grown-up

Dann bist du erwachsen. Einfach so. Es ist passiert. Ein bisschen hast du es herbeigesehnt. Die Freiheiten, die man plötzlich nicht nur auskostete, wenn der Mann an der Kasse keine Ahnung hatte, dass man so machen Dinge nicht an Minderjährige verkauft. Sie waren einfach da, lagen vor einem und man hat sie genossen, so sehr. Jeder Schnaps in der Kehle der Undurstigen sondern der Verklemmten, ein Genuss. Jeder Zug an der Zigarette ein „Fuck yeah, du kannst mir gar nichts mehr.“ Ein jedes Tattoo ein „Mir doch egal ob ich dieses dumme Ambigramm irgewann verfluchen und mir vom Bein reissen möchte mit den bloßen Zähnen. Jetzt bin ich cool und voller Emotion und Hate ist nun mal Love, nur auf dem Kopf, bitch.“ Die erste Wahl ein Fest. Aufgeregt reihte man sich am Sonntag ein, zwischen all diesen erwachsenen Menschen. Man wählte dumm, hatte sich zwar die Programme durchgelesen aber CSU das macht jeder und du bist anders. Nicht Nazi-anders aber auch nicht links. Deine Kreuze hatten keinen Wert und anstrengend war es, weswegen du seitdem die Briefwahl vorziehst, weil du dich dann darauf konzentrieren kannst und dann doch wieder nur die wählst, die keinen Doppelnamen haben. Du willst plötzlich arbeiten, Geld verdienen und nicht mehr abhängig sein von Behörden oder Eltern. Und du lernst einen Beruf den du nicht ausübst, machst andere Dinge und verdienst gerade eben so viel, dass wenn du sparen würdest, du dir einen kleinen netten Urlaub in Griechenland leisten könntest. Dir wird mehr Geld versprochen, du erhältst mehr Geld und der Arbeitgeber tut so, als wäre es ein großer Schritt für dich und auch für sie bis zu dem Zeitpunkt an dem du erfährst das andere, die nicht fünf Jahre in der Firma sind, schon zu Beginn fast so viel verdienen wie du jetzt. Du hast das Gefühl endlich alles machen zu können was du willst. Rausgehen und erleben und so lange wach sein wie du willst, doch eigentlich willst du plötzlich nur noch schlafen und gar nicht mehr wach sein, denn das bedeutet du müsstest Dinge tun und dann streitest du dich mit dem Freund darüber wer die Spülmaschine ausräumt und gibt es nicht Wichtigeres?  Und irgendwann kriegen sie alle Kinder und bauen oder kaufen Häuser und du trauerst immer noch deiner Katze hinterher, die du einschläfern lassen musstest. Sogar die Jungen, die dich umgeben, haben mehr Ahnung vom Erwachsensein. Sie haben Versicherungen deren Namen du nur vom Hören-Sagen kennst und legen ihr Geld an. Du freust dich, wenn du eine halbe Schachtel Zigaretten findest, die du versoffen in einer Handtasche vergessen hast. Du hast den Absprung verpasst und bist gefangen in dem „Für immer 21“ und wenn du krank bist, so richtig mit Husten und stechender Brust, dann weißt du, wie es sein wird wenn du alt bist. Noch älter als jetzt. Man sagt dir, dass man dir dein Alter nicht anmerkt und du schämst dich. Weil du dich damals, als du es dir vorgestellt hast, reif warst und nicht nur altklug. Die Frage nach dem Ausweis beim Zigarettenkauf, immer noch kein Kompliment, wird es nie sein. Denn es erinnert dich nur daran, dass du nicht so bist, wie man es von dir erwartet. Und du möchtest doch eigentlich nur endlich das Erwachsen genießen, wie du es dir vorgestellt hattest. Doch es macht keinen Spaß.  Arbeiten, putzen, einkaufen, Wäsche waschen, regelmäßig zum Frauenarzt gehen. Erwachsen bin ich. Bist du. Mit dem Ausweiß. Doch der Rest… verlorenes Irgendwas.

