Notizbuchfund 12.03.-13.03.2014 (Fiktion)

Wie große, dicke Vögel sitzen sie in ihren Foodpornmeilen, stopfen sich das rein, was sie sich im McFick ihres Vertrauens wieder abtrainieren. Das tun sie, in der Hoffnung bald jemanden zu finden, mit dem sie gemeinsam dort sitzen, fressen und ohne schlechtes Gewissen fetter werden können.

Auch sie war eine von ihnen. In jeder Mittagspause saß sie im Untergeschoss des Einkaufszentrums, nahm Nahrung aus Pappkartons zu sich und fragte sich ob es denn überhaupt auffallen würde, wenn ihr zwischen all den schmatzenden und kauenden Zombies spontan der Kopf platzen würde. Ihr Gehirn und eine Menge Blut würden sich spritzend über die grauen Gesichter legen.

Vielleicht würden sie kurz aufschrecken, hochsehen, wahllos einen suchenden Blick vergeuden und sich dann wieder den Stäbchen in ihren Pappkartons widmen.

Meistens sitzt sie da alleine. Eine Stunde hatte sie Zeit. In dieser einen Stunde musste sie nicht ihr Bürogesicht aufsetzen das so tut als hätte es Interesse an den Tupperpartystories, Neugeborenenfotos, auf denen immer mindestens ein Nippel zu sehen war, oder den eintönigen Lebensgeschichten ihrer Kollegen. Gesichtslos konnte sie werden. Sich einfügen in die graue Menschenpampe. Sie war eine von diesen Frauen die nicht zu schön waren, bei denen einem nicht der Atem stockte, wenn sie den Raum betrat. Aber sie war auch nicht hässlich. Die Schönheitsfehler, die ihr die Werbeindustrie einredete, konnte sie durch Besonderheiten, die in Komplimenten immer wieder auftauchten, wieder wettmachen. Am Ende war sie optisch gesehen eine Nullbilanz. Ihr Leben Standard. Schule, Studium, ein bisschen kiffen. Knutschen mit der besten Freundin und dies als lesbische Erfahrung abhaken. Männer, mal mehr und mal weniger verliebt, einfaches Elternhaus ohne sichtbare Ecken und Kanten, denn die wurden mit einer dicken Schicht Luftpolsterfolie versteckt.

Job, neue Stadt, IKEA, Fickbeziehungen in denen sie sich verliebte, weil sie das Gefühl des verliebt seins mehr mochte als die des Fickens. Je tiefer sie in den Job rutschte, in diesem jungen und so unglaublich aufstrebenden Unternehmen, desto weniger fiel es ihr auf, dass ihr Lachen klang wie das scheppernde Kichern einer „Ich hab dich lieb, bitte schneide mir nicht die Haare, die wachsen nie mehr nach“-Barbie. Sie wurde immer mehr Roboter. Hörte Musik, weil sie da war. Las Bücher, weil man ihr sagte das „müsse man gelesen haben“, denn „das ist purer Hirnfick mit einer Machete die auf Teilen ist.“. Sie kaufte Kleidung die ihr gefallen musste, weil wenn sie hässlich wären, warum gab es sie dann in 1000 verschiedenen Varianten.

Sie fing an nichts mehr zu fühlen. Zumindest konnte sie sich nicht mehr daran erinnern. Aber wann sollte sie auch Zeit haben für dieses Fühlen, wenn ihr Leben doch so geschäftig war. Meetings, Dates, Shoppen, Planen. Da blieb kein Platz für ein Gefühl.

Eines Abends hatte sie plötzlich Zeit. Einfach so. Ein Termin wurde abgesagt. Meistens hatte sie für solche Fälle immer Alternativen. Und wenn es nur das Umsortieren des Bücherregals war. Es gab doch immer was zu tun. Da saß sie nun. Sie und diese Zeit mit der sie nichts anfangen konnte. Erwartungsvoll glotzte sie die Zeit an. Vielleicht würde ihr jetzt die zündende Idee kommen. Aber es passiertes nichts. Die Zeit hatte Mitleid mit ihr und wollte ihr helfen. Sie waren lange Zeit nie füreinander da gewesen. Sie nahm sie an die Hand und zog sie in die Badewanne. Die Zeit ließ ihr ein Schaumbad ein und reichte ihr zu ihrem Glas Wein eine Rasierklinge. Die Zeit wollte ihr wieder beibringen zu fühlen. Welches Gefühl das sein würde, war der Zeit erstmal egal. Und eins der Gefühle das man sicher bemerkt, auch wenn man schon lange vergessen hat, wie das ist, ist ja wohl der Schmerz. Das wusste die Zeit. Denn sie ist diejenige, die diese Wunden verarztet, die Aufplatzen, wenn der Schmerz zu groß wird.

Sie wusste zu Beginn nicht was sie mit der Rasierklinge anfangen sollte, die ihr die Zeit gereicht hatte. Vielleicht wollte sie sich auch einfach nicht eingestehen worauf das hinauslaufen würde.

Der erste Schnitt in den Oberschenkel war kurz und fühlte sich ein bisschen leer an. Aber als die Schnitte tiefer und länger wurden, sie dem Badewasser dabei zusah wie es sich rot färbte, fing sie plötzlich wieder an mit diesem Fühlen. Zumindest zum Teil. Das Leben leuchtete dadurch nicht bunter und heller. Sie füllte es weiterhin mit Dingen die sie vergessen ließen, dass dort vielleicht doch mehr sein könnte. Sie saß weiterhin jeden Tag bei den dicken Vögeln und stellte sich vor wie ihr Kopf aussehen würde, wenn er genau jetzt platzt.

„Unsere Weiterfahrt verzögert sich aufgrund eines Rettungswageneinsatzes auf unbestimmte Zeit. Schienenersatzverkehr steht Ihnen an den Bushaltestellen zur Verfügung. Wir entschuldigen uns für die Unanehmlichkeiten und danken Ihnen für Ihr Verständnis.“

Die graue Masse, mit der sie sonst vom Fresstempel in die Bürokäfige fuhr, schüttelte im Kollektiv den Kopf. Sicher wieder einer, der sich auf die Gleise gelegt hatte. Sie konnten alle nicht wissen, dass sie das nur gemacht hatte um vielleicht doch ein bisschen mehr zu fühlen. Mehr als in der Badewanne wenn die Zeit ihr die Klinge reichte. Und wenn es nur für einen kurzen Moment die Angst vor dem Tod war.

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