Unmensch

Jeden Morgen stehe ich auf und male mich. Nicht mich an. Nicht diese Nummer mit Eyeliner und Mascara. Ich male mein Selbst. So wie ich bin, sein will. Ich versuche ein echter Mensch zu sein. Ein guter. Einer, der denkt, bevor er spricht. Was selten funktioniert. Aber ich versuche gerecht zu sein. In dem was ich tue. In dem wie ich mich Menschen gegenüber verhalte. Und ich male mit Farben, die ich oft selbst nicht kenne. Manchmal treffe ich die richtigen Farbtöpfe und der Tag und die Begegnungen mit den Menschen um mich herum stimmen sich farblich ab. Dann war es ein guter Tag. Mit einem Lächeln. Und manchmal gibt es diese Disharmonie. Sie ist nicht schlimm. Sie ist nie so drastisch, dass man das Bild des Tages wegwerfen müsste, weil es in den Augen brennt. Aber das ist auch gut so. Sogar Van Gogh, Da Vinci und wie die ganzen Ficker heißen, die krasse Kunstkacke am Start hatten, heißen mögen, haben ganz sicher so manches Bild in die Tonne gekloppt.

Doch dann kommt der Tag an dem ein Mensch, der dir sonst positiv gesonnen war, einen Edding auspackt. Er nimmt ihn, setzt an und schreibt auf deine Stirn Unmensch. Vielleicht weil er nur verletzt ist, vielleicht aber auch, weil er dich verletzen will. Und dann wache ich auf, beginne zu malen, wie jeden Morgen. Aber da ist es. Dieses dicke, fette, krakelige ‚Unmensch‘. Auf der Stirn. Kein Farbton der es übertünchen könnte. Und ich frage mich, hat dieser Mensch Recht. Die Tage über, trotz dieses Tags auf der Stirn, tänzeln nette Menschen um einen herum. Sie malen an dir. An mir. Sie malen kleine Blumen und Herzen und versuchen dich zu versüßen. Mich zu versüßen. Ich nehme es war. Doch sehe ich nur dieses Wort. Und schlafe mit einem bitteren Geschmack von Selbstgerechtigkeit ein.

Die Tage vergehen, der Edding verblasst. Die Pinsel tun das was sie am besten können und ich versuche den Gedanken wegzuschieben. Halte mich zurück. Versuche zu verschwinden. Schattengrau zu werden, statt neongrün. Es funktioniert. Man nimmt mich nicht mehr wahr. Die Blümchen werden weniger. Und es umgibt mich das sichere Grau des Schweigens. Doch es reicht nur ein kleiner Klecks signalrot. Vielleicht nicht mit Absicht. Ein kleiner Tupfer dort wo das Herz sitzt, vielleicht auch die Seele. Und schon beginnen die Nächte kürzer zu werden weil die Gedanken toben und ich mich hinterfrage. Immer und immer wieder. Listen, die geschrieben werden. Menschen, die einen bestätigen, ohne es zu müssen. Aber man hört nicht hin. Tut es ab als Nettigkeit die es geben muss, sonst würde das Konstrukt Welt zusammenstürzen und verenden.

Tränen der Wut auf meinem Gesicht. Nicht stark genug um das Grau zu zerstören. Stark genug einzudringen. In mich. Mich zu hinterfragen. Mich stumm zu schalten.

Ich wollte nie gemocht werden. Immer nur akzeptiert. Ich wollte nie verletzen. Teste Grenzen, erkenne sie zu oft nicht. Und es schwappt immer wieder die Frage auf „Muss man mich wirklich so hinnehmen wie ich bin, oder bin ich einfach ein schlechter Mensch?“ Erkaufe ich mir Liebe mit Annehmlichkeiten, die ich anderen Menschen zukommen lasse? Bin ich ein Freier meiner Freunde? Was wäre wenn die Freigiebigkeit sein Ende fände? Stünde ich dann alleine da? Und vor allem, wäre es wirklich so schlimm?

Ich kippe die bunten Farben, die strahlenden, weg. Sehe keinen Sinn darin. Nicht im Moment. Es bleiben die Töne die an Wein, Bier, Whisky und an das Vergessen erinnern. Weil vielleicht hatte der Edding Recht…

Ich gehe zu Karstadt. Schreibwarenabteilung. Die Auswahl riesengroß. Weil es in dort selten einen Spiegel gibt, muss die Handykamera herhalten. Ich hole den dicksten Edding heraus, teste ihn, an mir. Mit dicken Lettern in Spiegelschrift ein ‚WER BIST DU ÜBERHAUPT?‘. Auf der Stirn. Das Wort ‚Unmensch‘ schimmert durch.

Ich ignoriere es und lasse den Stift einfach fallen.

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2 Gedanken zu “Unmensch

  1. Ich liebe es wie du sowas formulieren kannst. Finde viel von meinen Gedanken darin wieder.
    Auch dir die besten Wünsche fürs nächste Jahr.

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