Zu verkaufen

Viele fragen mich, wie es denn so sei, wenn man denn nun ein Buch veröffentlicht hätte und das Neue schon vor der Tür steht? Na gut. Eigentlich fragt einen keiner. Also wirklich niemand. Man hört nur Dinge wie „Ich lese dein Buch momentan in der Bahn.“ oder „Voll gut um Wartezeiten beim Arzt zu überbrücken.“ oder „Ey, das Bier war echt OK.“ Wenn man keinen Namen in der Literaturwelt hat oder großen Fame durch Blog, Twitter, Videos bei diesem komischen Fotoding mit dem Geist, dann passiert nämlich rein gar nichts. Man kauft selber einige Expemplare des Buches, kann sich nicht richtig freuen, weil der Stress der letzten Monate einen gefühlsmäßig ausgehungert haben und macht weiter das, was man semi-gut kann. Arbeiten. Ganz normal. Mit Büro und Kunden und Kartoffelsalat mit Würstchen, weil der Kollege Geburtstag hatte. Man ist weder steinreich, weil man die Tantiemen spendet, noch wird man eingeladen zu lustigen Partys oder angefragt für tolle Interviews, bei denen man erzählt, dass man bei vielen Geschichten erstmal eine halbe Dose Bier trinken musste, um auch nur ansatzweise eine Idee ins Gehirn gekotzt zu bekommen. Das Einzige was sich geändert hat ist, dass man mich mit meinem echten Namen nun bei amazon findet. Und ich bei einem Verlag als Autor gelistet werde. Aber ansonsten… nichts.

Nun die Frage ob das so soll, ob man Erwartungen haben sollte. Oder ob man einfach nur mit dem Buch im Wohnzimmer sitzen und sich darüber freuen sollte, dass man etwas geschaffen hat, was für die Ewigkeit ist. So ein bisschen zumindest.

Ich sitze in meiner Küche. Keine neuen Texte oder wundervolle Ideen, die mir aus den Fingern schießen. Die absolute Leere, bei der nicht mal ein ganzer Kasten Bier helfen würde. Das ist dann also die nüchterne Erkenntnis, dass man vielleicht doch kein Schreiberling ist, sondern Bürokraft, die ein bisschen Glück hatte mal auf die richtigen Tasten auf der Tastatur zu hauen.

Und weil ich nunmal noch einige von meinen Büchern hier liegen habe, die raus in die Welt und gelesen werden wollen gibt es hier den Deal des Lebens. Jeder der ein Buch mit Widmung, oder auch ohne, möchte, möge mir einen E-Mail schreiben. Das Schätzchen kostet 19,90 und weil ich so unglaublich gut drauf bin, geht das Porto auf mich. Ohne Bier, weil das Porto sonst mein Erspartes auffrisst.

Wer will? Du? Ja? Mail an brbrlala@gmail.com und schon gehts los.

Autor… was hab ich mir dabei nur gedacht.

10 gute Vorsätze

Weihnachten ist überstanden. Haben sich endlich wieder alle vertragen, auch das letzte ungeliebte Geschenk wurde eingetauscht und die neu angefressenen Speckröllchen grinsen einen jetzt jeden Morgen an. 2015 sagt Tschö und 2016 klopft an die Tür. Der perfekte Zeitpunkt für verdammt gute Vorsätze. Weil 2016, das wissen wir ja wohl alle, wird so viel anders als das Jahr davor. Und davor und das davor… ach… Blödsinn. Bevor man sich also mit dummen Vorsätzen fürs neue Jahr abquält, die man sowieso nach drei Wochen wieder abschreibt, könnte man sich doch einfach mal vornehmen netter zu sein. Zu sich. Und den Menschen in seinem Umfeld. Und vielleicht auch zur Natur. Ich habe da mal ein paar gute Vorsätze für 2016 gesammelt, die so überhaupt nicht schwer sind.

