Liebe dich selbst, denn sonst tut es doch sowieso keiner

Derzeit wird mehr denn je über Selbstliebe debattiert. Darüber, ob es übertrieben ist, sich immer total knorke zu finden und auch darüber, dass es voll OK ist sich awesome zu finden und das mit Hängetitten und Orangenhaut. Es wird über Medien gesprochen, darüber welches Bild einem als Kind von sich selbst und seinem zukünftigen ICH in den Kopf gepflanzt wird und außerdem das Dauer-Mantra runtergebetet, dass bei Instagram alles gar nicht so real ist wie es scheint.

Die erste Frage, die mir bei der ganzen Debatte sofort in den Kopf schießt ist die, ob ich als eigenständig denkender Mensch das Recht verwirkt habe, mit mir und meinem Aussehen absolut unzufrieden zu sein. Worin besteht der Unterschied zwischen dem was mir die Werbeplakate aufzwängen wollen und dem was mir nun die ganzen anderen Medien ins Gehirn scheißen? Die Einen sagen „Du genügst nicht du fettes Stück Scheiße, wie aus du siehst, wie rum du läufst.“. Die Anderen im Gegenzug säuseln mir ins Ohr, dass ich mich doch nicht so anstellen soll und es voll OK ist mit einem absolut beschissenen BMI in Hotpants rumzulaufen, denn du hast dich trotz Cellulite verfickt nochmal gut zu fühlen.

Dadurch erschließt sich mir aber nun eine Folgefrage. Ich für mich selbst habe beschlossen, dass ich mich scheiße finden darf. Ich darf in den Spiegel gucken oder an meinen Oberschenkeln rumdrücken und schluchzend jede Tüte Chips verfluchen und meine Gene sowieso. Nun aber die Frage zu diesem Schluchzen. Finde ich das nun nur hässlich, weil es mir von den Medien so suggeriert wurde, oder hätte ich es auch ohne die Bitches der H&M-Plakate so empfunden?

Ich kann mich daran erinnern, dass ich mich als Teenager immer zu dick fand. Ich war es nicht. Ich hatte den Pubertätsbabyspeck um die Hüften, der sich erstmal verteilen musste. Meine Reaktion auf dieses Unwohlgefühl in meinem Körper war, dass ich auch im Hochsommer mit langen Pullis durch die Gegend gelaufen bin. Ich habe geschwitzt und bin fast gestorben. Noch heute praktiziere ich solch Dummheiten. Geht mir mir an einen Strand. Wenn ihr einen guten Tag erlebt, dann kremple ich meine Hosenbeine hoch. Aber auch wirklich nur an einem sehr, sehr, sehr guten Tag.

Aber zurück zu der Frage woher dieser Selbsthass kommt. Die Erziehung konnte es nicht sein. Meine Mutter sagte mir nie ich sei zu dick und ich war für sie immer das wunderhübscheste Mädchen auf dem Planeten (neben meiner Schwester). Aber woher kommt das eventuell verschobene Selbstbild? Waren es die Filme und Serien oder auch die Kataloge, die regelmäßig von mir durchforstet wurden? Meine Mutter war sehr dick, weswegen sie bei Versandhandel wie Schwab, Quelle und wie sie nicht alle heißen am liebsten ihre XXL-Schlüpper bestellte. Diese Schlüpper konnte man nur in speziellen Katalogen für Fette bestellen. Sie sahen auch meist echt scheiße aus. Die Zelte für Babys hatten hässliche kleine Blumenmuster und sahen nicht gerade so aus als könnten sie bei egal wem Lust erwecken. Geiler waren noch die Miederhosen, die sie sich bestellte um ein bisschen Form in ihren weichen Laib zu bekommen. Hautfarbene Monster. Vielleicht ist sie ja hier zu suchen. Die Angst vor hautfarbenen Schlüpfern führt zu Selbsthass zwecks Angst vor „Noch ein Burger und zack wiegste auch über 100 Kilo und musst diese Unterhosen tragen und warum sprichst du so oft von Unterhosen!?!?!“.

Vielleicht ist es auch genau das. Oder ein nie überwundenes Pubertätstrauma, an welches im mich nicht erinnern kann. Ich weiß aber eins. Ich will endlich wissen woher sie kommt, meine Versagensangst was Optik anbelangt.

Einerseits würde ich gerne den fuck-you-all-Lifestyle zelebrieren und bauchfrei mit meinem Hüftspeck shakend durch die City stolzieren. Und jeder Freundin mit der gleichen Figur würde ich dazu raten und sagen „Go Girl, du siehst wunderschön aus.“, außer sie sähe in dem Oberteil scheiße aus, denn das geht dann nicht also so zwecks Farbe und Hautton oder dummer Print oder…. egal. Aber andererseits will ich mich optimieren dürfen ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Und dann will ich mich auch wieder nicht optimieren wollen, weil das Leben ist kurz… ok, nicht mehr so kurz wie damals, aber naja kurz halt und das will ich mir nicht versauen mit Sport und Essen das nach igitt schmeckt. Ich will Pizza und Döner und Eis, Hergott will ich viel Eis.

Doch zum Grundkern des Textes. Was zur Hölle ist kaputt mit uns? Warum wollen wir uns ständig und dauernd gegenseitig sagen was das Beste für uns ist? Warum gönnen wir uns nicht unsere Fehler, unsere schwachen Momente? Warum müssen wir uns ständig toll finden und der Gewinner sein? Warum können wir nicht ab und an einfach Bock dazu haben uns anzugucken und uns so ganz filterlos hässlich zu fühlen? (BTW mag ich bei Snapchat die Tierfilter, denn die machen so ein schmales Kinn!!!)

