Betrunkene sind auch nur…

Betrunkene sind seltsam. Es ist unterschiedlich, sie sind unterschiedlich in ihrer Seltsamkeit.

Bei manchen hat man das Gefühl, dass ihnen mit jedem Schluck aus dem Glas ein noch viel größerer Brocken von ihrer Seele purzelt und sie endlich der Vollidiot sein können, der sie nun mal sind, so tief in sich drin. Sie trinken und reden, plappern, werden redselig und bei manchen möchte man sich, wie ein Kind, die Finger tief in die Ohren stecken und Sepultura-Songs brüllen, nur um nicht noch tiefer in deren Innerstes zu gelangen, dass glibberig und so völlig entblößt vor einem liegt und gestreichelt werden will. Sie bewegen sich komisch und beginnen plötzlich zu tanzen, zu Liedern, die sie hassen.

Früher gab es draußen nur Kännchen. Heute gibt es dort die Männer mittleren Alters, die sich zur Feier des Tages die billigsten Zigarillos des Kiosks gegönnt haben. Paffend stehen sie da, mit glänzenden Augen und glotzen damit den Frauen in ihren engen Kleidern auf die Titten und die Ärsche. Vergessen dabei Frau, Haus, Baum, Kind. Vielleicht sehnen sie sich danach jung zu sein, so wie früher, was vergessen ist, denn jetzt ist man Chef oder zumindest irgendein Leiter von einer Abteilung, einer Ressource oder vielleicht auch nur der Blitzableiter von einem anderen, der über ihm steht.

Die Frauen, mit ihren kleinen Fältchen, die sie jeden Morgen aufs Neue verfluchen, kichern albern, wenn sie trinken und die Männer mit den Augen an ihren Ärschen haften. Sie fühlen sich begehrt, ausnahmsweise. Zu Hause gucken sie heimlich Pornos, manche fassen sich dabei sogar an und schämen sich nicht mal dafür. Sie wollen gefickt werden, wie damals, als es OK war, für fünf Minuten in der Dorfdisko auf dem Klo zu verschwinden. Es war nie schön, der Orgasmus so weit weg, wie der Prinz auf dem weißen Ross, aber sie fühlten etwas dabei und wenn es nur die kalten Fließen auf dem Rücken waren.

Junge Dinger hopsen dazwischen hin und her und feiern sich und ihr Leben und Millionen Möglichkeiten, die Tonnen an Zeit, die vor ihnen liegt. Sie sorgen nicht, sie sind einfach nur. Sogar sie fühlen sich von den Sabberblicken der Männer noch ein bisschen schöner. Sie spüren, wie die Alten ihnen die Jugend neiden und machen sich größer als sie jemals sein werden.

So betrunken wie sie sind, jeder für sich ein bisschen anders und doch im Kern gleich. Jeder von ihnen kehrt die größte Sehnsucht heraus, sobald die Promillegrenze erreicht und das Torkeln beginnt. Nähe wollen sie oder Aufmerksamkeit. Vielleicht setzen sie sich auch nur in eine Ecke, bedauern sich öffentlich, ansonsten tun sie dies nur alleine im Wohnzimmer mit der Fernbedienung in der linken und der Knarre in der rechten Hand. Doch bevor man abdrückt, schaltet man lieber weiter und sucht das Elend in tausend Kanälen um sich besser zu fühlen.

Nicht jeder Betrunkene wird akzeptiert. Es gibt feine Nuancen. Nicht jeder ist der perfekte Betrunkene und wird der Flirt bei dem Büromauerblümchen noch als niedlich empfunden, ist es bei der alternden Abteilungsleiterin nur noch peinlich und macht einen betroffen. Der laute junge Kerl aus der Postabteilung, der die Mädchen um sich schart und einen Drink nach dem anderen spendiert, ist der Held des Abends, während der Chef, der seinen Kollegen einen ausgibt, doch einfach nur Sympathiepunkte sammeln will, die dumme Sau.

