A wie Anfang

Ich plante. Ein Buch. Noch bevor das Erste nur ansatzweise fertig war für Druck und Verkauf und Fame. Von Worten sollte es handeln. Von A bis Z. Doch Kurzgeschichten sind tot. Sagt man. Wenn man sie nicht vorträgt auf einer Bühne und es Poetryslam nennt. Der Plan ist weg. Die Texte noch da. Und hier einer. Der Anfang.

„Im Anfang war das Wort.“ Diese Bibelstelle wiederholt sie, wie ein Mantra, wenn sie mit ihren Freunden und einem seeligen Lächeln auf den Lippen am Jungfernstieg steht. Jeden Tag steht sie dort. Es ist wichtig das Wort zu verkünden. Sie soll retten. Die Anderen und auch sich selbst.

Als Ingrid frisch nach Hamburg gezogen war, hatte sie genaugenommen keine Meinung zum Thema Religion. Sie vertrat die Ansicht, dass ein jeder an das glauben sollte, was ihn glücklich macht. Ob ein Mann auf einer weißen Wolke oder ein dreiköpfiges Känguru das zu 90er-Jahre-Songs mit ungesalzenen Erdnüssen jonglieren konnte, war ihr ziemlich egal. Ihre Eltern waren nie religiös aber auch keine militanten Atheisten. Es war einfach nie zum Thema gemacht worden.

Ihren Start der neuen Stadt hatte sie sich leichter vorgestellt. Vorgewarnt war sie, denn die Hanseaten sind nicht allzu bekannt für ihre Herzlichkeit. Aber sie dachte, bei einer solch hohen Menschendichte, wäre es unglaublich simpel neue Bekanntschaften zu schließen. Nach drei Monaten erfolgloser Versuche voller unbeholfener Unterhaltungen und einsamen Weinorgien in ihrer kleinen Wohnung, war sie verzweifelt.

Verloren trottete sie die Mönckebergstraße in Richtung Alster. Am Jungferstieg sah sie dann eine Gruppe von Menschen. Sie wirkten so entspannt, hielten Schilder oder ein Magazin in ihren Händen. Dieses Magazin wurde von ihnen wohl verteilt aber nicht so wie andere Flyerverteiler, die ihre Zettel aufdringlich in die Gesichter der Passanten hielten. Ihre Kleidung ein bisschen bieder, aber sie strahlten eine solche Ruhe und Gelassenheit aus, sie wurde auf magische Weise in ihren Bann gezogen. Aus sicherer Entfernung beobachtete sie die Gruppe. Die meisten Menschen ignorierten sie. Und wurden sie doch beachtet waren die Reaktionen niemals positiv. Das machte sie traurig. Nach einigen Wochen in denen sie immer mal wieder bei der Gruppe vorbeisah, sie aber nie ansprach, nahm sie all ihren Mut zusammen und ging auf einen von ihnen zu. Sven hieß er. Er lud sie ein. Einfach so. Schon beim ersten Treffen, trotz der Gebete, fühlte sie sich wohl. Menschen die sie mit einem Lächeln berührten. Einfach so.

Einige Monate später hatte sie sich einen Freundeskreis aufgebaut. Sie war aktiv in ihrer Gemeinschaft und sie lernte viel Neues. Als sie zum ersten Mal dabei sein durfte, beim Missionieren am Jungfernstieg, war sie unglaublich stolz. Man vertraute ihr.

Jeden Tag der Woche steht sie nun hier. „Im Anfang war das Wort.“ Dieses Mantra half ihr, wenn sie Zweifel in sich aufkeimen spürte. Oder wenn die Blicke der Fremden zu bohrend wurden. Manchmal schaute sie neidisch hinter den Gruppen kichernder, junger Frauen hinterher, mit ihren Einkaufstüten und den To-Go-Bechern in der Hand. Doch sie wusste sie musste dankbar sein. Sie hatte endlich Anschluss gefunden und dazu noch eine Aufgabe, eine Mission.

Von weitem sah sie eine junge Frau. Verloren sah sie aus. Ingrid hatte sie schon öfter gesehen. Sie erinnerte sie ein bisschen an sich selbst. Zwischen all dem Trubel, dieser leere Blick. Diese kalte Einsamkeit, die sie umgab. Es dauerte einige Tage bis sie auf Ingrid zukam. Ingrid lächelte sie an, lud sie ein.

„Im Anfang war das Wort.“

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