Ja, ich verstehe die Notwendigkeit ein bestimmtes Bewusstsein zu schafffen.  Und ich weiß auch, dass es die Extreme gibt, die entstehen können. Ich bin aufgewachsen in einer Zeit in der es normal war, dass in einer Klasse mindestens vier Mädchen eine Essstörung hatten. Ich kenne die Probleme beider Seiten. Die derer die zu viel haben und die derer, die meinen noch weniger sei noch besser. Doch es missfällt mir, dass es ein pauschales verteufeln gibt von Menschen, die sich vielleicht einfach nur wohlfühlen wollen und dabei nicht in Extreme fallen. Es soll Leute geben, die finden Sport voll gut. Es soll auch Menschen geben, die auf ihre Ernährung achten, weil sie gesund leben wollen. Ich gehöre nicht dazu aber ich hab davon gehört. Wirklich. Ein Bekannter von nem Freund… Spaß beiseite.

Es soll sich jeder in seinem Körper glücklich fühlen, so wie er es tut. Doch es sollte auch jedem zustehen, sich selbst einfach mal scheiße zu finden. Weil er es kann! Ich für meinen Teil, finde mich schon so ein bisschen eklig, wenn ich im Sommer vor dem Wohnzimmertisch hocke, die Beine in einer NASA-Short angewinkelt und meine Oberschenkel die Optik einer Orange haben. Und das Recht dies an meinem Körper ungeil zu finden, möchte ich mir nicht nehmen lassen. Vielleicht könnt ich mal anfangen am Strand einen Badeanzug unter der Jeans zu tragen. Nur für alle Fälle. Aber wir wollen es auch nicht übertreiben.

Triggerwarnung

Frohes Neues! 2017! Fuck yeah! Es wird alles besser und großartiger und überhaupt… wir werden alle awesome sein… bullshit!!!!

Nichts wird besser. Nicht weil wir es nicht verdient hätten, sondern weil wir daran die Schuld tragen. Wir sind alle verdammte Hurensöhne. Nichts gegen eure Mütter, die sind super… doch wir sind Hurensöhne. Wie wir uns freuen, wenn wir einmal im Monat ein einziges Produkt im Supermarkt kaufen, auf dem ein BIO abgedruckt ist. Dann haben wir unseren Beitrag geleistet. Wir haben die Welt verbessert.

Ich steh an der Kasse und freu mich nen Keks, wenn die nette Dame fragt, ob ich eine Plastiktüte will. Nein, my dear, ich packe die in Indien zusammengenähten Kleidungsstücke, die ich auf keinen Fall brauche, weil ich einen Schrank voll davon zu Hause habe, gerne in meinen von Kinderhänden zusammengefummelten Rucksack, der mehr gekostet hat, als die in nem Monat verdienen. Ich rette damit nämlich die Welt. Mit dem Verzicht auf Plastiktüten. Ich bin ein verfickt guter Mensch. Ey und wirklich. Wenn ich zu Primark gehe, die Sachen, die ich da kaufe, die trage ich auch. Nicht wie diese youtube-Schnallen, die einfach nur kaufen um dann ein Video davon zu machen und alles danach in den Altkleidercontainer ballern. Ich bin ein guter Primark-Konsument. Schör!

Natürlich ist der Verzicht auf eine Plastiktüte dem toten Schwein egal, was sein Leben lassen musste für den Schinken in meinem Kühlschrank aber hey, die arme Sau. Das Leben was es bisher hatte war doch echt nicht lebenswert. Vielleicht war das ganz froh getötet zu werden. Sterbehilfe, sozusagen. Und hab ich schon erwähnt, dass die Gurke da in dem Salat voll krass BIO ist. Ok. Derzeit ist keine Gurkenzeit und das Zeuch kommt ausm Ausland und musste extra für mich hier her gekarrt werden, aber besser als die Gurken die nicht so öko sind.

Und überhaupt. Ich kaufe ja jetzt Waschmittel und so Zeug nur von der ökologischen Sorte. Weil ich will ja meinen Teil dazu beitragen, dass das Wasser nicht zu sehr belastet wird. Sogar den Weichspüler. Da ist ein niedlicher kleiner Frosch drauf. Die dürfen so ein Tier sicher nicht auf was drucken, was nicht gut ist für die Umwelt. Wie, ich könnte einfach weniger Klamotten haben und die weniger waschen und dadurch weniger Wasser verbrauchen? Ja also ne… find ich voll krass wenn Menschen das können so mit diesem Minimalismus und so aber mein Ding ist das nicht, weil ich brauche ja schon ne Auswahl und manchmal ist mir halt nach dem einen Teil, welches seit drei Jahren unberührt im Schrank lungert. Ganz sicher.

Wir sind Hurensöhne. Jeder für sich. Jeder auf seine Art. Der eine mehr, der andere weniger. Es gibt diese schwindend kleine Anzahl an Menschen, daran glaube ich ganz fest, die es ändern könnten. Die als realitätsfremde Spinner in eine Schublade gestopft werden und da hocken sie dann und wollen doch einfach nur ihren Beitrag leisten.

Außerdem… hab ich schon erwähnt, dass ich spende. Ja! So richtig mit Geld und jeden Monat und Dauerauftrag. Na gut. Ist das Geld, welches eigentlich an die Kirche gegangen wäre, aber ich bin aus der Kirche ausgetreten und da kann man das Geld, was man vorher schon nicht hatte, auch einfach einer einem absolut fremden Stiftung in den Arsch schieben. Dann kriegt man auch immer Post von denen. Was fühl ich mich dann beseelt, wenn ich die lächelnden Kinder auf den Fotos sehe. Ich habe meinen Beitrag geleistet. Ich Gutmensch!