Nüchtern betrachtet, sind Betrunkene doch auch nur Menschen. Vielleicht mehr, als sie es nüchtern je sein werden.

A wie Anfang

Ich plante. Ein Buch. Noch bevor das Erste nur ansatzweise fertig war für Druck und Verkauf und Fame. Von Worten sollte es handeln. Von A bis Z. Doch Kurzgeschichten sind tot. Sagt man. Wenn man sie nicht vorträgt auf einer Bühne und es Poetryslam nennt. Der Plan ist weg. Die Texte noch da. Und hier einer. Der Anfang.

„Im Anfang war das Wort.“ Diese Bibelstelle wiederholt sie, wie ein Mantra, wenn sie mit ihren Freunden und einem seeligen Lächeln auf den Lippen am Jungfernstieg steht. Jeden Tag steht sie dort. Es ist wichtig das Wort zu verkünden. Sie soll retten. Die Anderen und auch sich selbst.

Als Ingrid frisch nach Hamburg gezogen war, hatte sie genaugenommen keine Meinung zum Thema Religion. Sie vertrat die Ansicht, dass ein jeder an das glauben sollte, was ihn glücklich macht. Ob ein Mann auf einer weißen Wolke oder ein dreiköpfiges Känguru das zu 90er-Jahre-Songs mit ungesalzenen Erdnüssen jonglieren konnte, war ihr ziemlich egal. Ihre Eltern waren nie religiös aber auch keine militanten Atheisten. Es war einfach nie zum Thema gemacht worden.

Ihren Start der neuen Stadt hatte sie sich leichter vorgestellt. Vorgewarnt war sie, denn die Hanseaten sind nicht allzu bekannt für ihre Herzlichkeit. Aber sie dachte, bei einer solch hohen Menschendichte, wäre es unglaublich simpel neue Bekanntschaften zu schließen. Nach drei Monaten erfolgloser Versuche voller unbeholfener Unterhaltungen und einsamen Weinorgien in ihrer kleinen Wohnung, war sie verzweifelt.

Verloren trottete sie die Mönckebergstraße in Richtung Alster. Am Jungferstieg sah sie dann eine Gruppe von Menschen. Sie wirkten so entspannt, hielten Schilder oder ein Magazin in ihren Händen. Dieses Magazin wurde von ihnen wohl verteilt aber nicht so wie andere Flyerverteiler, die ihre Zettel aufdringlich in die Gesichter der Passanten hielten. Ihre Kleidung ein bisschen bieder, aber sie strahlten eine solche Ruhe und Gelassenheit aus, sie wurde auf magische Weise in ihren Bann gezogen. Aus sicherer Entfernung beobachtete sie die Gruppe. Die meisten Menschen ignorierten sie. Und wurden sie doch beachtet waren die Reaktionen niemals positiv. Das machte sie traurig. Nach einigen Wochen in denen sie immer mal wieder bei der Gruppe vorbeisah, sie aber nie ansprach, nahm sie all ihren Mut zusammen und ging auf einen von ihnen zu. Sven hieß er. Er lud sie ein. Einfach so. Schon beim ersten Treffen, trotz der Gebete, fühlte sie sich wohl. Menschen die sie mit einem Lächeln berührten. Einfach so.

Einige Monate später hatte sie sich einen Freundeskreis aufgebaut. Sie war aktiv in ihrer Gemeinschaft und sie lernte viel Neues. Als sie zum ersten Mal dabei sein durfte, beim Missionieren am Jungfernstieg, war sie unglaublich stolz. Man vertraute ihr.

