Zu groß und doch zu klein

Und wieder sitzt du hier. Allein. Allein in dieser kleinen Wohnung, vollgestopft mit Möbeln, die alle einmal in ein Haus gepasst hatten, dass dir beinah gehört hatte. Selber aufgebaut und dann gehörte es doch der Bank und nicht mehr dir und wann war eigentlich der Moment an dem dir alles aus den Fingern geglitten war. Wann hattest du den Moment verpasst Stopp zu rufen und dich selbst davon abzuhalten auf den Abgrund zu zu rennen?

 

Du stinkst. Du riechst noch nicht nach altem Mann, wie andere einsame Menschen, die in einem Schutthaufen voller welken Erinnerungen sitzen. Denn dazu bist du zu jung. Du stinkst nach Verlust, Bier, Scheiße und ein bisschen Verzweiflung.

 

Wann war der Moment? Wann?

 

Du kotzt Blut. Die Ärzte sagen dir, dass du aufpassen musst. Wenn du nicht jetzt die Notbremse ziehst, dann wird dich der Durst nach Bier auffressen. Wird dich töten. Aber wozu sollte man noch leben wenn doch alles weg ist und nie wieder kehrt?

 

Es fing schwer an, wurde schwebend leicht und wunderschön. Die Kinder, zwei Töchter, wunderbare Geschöpfe. Der Stolz unermesslich. Die eine ein Sturkopf, die andere eine Frohnatur. Beide das pure Leben. Jede für sich, jede auf ihre Art. Die eine nun am anderen Ende von Deutschland. In einem Nebensatz erzählte sie davon, dass sie weggehen würde. Als hätte sie einem erzählt, dass es bei Aldi Sonderangebote gibt, die einen sicher interessieren könnte. Einen Monat später war das Zimmer leer bis auf einen Schrank, ein Schreibtisch und eine alte Matratze. Zum Abschied Tränen. Nur von dir. Sie fühlte sich kalt an, als du sie umarmtest. Vielleicht weil es kalt war, an diesem Tag. Oder vielleicht auch, weil du alles kaputt gemacht hattest.

 

Die Frau tot. Du hast sie irgendwann gehasst. Oder die Krankheit. Du hast vergessen was du mehr verabscheut hast. Diese Maschine, jede Nacht. Diese Geräusche. Jede Nacht diese Angst neben ihr zu liegen und dann plötzlich Atemstillstand, alles auf Anfang. Der Notarzt, die Sorgen, das Geld. Alles war teuer und die Frau, sie saß nur auf ihrem Bett und wenn sie nicht weinte, dann schlief sie und wenn sie nicht schlief, dann fraß sie und wenn sie nicht fraß, dann war sie einfach nur noch da, wartete vielleicht darauf, dass der Atemstillstand doch einfach bitte einsetzen würde. So sehr wie du sie gehasst hast, so sehr hast du sie auch geliebt. Sie war etwas Besonderes, so besonders, dass es keiner außer dir sehen konnte.

 

Aber alles vorbei. Alle weg und nur du allein mit deinen Dämonen die dir immer wieder die selben Fragen stellen. Warum nicht einfach sterben? Dem allen ein Ende bereiten und dann ist es vorbei und alle werden weinen, sich Geschichten darüber erzählen, wie klug und nett du doch warst, aber der Alkohol, er hat alles zerstört, er hat dich zerstört. Doch vielleicht war der Alkohol das wahre Ich. Keiner wird es je erfahren.

 

Ob sie je ein schlechtes Gewissen haben werden? Die Töchter, die, die noch übrig sind? Der Rest. Werden sie sich irgendwann die Schuld zuschieben? Werden sie sich Gedanken darüber machen, dass sie etwas hätten tun können, außer einen hysterisch anzurufen, nur weil man, ohne jemandem Bescheid zu geben, aus dem Krankenhaus verschwand um sich etwas Kleidung und Geld für Bier zu holen? Werden sie sich dafür schämen, dass sie monatelang in einer gemeinsamen Wohnung lebten ohne auch nur zwei Sätze miteinander zu wechseln? Werden sie irgendetwas fühlen, wenn sie deine Fotos ansehen? Werden sie mit Tränen in den Augen über das Papier streicheln und vermissen?

 

Deine gelben Nikotinfinger greifen zu den Zigaretten. Die zweite Hand suchend nach der Plastikflasche mit dem was beruhigt. Was die Gedanken tötet. Wenn auch nur für ein paar Sekunden.

Wann hatte es aufgehört richtig zu sein? Du fragst dich das, während dir das Bier die Kehle hinab rinnt und dich beruhigt. Für ein paar Sekunden. Denn am Schluss, da sitzt du allein. Allein in dieser vollgestopften Wohnung.

 

Und eigentlich bist du schon tot. Du wartest nur darauf bis dich einer findet. Und dann werden sie kommen und dich holen. Dich waschen, dich verbrennen, dich in eine Grube werfen und vielleicht ein bisschen weinen. Du wirst ihnen nichts hinterlassen außer einen Haufen Müll und Schulden. Du wirst ihnen nie mehr sagen können, wie sehr du sie liebst. Denn das hast du getan. Du konntest es nur nicht mehr zeigen.

 

Allein. In dieser Wohnung. Die zu klein ist für das was in dir ist. Für die große Suche nach Trost in der Liebe der Familie. Zu stolz es zuzugeben. Zu betrunken um es in Worte zu fassen. Zu verdrossen um einzusehen, dass es nicht richtig war.

 

Allein.

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Ein Gedanke zu “Zu groß und doch zu klein

  1. Wie immer ganz wunderschön geschrieben, doch so furchtbar drückend und traurig… ich wünsche viel Kraft & bessere Zeiten.

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