Ich mag die Welt gerade nicht. Oder anders ausgedrückt. Ich mag die Welt, die Menschen darauf stören mich nur unglaublich. Mir eingeschlossen. Ich versuche mich zu verschließen. Weil ich es langsam nicht mehr ertrage. Diese Flut an Beschissenheit, die einem jeden Tag mit Hilfe jeglicher Kanäle ins Gehirn gewichst wird. Menschen bringen sich gegenseitig um, weil sie der Meinung sind, dass es das Richtige ist. Wir sind dann kurz betroffen, aber auch nur für bestimmte Menschen. Weil man kann ja nicht jeden Tag trauern, denn wusstet ihr, dass wenn Promis schnippen, in Afrika Kinder tot umfallen? Wir haben auch Angst. Plötzlich. Sogar ich. Für kurze Momente. Ich schäme mich. Wenn diese Ängste kommen. Rucksäcke. In der Bahn. Finde ich plötzlich völlig ungeil. Ich dummer Mensch. Das ist doch der Sinn dahinter. Ich falle drauf rein. Ertappe mich, reiße mich zusammen und starre dann weiter auf mein Handy, welches mir die letzte Fähigkeit klaut, mich länger als fünf Minuten daran zu erinnern, was ich eigentlich gerade für eine sinnfreie Suchanfrage bei google starten wollte.

Und dann gibt es diese Momente voller Freude. Sie sind einfach da. Ich bin glücklich mit dem hier und jetzt und erfreue mich an Menschen die gut sind zu mir und zu denen, die sie umgeben. Plötzlich fällt all die Schuld von mir ab und für einen kurzen Moment bin ich kein Hurensohn. Aber es sind eben nur diese kurzen Augenblicke, in denen ich nichts konsumiere. Keine Kleidung, kein Essen, keine Nachrichten, kein Nichts! Dann bin ich nur Mensch und voll OK.

Wir sind alles Hurensöhne. Haben Angst vor Schatten und vergessen dabei, dass diese zu uns gehören und nur unsere eigene Courage sind, vor der wir versuchen wegzulaufen.

2017! Wird super… oder beschissen. Muss jeder für sich entscheiden.

Großstadt > Dorf

Aktuell ein sehr wichtiges Thema in meinem Leben und auch sehr zukunftsweisend in besonderer Hinsicht ist das Thema Großstadt vs. Dorf/Landleben. Der werte Freund hatte sich vor zig Jahren in jugendlichem Leichtsinn gedacht „Hamburg… da sind die so viele coole Bands und Hip Hop-Menschen her, da muss ich hin..“, oder so. Und total awesome, dass er hier hergezogen ist, sonst hätten wir uns nie kennengelernt und LOVE und so bullshit. Aber nun ist der Tag gekommen, an dem wir vor einem Scheideweg stehen und man gucken muss wohin denn die fuckin Reise nunmal geht.

Ich komme vom Land. So richtig hart vom Land. Ich bin eins der wenigen Landeier, das keinen eigenen Führerschein ihr eigen nennen kann weil das Geld ist viel besser in Nietengürtel und Konzerte investiert, als in so nen dummen Lappen, der einem erlaubt ein motorisiertes Gefährt von Punkt A nach Punkt B (der zig Kilometer weit weg ist) zu dingsen. Also kenne ich die Abhängigkeit von Anderen, diesen verzehrenden Wunsch auszubrechen und die Stunden des Wartens auf den nächsten Bus, wenn denn überhaupt einer fuhr, weil es ist Wochenende und scheinbar wollen Dorfies nur unter der Woche in die nächstgrößere Stadt um dort zu arbeiten, weil was sollten sie denn sonst dort tun, sie haben es doch so schön hier mit Feuerwehr und der netten Kapelle und überhaupt, zur Kirche kann man auch zu Fuß laufen, wenn man sich nur dolle anstrengt.

Nach vielen Jahren der Dorf-Knechtschaft, zog ich nun nach Hamburg. Besser gesagt nach Harburg, was für die echten Hamburger nicht mehr dazu gehört, weil ist ja südlich der Elbe (FUCK OFF!!!!). Wenn wir Freunde in Niedersachsen besuchen, gibts immer das Freudenfäustchen, wenn wir wieder nach Hause fahren und das Schild sagt „Yo digga, biste wieder in Hamburg.“ Weil ich das hier mag. Und nun die Gründe, die gegen „eigenes Haus“, „eigener Garten“, „mehr Platz“ und den ganzen anderen Kram spricht, der rausgeholt wird, wenn es darum geht, dass man doch aufs Land ziehen sollte, weil viel schöner.

  1. Menschen

Wir haben hier Menschen. So viele, dass wir sie in Häusern in kleinen Wohnungen übereinanderstapeln müssen. Aber das ist OK. Denn wir sind uns egal. Erst nachdem wir einen Wasserschaden in unserer Wohnung bemerkten, der offensichtlich bis zu den Nachbarn ging, merkten diese vorsichtig an, dass es ganz nett wäre, wenn wir nicht um 3 Uhr Morgens unsere Wäsche waschen würden, weil das laut sei. Die wären nicht im Leben auf den Gedanken gekommen uns zu nerven. Weil man es als Großstädter nunmal einfach hinnimmt, dass 99% der Menschen, die einen umgeben, Arschkrampen sind. Und so ist es nicht nur mit Nachbarn. Auch die Leute, die mir in der Bahn gegenübersitzen und lautstark meinen ihren Jahresvorrat an Karotten wegzusnacken. Die seh ich nie wieder. Mit denen muss ich mich auseinandersetzen, weil sie irgendwann in den Weiten des Großstadtuniversums verschwinden und nichts bleiben als eine lästige Erinnerung. Auf dem Land ist es was Anderes. Man kennt sich. Und wenn man sich nicht kennt, dann wird trotzdem gesprochen. Übereinander. Das ist die welche und haste gesehen wie sie am Samstag noch um 12 Uhr Mittags mit der Schlafanzughose vor dem Haus rumgelaufen ist?! Ungekämmt!!! Man ist sich nicht egal. Zwar ignoriert man sich, wenn man sich trifft, oder man grüßt sich, wenn man Wochenends spazieren geht, weil es sonst nichts gibt, was man tun kann, außer seiner Familie auf den Sack zu gehen oder heimlich im Partykeller den Wodkavorrat leerzusaufen. Aber man spricht übereinander. Man hat Meinungen. Und die Meinungen, die gehen nicht weg, weil man eben nicht nach einer Station aussteigt und dann in die nächste Bahn steigt. Man hängt fest in seinem kleinen verfickten Scheiß-Universum und hat nunmal nicht anderes als sich und mit sich will man sich nicht beschäftigen als beschäftigt man sich dem was einen umgibt und das sind die Nachbarn, die den Rasen nicht mähen und das Unkraut nicht rupfen und viel zu laut sind oder zu leise, sonderbar einfach, weil nicht so wie man selbst.

