fast 30

Bald werde ich 30. Zuerst werde ich erstmal 29 aber was ist das schon, dieses 29? Nichts Halbes und nichts Ganzes. Nur eine Zahl die man sowieso wieder vergisst sobald man sich die Seele aus dem Leib gepustet hat weil man die unglaublich vielen Kerzen auf der imaginären Torte ausgepustet hat.

Menschen die 30 sind, die sind so unglaublich alt. Flüstert mir zumindest der kindliche Teil in mir zu. Damals, als wir noch albern waren und uns für so erwachsen hielten wenn wir paffend am Busbahnhof standen und versuchten dabei nicht zusammenzubrechen, weil das Nikotin in unsere Gehirne polterte. Menschen die 30 waren, die hatten Autos und heirateten und fingen an Häuser zu bauen um darin Kinder zu machen. Menschen mit 30 ,die hatten Jobs und fuhren jedes Jahr einmal für zwei Wochen irgendwo in den Urlaub um strandgebräunt wieder zurückzukommen. Menschen mit 30 waren langweilig und auch irgendwie peinlich wenn sie sich doch mal auf dem Dorffest besoffen haben. Man hatte immer im Hinterkopf, dass man sich doch, wenn man schon so groß und erwachsen ist, nicht mehr so aufführen sollte. Das dürfte man dann nicht mehr und man guckte verschämt irgendwo anders hin und nippte betroffen an seinem Bier. Auf Konzerten guckte man sie an wie Aliens, denn das waren sie. Wesen von einem anderen Planeten. Man selber sah sich nicht mit 30. Es war doch noch so weit weg. Erst vor Kurzem war man doch noch 19 und feierte rotzbesoffen in seinem 1-Zimmer-Appartement mit einem Kasten Bier und Obstkuchen diesen Geburtstag. Und eigentlich ist man doch erst Mitte Zwangig, weiß nicht was man mit sich anfangen soll, bricht das Studium ab und sucht einen Job weil es endlich an der Zeit ist zu arbeiten weil man dann zu alt ist, wenn man denn mal fertig werden würde mit diesem Studieren um dann wirklich zu arbeiten.

Und plötzlich ist man angekommen an dieser fast-30. Statt Sangria aus Tetrapacks kauft man Weißwein. Man isst Döner weil man sich das mal wieder gönnt und nicht weil es das einzige ist was gerade greifbar ist. Man tritt dem Mieterschutzbund bei und rechnet sich aus wie lange der Monat noch ist und wieviel Geld man denn noch zur Verfügung hat um Essen zu kaufen, statt es an einem Abend in der Dorfdisko für Wodka-Redbull und Pils auszugeben.

Plötzlich der Gedanke, dass man vielleicht reifer werden müsste. Dass man sich nicht mehr so kindisch verhalten sollte und alle Baggys und T-Shirts mit lustigen Aufdrucken der Altkleidersammlung spenden sollte. Der kurze Gedanke, dass man das Nasenpiercing rausnehmen und sich keine Gedanken mehr darüber machen sollte, welche Stelle man sich mit welchem Tattoo als nächstes verschlimmbessern könnte. Immer wieder die Frage ob man denn überhaupt Kinder haben möchte, während man anderen dabei zuguckt wie sie es einfach tun und man sich selber sagt, dass man alt genug dazu wäre aber eigentlich nicht alt genug ist, um diese Verantwortung zu übernehmen. Die ständige Frage ob man vielleicht noch Talente in sich entdeckt und diese nutzen könnte während man jeden Tag damit verbringt die Standardbegrüßung in ein Headset zu säuseln. Und dann ein weiterer Schluck vom Wein, der kurze Gedanke wie beschissen Tetrapack-Sangria schmeckt und plötzlich weiß man gar nichts mehr. Hofft, dass es schnell rumgeht dieses älter werden und es nicht all zu sehr weh tut. Und 29 ist ja noch nicht 30. Ein Jahr und ein paar Tage habe ich noch Zeit um wirklich erwachsen zu werden. Die Frage ist nur ob ich das wirklich will.