Jeden Tag der Woche steht sie nun hier. „Im Anfang war das Wort.“ Dieses Mantra half ihr, wenn sie Zweifel in sich aufkeimen spürte. Oder wenn die Blicke der Fremden zu bohrend wurden. Manchmal schaute sie neidisch hinter den Gruppen kichernder, junger Frauen hinterher, mit ihren Einkaufstüten und den To-Go-Bechern in der Hand. Doch sie wusste sie musste dankbar sein. Sie hatte endlich Anschluss gefunden und dazu noch eine Aufgabe, eine Mission.

Von weitem sah sie eine junge Frau. Verloren sah sie aus. Ingrid hatte sie schon öfter gesehen. Sie erinnerte sie ein bisschen an sich selbst. Zwischen all dem Trubel, dieser leere Blick. Diese kalte Einsamkeit, die sie umgab. Es dauerte einige Tage bis sie auf Ingrid zukam. Ingrid lächelte sie an, lud sie ein.

„Im Anfang war das Wort.“

DOSENBIER UND DÖNER

Wenn man eine Freundin hat die veröffentlichende Autorin ist, zumindest geht es mir so, ist man stolz. Man selbst schreibt immer mal wieder, Blog, Twitter, Briefe, ein Buch für den Taufpaten des Freundes. Für ein „richtiges“ Buch reicht es meist aber nicht. Denkt man. Und findet das auch gar nicht schlimm. Vielleicht nur in dunklen, rotweinschweren Nächten. Da träumt man sich hinein in eine andere Realität. Da sieht man sich selbst mit wirren Haaren, Berge von Papier um einen herum. Eine Tasse kalter Tee neben dem Laptop. In die Tasse wird später ein kleiner Schluck Rotwein gefüllt. Zufrieden lehnt man sich zurück. Hat man doch gerade weitere Kapitel des neuen Buches fertig gestellt.

Aufgeweckt wird man aus diesen Träumereien vom Piepsen der Spülmaschine. Und so träumt man. Mal mehr, mal weniger.

Und eines Tages piept nicht die Spülmaschine sondern das E-Mail-Postfach. Der Inhalt der Mail 13 Worte und die Aufforderung daraus eine Kurzgeschichte zu schreiben. Und aus dieser Mail, der darauf folgenden Kurzgeschichte, entstand die Idee eines gemeinsamen Buches. Die Geburtsstunde von Dosenbier und Döner. Zusammen mit meiner Freundin Jasmin N. Weidner wird diesen Oktober ein Buch rausgebracht. Juhuuuu!!!
In diesem Buch wird es eine Sammlung von Kurzgeschichten geben. 26 davon haben als Grundlage 13 Worte des jeweils Anderen. Es geht um Menschen. Großstadtmenschen. Deren Leben im großen Ganzen und im Einzelnen. Mal laut, mal leise, manchmal ein bisschen trivial, aber immer anders.
Dieses Buch kann vorbestellt werden. Bei mir. Weil der Brighton Verlag großartig ist, gibt es für diejenigen, die das bei mir tun, ein special Extra oben drauf, exklusiv. Was liegt wohl näher, bei dem Titel des Buches, als … Trommelwirbel… eine Dose Bier. OH MEIN GOTT IST DAS AWESOME!!!!

Und weil wir, vor der Welt, wie sie momentan ist, nicht die Augen verschließen können und auch nicht wollen, haben wir uns überlegt, dass wir mit diesem Buch einen weiteren Beitrag leisten könnten. Die Tantiemen des Buches werden dieses Jahr zu 100% der UNO Flüchtlingshilfe gespendet.

D.h. ein Paket von Dingen die mir sehr am Herzen liegen. Ein Buch, ein Bier, eine gute Tat. Wie das alles funktioniert?

Wenn du gerne eine oder mehrere Ausgaben des Buches inklusive Dosenbier und dem Gefühl etwas Gutes getan zu haben, erwerben möchtest, schreib mir eine Mail an brbrlala[at]gmail.com. In die Mail dann gerne schon deine Adresse und die Anzahl der gewünschten Exemplare. Ich schicke dir dann meine Bankdaten und den zu zahlenden Betrag. Das Buch kostet 19,90 €. Für den Versand gibt’s ne Pauschale von 3,90 €. Leider muss ich auf Vorauskasse bestehen.