2. Essen

In einer Idealvorstellung von Landleben hat man seinen eigenen Garten mit Kräutern und Gemüse und alles ist so schön und geil und man liegt masturbierend (wenn die Hecken hoch genug sind) zwischen den drallen Beeten und freut sich schon über die Instagramfotos die man posten kann von #healthyliving und #selfwattauchimmer. Aber ich will mir nicht mühselig mein Gemüse aus der Erde rupfen. Ich will es in kleinen Schälchen, nett portioniert vor die Tür geliefert bekommen, fertigt gegart mit einer unmenschlichen Portion Reis dazu und weil man sich mal was gönnt auch ne Flasche Wein oben drauf. Ich will die Auswahl haben. Asiatisch, indisch, italienisch oder doch einfach nur ein pampiger Burger? Wenn man Glück hat, dann hat man einen Liefertypen aufm Land. Der ist völlig überfordert und so eine Lieferung die dauert, weil er seine zig Kilometer zurücklegen muss. Vielleicht sind die Pizzen bei ihm geiler, weil keine Massenproduktion, aber wen interessiert das, wenn er nach einer Stunde vor Hunger den Kitt aus den Fenstern gefressen hat? Ich will Sushi und indisch. Ich will den Dönermann um die Ecke und um die Ecke und um die Ecke und verdammte Scheiße ich weiß gar nicht wo ich Döner essen will, wenn ich aus dem Haus gehe weil ich allein 3 Dönerläden in nächster Nähe habe. Und wenn ich ganz verrückt bin dann geh ich raus und geh in Burgerläden mit dem geilen Scheiß. Nicht die Mc King-Scheiße. Mit geilen Brötchen und auch die Currywurst am Kiez ist besser als alles was ich mir selber in meinen eigenen vier Wänden zusammenbrutzle. Ich kann essen wo ich will, wann ich will, was ich will. Ich muss nur meinen Geldbeutel zücken und vielleicht ein paar Meter laufen. Wenn überhaupt.

3. Veranstaltungen

Ich nehme an kaum welchen von diesen hippen Dingen teil. Diesen ganzen Stadtteilfesten auf denen man sich gegenseitig beschissen im Weg rumsteht, während einem die Soße von irgendeinem leckeren neuen veganen fancy Irgendwas aufs Shirt tropft. Doch ich weiß, dass es sie gibt. Und allein das Wissen darüber beruhigt. Kein Schützenfest, auf dem Jugendliche betrunken hinter die Pommesbude kotzen, sondern die guten Sachen. Früher waren solchen Feste ein Zwang weil man wollte raus und Alkohol. Jetzt braucht man das nicht mehr, weil das Angebot so groß ist, dass man sich nicht mehr schlecht fühlen muss, wenn man stattdessen die bequeme Jogger anzieht und sich einfach auf dem Sofa verkriecht. Man hat endlich mal keinen Zwang an irgendwas teilzunehmen. Man kann, aber man entscheidet selbst, dass man nicht will.

4. Kiosk

Supermärkte auf dem Land sind weit weg und man muss mit dem Auto hin und man muss immer alles auf dem Zettel haben was man braucht und was man will, weil nochmal raus ist voll anstrengend. Hier habe ich allein drei Kiosk in erreichbarer Nähe. Sie warten auf mich. Die netten Menschen da drin die mir Kippen und mein Bier verkaufen. Ich kann da rein, ungewaschen und völlig neben der Spur, weil es egal ist, denn nach mir kommen die Berufsalkis, die sehen um Welten schlimmer aus als ich. Im Supermarkt sehe ich nur die Nachbar. Die, die nett grüßen, wenn sie am Haus vorbeilaufen und dann sich das Maul darüber zerreissen, wenn die Haare fettig aussahen oder die Hose dreckig war. Wenn man oft genug einen bestimmten Kiosk besucht, dann grüßt einen der Besitzer schon von Weitem. Er nennt einen vielleicht sogar beim Namen und fragt einem wie es einem geht. Ist verwirrt, wenn man eine Weile nicht gekommen ist, macht sich vielleicht sogar Sorgen. Der Supermarkttante ist es egal, wenn man nicht kommt.