Roter Lippenstift

Und irgendwann ist alles gestorben. Um dich herum, alles tot. Nur du bist noch da und atmest und scheidest aus was du aufgenommen hast, um mehr Platz zu schaffen für die Dinge die du aufnehmen musst um das mit dem Atmen hinzubekommen. Das Sterben hast du verpasst. Verschlafen vielleicht. Der Tod kritzelte einen Termin in deinen Kalender und du hattest den Wecker vergessen zu stellen. Haustiere, Menschen, sogar die Gegenstände um dich herum, sind alle irgendwann gestorben. Als letztes die Kaffeemaschine. Gurgelte noch einige Male verbittert und schloss sich dann kurz.

Manchmal stellst du dich nackt vor einen Spiegel, mit deiner alten grauen Haut, und fragst dich woher du denn überhaupt wissen sollst wie dieses Sterben funktioniert, wenn es dir doch keiner beigebracht hat. Du starrst dir selber Löcher in die weiche Haut und hoffst wenn du dich ganz stark konzentrierst auf dieses Sterben, dann könnte der Tod vielleicht Mitleid haben mit dir und dich holen. “Sie hat sich stets bemüht.” Und weil du sonst nichts hast außer dich und dein nacktes Spiegelbild und du dich nicht mehr erinnern willst wie alles war als alles noch lebte um dich herum trinkst du. Denn wenn du dich ohne zu trinken an diese Zeit erinnerst, dann fühlst du im Rachen nur einen bitteren Spuckegallekotzegeschmack. Du gehst in eine dieser Eckkneipen. Eine in der sich die Leute schon Morgens treffen, sich dort ihre Familie suchen und sich ab und an gegenseitig in die Unterhosen fassen in denen immer ein bisschen Urin und Kot zu finden ist. Aber zu denen gehörst du nicht. Du bist die Dame die in der hintersten Ecke sitzt, dir eine Flasche Sekt bestellst und nach schwerem Parfum riechst, bei dem ein einziger Tropfen mehr kostet als das was die Anderen um dich herum in ihrem ganzen Leben für Parfum ausgeben.

Du trägst roten Lippenstift. Einen bei dem deine Mutter gesagt hätte er lässt dich wie eine Nutte wirken. Vielleicht willst du das ja sein. Du hast einmal ein Buch gelesen über eine Frau in deinem Alter die sich irgendwann, weil sie nicht schlafen konnte, mit Männern zum Sex traf. Einfach so. Vielleicht solltest du das auch machen. Aber dann müsstest du wieder sprechen und kennenlernen und am Schluss wärst du doch einfach wieder alleine und würdest Löcher in jede einzelne Falte deines nackten Körpers starren. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass du einen kleinen Spritzer Leben in dir tragen würdest.

Jeden Morgen wenn du aufwachst bist du ein bisschen enttäuscht von dir selber. Fühlst deinen flachen Puls in der Hoffnung, dass du vielleicht doch gestorben bist und es eben so ist diese tot sein. Wie leben, nur ohne Puls. Aber dann machen sich deine Körperfunktionen wieder bemerkbar und der Kopf verlangt nach seinem Alkohol und irgendwie fängt so ein Tag nunmal immer wieder von Neuem an.


Nice to meet you

Inspiriert von wunderbaren Texten wie diesem, jenem und dem hier, und Dank der Tatsache, dass ich nunmal keinen Alkohol mit Blubberblasen vertrage, zwingt mich mein Unterbewusstsein zu dieser Bestandsaufnahme. Wir werden sehen wohin das hier führt.

