Schlafende Pendler

Schlafende Menschen in der Bahn. Ich könnte sie stundenlang beobachten. Nicht weil sie lustig grunzen, mit weit geöffnetem Mund jede kleine Fliege inhalieren, die an ihnen vorbeihuscht, sondern weil sie etwas ausstrahlen, was mich beruhigt. Ich romantisiere den Moment, ich weiß. Die meisten Menschen schlafen in der Bahn ein, weil sie nunmal müde sind. Fünf Tage die Woche pendeln sie. Erst mit dem Auto zur Haltestelle. Dann eine Stunde in dem wackelnden Gefährt bis zum Ziel. Die Nacht zuvor wenig geschlafen weil Baby oder Party oder Gartenzaunstreichen bis der letzte Sonnenstrahl von der Nacht verschluckt wurde. Sie versuchen zu lesen oder zumindest einem Hörbuch zu lauschen. Die Müdigkeit haut ihnen mit einem Knüppel auf den Kopf. Doch mir sind diese Dinge egal. Ein schlafender Mensch strahlt Unschuld aus. Auch wenn die Träume in dessen Kopf morbide sein könnten, sie wären doch nur Träume und keine Realitäten, bei denen man vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Das Gesicht ist entspannt. Nicht jeder sieht dabei schön aus, doch man hat das Gefühl, dass all die Last, die auf den Schultern dieser Pendler sitzt, abgeworfen wurde. Zumindest für einen kurzen Moment. Sie vertrauen. Einfach so. Den Menschen um sich herum, dass sie ihnen kein Leid antun. Sie vertrauen ohne die anderen zu kennen. Das alles strahlen sie aus. Ich möchte es aufsaugen und mitnehmen. Nicht schlafend möchte ich entspannt, unschuldig und vertrauend sein, sondern wenn ich wach bin. Doch dann hört man Geschichten. Handtaschen, die aufgeschnitten wurden, während man schlief. Fest im Arm gehalten. Vertrauen an der falschen Stelle. Und wenn man schon nicht mehr darauf bauen kann, dass einem im Schlaf kein Leid zugefügt wird, wie soll man das, wenn man wach ist!? Also bleibe ich wach, hellwach. Misstraue, bin selbst ein bisschen verschlagen, verdecke meine Karten, auch wenn sie miserabel sind. Der Nacken verspannt und jeder Muskel in Warteposition um schnell aufzuspringen oder jemanden anzuspringen. Für einen kurzen Moment, da beruhigen sie mich. Die schlafenden Pendler. Ich verliere mich in der Unschuld ihrer Gesichtszüge und schmunzle, ohne Wertung, wenn sie schnarchen. Ob ich selbst in der Bahn schlafe? Ich bin doch nicht bescheuert. Da sitzen so Psychopaten. Die starren einen an und wollen einem nur Schlechtes. 
  

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