5. S- und U-Bahn

Ich kenne die Erfahrung, dass man mit dem Bus versucht auf dem Land ein Ziel zu erreichen. Nicht nur, dass die Busse nur alle heiligen Zeiten fahren und man, wenn man so einen Bus verpasst gerne mal eine Stunde warten darf. Wenn sie denn fahren, dann fahren die da gesamte Gebiet ab… alles… jeden Misthaufen… jeden verfickten Misthaufen. Hier in Hamburg bin ich schon überfordert, wenn eine Bahn länger als 5 Minuten auf sich warten lässt. Was fange ich nur an mit dieser Zeit????? Noch schnell eine rauchen gehen? Panisch hin- und herlaufen und mit den Händen fuchteln? Wenn man auf dem Land wo hinfährt, dann ist alles Minimum 40 Minuten entfernt. In Hamburg 20 Minuten. Immer. Egal wo man ist, egal wohin man will. Und ich mag den Geruch. Ich mag es, dass mir eine freundliche Stimme sagt, was die nächste Haltestelle ist. Auf dem Land sitzt du in so nem Bus und hast keine verfickte Ahnung wo du dich befindest und wann du rausmusst. Du musst den netten Busfahrer in seinem 80er-Jahre-Bus fragen ob er so nett ist dir mitzuteilen, wann du dein Ziel erreicht hast, denn du würdest es verpassen.

6. Wohnen

Wir leben hier in einer ziemlich übertriebenen Wohnung in Hamburg für zwei Personen. Man stelle sich vor dass diese Wohnung gedacht war als WG für drei Personen. Nun hat jeder, weil wir es verfickt nochmal können, jeder sein eigenes Zimmer und ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer und eine Küche in der noch ein Tisch für 4 Personen Platz hat und awesome!!! Wenn mir meine Nachbarn ab irgendeinem Punkt ganz derbe auf den Sack gehen würde z. B. der komische Spast, der meint rechte Parolen von sich geben zu müssen, während er volltrunken auf der Straße torkelt, dann suche ich nach einer neuen Wohnung, sage „Fick dich Gegend!“ und verpiss mich. Weil ich es kann. Weil ich keine Verantwortung habe. Wenn ich jedoch ein Haus kaufe und nebenan wohnt einer, der gerne mal tagelang die „Best of Landser“ auf hyperlaut spielt, dann bin ich am Arsch. Denn das Haus wurde gekauft, finanziert, vielleicht sogar hart renoviert… Fuck! Und man kriegt den Idioten ja nicht weg. Also muss man sich arrangieren. Aber das möchte man nicht. Ich würde sagen… kacke. Wenn ich hier wohne, dann muss ich das nicht. Ich kann, weil ich es will. Wenn da ein Haus ist, dann muss ich da leben. Und wenn es sich herausstellt, dass die gesamten Menschen in dem näheren Umkreis absolute Vollidioten sind, dann muss ich damit klarkommen.

Das sind die ersten Punkte die mir einfallen. Und klar sehe ich nur das Negative. Weil ich eine Abneigung gegen dieses „Land“ habe. Und natürlich könnte auch alles total geil sein, weil alles Menschen um einen rum voll nett und super und awesome aber eigentlich mag ich das so wie es jetzt ist. Genau so! ABER Liebe versetzt Berge und ich bin ja wohl kein Berg… und ich kriege ein Fahrrad! Freudenfäustchen!

Betrunkene sind auch nur…

Betrunkene sind seltsam. Es ist unterschiedlich, sie sind unterschiedlich in ihrer Seltsamkeit.

Bei manchen hat man das Gefühl, dass ihnen mit jedem Schluck aus dem Glas ein noch viel größerer Brocken von ihrer Seele purzelt und sie endlich der Vollidiot sein können, der sie nun mal sind, so tief in sich drin. Sie trinken und reden, plappern, werden redselig und bei manchen möchte man sich, wie ein Kind, die Finger tief in die Ohren stecken und Sepultura-Songs brüllen, nur um nicht noch tiefer in deren Innerstes zu gelangen, dass glibberig und so völlig entblößt vor einem liegt und gestreichelt werden will. Sie bewegen sich komisch und beginnen plötzlich zu tanzen, zu Liedern, die sie hassen.

Früher gab es draußen nur Kännchen. Heute gibt es dort die Männer mittleren Alters, die sich zur Feier des Tages die billigsten Zigarillos des Kiosks gegönnt haben. Paffend stehen sie da, mit glänzenden Augen und glotzen damit den Frauen in ihren engen Kleidern auf die Titten und die Ärsche. Vergessen dabei Frau, Haus, Baum, Kind. Vielleicht sehnen sie sich danach jung zu sein, so wie früher, was vergessen ist, denn jetzt ist man Chef oder zumindest irgendein Leiter von einer Abteilung, einer Ressource oder vielleicht auch nur der Blitzableiter von einem anderen, der über ihm steht.

Die Frauen, mit ihren kleinen Fältchen, die sie jeden Morgen aufs Neue verfluchen, kichern albern, wenn sie trinken und die Männer mit den Augen an ihren Ärschen haften. Sie fühlen sich begehrt, ausnahmsweise. Zu Hause gucken sie heimlich Pornos, manche fassen sich dabei sogar an und schämen sich nicht mal dafür. Sie wollen gefickt werden, wie damals, als es OK war, für fünf Minuten in der Dorfdisko auf dem Klo zu verschwinden. Es war nie schön, der Orgasmus so weit weg, wie der Prinz auf dem weißen Ross, aber sie fühlten etwas dabei und wenn es nur die kalten Fließen auf dem Rücken waren.

Junge Dinger hopsen dazwischen hin und her und feiern sich und ihr Leben und Millionen Möglichkeiten, die Tonnen an Zeit, die vor ihnen liegt. Sie sorgen nicht, sie sind einfach nur. Sogar sie fühlen sich von den Sabberblicken der Männer noch ein bisschen schöner. Sie spüren, wie die Alten ihnen die Jugend neiden und machen sich größer als sie jemals sein werden.