 

Ich rauche wie ein Schlot. Ich weiß nicht ob ich das wirklich mache weil ich es muss, oder weil ich es will, ob es der Genuss ist, der mich dazu bringt mir jeden Tag eine neue Schachtel zu kaufen. Ich hatte mit 16 eine Beziehung zu einem anderen Mädchen. Der erste Kuss fand statt als Stefan Raab im Fernsehen versuchte lustig zu sein. Ich lebte damals in einem Mädchenwohnheim und bediene hiermit alle Klischees. Ich versuchte mich selbst zu verletzen. Mit einer stumpfen Schere. Als es anfing weh zu tun, drückte ich ein bisschen Blut aus den kleinen Wunden und war zufrieden, kratzte so lange den Schorf von den winzigen Kratzern, sodass ich noch heute kleine Narben davon habe. Ich liebe das Geräusch von knisterndem Kandiszucker. Ich vermisse meine Eltern. Mal mehr, mal weniger. Beide weil sie tot sind. Manchmal spiele ich bewusst die „Ich bin ein armes Mädchen ich habe keine Eltern mehr.“-Karte aus. Danach schäme ich mich aber genau zu dem Zeitpunkt kann ich oft nicht anders. Ich habe gekifft, wäre einmal beinah dabei erstickt. Speed kenne ich nur aus dem kläglichen Versuch einen kleine Rest von einer Zeltplane wegzurotzen. Ich habe fast ein halbes Jahr meines Lebens damit verbracht mich jeden Tag zu besaufen und mit so vielen Männern wie nur möglich zu knutschen. Ich war verlobt und nahm es sehr ernst. Ich kann kleinen Babys kaum was abgewinnen außer ich habe einen persönlichen Bezug zu den Eltern. Wenn nicht, dann sehen sie für mich alle gleich aus und sind in meinen Augen das Gegenteil von süß. Ich habe in unserer jetzigen Wohnung ein eigenes Zimmer das eigentlich nur als Abstellraum dient. Ich kann mir Situationen sehr genau merken, die dort stattfindenden Dialoge, aber wenn ich aufzählen soll welche Autoren ich gerne lese, bleibe ich meist stumm weil ich mir die Namen nicht merken kann. Ich fuhr nur wegen Sex in eine andere Stadt um dort einen mir eigentlich fremden Menschen zu treffen. An die Dinge, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnern kann, kann ich mich eben nur erinnern, weil sie mir so erzählt wurden. Ich mag Nähe von den richtigen Menschen und manchmal wird mir diese Nähe zu viel, sodass ich zum Monster mutiere, dass brüllend alles von sich stößt was sich im näheren Umfeld befindet. Ich habe wenige Freunde weil ich zu faul bin Freundschaften zu pflegen und weil ich weiß, dass alles endet, irgendwann, und ich es nicht ertrage, dass es so ist. Ich war ein einziges Mal auf einer Twitterlesung, hatte Herzrasen, trank ein Bier und verschwand dann ohne auch nur mit einer anderen Person zu sprechen. Ich hatte keine einzige Kinderkrankheit und habe jetzt panische Angst davor an eben solch einer zu sterben. Ich achte zu wenig auf meinen Körper und ich weiß, dass er mir das irgendwann heimzahlen wird. Ich gehe gerne auf Konzerte, hasse es jedoch mitten in der Menge zu stehen und mich von der Masse antreiben zu lassen doch genau jetzt so richtig abzugehen. Vordere Box rechts. Mein Platz. Seitdem mein Exfreund mit mir