenn du bei mir warst, in unserer Welt die sich aus meinen vier Wänden zusammensetzte, sprachst du nicht viel über dich und noch weniger über mögliche Freundschaften. Doch ab und zu erhieltst du Anrufe. Oft schnapptest du dir kurz darauf deine Klamotten, das Kondom noch auf deinem Schwanz und warst plötzlich weg. Wir wurden nie gemeinsam eingeladen zu Spieleabende mit gemeinschaftlichem Kochen. Ich wurde nie in eins eurer Stammkneipen gezerrt um mich den bohrenden Fragen deiner besten Freundin auszusetzen.

Ich glaube ich war dein kleines schmutziges Geheimnis. Und lange Zeit störte es mich nicht. Erst jetzt wo du mir wieder die Zeit zum Nachdenken lässt, fällt es mir auf. Und es missfällt mir. Weil ich kein nacktes Geheimnis für dich sein wollte. Ich wollte dein Herz so sehr erweichen, sodass es mir gehörte. Doch das schaffte ich nie. Ich war dein Ort um deinen Trieben freien Lauf zu lassen. Und du wusstest, dass du immer gehen konntest. Weil ich dir nie das Gefühl gab, dass es mir mehr bedeutete. Du machtest mir vor, dass ich etwas Besonderes sei. Und ich machte dir vor, dass es mich nicht interessieren würde. So sind wir quitt. Du und ich.

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Vernunft

[17.09.2010]

„Scheiß auf die Vernunft!!!!!“, schriest du. Du brülltest es mir in mein betäubtes Gesicht. Glasige Augen starrten dich an. Meine glasigen Augen. Besoffen vom Gras.  Gelassen drehtest du den zweiten Joint. Meine Finger bohrten sich in meine Socken. Selbstgestrickte, von meiner Großmutter.

Sie ist schon lange tot. Kann mich nicht an sie erinnern. Ein bisschen an ihren Geruch. Zigarettenqualm vermischt mit Kohlsuppe und diesen gammeligen Kirschlikörpralinen. Sie hatten schon immer einen leichten Grauschleier, wenn sie sich diese Kleinode in den fast zahnlosen Mund schob. Hustenanfälle. Die Lungen verklebt mit Teer und Kondensat. Immer wieder erzählte sie mir, wie schick sie sich doch früher fühlte, wenn sie in einer Bar saß, mit ihrem schönsten Kleid, und eine Zigarette rauchte, während ihr alle Herren im Etablissement den Hof machten. Sie übertrieb. Ich wusste es. Doch schön war sie. Damals. Alles verdorrt. Irgendwann. So geht es uns allen. Heute seien die Mädchen, dir rauchend an Bushaltestellen stehen, nur ordinär. Sie würde spucken wie Männer und sich manchmal sogar so anziehen. Meine Großmutter verstand die Welt schon lange vor der Zeit nicht mehr, in der sie von ihr nicht mehr verstanden wurde.

Mit einem spitzen Schrei wecktest du mich aus meinem bekifften Traum von meiner von Würmern und Totengräberkäfern zersetzten Oma in ihrem Mahagonisarg. Du begannst zu singen. Töne, die mehr einer Kreissäge ähnelten, krochen aus deinem Mund. Keine Melodie, doch für dich machte es Sinn. Plötzlich hieltest du inne. Packtest mich mit deinen beiden Händen an den Füßen, an denen ich immer noch verträumt pulte und sahst mir tief in die Augen. Voller Ernst blicktest du mich an. Und die folgenden Worte werde ich wohl nie vergessen. „Die Vernunft, sie wird uns noch alle töten. Es ist wahr, dass wir alle sterben werden. Daran führt kein Weg vorbei. Doch könnten wir unsterblich werden, ließen wir die Vernunft fallen und würden uns nur dem hingeben was wir wirklich wollen.“