So betrunken wie sie sind, jeder für sich ein bisschen anders und doch im Kern gleich. Jeder von ihnen kehrt die größte Sehnsucht heraus, sobald die Promillegrenze erreicht und das Torkeln beginnt. Nähe wollen sie oder Aufmerksamkeit. Vielleicht setzen sie sich auch nur in eine Ecke, bedauern sich öffentlich, ansonsten tun sie dies nur alleine im Wohnzimmer mit der Fernbedienung in der linken und der Knarre in der rechten Hand. Doch bevor man abdrückt, schaltet man lieber weiter und sucht das Elend in tausend Kanälen um sich besser zu fühlen.

Nicht jeder Betrunkene wird akzeptiert. Es gibt feine Nuancen. Nicht jeder ist der perfekte Betrunkene und wird der Flirt bei dem Büromauerblümchen noch als niedlich empfunden, ist es bei der alternden Abteilungsleiterin nur noch peinlich und macht einen betroffen. Der laute junge Kerl aus der Postabteilung, der die Mädchen um sich schart und einen Drink nach dem anderen spendiert, ist der Held des Abends, während der Chef, der seinen Kollegen einen ausgibt, doch einfach nur Sympathiepunkte sammeln will, die dumme Sau.

Nüchtern betrachtet, sind Betrunkene doch auch nur Menschen. Vielleicht mehr, als sie es nüchtern je sein werden.

Unmensch

Jeden Morgen stehe ich auf und male mich. Nicht mich an. Nicht diese Nummer mit Eyeliner und Mascara. Ich male mein Selbst. So wie ich bin, sein will. Ich versuche ein echter Mensch zu sein. Ein guter. Einer, der denkt, bevor er spricht. Was selten funktioniert. Aber ich versuche gerecht zu sein. In dem was ich tue. In dem wie ich mich Menschen gegenüber verhalte. Und ich male mit Farben, die ich oft selbst nicht kenne. Manchmal treffe ich die richtigen Farbtöpfe und der Tag und die Begegnungen mit den Menschen um mich herum stimmen sich farblich ab. Dann war es ein guter Tag. Mit einem Lächeln. Und manchmal gibt es diese Disharmonie. Sie ist nicht schlimm. Sie ist nie so drastisch, dass man das Bild des Tages wegwerfen müsste, weil es in den Augen brennt. Aber das ist auch gut so. Sogar Van Gogh, Da Vinci und wie die ganzen Ficker heißen, die krasse Kunstkacke am Start hatten, heißen mögen, haben ganz sicher so manches Bild in die Tonne gekloppt.

Doch dann kommt der Tag an dem ein Mensch, der dir sonst positiv gesonnen war, einen Edding auspackt. Er nimmt ihn, setzt an und schreibt auf deine Stirn Unmensch. Vielleicht weil er nur verletzt ist, vielleicht aber auch, weil er dich verletzen will. Und dann wache ich auf, beginne zu malen, wie jeden Morgen. Aber da ist es. Dieses dicke, fette, krakelige ‚Unmensch‘. Auf der Stirn. Kein Farbton der es übertünchen könnte. Und ich frage mich, hat dieser Mensch Recht. Die Tage über, trotz dieses Tags auf der Stirn, tänzeln nette Menschen um einen herum. Sie malen an dir. An mir. Sie malen kleine Blumen und Herzen und versuchen dich zu versüßen. Mich zu versüßen. Ich nehme es war. Doch sehe ich nur dieses Wort. Und schlafe mit einem bitteren Geschmack von Selbstgerechtigkeit ein.

Die Tage vergehen, der Edding verblasst. Die Pinsel tun das was sie am besten können und ich versuche den Gedanken wegzuschieben. Halte mich zurück. Versuche zu verschwinden. Schattengrau zu werden, statt neongrün. Es funktioniert. Man nimmt mich nicht mehr wahr. Die Blümchen werden weniger. Und es umgibt mich das sichere Grau des Schweigens. Doch es reicht nur ein kleiner Klecks signalrot. Vielleicht nicht mit Absicht. Ein kleiner Tupfer dort wo das Herz sitzt, vielleicht auch die Seele. Und schon beginnen die Nächte kürzer zu werden weil die Gedanken toben und ich mich hinterfrage. Immer und immer wieder. Listen, die geschrieben werden. Menschen, die einen bestätigen, ohne es zu müssen. Aber man hört nicht hin. Tut es ab als Nettigkeit die es geben muss, sonst würde das Konstrukt Welt zusammenstürzen und verenden.

Tränen der Wut auf meinem Gesicht. Nicht stark genug um das Grau zu zerstören. Stark genug einzudringen. In mich. Mich zu hinterfragen. Mich stumm zu schalten.

Ich wollte nie gemocht werden. Immer nur akzeptiert. Ich wollte nie verletzen. Teste Grenzen, erkenne sie zu oft nicht. Und es schwappt immer wieder die Frage auf „Muss man mich wirklich so hinnehmen wie ich bin, oder bin ich einfach ein schlechter Mensch?“ Erkaufe ich mir Liebe mit Annehmlichkeiten, die ich anderen Menschen zukommen lasse? Bin ich ein Freier meiner Freunde? Was wäre wenn die Freigiebigkeit sein Ende fände? Stünde ich dann alleine da? Und vor allem, wäre es wirklich so schlimm?

Ich kippe die bunten Farben, die strahlenden, weg. Sehe keinen Sinn darin. Nicht im Moment. Es bleiben die Töne die an Wein, Bier, Whisky und an das Vergessen erinnern. Weil vielleicht hatte der Edding Recht…

Ich gehe zu Karstadt. Schreibwarenabteilung. Die Auswahl riesengroß. Weil es in dort selten einen Spiegel gibt, muss die Handykamera herhalten. Ich hole den dicksten Edding heraus, teste ihn, an mir. Mit dicken Lettern in Spiegelschrift ein ‚WER BIST DU ÜBERHAUPT?‘. Auf der Stirn. Das Wort ‚Unmensch‘ schimmert durch.

