Holzinternet

Es ist so weit. Ein Gastbeitrag in meinem kleinen Blog-Universum. Christian Kammschott ist selber kein Besitzer eines Blogs aber voller Gedanken, die er auf Papier bringt. Und jetzt der Sprung ins Digitale. Denn so ein bisschen ist er ein Teil dieser Welt, die er beschreibt.

„Früher war alles besser, da war das Internet noch aus Holz“, sagte er und wusste nicht was es in meinem Gehirn auslöste.

Früher. Früher… FRÜHHHHEEEEER.

Wann genau setzt denn beim Internet dieses Damals an?

Ich erinnere mich noch ziemlich genau daran, wie ich zum Ende des Monats immer wieder die Rechnung der Telekom fürchtete. Meine Eltern wünschten mich sicherlich 1x pro Monat gen Hölle.

Zuerst wurden aus einem Zettel im Umschlag, zwei DinA-4 Bögen, dann drei und schließlich vier. Flatrates gab es noch nicht und so bezahlte man fröhlich pro Minute ca. zehn Pfennig. Das war schon günstig. Es war ein komisches Gefühl, wie ein kleines 14,4er Baud-Modem Papierberge am Ende eines Monats bescheren konnte, die statt mit der Post von einer Spedition geliefert werden mussten.

Damals. Ja als ich dann dieses tolle, schnelle Modem bekam. Ich lud meine erste Mp3 über Napster runter. 3,6kb/s war der Shit. Wir waren die Cowboys und bauten die ersten html-Seiten mit schrillen midi-Hintergrundsounds. Keine hochaufgelösten Hd-Videos, die einem Deo, Kaugummis oder Versicherungen verkaufen wollen. Animierte, ruckelnde GIFs mussten ausreichen.

Das schrille Einwahlgeräusch des Modems, was man irgendwann kaum noch aushielt, es quälend lange dauerte, bis sich die erste Seite lud.
Jeder heutige Beatboxer wäre heute neidisch auf die Fähigkeit, sich nur mit dem Mund beim Provider einwählen zu können und wer von den ganzen „Internet-Hipstern“ hat jemals eine andere Suchmaschine benutzt? Nicht um alternativ zu sein, sondern, weil es eine Zeit gab, in der Google schlichtweg noch nicht existierte. Damals begann die Recherche nach dem analogen Lexikon bei Fireball, Lycos und Altavista.

Die digitale Revolution klopfte an die Tür: ISDN. Das schnellste Internet das es jemals gab. Wir rasten mit 7kb durchs Netz. Ein Upgrade, ein Boost. Wir fingen an im Internet gegeneinander Spiele zu spielen, wie wir sie bisher nur auf Netzwerkparties zocken konnten. Counterstrike Beta, Quake, Unreal Tournament, Diablo. Die Mails bekamen Anhänge, die GIFs wurden durch JPGs ersetzt. Das Internet bekam Farbe. Messenger tauchten auf, Chats wurden beliebter, das Internet wuchs und bekam ein Gesicht. Flatrates! Es war unfassbar. Auf einmal tauchte ein neues Tarifmodell auf: Surfen soviel man wollte, zu einem festen Preis. Kein Haken. Das war so. Sonntags sogar mit Kanalbündelung und 14kb/s. Da saugte man MP3s, und traute sich sogar an mpeg-VCDs ran. 350 MB für einen Film. Die Qualität? Ging gerade so.

Es gab kein Twitter. Es gab kein Facebook.
MySpace war angesagt. Jeder hatte ein Profil. Foren und Communities um beinahe jedes Themengebiet entstanden und man fing an sich mit wildfremden Menschen auszutauschen. Mit den ersten Mikros und Webcams. Man konnte sehen und hören, gut, mehr ging nicht, da die Leitung damit absolut dicht war, aber das war damals auch nicht nötig.

Damals.
Als Apple noch den Slogan „Think different!“ führte und sich über IBM in ihren Werbespots als Freiheitskämpfer empor hob. Als der erste iMac noch müde belächelt wurde und als Spielzeug abgetan wurde.
Als man noch nicht mit Apple-Produkten behangen bei Starbucks und Co. rumhängen musste um „dazu gehören“ zu dürfen.

Als man noch umsonst SMS unbegrenzt aus dem Internet an Mannesmann und ViagInterkom senden konnte. Als SPAM noch, ohne automatische Filterung, händisch zu bewältigen war.

Heute wird man „Digital Native“ genannt, weil man ein Photoalbum bei Facebook hat, oder 1000 Follower bei Twitter. Man kennt gleich das ganze Internet, nur weil man ein Apfel auf dem Deckel seines Notebooks hat und sich treffen, heißt in dieser neuen Szene nun „networken“. Man tauscht sich nun aus, nicht über sinnvolle Sachen, sondern, wie man die belanglosesten Seiten im Netz noch weiter in DER Suchmaschine nach oben schieben kann. Das heißt dann SEO, was nichts anderes ist als sich mit Tricks und Beschiss, einen höheren Platz in den Suchergebnissen zu erschleichen.

Damals. Als man noch technisches Verständnis mitbringen musste, um sich im Internet zurecht zu finden und ein Facebook- und Twitter-Passwort nicht ausreichte, um die Welt zu verändern. Als man bei AOL noch Stichwörter eingab, weil dieser Anbieter sein eigenes Netz versuchte zu etablieren. Damals, als man jeden auslachte, der „Sie haben Post.“ aus seinen Stereoboxen, links und rechts neben dem farbkargen, flimmernden 15“ Highscreen-Monitor hörte.

Als Anwälte noch die Finger vom Internet ließen, da sie das Baumhausprinzip beachteten. Keine Ahnung hatten, nicht alleine rein kamen und deshalb keine Regeln machten. Als das Internet noch frei war und nicht mit aller Gewalt versucht wurde, künstliche Landesgrenzen in die virtuelle Freiheit zu prügeln.

Damals. War früher denn alles besser?
Klar. Es hatte irgendwie mehr Charakter und es war noch etwas Besonderes „online“ sein zu dürfen. Aber es war auch langsamer, oft brach die Verbindung ab und so richtig wusste keiner was damit anzufangen. Es war ein spielerisches Luxusgut. Man wurde müde belächelt, wenn man andauernd online war und heute?
Es hat sich gedreht. Sei online, sonst wird gelacht. Das Internet hat laufen gelernt. Zentraler Dreh- und Angelpunkt für viele Menschen.
Es wird gearbeitet, gespielt, geredet, gewartet. Alles im Internet.

Danke. Danke, dass ich in dieser Zeit leben kann. Dass ich miterleben kann, wie es sich entwickelt. Dieses Baby namens „Internet“.

© Christian Kammschott