Zu diesem Zeitpunkt machten deine Worte für mich keinen Sinn. Als du dich vier Monate danach auf die Gleise gelegt hattest, wusste ich, was du damit meintest. Du hattest all die Vernunft, dein wertfreies Leben voranzutreiben, obwohl du wusstest, dass es nur aus Sackgassen besteht, fallen gelassen. Hast dich fallen gelassen. Und ich fiel mit dir. Doch ich fiel in ein tiefes Loch. Aus Schmerzen, die sich bis ins Mark bohren und einen nachts nicht schlafen und tagsüber nicht leben lassen. Zumindest nicht so leben, wie es verlangt wird. Ich ließ die Vernunft fallen in dem Moment in dem ich dir die Tür öffnete. Die Scherben davon bewahre ich jedoch immer noch auf. Denn man weiß nie, wozu man sie vielleicht noch brauchen könnte.


Körperschau

27.09.2010

Ich bin nicht schön. Ich habe keine glatte Haut die im Sonnenlicht schimmert, sodass man sie nur zaghaft berühren will, weil man Sorge hat, dass man etwas zerstört. Kein langes glänzendes Haar. Keine strammen Schenkel und ellenlange Beine. Nichts an mir ist straff und Dellen zieren meinen traurigen Körper.

Wenn ich mit dir Sex hatte, wenn du mich von hinten tief und fest genommen hast, die Brüste, die nicht stramm am Körper lagen sondern sich hysterisch im Rhythmus deiner Stöße bewegten, dann war mir das egal. Ich verlor keinen Gedanken darüber, ob ich in diesem Moment einen flachen Bauch habe oder ob mein Hintern aus dieser Perspektive noch dicker erscheint. Ich dachte gar nichts. Ich fühlte mich plötzlich wohl in meinem Körper und wollte ihn dir zeigen. Leicht bekleidet durch die Wohnung laufen, deine Blicke hafteten an mir. Ich fühlte mich so begehrt wie nie in meinem Leben. In Unterwäsche das Geschirr spülen und alles an mir fühlte sich nach Sex an, wenn du bei mir warst. Du musstest mir nicht sagen wie geil du mich findest. Jeder feuchte Kuss in meinem Schritt bewies es mir. Immer und immer wieder.

Sobald du dich wieder zurückgezogen hattest in dein eigenes Leben, nahmst du auch dieses Gefühl mit. Die Tür hinter dir zugezogen und ich wurde wieder zu dem unansehnlichen Klumpen Menschenfleisch, das sein Sexappeal nur geborgt hat.

Gemeinsamkeit

[25.09.2010]

Manchmal, nachdem wir miteinander geschlafen hatten, lagen wir noch stundenlang nebeneinander. Ohne einzuschlafen, ohne jede Berührung, ohne jedes Wort. Oft hielten wir minutenlang die Luft an, nur um uns in der absoluten Stille zu verlieren. Ich genoss sie, die Stille. Das Gefühl absolut allein zu sein. Ich brauchte sie nicht, deine Nähe. Ich brauchte keine tiefen Blicke in meine Augen um zu wissen, dass du mich vergötterst. Du hast es mir schon damit bewiesen, weil du nach dem Sex nicht aufgesprungen bist, um mir mit Klopapier das Sperma vom Bauch zu wischen. Weil du meine pure Anwesenheit ertrugst, sie vielleicht genießen konntest, auf deine eigene Art, die nur du verstehen konntest.

Wir liefen nie händchenhaltend durch die Stadt. Wir gingen nicht am Wochenende in der Fußgängerzone dieser Stadt kichernd und scherzend einkaufen um allen zu beweißen, wie glücklich wir doch sind. Denn glücklich waren wir nicht. Nicht im klassischen Sinne. Wir feierten keine Jahrestage. Weil wir wussten, dass unsere Zeit begrenzt ist und warum sollten wir diese auch noch durchnumerieren, wie verstaubte Akten im Leben eines Beamtenhirns.

Manchmal saßen wir gemeinsam vor meinem Laptop. Nackt. Sahen uns dabei Pornovideos an. Ich wollte kichern. Doch die Ernsthaftigkeit, mit der du dem Treiben zusehen konntest, hielt mich zurück.