Also… nur Vorteile, wenn das Buch bei mir vorbestellt wird. Und im Oktober freuen wir uns gemeinsam über Dosenbier und Döner.

Für die Facebooker… hier so… Link.

Dosenbier

ICH BIN AUTOR!!! FUCK YEAH!!!!

Notizbuchfund 12.03.-13.03.2014 (Fiktion)

Wie große, dicke Vögel sitzen sie in ihren Foodpornmeilen, stopfen sich das rein, was sie sich im McFick ihres Vertrauens wieder abtrainieren. Das tun sie, in der Hoffnung bald jemanden zu finden, mit dem sie gemeinsam dort sitzen, fressen und ohne schlechtes Gewissen fetter werden können.

Auch sie war eine von ihnen. In jeder Mittagspause saß sie im Untergeschoss des Einkaufszentrums, nahm Nahrung aus Pappkartons zu sich und fragte sich ob es denn überhaupt auffallen würde, wenn ihr zwischen all den schmatzenden und kauenden Zombies spontan der Kopf platzen würde. Ihr Gehirn und eine Menge Blut würden sich spritzend über die grauen Gesichter legen.

Vielleicht würden sie kurz aufschrecken, hochsehen, wahllos einen suchenden Blick vergeuden und sich dann wieder den Stäbchen in ihren Pappkartons widmen.

Meistens sitzt sie da alleine. Eine Stunde hatte sie Zeit. In dieser einen Stunde musste sie nicht ihr Bürogesicht aufsetzen das so tut als hätte es Interesse an den Tupperpartystories, Neugeborenenfotos, auf denen immer mindestens ein Nippel zu sehen war, oder den eintönigen Lebensgeschichten ihrer Kollegen. Gesichtslos konnte sie werden. Sich einfügen in die graue Menschenpampe. Sie war eine von diesen Frauen die nicht zu schön waren, bei denen einem nicht der Atem stockte, wenn sie den Raum betrat. Aber sie war auch nicht hässlich. Die Schönheitsfehler, die ihr die Werbeindustrie einredete, konnte sie durch Besonderheiten, die in Komplimenten immer wieder auftauchten, wieder wettmachen. Am Ende war sie optisch gesehen eine Nullbilanz. Ihr Leben Standard. Schule, Studium, ein bisschen kiffen. Knutschen mit der besten Freundin und dies als lesbische Erfahrung abhaken. Männer, mal mehr und mal weniger verliebt, einfaches Elternhaus ohne sichtbare Ecken und Kanten, denn die wurden mit einer dicken Schicht Luftpolsterfolie versteckt.

Job, neue Stadt, IKEA, Fickbeziehungen in denen sie sich verliebte, weil sie das Gefühl des verliebt seins mehr mochte als die des Fickens. Je tiefer sie in den Job rutschte, in diesem jungen und so unglaublich aufstrebenden Unternehmen, desto weniger fiel es ihr auf, dass ihr Lachen klang wie das scheppernde Kichern einer „Ich hab dich lieb, bitte schneide mir nicht die Haare, die wachsen nie mehr nach“-Barbie. Sie wurde immer mehr Roboter. Hörte Musik, weil sie da war. Las Bücher, weil man ihr sagte das „müsse man gelesen haben“, denn „das ist purer Hirnfick mit einer Machete die auf Teilen ist.“. Sie kaufte Kleidung die ihr gefallen musste, weil wenn sie hässlich wären, warum gab es sie dann in 1000 verschiedenen Varianten.

Sie fing an nichts mehr zu fühlen. Zumindest konnte sie sich nicht mehr daran erinnern. Aber wann sollte sie auch Zeit haben für dieses Fühlen, wenn ihr Leben doch so geschäftig war. Meetings, Dates, Shoppen, Planen. Da blieb kein Platz für ein Gefühl.