Schluss gemacht hatte, kann ich nicht mehr mit Geld umgehen. Vorher war der Dispo eine Sache die ich niemals im Leben anpacken würde. Ich habe studiert, bis zum Vordiplom, und habe dann beschlossen doch lieber arbeiten zu gehen. Meine Ausbildung habe ich gemacht nicht weil es mir liegt, sondern weil es sich zufällig ergab. Ich trage 6 Tattoos auf meiner Haut und jedes hat eine Bedeutung für mich. Ich würde mich gerne für Politik, Feminismus, Kunst, Poesie, etc. interessieren aber dann siegt die Faulheit. Ich esse gerne die Zitronen die man in das Glas Cola geworfen bekommt. Wenn ich versuche besonders leise zu sein, bin ich besonders laut. Ich habe eine 12jährige Katze und habe schon jetzt Angst vor dem Tag an dem sie stirbt. Ich bin ein Mädchen, dass sobald eine Kamera gezückt wird, kreischend die Hand vors Gesicht hält, oder den Stinkefinger zeigt. Ich wäre bei einem Backstreet Boys-Konzert beinahe verprügelt worden, weil ich gegen eine halbvolle Dose Bier getreten bin, die dann einen Halbstarken eingesaut hat. Ich habe mich noch nie geprügelt und könnte es wohl auch nicht, nicht mal wenn ich mich verteidigen müsste. Ich weiß, dass ich einen Jungen kennenlernte der mit mir immer in einen Holzschuppen ging. Wir hatten ein Geheimnis aber ich kann mich nicht mehr erinnern was das war. Ich weiß nur, dass es nicht richtig war was er mit mir gemacht hatte, weil er viel älter war als ich und ich nicht wusste was da passierte. Ich ertrage Beleidigungen jeglicher Art aber wenn man mir sagt ich sei dumm, raste ich aus. Ich war Mitglied in einem Eislaufverein, bei der Feuerwehr, in einem Volleyballverein und bei den Pfadfindern. Das Ausland kenne ich nur aus dem Fernsehen. Außerdem besitze ich kein Fernweh. Zu groß die Angst, dass ich mich nicht verständigen kann. Ich hasse es in unbekannten Lokalen die Toilette zu suchen, weswegen ich immer jemanden mitnehmen muss der mir beisteht. Ich musste bei der Polizei eine Aussage gegen eine vermeintlich beste Freundin machen und verzeihe ihr noch heute nicht, dass sie mich so belogen und betrogen hat. Ich twitterte darüber, dass ich mit einem ekligen Typen rummache der dann über Umwege diesen Blog fand und mich dann darauf ansprach. Ich habe mich nicht rausgeredet. Ich hasse den Sommer weil ich meinen Körper lieber in weiten dicken Pullis verstecke. Ich habe nichts gegen die Saisonterroraktionen wie Weihnachten, Valentinstag oder Ostern. Sie sind mir egal. Ich schreibe manchmal Menschen Dinge, für die ich mich nach ca. 5 Minuten selber ohrfeigen möchte. Ich möchte so viele Menschen treffen und kennenlernen und dann werde ich von mir selbst davon abgehalten indem ich mir sage, dass ich nichts zu geben habe was interessant sein könnte. Ich kann Menschen schnell einschätzen und wenn ich bei dem ersten Blick denke, dass dieser Mensch ein Arschloch ist, bestätigt sich das früher oder später. Ich bin 28 Jahre alt und ich weiß noch viel zu wenig von mir und von dem was ich eigentlich auf dieser Erde will.