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  1. Rolltreppenregeln kennen und korrekt umsetzen. Links gehen, rechts stehen. Voll gar nicht schwer. Ich weiß, dass man gerade auf Rolltreppen gerne mal superwichtige Dinge mit seiner BFF ausdiskutieren muss. Aber hey, so eine Fahrt mit der Rolltreppe dauert unter einer Minute… es mag verrückt klingen, aber oben angekommen, ist das Thema immer noch topaktuell. Wirklich!
  2. Thema Rolltreppe ist DAS Thema 2016. Ich sag euch das. Es soll ja Menschen geben, die nach so einer netten Fahrt mit einer Rolltreppe ihren Weg fortsetzen wollen. Wenn du dann da oben wie so ein Depp stehen bleibst, um erstmal die Atmosphäre der dich neu umgebenden Gegend aufnehmen zu müssen, nervt da. Und nicht nur den Menschen direkt hinter dir. Sondern den dahinter und den da dahinter. Schatz, geh nen Schritt zur Seite. Auch dort sind die Eindrücke, die da plötzlich auf dich einpoltern, genauso umwerfend und bestaunenswert. Wirklich.
  3. Breitbeinig in der Bahn sitzen. Ich kann leider nicht aus Erfahrung sprechen, weil mir ein Penis und die dazugehörigen Hoden fehlen, aber ja, ich kann mir vorstellen, dass dieses Gebaumel da zwischen den Beinen auch echt mal ein bisschen Freiraum braucht. Und vielleicht sind die Sitze so einer Bahn auch dumm konzipiert, dass die solche Bedürfnisse wegen mangelnder Breite nicht abdecken. Aber es wäre richtig nett, wenn man sich neben dich setzt und seinen Hintern nicht ganz dolle anspannen muss, weil man versucht es sich auf einem halben Sitz bequem zu machen. Wäre voll nett.
  4. Ja, auch ich sitze in der Bahn mal auf der Gangseite, obwohl am Fensterplatz noch was frei ist. Weil ich dann meist ein Paket oder eine monströse Tüte mit mir herumschleppe, die einfach nicht auf meinen Schoß passt. Aber du… der du da so dusselig dämlich meinst, nur weil du früher aus dem Bahngefängnis entfliehen kannst, wenn du wie angetackert auf dem Platz im Gang sitzt… du nervst. Rutsch doch einfach mal rüber. Ist auch viel schöner. Kann man rausgucken. Kriegt nicht die Rucksäcke der Gangsteher in die Fresse. Nur Vorteile so ein Platz am Fenster.
  5. Böden in der Bahn sind dreckig. Ich weiß. Und so ne Tasche, die trägt man überall hin und dann klebt die vielleicht auf der Unterseite oder riecht komisch. Aber der liebe Herr Miele erfand ein Gerät zum Lösen solcher Probleme. Wenn also die Bahn wieder mal supervoll ist und du meinst nur ein Rucksack auf dem Rücken ist ein guter Rucksack, stell dich einfach mal bei dir zu Hause in den Flur und hau dir rhythmisch dieses Ding gegen den Arm oder, weil es soll kleine Menschen geben, ins Gesicht. Fühlt sich ungeil an? Tja. Dann ab mit dem Teil.
  6. An der Kasse auch einfach mal jemanden vorlassen. Tut nicht weh und man wird es kaum glauben, meistens sagen die Leute dann auch noch Danke und freuen sich und dann kann man sich mitfreuen. Super Sache. Wenn du also einen Großeinkauf machst und hinter dir eine Mensch mit einer Dose Suppe steht und sonst nichts, einfach mal nett fragen ob er denn nicht vor möchte.
  7. Plastiktüten weglassen. Man kennt sie die spontanen Großeinkäufe. Da will man nur eine Packung Nudeln kaufen und am Schluss hat man einen Einkaufswagen voller Produkte, die alle im Angebot waren und total wichtig sind. Auch wenn es ein Hipsterkleidungsstück ist. Schon Mutti wusste, dass so ein Jutebeutel total praktisch ist. Kann man sogar immer dabei haben. Und die Umwelt so „Fuck yeah!“
  8. Einfach mal die Fresse halten. Meinungen sind gut und wichtig und jeder darf eine haben. Nur muss die nicht jeder wissen. Man kann auch mal Geheimnisse haben. Nicht alles was man tut, will kommentiert werden. Jeder Satz der mit einem „Also ich würde ja…“ beginnt und mit „… aber ist ja deine Entscheidung.“ ist ein Satz den man sich schenken kann. Gleiches gilt für „Ich habe nichts gegen XXX aber…“ Schweigen. Stilles, beruhigendes Schweigen. Kann Wunder wirken. Und vielleicht wirkst du dann nicht wie ein Vollpfosten.
  9. Dem Obdachlosenzeitungsverkäufer auch einfach mal eine Zeitung abkaufen und ihm dabei sogar ins Gesicht sehen. Die freuen sich nämlich. Gut… manche sabbeln ein bisschen viel aber hey… der Mensch freut sich und du hast was zum Lesen.
  10. Etwas Nettes tun. Für Andere und auch für dich. Immer mal wieder. Jemandem helfen, ungebeten. Dabei nicht aufdrängen. Oft reicht ein „Soll ich helfen?“ Lehnt derjenige ab, musste nichts machen aber der andere weiß „Ey. Der ist voll nett.“ Und sei auch nett zu dir. Gönn dir Schlaf. Und auch mal einen Eimer Eis. Weil du es kannst. Gönn dir. Dein Körper ist dein Tempel und manchmal muss in so einem Tempel auch mal mit Kohlehydraten eine Party gefeiert werden.