Eines Abends hatte sie plötzlich Zeit. Einfach so. Ein Termin wurde abgesagt. Meistens hatte sie für solche Fälle immer Alternativen. Und wenn es nur das Umsortieren des Bücherregals war. Es gab doch immer was zu tun. Da saß sie nun. Sie und diese Zeit mit der sie nichts anfangen konnte. Erwartungsvoll glotzte sie die Zeit an. Vielleicht würde ihr jetzt die zündende Idee kommen. Aber es passiertes nichts. Die Zeit hatte Mitleid mit ihr und wollte ihr helfen. Sie waren lange Zeit nie füreinander da gewesen. Sie nahm sie an die Hand und zog sie in die Badewanne. Die Zeit ließ ihr ein Schaumbad ein und reichte ihr zu ihrem Glas Wein eine Rasierklinge. Die Zeit wollte ihr wieder beibringen zu fühlen. Welches Gefühl das sein würde, war der Zeit erstmal egal. Und eins der Gefühle das man sicher bemerkt, auch wenn man schon lange vergessen hat, wie das ist, ist ja wohl der Schmerz. Das wusste die Zeit. Denn sie ist diejenige, die diese Wunden verarztet, die Aufplatzen, wenn der Schmerz zu groß wird.

Sie wusste zu Beginn nicht was sie mit der Rasierklinge anfangen sollte, die ihr die Zeit gereicht hatte. Vielleicht wollte sie sich auch einfach nicht eingestehen worauf das hinauslaufen würde.

Der erste Schnitt in den Oberschenkel war kurz und fühlte sich ein bisschen leer an. Aber als die Schnitte tiefer und länger wurden, sie dem Badewasser dabei zusah wie es sich rot färbte, fing sie plötzlich wieder an mit diesem Fühlen. Zumindest zum Teil. Das Leben leuchtete dadurch nicht bunter und heller. Sie füllte es weiterhin mit Dingen die sie vergessen ließen, dass dort vielleicht doch mehr sein könnte. Sie saß weiterhin jeden Tag bei den dicken Vögeln und stellte sich vor wie ihr Kopf aussehen würde, wenn er genau jetzt platzt.

„Unsere Weiterfahrt verzögert sich aufgrund eines Rettungswageneinsatzes auf unbestimmte Zeit. Schienenersatzverkehr steht Ihnen an den Bushaltestellen zur Verfügung. Wir entschuldigen uns für die Unanehmlichkeiten und danken Ihnen für Ihr Verständnis.“

Die graue Masse, mit der sie sonst vom Fresstempel in die Bürokäfige fuhr, schüttelte im Kollektiv den Kopf. Sicher wieder einer, der sich auf die Gleise gelegt hatte. Sie konnten alle nicht wissen, dass sie das nur gemacht hatte um vielleicht doch ein bisschen mehr zu fühlen. Mehr als in der Badewanne wenn die Zeit ihr die Klinge reichte. Und wenn es nur für einen kurzen Moment die Angst vor dem Tod war.

Der wichtige Wicht

Glatzkopf. Resthaar wegrasiert und alles was übrig blieb sind kurze Haarstoppel die nutzlos an der Kopfhaut kleben. Breite Schultern, Anzug, Lederschuhe mit dünnen Sohlen. Wichtiger Kopf mit wichtigem Handy und wichtigem Koffer mit Rollen unten dran um immer wichtig durch die Welt zu wichteln. Lautstarkes Telefonat mit lederbeschuhtem Fuß an der gegenüberliegenden Sitzbank. Ganz oft die Worte „Geschäftsführer“ und „Schweiz“ fallen lassen, denn dann ist man wichtig. Heute Abend noch eine Halloweenparty auf der man sich nicht verkleidet, denn wichtige Hamburger verkleiden sich nicht. Sogar das Spiel auf dem Handy mit Geräuschen die einem die Nervenbahnen zersägen. Denn man ist wichtig und so kriegt man die Aufmerksamkeit. Immer. Weil man doch so verfickt wichtig ist, so als Wicht.