Der wichtige Wicht

Glatzkopf. Resthaar wegrasiert und alles was übrig blieb sind kurze Haarstoppel die nutzlos an der Kopfhaut kleben. Breite Schultern, Anzug, Lederschuhe mit dünnen Sohlen. Wichtiger Kopf mit wichtigem Handy und wichtigem Koffer mit Rollen unten dran um immer wichtig durch die Welt zu wichteln. Lautstarkes Telefonat mit lederbeschuhtem Fuß an der gegenüberliegenden Sitzbank. Ganz oft die Worte „Geschäftsführer“ und „Schweiz“ fallen lassen, denn dann ist man wichtig. Heute Abend noch eine Halloweenparty auf der man sich nicht verkleidet, denn wichtige Hamburger verkleiden sich nicht. Sogar das Spiel auf dem Handy mit Geräuschen die einem die Nervenbahnen zersägen. Denn man ist wichtig und so kriegt man die Aufmerksamkeit. Immer. Weil man doch so verfickt wichtig ist, so als Wicht.

Jedes Wochenende versucht er seine Frau zu besteigen. Brunftlaute die aus seinem dicken Hals kriechen denn das ist alles was er kann. Laut sein. Zwei Minuten besinnungsloses Gehämmer mit einem halbsteifen Penis. Und eigentlich will er doch einfach nur still sein. Manchmal. Sich klein machen. So klein, dass er wieder hineinpasst in den vertrockneten Uterus seiner Mutter. Aber er hat ihr versprochen was aus sich zu machen. Und nur wenn man laut ist, dann ist man wichtig und man kriegt Geld und dann kommen die Frauen und die Freunde und die Mutter kann stolz Bilder von ihrem Sohn zeigen wie er auf fremden Inseln große Fische in die Kamera hält und laut lacht.

Die ganze Woche war er unterwegs. Ist lachend in Ärsche gekrochen. Ein Lachen das klingt als würde man in eine Regentonne rülpsen. Hände hat er geschüttelt, fühlte sich dabei wichtig wie er diese Hände zerdrückte und das Geld auf seinem Bankkonto leise stöhnen hörte.

Manchmal will er verrückt sein. Vielleicht Frauenkleider anziehen. Oder barfuß durch die Fußgängerzone laufen und auf Trommeln schlagen bis die Fingerkuppen Hornhaut haben. Kiffen oder einfach mal keine Krawatte tragen. Vielleicht mal etwas spenden und es nicht von der Steuer absetzen. Aber wenn er das täte würde er merken, dass er doch nicht so wichtig ist. Das schon ein anderer wartet der ihn ersetzt und sich polternd lachend den Bauch hält. Er würde sein Leben führen, seine Frau besteigen, mit seinen Freunden Whiskey trinken. Es würde keinem auffallen wenn er der Mann wäre der zusammengekauert auf der Straße sitzt und fremde Menschen um ein paar Cent anbettelt. Und bevor ihn diese Gedanken zerfressen lacht er einfach. Auch wenn er weinen möchte. Bereitet sich auf die Gespräche vor, die er gleich führen wird. Und in denen wird er erzählen wie wichtig er doch ist. Dort in der Schweiz mit den Geschäftsführern.


Abkürzung

Eine dunkle Jahreszeit ist es. Diese Jahreszeit bei der sich jeder Schritt anfühlt wie der in einem Bahnhofsklo in der Provinz. Nasse Blätter gleichen geplatzten Kondomen und angepisstem Toilettenpapier. Dieses Dunkel in dem man nicht mehr unterscheiden kann ob man auf einen Hundehaufen steigt oder vielleicht doch auf einen toten Igel auf dem schon hunderte vor einem getrampelt sind.

 

Es ist eine Abkürzung die ich gehe. Zumindest bilde ich mir das jedesmal ein, wenn ich durch den winzigen schlecht beleuchteten Park rase. Durch die abgrenzenden Bäume sieht man die leuchtenden Wohnungsfenster in denen sich all das abspielt was man meistens gar nicht wissen möchte. Man müsste keine Angst haben, denn man ist doch umgeben von so viel Menschlichkeit. Von so vielen Telefonen und hilfsbereiten Türstehertypen die einen retten könnten, wenn was passieren würde. Aber trotzdem wird der Atem schneller sobald der erste Schritt getan ist. Zeige- und Mittelfinger in festem Griff um den Kopf des Schlüssels mit dem man im Falle des Falles zur Notwehr dem Angreifer in das Gesicht stechen könnte. Wenn man denn so weit kommen würde. Wenn man nicht vor Angst ihn einfach nur kitzeln würde mit der Spitze am Schlüsselende. Aber ich fühle mich sicherer. Vielleicht sollte man doch mit dem Baseballschläger das Haus verlassen. Niemand wird angegriffen, wenn er einen Baseballschläger bei sich trägt. Man könnte ihn wie der Bärenjude einschüchternd gegen alles schlagen was laute Plong-Geräusche macht. Alles um sicherer zu sein.