Wem noch weitere umsetzbare Vorsätze einfallen, tob dich aus. Es kann so einfach sein 2016 zu einem Jahr zu machen das euch und eurem Umfeld gut tut. In diesem Sinne, habt euch lieb, liebt euch hart und innig, lächelt ab und zu und gönnt euch auch mal ein Bier.

wenn Liebe nicht reicht

„Manchmal reicht die Liebe nicht.“, sage ich. Halte mich an einem Bier fest oder der Zigarette. Hauptsache beschäftigen und die Stimme ruhig halten, um nicht anfangen zu weinen. Wie vor einigen Tagen mit zu viel Wein und zu viel Hysterie im Kopf und im Herzen und vielleicht auch im Bauch.

Wir highfiven. Haben den Trend „Trennungsjahr“ sicher umschifft. Uns gefeiert, die fünf Jahre mit einem Essen und sich schick machen und dabei albern vorkommen. Der Moment gerade verdient aber kein Highfive. Sondern nur eine Klatsche. Ins Gesicht. Stimmen von Fremden, die dir flüstern, dass du doch glücklich bist und man doch das Kind nicht mit dem Bade ausschüttet und wie klug sie doch alle sind. Ich sage dir, dass ich nur möchte, dass du glücklich bist. Irgendwann. Und dir was fehlen wird. Irgendwann mehr als im Jetzt. Und du sagst, dass wir das dann schon sehen werden. Du jetzt glücklich bist, wir glücklich sind. Doch denkt vielleicht auch jemand mal an mich? Daran, dass es für mich noch schwerer wird, wenn wir Jahr um Jahr kaputt Diskutiertes vor uns herschieben wie den nötigen Frühjahrsputz. Ich dann vielleicht noch mehr zerbrechen könnte, als jetzt schon? Ich deine Augen sehe, dich erlebe wenn dich das umgibt was du gerne hättest, was ich dir aber nicht geben kann, weil … es gibt so viele Argumente, die dagegen sprechen.

„Wir müssen reden.“ Wir reden, schweifen ab, lachen, weichen dem Thema aus. Da liegt es. Das Thema. Auf dem Tisch. Ich stupse es an, es quiekt. Dieses Thema, die dumme Sau. Es könnte doch alles so schön sein.

Plötzlich wird wieder gut geschlafen. Auf der linken Seite des Bettes. Ich tauche ein und den traumlosen Dunst aus körperlicher Müdigkeit. Mehr geht nicht. Kein erholsam in dem Wort Schlaf zu finden. Manchmal reicht Liebe allein nicht aus. „All you need is love!“ ist für Teenager, die ein ganzes Leben vor den Füßen haben. Erwachsene haben ein „Mein Haus, meine Yacht, mein Auto…“ Sogar wenn es um die Liebe geht.