Ich ignoriere es und lasse den Stift einfach fallen.

Es reicht

Es reicht! Mir! Jetzt! Immer. Schon eine ganze Weile aber jetzt besonders. Mein Name ist Bracka, ich habe in was-weiß-ich-wie-vielen-Monaten was-weiß-ich-wieviele-Kilos abgenommen. Ich bin nun 1,64 groß und wiege ca. irgendwas unter 60 Kilo. Das mit den Kilos weiß ich aber nur, weil ich dauernd gefragt wurde, wieviel ich denn nun abgenommen hätte und ich immer nur sagen konnte „Jetzt trage ich Körbchengröße A. Noch Fragen?“

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da nahm ich zu. Immer ein bisschen, immer mehr. Ich aß kein Frühstück zu Hause, kein Frühstück und Mittagessen im Büro, nur Abends zu Hause. Ich nahm trotzdem zu. Vielleicht lag es an Joeys oder auch an Call a Pizza aber sicher nicht an Le Crobag. In dieser Zeit wurde mir gesagt ich sei hübsch. Ich fühlte mich beschissen, hüllte mich in Big Shirts die zum Glück gerade voll im Trend waren/sind und war unzufrieden.

Dann sagte mein Kopf mir „Schätzchen, du bist fast 30 und lebst wie ein kleiner Student der es nicht besser weiß und nicht dran denkt, dass er seinen verdammten Körper noch eine Weile braucht.“ Ich wollte wissen warum ich stetig zunahm und zählte Kalorien. Ein App verriet mir, dass ich mit dem was ich in mich stopfe ganze Kinderheime sattkriegen könnte. Also regulierte ich meinen Fressdrang. Fing an Nahrung abzuwiegen, scannte Produkte ein und zählte so hoch wieviel ich denn nun aß. Ich fing an im Büro mein Müsli zu essen. Verzichtete aber auf die 1,5%-Milch-Plörre und kam trotzdem inklusive Abendessen auf eine Zahl bei der die App sagte „Jetzt nimmste sicher ab.“ Und es passierte. Ich wog weniger, die Hosen rutschten, die Oberteile schlabberten und von allen Seiten bewundernde und hasserfüllte Blicke. Ich war nicht mehr die Dicke in der Abteilung. Ich machte keinen Sport weil ich eine faule Sau bin und es mir leichter fällt auf Franzbrötchen zu verzichten als deswegen 5 Stunden auf einem Laufband meine Lunge auszukotzen. Dafür erntete ich noch mehr Neid. Weil andere müssen sich ja anstrengen. Bei denen purzeln die Pfunde nicht einfach so. Dass ich mich tagelang mit dem beschäftigte was ich zu mir nehme und was nicht, was mir davon schmeckt und was nicht, sah keiner. Ich wurde einfach nur dünner und passte plötzlich in Kleidergröße S.

Und dann fing es an. Das erste Mal ein „Wieviel willst du denn noch abnehmen?“ Schon lange war kein Gedanke mehr an Diät. Ich aß auch mal sehr viel nur wusste ich langsam was mein Körper will und braucht und konnte seit langem mal wieder einen halb vollgepackten Teller stehen lassen, weil ich satt war. Das kannte ich lange nicht und war begeistert. Endlich übernahmen die Urinstinkte wieder die am besten wussten was gut ist für mich und was nicht. Wenn der Magen knurrte aß ich was, knurrte er nicht, aß ich nichts. Ich fühlte mich nie besser weil ich endlich einen Punkt erreicht habe in dem ich nicht zwanghaft verzichtete um dann umso mehr auf die Kacke zu hauen. Ich will nicht mehr abnehmen. Die Oberschenkel sind mir immer noch zu dick aber das ist nunmal mein Körper. Bevor die dünner werden schrumpfen meine Titten zu einem -A-Körbchen, kriechen in den Brustkorb und dann hab ich die Nippel am Rücken. Wenn man dann antwortet auf die Frage mit einem „Ähm, ja nix eigentlich. Das passiert alles so wie es passiert.“ wird dies gern erwidert mit einem „Ja mehr darfst du auch nicht abnehmen. Das sieht sonst nicht mehr gut aus.“

Habt ihr verfickt nochmal gelitten? Ob ich gut aussehe oder nicht, so für mich, entscheide ich! Verrückt! Ich ganz alleine. Und wenn ich es geil fände, dass meine Hüftknochen als Garderobenständer für Großveranstaltungen im Winter verwendet werden können, dann wäre das mein verficktes Problem. Und es geht nicht nur um die Optik. Man mag es kaum glauben. Nein. Es geht vordergründig darum, dass ich meinem Körper endlich mal das gebe (bis auf Bewegung) was er braucht an Nährstoffen. Darum, dass ich meinen Körper nicht mit Zusätzen drangsaliere die ihn krank machen. Das ich nicht mit 50 lebe wie andere mit 100. Es sollte weniger die Sorge darum sein, wenn man schon meint sich Sorgen zu machen, ob ich dann noch gut aussehe, sondern ob es mir denn noch gut geht. Ob ich mich gut fühle, ob mein Körper nicht darunter leidet. Als ich immer dicker wurde kam nie einer an und meinte mir sagen zu müssen, dass ich nicht mehr zunehmen dürfte, weil das langsam nicht mehr gut aussähe. Weil das macht man ja nicht. Aber jetzt darf man mir wohl sagen wie ich auszusehen hätte.

