Man wird sich ja wohl mal graue Haare wachsen lassen dürfen

30 werden. Das war eine große Nummer. Noch schnell eine To-Do-Liste geschrieben, die bis dahin abgehakt neben den leeren Bierdosen liegen sollte, wenn man hineingleitet in den Zustand 30. Damals stand nicht viel auf diesem Zettel. Ich glaube ich wollte mein Zimmer aufräumen. Habe ich auch gemacht. Zufrieden setzte ich ein rotes Häkchen und konnte endlich ohne schlechtes Gewissen 30 werden. Das war vor einem Jahr.

30 sein fühlte sich gut an. Es kam der Moment des Verstehens, dass es mir absolut egal sein kann, was andere Menschen von mir denken, solange ich mit meinem Verhalten und Auftreten niemanden kurzfristig oder nachhaltig schädige. Ich machte kurze Reisen, für mich große Schritte in die richtige Richtung. Ich begann mich zu finden. Versuchte mich nicht dauernd in Frage zu stellen und hörte auf das innere JA. Ich sagte plötzlich ja. Ja zu neuen Menschen, zu Erfahrungen. Vielleicht zu oft ja zu dem weiteren Bier… aber das ist ein anderes Thema. Kuschelig fühlte sie sich an. Diese 30.

Und vor einigen Tagen dann die 31. Unspektakulär. Jede Supermarkteröffnung löst wohl größere Gefühlsausbrüche aus, als dieser Geburtstag. Umgeben von Menschen die ich liebe, aber ohne ein Gefühl des „jetzt werde ich älter“-Werdens. Vielleicht ein kurzer Moment. Zwischen zwei Schluck Bier.

Und dann heute Nachmittag… nachdem das kalte China-Essen von gestern vertilgt war, ein forschender Blick des Freundes. Seine Aufmerksamkeit war auf meinen Kopf gerichtet. Ich dachte eine Nudel hätte sich dort verfangen. Kann passieren. Im Eifer des Gefechts… essen war noch nie eins meiner Talente. Er entdeckte es. Schob mich durch die Wohnung, vielleicht liegt es auch am Licht.

Das erste graue Haar!

Wahrscheinlich sind dort schon viele. Irgendwo in diesem Wust an ungekämmten, unförmig geschnittenen Haaren verstecken sie sich. Nun traute sich aber eins von ihnen raus. Raus in die Öffentlichkeit. Ohne Feuerwerk. Ohne großes Blasorchester. Ohne Sektempfang. Einfach so. Und als ich es genau betrachtete im Spiegel, war der erste Reflex weder es auszureissen oder mit Rotznase und Superheldenschlafhose in die nächste Drogerie zu laufen, um diesem einzelnen Haar mit Färbemitteln den Garaus zu machen. Ich nahm es hin.

Bis eben… es stört mich immer noch nicht. Zumindest nicht auf die Weise, auf die es mich stören könnte. Soll heißen der Ästhetik-Faktor ist mir egaler als jedes Finale jeglicher Castingshow oder die Tatsache, ob diese komischen Hampelmänner auf RTL2 denn nun endlich eine Frau finden, die sie ranlassen und gleichzeitig verstehen, welchen Blödsinn die Herren der Schöpfung von sich geben.

Viel mehr beschäftigt mich die Frage „Was nun?“

Ich bin 31. Das ist nicht alt. Wenn ich vielleicht mal anfangen würde auf meine Gesundheit zu achten (schrieb sie mit der Kippe im Mund und dem Bier neben sich… demonstrativ daneben die Packung Vitamine), ist das noch nicht mal die Hälfte meines Lebens.

Aber Menschen mit grauen Haaren. In meinem Kopf sind sie weise. In jedermanns Kopf sind das weise Menschen. Sie erinnern sich an geschichtliche Ereignisse, können Philosophen zitieren oder können zumindest benennen was sie am 7.8.19sonstwas um 14:53 Uhr gemacht haben. Ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern von welchem Strand der dunkle Sand ist, den ich in einem Anfall von Kitsch in ein Glas gepackt und auf ein Regal gestellt habe. Und das ist ganz sicher keine vier Jahre her.

Philosophen habe ich gelesen… einen. Die Hälfte eines seiner Bücher. Weil ich musste. Geschichte… ja damals. Krieg, bumm bumm, alle tot. Stimmt doch meistens immer, wenn es um Geschichte geht, oder? Vielleicht habe ich Talente, die ich weitergeben könnte. Grauhaarig wie ich bin, habe ich doch jetzt einen Lehrauftrag. Die heranwachsenden Kinder der Freunde. Die sollen doch was davon haben, dass ich nun grauhaarig bin. Bierflaschen mit einem Feuerzeug öffnen zählt da wohl nicht dazu. Nicht mal Geschichten vorlesen kann ich gut. Zwei Stunden ein Buch über Traktoren angucken. Nur mit Bildern. Das kriege ich sehr gut hin. Und Little Big Planet auf der PS Vita innerhalb von zwei Tagen durchspielen kann ich auch. Macht man das als grauhaariger Mensch überhaupt noch? Zocken?! Oder sollte ich jetzt nur noch bei gedimmten Licht Klassik hören und dabei dicke Wälzer lesen? Und damit meine ich keine Bücher die nur dick sind wie Twilight. Sprachen kann ich keine bis auf bruchstückhaftes „No thanks.“ auf die Frage ob ich eine Tüte oder den Kassenzettel haben möchte, wenn ich einkaufe. Ich habe nie den Führerschein gemacht, stricken kann ich immer noch nicht, nähen nur, wenn die Sachen krumm aussehen dürfen. Vom Backen wollen wir gar nicht erst anfangen.

Zusammengefasst die stumpfe Frage… was kannst du überhaupt? Was hast du, was du der Welt oder minimieren wir das Ganze, deinem Umfeld mitgeben kannst, was Wert und Sinn hat. Außer auf Fotos komisch zu gucken, super rülpsen und Ikea-Regale aufbauen zu können. Was ist der Wert dieser 31 Jahre?

„Oh Barbara… du hast so vielen Menschen blabla geschenkt. Blabla.“ Was auch immer blabla ist. Aber jetzt ist er wieder da, der Wunsch mehr als nur blabla zu sein, mehr als bodensatz, brackarawr. Nicht nur klugscheißen mit Halbwissen. Wirklich klug sein. Nicht nur dilettantisch alles ein bisschen können, sondern endlich DAS Talent aus sich herauskitzeln, welches in einem schlummerte. Nicht nur erleben, erinnern.

Blogeinträge endlich mal mit einem richtigen Ende versehen. Das könnte doch mal ein erster Schritt sein. Ein letzter Satz, nicht nur tausend offene Fragen. Eine runde Sache. Aber ich bin ja erst 31 und das ist das erste graue Haar. Bis es mit mir zu Ende geht hab ich noch genügend graue Haare, die ich mir wachsen lassen kann, wegen diesem Thema.

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