Eines Tages, Baby, werden wir tot sein

„Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein, und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“

Eines Tages, Baby, da werden wir richtig alt sein. Nicht dieses ich-bin-jetzt-30-und-habe-immer-noch-kein-Haus-keinen-Baum-kein-Baby-und-keine-Ahnung-vom-Leben-alt, sondern richtig verdammt alt. So alt, dass wir keine eigenen Zähne mehr tragen. Künstliches Gebiss können wir uns nicht leisten. So alt, dass wir nicht mehr unterscheiden können ob das unter uns eine Sitzheizung ist, oder doch der eigene Urin, der wärmend zwischen der Poritze hin und her schwappt, während wir unseren Raucherhusten der Kifferlungen versuchen zu unterdrücken. Wir werden so verdammt alt sein, dass wir uns keine Gedanken darüber machen ob wir Geschichten erzählen können, weil wir aus allem eine Geschichte machen werden. Jeder Tag wird eine Geschichte, jede Scheibe Brot eine Geschichte und damals, da schmeckte das Brot noch nach Brot und wir mussten es nicht vorher in 2 Liter Sagrotan einweichen, weil die Pestizide der Nahrungsmittel uns sonst von innen auffressen. Wenn wir uns denn Brot leisten können. Denn wir werden so alt sein, so unglaublich alt sein, dass wir gar nicht mehr wissen wie es ist nicht alt zu sein. Wir werden warten und hoffen und nicht sterben und kein Geld haben. Aber hatten wir das denn je? Wir werden die Leberschmerzen wegtrinken wie wir uns damals unsere Kreativität angetrunken haben. Wir werden einsam sein weil die jungen Menschen Partys wie Konfetti werfen und dabei vergessen wie es wohl sein wird alt zu sein.

Eines Tages, Baby, da werden wir richtig alt sein. Wir werden Flaschen sammeln oder versuchen unsere letzte Internetwährung bei ebay zu verhökern. Doch alles was wir finden sind die alten youporn-Links. Wir waren doch so frei. Wir konnten doch alles tun. Wir konnten Länder bereisen und uns besaufen an den Menschen und dem Leben und wir haben es aufgefressen dieses Leben. So lange haben wir daran gesaugt bis nur noch eine Hülle übrig war. Lustlos lag es dann da wie eine Weißwursthaut an einem Frühschoppensonntag.

Eines Tages, Baby, da werden wir richtig alt sein. So alt, dass uns egal ist ob wir was zu erzählen haben, weil es da weh tut und hier auch und wir am besten einfach überall da hindeuten wo es nicht weh tut. Mutlos lassen wir den Finger in den Schoß fallen. Denn es tut überall weh. Wir haben Sport betrieben und uns gesund ernährt. Wir haben geyogat und gejoggt und gezumbat und getanzt in die Nächte voller grüner Wolken. Gekotzt in Gärten, in die der anderen. Die, die wir nie sein wollten weil wir doch leben und lebendig sind und „Lebe doch verdammt nochmal jeden Tag als wärs dein letzter, auch wenn am Ende nicht doch ein Herzinfarkt auf dich wartet.“

Eines Tages, Baby, da werden wir uns daran erinnern wie egoistisch wir waren. Wie geil wir waren auf diesen Style, dieses mehr-sein. Wir werden allein sein und keinem sagen können, dass er uns etwas bedeutet. Wir werden alt sein und hoffen, dass wir bald tot sind. Uns wird es egal sein, dass wir keine Geschichten zu erzählen haben, denn eigentlich, ja eigentlich, wollen wir doch nur endlich tot sein.  Denn Baby, eines Tages werden wir so alt sein, dass die fehlenden Geschichten unser kleinstes Problem sein wird. Denn frag sie doch, Baby, die Alten. Die richtig Alten. Die, die durch die Fußgängerzone laufen und Plastikflaschen aus stinkenden Mülleimern sammeln. Frag sie doch einfach mal, ob sie dir eine nette kleine Geschichte erzählen wollen. Von den lila Wolken. Oder dem Dopamin. Frag sie.

Denn Baby, eines Tages, da werden wir genau so alt sein. Wir werden in ihre Fußstapfen treten und einen Fick drauf geben, ob wir jemals wirklich gelebt haben. Weil plötzlich das Leben mehr ist als eine Ausschüttung von Glücksgefühlen.

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6 Gedanken zu “Eines Tages, Baby, werden wir tot sein

  1. verdammt, danke, ist das ein guter text! ich hab deinen blog per email abonniert, aber jetzt bin ich extra hier hergekommen und wenn ich darf, würde ich den text (link) gern teilen…

    • Ja bitte? Also vielleicht bedeuten die Fragezeichen was der Text soll? Soll eine „Hommage“ an den Poetryslam-Text einer Julia Engelmann sein, der gerade überall hart gefeiert wird und mich nur zum Kotzen bringt.

  2. Ja, das hatte ich halt nicht gecheckt, da das nirgendswo vermerkt ist.
    Aber schön zu wissen, dass ich nicht die einzige bin, der dieser Engelmann Hype auf die Eier geht.

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