Geburtstort

Bayern. Ich zucke mit den Schultern. „Wann fährst du denn mal nach Bayern?“, fragen sie. Nicht viele. Aber sie fragen. Und ich zucke mit den Schultern und eine innere Stimme flüstert „Nie wieder.“. Sie nennen es meine Heimat. Ich nenne es Geburtsort. Nichts wofür man sich schämen sollte, worauf man aber auch auf keinen Fall stolz sein kann. Dinge passieren, Kinder werden geboren und weil es Bayern nunmal gibt, werden auch dort, weil die Menschen sich nunmal fortpflanzen, kleine Babys geboren. Heimat war es nie. Und wenn sie dann weiterfragen, warum denn nicht oder warum ich es denn nicht wüsste, weil man wolle doch sicher mal wieder in die alte Heimat, zucke ich weiter mit den Schultern und sage Dinge wie „Weil ich nichts vermisse.“, „Schon mal ein Bahnticket gekauft von Hamburg nach Bayern?“ oder „Keine Zeit.“

Alles Dinge, die irgendwie, so für sich selbst eine kleine Wahrheit enthalten. Aber der Hauptgrund, wenn ich in mich horche ist, dass ich mich der Konfrontation der „Zurückgebliebenen“ nicht stellen möchte. Sie gucken einen an. Mit diesem Blick der einem sagt, dass sie Großes von einem erwarten. Weil man ist nicht nur vom Land in eine größere Stadt gezogen. Nein. Man hat den Schritt gewagt fast bis an das andere Ende von Deutschland zu ziehen. Und so eine Großstadt, die pulsiert doch und man erlebt ständig verrückte Sachen und trifft seltsame Menschen und ist auf Hinterhofpartys eingeladen die darin enden, dass man splitterfasernackt in der Elbe schwimmen geht und dabei der Sonne beim Aufgehen zusieht. Man trinkt nur noch Starbuckskaffee und isst Gerichte deren Namen man nicht aussprechen kann. Das Leben, wird erwartet, wird so viel aufregender sein als am Land. Da wo man geboren ist. Weil die Großstadt… Da trifft man doch dauernd Künstler und vielleicht wird man selber Künstler und eröffnet einen eigenen Laden in dem man seine mundgeschnitzten Briefbeschwerer verkauft. Oder man geht ständig ins Theater. Weil Großstadt eben…

Und wenn sie einen dann angucken und Geschichten erwarten, dann kann man nur erzählen, dass man südlich der Elbe wohnt. Und nein, man kann da nicht auf die Elbe gucken. Man fährt ins Büro, geht danach Wolle kaufen. Und nein, im Büro kann man auch nicht auf die Elbe gucken. Aber der Kiez… ja der ist da. Manchmal versumpft man dort. Zusammen mit den Touristen. Guckt sie an, wie sie aufgeregt und verschämt an den Damen am Hans-Albers-Platz vorbeilaufen und kichern. Aber selten. Weil man doch nur ein kurzes Wochenende hat. Und es ist noch so viel zu erledigen. Und man setzt sich nicht stundenlang an die Landungsbrücken. Kann man auch gar nicht. Weil da sind die Touristen. Und man will nicht aussehen wie ein Tourist. Und eigentlich will man die Touristen schubsen, weil die so langsam sind und so langsam gehen und gucken und immer eigentlich gar nicht wissen wo sie gerade hinwollen.

Und dann kann ich nichts erzählen, außer, dass ich plötzlich gerne Dinge mache wie sticken. Und häkeln. Und nen Freund, ja den hab ich auch. Und den Kater, immer noch. Aber sonst. Ja nix. Und sie wirken so betroffen. Sind enttäuscht, weil wozu denn dann in die große Stadt ziehen, wenn man nicht mehr macht als zuvor und eigentlich das selbe macht.

Weil ich es kann. Weil ich dort in diesem Bayern immer das Gefühl hatte ich müsste erleben. So viel erleben, dass mir der Kopf platzt wegen den Bildern und den Farben und den Tonnen an Erfahrungen. Und jetzt wo ich hier bin. Hier, wo man erleben könnte, wenn man doch nur wollen würde, dann will ich nicht. Es reicht zu wissen, dass ich könnte. Es reicht das Gefühl rausgehen zu können und schon wär es da. Das Erleben. Man müsste nur danach greifen. Aber ich entscheide mich frei dazu, dass ich es nicht möchte. In Bayern, ja da war es anders. Da wurde ich gezwungen nichts zu erleben. Wie aufregend es war, wenn wir biertrinkend an der Tankstelle saßen. Es reichte mir, uns. Für diesen Moment. Manchmal vermisst man diese Momente. Aber jetzt. Da hat man genug Bandbreite, eine eigene Couch, versorgt sich selbst und will nicht mehr raus, weil man es nicht kann, sondern will nicht raus, weil man nicht möchte.

Bayern? Frage ich mich. Was soll ich da denn? Außer Leberkäse essen und eine Stunde auf den nächsten Bus warten?! Da rege ich mich doch lieber mit nem Franzbrötchen in der Hand darüber auf, dass ich jetzt wirklich 4 Minuten auf die nächste Bahn warten muss.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s