Heute wurde mir gesagt wie eklig man es fände wenn Frauen aussähen wie Stöcke. So unrund. So ohne Kurven. Und ich erwiderte nur, dass es nicht deren verdammte Aufgabe sei irgendjemandem zu gefallen außer sich selbst. Man selbst verbringt 24/7 miteinander. Man kann sich nicht von sich abwenden weil der Blick immer auf irgendwas von einem selbst fällt. Wie einen das Umfeld wahrnimmt kann für viele wichtig sein, aber vordergründig sollte man die eigene Wahrnehmung heranziehen. Und so verrückt es klingen mag. Diesen fiesen-miesen Bauchspeck unter den Muskeln, den man nur wegkriegt mit diesen Tricks die einem angepriesen werden, wenn man, was man ja nicht tut, auf Streamingseiten mal wieder Game of Thrones guckt. Solch Bauchspeck habe ich. Es ist nicht alles flach und fest im Lande Bracka nur weil die sich nun in der Kinderabteilung Blusen in Größe 170 kaufen kann.

Ja, ich habe abgenommen. Ja, ich bin ein bisschen stolz drauf. Und verdammte Scheiße, ich hab nix mehr anzuziehen. Aber verfickt und zugenäht möge man doch bitte aufhören mir zu sagen, was ich dürfte und was nicht. Man sollte sich lieber für mich freuen, dass ich es schaffe endlich Morgens etwas zu essen. Wie ein normaler Mensch. Das mit dem Mittagessen üben wir noch. Man hätte sich damals Sorgen machen müssen um mich. Oder man sollte sich einfach mal um seinen eigenen Scheißdreck kümmern. Ach man sollte so viel. Darauf erstmal ein „Gute Laune Dinkelstangerl mit Gewürzen“.

Eines Tages, Baby, werden wir tot sein

„Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein, und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“

Eines Tages, Baby, da werden wir richtig alt sein. Nicht dieses ich-bin-jetzt-30-und-habe-immer-noch-kein-Haus-keinen-Baum-kein-Baby-und-keine-Ahnung-vom-Leben-alt, sondern richtig verdammt alt. So alt, dass wir keine eigenen Zähne mehr tragen. Künstliches Gebiss können wir uns nicht leisten. So alt, dass wir nicht mehr unterscheiden können ob das unter uns eine Sitzheizung ist, oder doch der eigene Urin, der wärmend zwischen der Poritze hin und her schwappt, während wir unseren Raucherhusten der Kifferlungen versuchen zu unterdrücken. Wir werden so verdammt alt sein, dass wir uns keine Gedanken darüber machen ob wir Geschichten erzählen können, weil wir aus allem eine Geschichte machen werden. Jeder Tag wird eine Geschichte, jede Scheibe Brot eine Geschichte und damals, da schmeckte das Brot noch nach Brot und wir mussten es nicht vorher in 2 Liter Sagrotan einweichen, weil die Pestizide der Nahrungsmittel uns sonst von innen auffressen. Wenn wir uns denn Brot leisten können. Denn wir werden so alt sein, so unglaublich alt sein, dass wir gar nicht mehr wissen wie es ist nicht alt zu sein. Wir werden warten und hoffen und nicht sterben und kein Geld haben. Aber hatten wir das denn je? Wir werden die Leberschmerzen wegtrinken wie wir uns damals unsere Kreativität angetrunken haben. Wir werden einsam sein weil die jungen Menschen Partys wie Konfetti werfen und dabei vergessen wie es wohl sein wird alt zu sein.

Eines Tages, Baby, da werden wir richtig alt sein. Wir werden Flaschen sammeln oder versuchen unsere letzte Internetwährung bei ebay zu verhökern. Doch alles was wir finden sind die alten youporn-Links. Wir waren doch so frei. Wir konnten doch alles tun. Wir konnten Länder bereisen und uns besaufen an den Menschen und dem Leben und wir haben es aufgefressen dieses Leben. So lange haben wir daran gesaugt bis nur noch eine Hülle übrig war. Lustlos lag es dann da wie eine Weißwursthaut an einem Frühschoppensonntag.

Eines Tages, Baby, da werden wir richtig alt sein. So alt, dass uns egal ist ob wir was zu erzählen haben, weil es da weh tut und hier auch und wir am besten einfach überall da hindeuten wo es nicht weh tut. Mutlos lassen wir den Finger in den Schoß fallen. Denn es tut überall weh. Wir haben Sport betrieben und uns gesund ernährt. Wir haben geyogat und gejoggt und gezumbat und getanzt in die Nächte voller grüner Wolken. Gekotzt in Gärten, in die der anderen. Die, die wir nie sein wollten weil wir doch leben und lebendig sind und „Lebe doch verdammt nochmal jeden Tag als wärs dein letzter, auch wenn am Ende nicht doch ein Herzinfarkt auf dich wartet.“

Eines Tages, Baby, da werden wir uns daran erinnern wie egoistisch wir waren. Wie geil wir waren auf diesen Style, dieses mehr-sein. Wir werden allein sein und keinem sagen können, dass er uns etwas bedeutet. Wir werden alt sein und hoffen, dass wir bald tot sind. Uns wird es egal sein, dass wir keine Geschichten zu erzählen haben, denn eigentlich, ja eigentlich, wollen wir doch nur endlich tot sein.  Denn Baby, eines Tages werden wir so alt sein, dass die fehlenden Geschichten unser kleinstes Problem sein wird. Denn frag sie doch, Baby, die Alten. Die richtig Alten. Die, die durch die Fußgängerzone laufen und Plastikflaschen aus stinkenden Mülleimern sammeln. Frag sie doch einfach mal, ob sie dir eine nette kleine Geschichte erzählen wollen. Von den lila Wolken. Oder dem Dopamin. Frag sie.

Denn Baby, eines Tages, da werden wir genau so alt sein. Wir werden in ihre Fußstapfen treten und einen Fick drauf geben, ob wir jemals wirklich gelebt haben. Weil plötzlich das Leben mehr ist als eine Ausschüttung von Glücksgefühlen.