Rote Tücher

Wenn die Welt rot sieht, dann ist es meistens nur die Sonne, die untergeht. Wenn ich rot sehe, ist dort ein Tuch. Es wedelt hektisch vor meiner Nase, reizt mich. Du bist es. Wedelst mit diesem Tuch. In deiner Welt steht es für Liebe. Ich spüre nur die Wut. Du verstehst mich nicht. Meine Ausraster. Meine emotionalen Eskapaden. Ich explodiere. Von Innen nach Aussen mit Wut und Zorn. Eskalation in allem. In kleinen Dosen kenne ich es nicht. Die Welt hört mich zu oft  schweigen. Zu abgestumpft bin ich. Doch dieses rote Tuch, ich fauche es an, ziehe mich daran hoch, steigere mich und knalle Türen. Möchte Porzellan zerschlagen und manchmal auch dich. Du holst irgendwann die weiße Fahne heraus. Sie ist rosa. Mit zu viel Liebe durchsetzt und ich fauche. Weil ich nicht gelernt habe anders damit umzugehen. Verständnis zu zeigen für die Gefühle anderer. Wenn meine Gefühle für mich nichts zählen, wieso sollten es dann die deinen? Schlagend und tretend weine ich. In mich hinein. Selten Tränen, die mein Gesicht zieren und mir den Charme einer gebrochenen Darstellerin einer mittelschlechten Liebeskomödie geben. Zu sehr Fratze, zu wenig Mensch. Ich zücke das Feuerzeug. Zünde das Tuch in deiner Hand an. Du verbrennst dich. Immer wieder. An mir, an meinen Flammen die aus den Augen bersten. Und alles was ich erhalte ist Liebe. Immer wieder. Verdient. Wer weiß. Doch nun sind die Tücher fort. Und ich kann aufatmen. Bis zur nächsten großen Wäsche.

A wie Anfang

Ich plante. Ein Buch. Noch bevor das Erste nur ansatzweise fertig war für Druck und Verkauf und Fame. Von Worten sollte es handeln. Von A bis Z. Doch Kurzgeschichten sind tot. Sagt man. Wenn man sie nicht vorträgt auf einer Bühne und es Poetryslam nennt. Der Plan ist weg. Die Texte noch da. Und hier einer. Der Anfang.

„Im Anfang war das Wort.“ Diese Bibelstelle wiederholt sie, wie ein Mantra, wenn sie mit ihren Freunden und einem seeligen Lächeln auf den Lippen am Jungfernstieg steht. Jeden Tag steht sie dort. Es ist wichtig das Wort zu verkünden. Sie soll retten. Die Anderen und auch sich selbst.

Als Ingrid frisch nach Hamburg gezogen war, hatte sie genaugenommen keine Meinung zum Thema Religion. Sie vertrat die Ansicht, dass ein jeder an das glauben sollte, was ihn glücklich macht. Ob ein Mann auf einer weißen Wolke oder ein dreiköpfiges Känguru das zu 90er-Jahre-Songs mit ungesalzenen Erdnüssen jonglieren konnte, war ihr ziemlich egal. Ihre Eltern waren nie religiös aber auch keine militanten Atheisten. Es war einfach nie zum Thema gemacht worden.

Ihren Start der neuen Stadt hatte sie sich leichter vorgestellt. Vorgewarnt war sie, denn die Hanseaten sind nicht allzu bekannt für ihre Herzlichkeit. Aber sie dachte, bei einer solch hohen Menschendichte, wäre es unglaublich simpel neue Bekanntschaften zu schließen. Nach drei Monaten erfolgloser Versuche voller unbeholfener Unterhaltungen und einsamen Weinorgien in ihrer kleinen Wohnung, war sie verzweifelt.

Verloren trottete sie die Mönckebergstraße in Richtung Alster. Am Jungferstieg sah sie dann eine Gruppe von Menschen. Sie wirkten so entspannt, hielten Schilder oder ein Magazin in ihren Händen. Dieses Magazin wurde von ihnen wohl verteilt aber nicht so wie andere Flyerverteiler, die ihre Zettel aufdringlich in die Gesichter der Passanten hielten. Ihre Kleidung ein bisschen bieder, aber sie strahlten eine solche Ruhe und Gelassenheit aus, sie wurde auf magische Weise in ihren Bann gezogen. Aus sicherer Entfernung beobachtete sie die Gruppe. Die meisten Menschen ignorierten sie. Und wurden sie doch beachtet waren die Reaktionen niemals positiv. Das machte sie traurig. Nach einigen Wochen in denen sie immer mal wieder bei der Gruppe vorbeisah, sie aber nie ansprach, nahm sie all ihren Mut zusammen und ging auf einen von ihnen zu. Sven hieß er. Er lud sie ein. Einfach so. Schon beim ersten Treffen, trotz der Gebete, fühlte sie sich wohl. Menschen die sie mit einem Lächeln berührten. Einfach so.

