Liebe dich selbst, denn sonst tut es doch sowieso keiner

Derzeit wird mehr denn je über Selbstliebe debattiert. Darüber, ob es übertrieben ist, sich immer total knorke zu finden und auch darüber, dass es voll OK ist sich awesome zu finden und das mit Hängetitten und Orangenhaut. Es wird über Medien gesprochen, darüber welches Bild einem als Kind von sich selbst und seinem zukünftigen ICH in den Kopf gepflanzt wird und außerdem das Dauer-Mantra runtergebetet, dass bei Instagram alles gar nicht so real ist wie es scheint.

Die erste Frage, die mir bei der ganzen Debatte sofort in den Kopf schießt ist die, ob ich als eigenständig denkender Mensch das Recht verwirkt habe, mit mir und meinem Aussehen absolut unzufrieden zu sein. Worin besteht der Unterschied zwischen dem was mir die Werbeplakate aufzwängen wollen und dem was mir nun die ganzen anderen Medien ins Gehirn scheißen? Die Einen sagen „Du genügst nicht du fettes Stück Scheiße, wie aus du siehst, wie rum du läufst.“. Die Anderen im Gegenzug säuseln mir ins Ohr, dass ich mich doch nicht so anstellen soll und es voll OK ist mit einem absolut beschissenen BMI in Hotpants rumzulaufen, denn du hast dich trotz Cellulite verfickt nochmal gut zu fühlen.

Dadurch erschließt sich mir aber nun eine Folgefrage. Ich für mich selbst habe beschlossen, dass ich mich scheiße finden darf. Ich darf in den Spiegel gucken oder an meinen Oberschenkeln rumdrücken und schluchzend jede Tüte Chips verfluchen und meine Gene sowieso. Nun aber die Frage zu diesem Schluchzen. Finde ich das nun nur hässlich, weil es mir von den Medien so suggeriert wurde, oder hätte ich es auch ohne die Bitches der H&M-Plakate so empfunden?

Ich kann mich daran erinnern, dass ich mich als Teenager immer zu dick fand. Ich war es nicht. Ich hatte den Pubertätsbabyspeck um die Hüften, der sich erstmal verteilen musste. Meine Reaktion auf dieses Unwohlgefühl in meinem Körper war, dass ich auch im Hochsommer mit langen Pullis durch die Gegend gelaufen bin. Ich habe geschwitzt und bin fast gestorben. Noch heute praktiziere ich solch Dummheiten. Geht mir mir an einen Strand. Wenn ihr einen guten Tag erlebt, dann kremple ich meine Hosenbeine hoch. Aber auch wirklich nur an einem sehr, sehr, sehr guten Tag.

Aber zurück zu der Frage woher dieser Selbsthass kommt. Die Erziehung konnte es nicht sein. Meine Mutter sagte mir nie ich sei zu dick und ich war für sie immer das wunderhübscheste Mädchen auf dem Planeten (neben meiner Schwester). Aber woher kommt das eventuell verschobene Selbstbild? Waren es die Filme und Serien oder auch die Kataloge, die regelmäßig von mir durchforstet wurden? Meine Mutter war sehr dick, weswegen sie bei Versandhandel wie Schwab, Quelle und wie sie nicht alle heißen am liebsten ihre XXL-Schlüpper bestellte. Diese Schlüpper konnte man nur in speziellen Katalogen für Fette bestellen. Sie sahen auch meist echt scheiße aus. Die Zelte für Babys hatten hässliche kleine Blumenmuster und sahen nicht gerade so aus als könnten sie bei egal wem Lust erwecken. Geiler waren noch die Miederhosen, die sie sich bestellte um ein bisschen Form in ihren weichen Laib zu bekommen. Hautfarbene Monster. Vielleicht ist sie ja hier zu suchen. Die Angst vor hautfarbenen Schlüpfern führt zu Selbsthass zwecks Angst vor „Noch ein Burger und zack wiegste auch über 100 Kilo und musst diese Unterhosen tragen und warum sprichst du so oft von Unterhosen!?!?!“.

Vielleicht ist es auch genau das. Oder ein nie überwundenes Pubertätstrauma, an welches im mich nicht erinnern kann. Ich weiß aber eins. Ich will endlich wissen woher sie kommt, meine Versagensangst was Optik anbelangt.

Einerseits würde ich gerne den fuck-you-all-Lifestyle zelebrieren und bauchfrei mit meinem Hüftspeck shakend durch die City stolzieren. Und jeder Freundin mit der gleichen Figur würde ich dazu raten und sagen „Go Girl, du siehst wunderschön aus.“, außer sie sähe in dem Oberteil scheiße aus, denn das geht dann nicht also so zwecks Farbe und Hautton oder dummer Print oder…. egal. Aber andererseits will ich mich optimieren dürfen ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Und dann will ich mich auch wieder nicht optimieren wollen, weil das Leben ist kurz… ok, nicht mehr so kurz wie damals, aber naja kurz halt und das will ich mir nicht versauen mit Sport und Essen das nach igitt schmeckt. Ich will Pizza und Döner und Eis, Hergott will ich viel Eis.

Doch zum Grundkern des Textes. Was zur Hölle ist kaputt mit uns? Warum wollen wir uns ständig und dauernd gegenseitig sagen was das Beste für uns ist? Warum gönnen wir uns nicht unsere Fehler, unsere schwachen Momente? Warum müssen wir uns ständig toll finden und der Gewinner sein? Warum können wir nicht ab und an einfach Bock dazu haben uns anzugucken und uns so ganz filterlos hässlich zu fühlen? (BTW mag ich bei Snapchat die Tierfilter, denn die machen so ein schmales Kinn!!!)

Ja, ich verstehe die Notwendigkeit ein bestimmtes Bewusstsein zu schafffen.  Und ich weiß auch, dass es die Extreme gibt, die entstehen können. Ich bin aufgewachsen in einer Zeit in der es normal war, dass in einer Klasse mindestens vier Mädchen eine Essstörung hatten. Ich kenne die Probleme beider Seiten. Die derer die zu viel haben und die derer, die meinen noch weniger sei noch besser. Doch es missfällt mir, dass es ein pauschales verteufeln gibt von Menschen, die sich vielleicht einfach nur wohlfühlen wollen und dabei nicht in Extreme fallen. Es soll Leute geben, die finden Sport voll gut. Es soll auch Menschen geben, die auf ihre Ernährung achten, weil sie gesund leben wollen. Ich gehöre nicht dazu aber ich hab davon gehört. Wirklich. Ein Bekannter von nem Freund… Spaß beiseite.

Es soll sich jeder in seinem Körper glücklich fühlen, so wie er es tut. Doch es sollte auch jedem zustehen, sich selbst einfach mal scheiße zu finden. Weil er es kann! Ich für meinen Teil, finde mich schon so ein bisschen eklig, wenn ich im Sommer vor dem Wohnzimmertisch hocke, die Beine in einer NASA-Short angewinkelt und meine Oberschenkel die Optik einer Orange haben. Und das Recht dies an meinem Körper ungeil zu finden, möchte ich mir nicht nehmen lassen. Vielleicht könnt ich mal anfangen am Strand einen Badeanzug unter der Jeans zu tragen. Nur für alle Fälle. Aber wir wollen es auch nicht übertreiben.

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