Jedes Wochenende versucht er seine Frau zu besteigen. Brunftlaute die aus seinem dicken Hals kriechen denn das ist alles was er kann. Laut sein. Zwei Minuten besinnungsloses Gehämmer mit einem halbsteifen Penis. Und eigentlich will er doch einfach nur still sein. Manchmal. Sich klein machen. So klein, dass er wieder hineinpasst in den vertrockneten Uterus seiner Mutter. Aber er hat ihr versprochen was aus sich zu machen. Und nur wenn man laut ist, dann ist man wichtig und man kriegt Geld und dann kommen die Frauen und die Freunde und die Mutter kann stolz Bilder von ihrem Sohn zeigen wie er auf fremden Inseln große Fische in die Kamera hält und laut lacht.

Die ganze Woche war er unterwegs. Ist lachend in Ärsche gekrochen. Ein Lachen das klingt als würde man in eine Regentonne rülpsen. Hände hat er geschüttelt, fühlte sich dabei wichtig wie er diese Hände zerdrückte und das Geld auf seinem Bankkonto leise stöhnen hörte.

Manchmal will er verrückt sein. Vielleicht Frauenkleider anziehen. Oder barfuß durch die Fußgängerzone laufen und auf Trommeln schlagen bis die Fingerkuppen Hornhaut haben. Kiffen oder einfach mal keine Krawatte tragen. Vielleicht mal etwas spenden und es nicht von der Steuer absetzen. Aber wenn er das täte würde er merken, dass er doch nicht so wichtig ist. Das schon ein anderer wartet der ihn ersetzt und sich polternd lachend den Bauch hält. Er würde sein Leben führen, seine Frau besteigen, mit seinen Freunden Whiskey trinken. Es würde keinem auffallen wenn er der Mann wäre der zusammengekauert auf der Straße sitzt und fremde Menschen um ein paar Cent anbettelt. Und bevor ihn diese Gedanken zerfressen lacht er einfach. Auch wenn er weinen möchte. Bereitet sich auf die Gespräche vor, die er gleich führen wird. Und in denen wird er erzählen wie wichtig er doch ist. Dort in der Schweiz mit den Geschäftsführern.

Poetry und ich

Manchmal mache ich mir Gedanken darüber, warum ich nie an einem Poetry-Slam, an einer Lesung teilnehmen, als Straßenpoet arbeiten könnte. Meistens passiert mir das während dem Versuch einzuschlafen. Denn genau dort brauche ich die Gedanken die mich so sehr anöden, dass ich in den wohligen Sog der aus Tiefschlafphase besteht, gleite.

Es beginnt doch schon bei den Texten. Wenn man sich diese crazy Poetry-Menschen anguckt, woah, was für ein crazy Leben die doch haben. Sie leben in absolut schrägen WGs oder erleben nur auf dem Weg zur Bahn ganze Lowbudget-Kunstfilme. Sie wollen irgendwie immer was. Wollen wachsen und atmen und größer und machen sich Gedanken darüber was sein könnte wenn sie nur endlich mal ihre Finger von der Tastatur lassen könnten. Meine Texte schmalzen oder hassen oder ergeben keinen Sinn wenn man nicht in meinen Kleinhirnkreisen wohnhaft ist. Wenn ich anfangen würde dieses Blog zu rezitieren, voller Elan und dem Willen das Fußvolk mit meinen wohlgewählten und von Alkohol getränkten Worten zu bespaßen, sie würden gucken wie ein Auto und fluchtartig das Kellergewölbe verlassen, in dem wir uns zusammengefunden hätten.