 

Es sind nur einige hundert Meter bis zur Haustür. Es kann eigentlich nichts passieren. Aber wir sind hier in einer Großstadt. Je mehr Menschen aufeinander sitzen, desto höher ist die Irrendichte. Weil sie fliehen, diese Irren aus ihren Kleinstädten. Weil sie auffielen. Weil die Bögen, die die Menschen um sie gemacht hatten zu groß wurden um dem Irrsinn in sich selbst nachgeben zu können. Und jeder kann es sein. Der Mann mit dem kleinen Hund. Der vielleicht auch Angst hat. Vielleicht vor mir. Weil ich hastig renne mit den Händen in meinen Taschen in denen Waffen stecken könnten um ihm sein weniges Rentengeld zu klauen. Oder die Jugendlichen die vielleicht nicht lachen weil sie sich freuen an dem Jungsein sondern lachen weil sie planen Böses zu betreiben. Denn in der Gruppe sind sie stark.

 

Nur keine Musik hören auf dieser kurzen Strecke. Man könnte sie überhören die Geräusche die Irre machen bevor sie einen überfallen. Kastanien die auf die Erde fallen, weil sie es leid sind an Bäumen zu hängen wo sie nicht beachtet werden, werden zu Schritten. Fester der Griff um den Schlüssel. Nur kein Blick auf das Handy, denn vielleicht ruft das kleine Leuchten die Irren heraus aus ihren Büschen in denen sie hocken und warten. Betrunkene auf Bänken die vielleicht nur jemanden suchen der ihnen zuhört weil sie sich selber nicht mehr zuhören können. Die Stimmen zu laut im Kopf und es muss raus. Ungefiltert. Nur nicht stehenbleiben. Der feste Griff um den Schlüssel und immer der Blick zu der beleuchteten Haustür. Was sollte schon passieren? Es sind doch nur hundert Meter.

 

Raus aus dem Park, ein kleiner Trampelpfad. Hindurch zwischen zwei Autos. Noch einmal den Schritt beschleunigen. Man weiß ja nie. Der Schlüssel liegt immer schwerer in der Hand. Die Luft die ganze Zeit angehalten. Denn sie können einen atmen hören die Irren. Zwei, drei, vier, fünf Schritte. Gehsteig. Blick in Fenster werfen. Ikea-Idyll das einem da aus dem Fenstern ins Gesicht gerotzt wird. Heile Welt in Milchglasoptik gehüllt. Ein weiterer Schritt und die Sicherheit hat mich wieder. Eilige Schritte hoch in den dritten Stock. Ein kurzer Blick auf den Baseballschläger und die Frage, ob man ihn das nächste Mal vielleicht doch mitnehmen sollte. Oder ob man einfach auf die Abkürzung verzichtet.


PMS

Ein alter Mann. Opa nennt man ihn. Und sein kleiner Enkel auf dem Schoß. Der Opa so unglaublich stolz. Streichelt dem Kleinen immer wieder über den Kopf und zeigt ihm die Welt die am Bahnfenster vorbei huscht. Sitze ihnen gegenüber. Lausche ihren kleinen Unterhaltungen. Grinse weil die Situation so unglaublich warmherzig ist. Zum Abschied lächelt mir der alte Mann stolz zu. So ein Opa wärst auch du gewesen.

Ein Lokal. Burger und am Nebentisch ein kleiner Junge der alles was man auf den Tisch stellt erstmal mit den Händen erkunden muss. Ein Elternpaar das mit sich und diesem kleinen Mann zufrieden ist. Ich muss lächeln. Muss den Kleinen immer wieder ansehen.