Ich weiß gar nicht, ob wir uns wirklich liebten. Weißt du es? Kannst du es mir heute sagen ob du mich damals geliebt hast? War es das? Liebe? Oder hattest du nur, wie ich, Angst davor, alleine zu sein. Als masturbierender Einsiedler vor dich dahin zu vegetieren, ohne Aussicht auf Erlösung. War ich deine kurze Erlösung?

Körper

[22.07.2010]

Vielleicht sollte ich mich weniger an den ersten Sex zwischen uns erinnern. Erinnerst du dich noch an unseren ersten Sex? Kannst du dich noch daran erinnern, dass ich währenddessen geweint habe?

Ich hatte Sex mit Männern. Wenn ich ehrlich bin, mit sehr vielen Männern. Mit den unterschiedlichsten Sorten von Männern. Weil ich der Ansicht war, dass man doch alles einmal ausprobieren müsste. Weil das doch verlangt wird. Von diesem Leben. Das man mit offenem Kopf durch die Welt läuft und alle Möglichkeiten die einem geboten werden auskostet. So war es auch mit den Drogen. Und den Frauen in meinem Leben. Alles habe ich ausprobiert. Genossen habe ich es nie. Weil es wie eine Pflichtübung war. Weil ich dachte ich sei es mir selbst schuldig. Weil ich erwartete, dass irgendwann der Moment kommt, an dem ich die Erleuchtung erlange. Während dem Sex. Oder dem Drogenrausch. Oder bei beidem.

Auf Koks ficken ist purer Egoismus. Du siehst niemanden außer dir. Auf Koks ficken vor einem Spiegel, ist pure Masturbation. Du treibst es mit dir ganz allein. Du bist derjenige, der dich zum Schwitzen bringt, zum Schreien und Spucken. Der andere, der, der meist unter dir liegt und dich gierig anblickt, den siehst du nicht. Spürst du vielleicht, aber eigentlich geht es nur um dich. Deinen Fick. Das Koks macht dir keine Flügel. Das Koks macht dich zu Gott. Deinem eigenen kleinen Gott der die Macht hat dich zu zerstören. Eine Line auf der Brust eines 21jährigen Models. Die Reste weggeleckt. Gierig weil das Gefühl Gott zu sein zu groß ist, um es zu vergeuden.

Unser erster Sex war anders. Er war keine Pflichtübung. Es waren keine Drogen im Spiel. Und doch empfand ich mehr als die tausend Male zuvor. Deswegen die Tränen. Weil ich das Gefühl hatte, dass ich mit jedem deiner Stöße der Erleuchtung ein kleines Stück näher zu kommen. Immer tiefer hast du mich hineingepresst in die von dir gewählte Form. Und es fühlte sich richtig an.

Meine Tränen hast du weggeleckt. Und bist dann gegangen. Einfach so. Ohne jedes Wort.

Noch stundenlang lag ich weinend in meinem Bett. Und fühlte mich freier wie nie zuvor.

Kannst du dich erinnern?

Der Anfang

[19.07.2010]

Woher du plötzlich kamst, weiß ich nicht mehr. Du warst einfach da. Ich könnte es mit etwas vergleichen, mit einem ersten grauen Haar oder der zugelaufenen Katze, die man irgendwann beginnt zu füttern und dann nicht mehr los wird. Aber all das ist so negativ behaftet. Und ich möchte dein plötzliches Erscheinen nicht mit etwas Negativem verschlechtern. Weil das hast du nicht verdient, dass du der reudige Kater in meiner Geschichte bist. Doch genau so war es. Wir hatten nie ein Date. Wir haben uns nie zum Kaffee trinken getroffen um uns besser kennenzulernen. Du warst plötzlich da, standst in meiner Wohnung als hättest du nie nicht dort gestanden. Wie eins der Möbelstücke hast du dich angepasst. Meinem Leben. Und doch ist es, als wärst du ein Eindringling. Ich bin zerrissen. Weiß nicht, ob ich dich nicht einfach vor die Straße stellen soll wie den Sessel den ich eigentlich geliebt hatte, weil er mich an meinen Großvater erinnert hat. Doch er fiel beinah auseinander und als erwachsener, klar denkender Mensch wirft man nunmal Dinge weg und lernt sich von Sachen zu trennen.