Und dann wie sie sprechen. Diese Poetry-Slammeister unserer Zeit. Sie prügeln jedes Wort in das Mikrofon. Jeder Satz ist wie ein Schuss aus einem dieser lustigen Waffen aus den Ballerspielen. Hektisch fuchteln sie mit ihren Zetteln in der Luft und hämmern ihre Satzgebilde zwischen die Augen der Hörenden und wenn man genau hinhört flüstern sie nach jedem fertigen Satz ein leises „Headshot!“. Ich würde mich verzetteln. Verheddern an dem Papier, mir live auf der Bühne die Pulsadern aufschneiden, stottern obwohl ich nie gestottert habe und spucken. Ich würde so dermaßen viel spucken, dass man ein Katastrophenteam rufen müsste um den Flutmengen die aus meinem Mund sprudeln würden herzuwerden. Ich würde unmenschliche Mengen an Speichel an das gesamte Puplikum verteilen, sodass diese nie wieder duschen müssten, würde man sich heutzutage mit Sputum duschen, statt mit warmem, klarem Wasser aus dem Brauseduschkopf.

Nervös wäre ich. Ich würde zittern. Mein Bein würde hektisch zucken. Minimal-Sounds würde ich trommeln und die Menge würde wohl beginnen zu tanzen weil sie denkt das sei nun der Teil zum Tanzen. Mein Herzschlag würde den Bass darstellen. Tief, laut und viel zu hektisch. Das leuchtende Rot meines Kopfes würde konkurrieren mit den Deckenstrahlern. Oder ich würde damit das schummrige Licht das mich umgibt zerstören. Diesen Moment der dadurch entsteht. Diese Atmosphäre. Ich würde leuchten wie eine betrunkene Diskokugel und wahrscheinlich auch so auf der Bühne herumtorkeln. Alles umwerfen. Mich vielleicht noch einmal am durchnässten Zettel in meiner Hand schneiden. Der wäre durchtränkt von Schweiß und Spucke.

So wäre es. Würde ich Texte lesen vor Menschen. Es wäre ein Meer aus Spucke, Blut und Schamesröte. Und eigentlich wäre es eigentlich auch egal, weil zuhören würde man mir schon lange nicht mehr.

Nacktes Geheimnis

[19.09.2010]

Ich musste mich nie den prüfenden Augen deiner Freunde aussetzen. Wenn man es genau betrachtet hatte es fast den Eindruck, dass du keine Freunde hast. Doch viele Dinge gab es auch, die dagegen sprechen. Wenn du bei mir warst, in unserer Welt die sich aus meinen vier Wänden zusammensetzte, sprachst du nicht viel über dich und noch weniger über mögliche Freundschaften. Doch ab und zu erhieltst du Anrufe. Oft schnapptest du dir kurz darauf deine Klamotten, das Kondom noch auf deinem Schwanz und warst plötzlich weg. Wir wurden nie gemeinsam eingeladen zu Spieleabende mit gemeinschaftlichem Kochen. Ich wurde nie in eins eurer Stammkneipen gezerrt um mich den bohrenden Fragen deiner besten Freundin auszusetzen.

Ich glaube ich war dein kleines schmutziges Geheimnis. Und lange Zeit störte es mich nicht. Erst jetzt wo du mir wieder die Zeit zum Nachdenken lässt, fällt es mir auf. Und es missfällt mir. Weil ich kein nacktes Geheimnis für dich sein wollte. Ich wollte dein Herz so sehr erweichen, sodass es mir gehörte. Doch das schaffte ich nie. Ich war dein Ort um deinen Trieben freien Lauf zu lassen. Und du wusstest, dass du immer gehen konntest. Weil ich dir nie das Gefühl gab, dass es mir mehr bedeutete. Du machtest mir vor, dass ich etwas Besonderes sei. Und ich machte dir vor, dass es mich nicht interessieren würde. So sind wir quitt. Du und ich.