Ein paar Drinks später. Schon oft gab es diese Gespräche. Ich bestand immer darauf mich nicht festzulegen. Auch jetzt will ich es nicht machen. Und plötzlich gucke ich ihm in die Augen und sage ihm, dass ich es mir vorstellen könnte. Vielleicht. Dieses Kinderkriegen. Er guckt nicht erschrocken wie sonst. Vielleicht des Alkohols wegen. Oder weil es richtig ist. Ich argumentiere damit, dass wir eine bessere Generation schaffen könnten. Er lächelt.

(Ab wann setzt diese PMS-Sache eigentlich ein? Gibt es Torschlusspanik-PMS die man nicht beeinflussen kann?)

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Damals

Wie stolz sie sind. Diese Menschen auf Facebook, dass ihre Kindheit so wunderschön einfach war. Jeder von euch kennt mindestens einen davon, der einmal diesen wunderbaren Text verbreitet hat, in dem die eigene Kindheit in schillernden Farben beschrieben wird und das alles ohne HD. Und wie sehr ich mir doch dabei gegen die Stirn klatsche mit der flachen Hand.

Als ich aufgewachsen bin, ja, da habe ich mich dreckig gemacht. Da gab es ganze 4 Fernsehsender und die größte Freude war der Plastik-Traktor, mit dem ich einen toten Maulwurf spazieren fuhr. Es war genau so, wie es in diesen Texten beschrieben wird. Kein Wort ist gelogen. Was aber ganz gerne vergessen wird ist die Tatsache, dass wir den ganzen „Mist“, „Technikrotz“ und „unnötigen Klimbim“ einfach nicht hatten!!! Wenn ich Aussagen höre wie „Also meine Eltern ließen mich nicht so mit teurer Technik herumlaufen.“, wenn ein Kind an seinem iPhone rumspielt, dann entgegne ich, dass es wirklich schwer gewesen wäre die Technik aus jener Zeit mit sich herumzuschleppen. Natürlich hätten uns unsere Eltern den monströsen Röhrenfernseher in einen Bollerwagen packen können, aber das Kabel hätte doch sowieso nur bis in den kleinen Garten beim Nachbarn gereicht, wenn überhaupt, und wir hatten doch damals noch genug Dreck mit dem wir uns beschäftigen konnten.

Wenn wir damals die Möglichkeiten gehabt hätten, die diese Kinder, die wir heute als verzogen bezeichnen, dann hätten wir sie nutzen wollen. Wir hätten dem Weihnachtsmann kilometerlange Schreiben geschickt in denen wir die Vorteile der neuen Playstation aufgezählt hätten. Und tut nicht so. Auch bei euch gab es die Kinder mit den Konsolen die ihr beneidet habt. Wer den ersten Fernseher im eigenen Zimmer hatte war der Held. Als ich meinen ersten Gameboy, ein graues klobiges Monster mit schrecklicher Grafik, erhielt, bekam ich vor Aufregung weil Mario nicht so hüpfen wollte wie ich es vorgab, Fieber. Jede Form von Technik machte uns an und als die Eltern dann den ersten PC im Büro stehen hatten, schoben wir aufgeregt Disketten in den lustigen Schlitz und gaben wie wild Befehle in die Kommandozeile ein. Wir waren geil auf die Moderne. Nur wir bekamen sie nicht. Das ist der Unterschied. Wir hatten uns nicht bewusst dagegen entschieden, haben all den Ballast ,den wir nicht brauchen, von uns geworfen. Wir hatten einfach nicht die Möglichkeiten.

Und vor allem ist es doch so, dass die Menschen, die so laut rumposaunen, dass früher doch alles besser war, diejenigen sind, die die nächste Generation aufziehen wird. Sie hätten die Chance ihren Kindern den Mehrwert von Dreck und frischer Luft beizubringen. Aber es ist doch so viel einfacher. So viel einfach dem Kind eine portable Konsole in die Hand zu drücken als sich aktiv mit ihm zu beschäftigen.

Vielleicht war dieses Früher besser. Aber vielleicht war es auch einfach nur so, weil es einfach nichts gab.


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