„Deine Augen, sie sind wie Eiswasser. Du könntest mit diesen Augen töten. Glaub mir das mein Schatz. Du wirst mit diesen Augen noch töten. Wahrscheinlich werde ich es sein und du wirst nichts dagegen tun können.“

Genau das sagstest du zu mir, als du in der Wohnung standest. Im Wohnzimmer. Auf dem Teppich, den mir meine Eltern vor gefühlten hundert Jahren zum Auszug schenkten mit den Worten „So ein Teppich, der macht es doch gleich viel wohnlicher, meinst du nicht auch!?“ Es war das erste und letzte Mal, dass sie in meiner Wohnung waren. Scheinbar reichte die Wohnlichkeit nicht aus.

„Töten wirst du mich. Und sterben werde ich in den Armen einer anderen Frau. Vielleicht wirst du mich gerade deswegen töten. Zieh dich aus. Lass uns den Teppich beschmutzen. Mit meinem Schweiß, deinem Schweiß, meinem Sperma und deinem Saft. Aber bitte töte mich noch nicht jetzt. Wenn die Zeit reif ist, dann wirst du es erfahren. Doch noch nicht heute. Vielleicht morgen. Ich werde es dir sagen. Und du wirst mich töten. Mit deinen Augen die an Eiswasser erinnern.“

Genau das sagtest du. Zogst dich aus und lagst nackt und erwartungsvoll auf dem Teppich meiner Eltern. Maltest die Muster mit deinem Zeigefinger nach und starrtest durch mich hindurch. In diesem Moment hattest du mich getötet. Für andere Menschen getötet. Für dich allein sollte ich leben. Für alle anderen wurde ich zu einer menschlichen Hülle. Dies war der Anfang.

„Diebstahl“ oder „Ein Anfang“

Es gab Zeiten, da hatte ich ein anderes Blog. Es sollte schmalzig werden. Vernichtend für mich, weil ich Gefühle zeigte, die ich hatte. In mir. Diese Zwischenmenschgefühle. Aber es sollte keiner erfahren. Nun wird aus diesem kopiert. Es sind wenige Einträge. Aber es gibt sie. Und wenn ich fertig bin wird das alte Blog sterben. Denn diese Welt ist mir eine fremde geworden.  [Und doch kenne ich das Gefühl nur zu gut.]

Teil 1 [Zweitblogkopie 16.07.2010]

Männer. Noch nie mein Fall. Menschen allgemein. Zu sehr menschlich, zu laut, zu fordernd. Besonders wenn es um Gefühle geht. Will man nicht teilen. Oftmals nicht mal mit dem Menschen, den man vermeintlich liebt. All die Gefühle fest verschnürt auf den Rücken gepackt. Alles meins. Nur nichts preisgeben. In undurchsichtige Plastikfolie gewickelt um auch wirklich sicher zu sein.

Auch ich trug mein Päckchen. Vor der Brust um sicher zu gehen, dass mir keiner ein Loch in die schwarz glänzende Plastikhaut ritzt. Und dann kamst du. Sahst mir in die Augen, noch viel tiefer hinein, reflektiertest dich an meiner Schädeldecke und verschlangst mich. Mit nur einem einzigen Blick. Deine Augen, so dunkel und undurchdringbar, durchbohrten mich. Und als ich wieder bei Sinnen war und einen Kontrollgriff wagte, nach dem Paket vor meiner Brust, fühlte es sich leerer an. Du hast einen Teil gestohlen. Nervös packte ich jedes Gefühl einzeln aus um herauszufinden, welches den nun fehlt. Doch zu lange hatte ich sie versteckt. Vor mir selbst. Und keine Liste dabei, um das Inventar angemessen zu prüfen. Und so lief ich dir hinterher. Um mein Gefühl zurück zu bekommen. Denn kalt fühlt es sich plötzlich an. Vor der Brust. Dies schreibe ich dir. Damit du dich vielleicht erbarmst. Der Wärme wegen. Und mir zurück gibst, was ich vermisse. Mein Gefühl.