Einige Monate später hatte sie sich einen Freundeskreis aufgebaut. Sie war aktiv in ihrer Gemeinschaft und sie lernte viel Neues. Als sie zum ersten Mal dabei sein durfte, beim Missionieren am Jungfernstieg, war sie unglaublich stolz. Man vertraute ihr.

Jeden Tag der Woche steht sie nun hier. „Im Anfang war das Wort.“ Dieses Mantra half ihr, wenn sie Zweifel in sich aufkeimen spürte. Oder wenn die Blicke der Fremden zu bohrend wurden. Manchmal schaute sie neidisch hinter den Gruppen kichernder, junger Frauen hinterher, mit ihren Einkaufstüten und den To-Go-Bechern in der Hand. Doch sie wusste sie musste dankbar sein. Sie hatte endlich Anschluss gefunden und dazu noch eine Aufgabe, eine Mission.

Von weitem sah sie eine junge Frau. Verloren sah sie aus. Ingrid hatte sie schon öfter gesehen. Sie erinnerte sie ein bisschen an sich selbst. Zwischen all dem Trubel, dieser leere Blick. Diese kalte Einsamkeit, die sie umgab. Es dauerte einige Tage bis sie auf Ingrid zukam. Ingrid lächelte sie an, lud sie ein.

„Im Anfang war das Wort.“

5 Jahre

Es sind genau 5 Jahre. Heute vor 5 Jahren schlief ich die erste Nacht in dieser Wohnung, in der ich noch heute bin. Als Einzige der Startbesetzung. Ich erinnere mich. An die Fahrt hier her. Der Kater im Katzenkorb, wie er mir hysterisch ein Loch in die Hose gerissen hatte, weil er den Katzenkorb beschissen fand. Das Schleppen der Habseligkeiten in ein neues Umfeld. Ich glaube wir hatten an diesem Abend bei Joeys Pizza bestellt. Es war ein großer Schritt. Es klingt so albern. Weil es doch nur ein stumpfer Umzug von Bayern nach Hamburg war. Für mich war es seit Langem etwas, was ich tat, weil ICH es wollte. Weil ich nicht mehr das Gefühl hatte, mich kümmern zu müssen. Das dieses Gefühl schnell verfliegt, wenn man von der Polizei in Bayern angerufen wird, weil der Vater sich aus dem Krankenhaus geschlichen hatte, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. An diesem Tag gab es noch keinen Vater der Blut kotzt. Nur einen Vater. Irgendwie. Und genau der Moment kam. Die Erinnerung daran, dass dies der kalte Moment war, an dem ich ihn zuletzt lebendig gesehen hatte. Als nächstes stand ich vor seinem Grab. Gefühlt schon mehr als 5 Jahre weit weg. Dieser Moment. Und doch heute so greifbar, dass ich ihn verarbeite wie er es getan hätte. Der Apfel, der Stamm. Eine neverending story. Und so viel passiert in diesen 5 Jahren. Der Kater tot. Die Wohnung nun keine Rumpelkammer mehr mit gelb verrauchten Wänden. Es wohnt hier nun ein Mann und keine zwei Mitbewohnerinnen. Denn eine macht die Sache mit der Familie, die Andere… keine Ahnung und die ganz Andere, die ist in Australien und macht dort kluge Dinge. Ich möchte mich freuen. Über diesen Tag. Weil hier so viel Gutes passiert ist. Seit ich hier bin habe ich so viel gewonnen. Ich habe diesen Mann. Ich habe  bald ein Buch. Ich habe… fast-Wunschgewicht… ich habe… ich bin… ich fühle… ich bin frei von Verantwortung meinen Eltern gegenüber. Und so bin ich zerrissen. Ein Yeah und ein Menno im Herzen. 5 Jahre. Ist was passiert? Ich bin passiert. Ich bin geworden. Und jetzt bin ich. Nicht nur ein lebendes Etwas sondern eins, dass versucht seine Träume zu verwirklichen. Vielleicht, so stumpf und abwegig es klingt, Autor. Ein bisschen zumindest. Liebe. Die von der guten Sorte. Der Kater. Er fehlt mir. Ich verzeihe ihm das mit der Hose. Wenn er nur wieder käme.

Vor 5 Jahren hat sich alles verändert. 5 Jahre sind eine lange Zeit. Und doch fühlt es sich manchmal an wie ein einziger Atemzug.