Roter Papagei

Manchmal sitze ich in der Bahn und gucke mir eines dieser kleinen Kinderwesen an. Die, die sich noch dreckig machen und keine Gedanken darüber verschwenden, dass so eine Waschmaschine unglaublich viel Strom frisst. Die, die noch so klein sind, sodass sie tanzen und schreien und weinen und lachen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob es denn jetzt überhaupt angebracht ist, oder wie sie dabei wirken könnten. Die, die mit großen Augen um sich blicken, Menschen anstarren, aber nur weil sie interessant sind, nicht weil sie verurteilen. Wenn ich eins dieser kleinen Kinder beobachte, es zurückguckt und mich anlächelt als wäre ich ein besonderer Mensch, dann will ich es oft einpacken, dieses kleine Menschlein. Unter den Arm klemmen und mit nach Hause nehmen. Dort würde ich mit ihm spielen, ihm Nutellabrote schmieren. Geschichten ausdenken und mit Actionfiguren nachspielen. Dann wenn es müde ist vom zuhören und mitmachen und satt sein, dann würde ich es ins Bett tragen und zudecken. Die Tür zum Flur einen Spalt offen lassen, sollte es Angst bekommen in der dunklen Nacht. Würde mich in die Küche setzen, eine Tasse Tee trinken und zufrieden lächeln.

Dann erinnere ich mich daran, dass ich noch gar nicht zu alt bin so etwas Wundervolles selber in die Welt zu pflanzen. Sex ohne Kondom. Einfach so. Warum nicht einfach tun?

Mein Blick schweift in der Bahn herum und landet dann auf dem Gesicht eines Teenagers. Alles in mir schreit laut auf. „ZIEH DICH ORDENTLICH AN! SPRICH DEUTLICHER! SEI HÖFLICHER! NUN MACH DOCH ENDLICH MAL WAS AUS DEINEM LEBEN UND VERDAMMT NOCHMAL ZIEH DIE VERDAMMTE HOSE HOCH!!!!“ Ich verurteile diesen jungen Menschen der mir so gar nichts getan hat in dem Moment in dem meine Augen erkennen, dass er da ist. Vielleicht weil er da so sitzt wie er sitzt, lässig mit den Füßen auf dem gegenüberliegenden Sitz. Oder weil er einmal das Wort „Digga!“ benutzt. Vielleicht auch ein kurzes „LOL!“.

Ich blicke zu dem kleinen Sonnenschein, der sich gerade genüsslich ein Franzbrötchen zu Gemüte führt. Und zurück zum Teenager der schmatzend seine Burgerreste auf seinem Shirt verteilt. Aus diesem kleinen Wunder wird irgendwann „sooo“ was. Ich war irgendwann einmal „sooo“ was. Ich war so unglaublich schrecklich und das ganz ohne das vorgeschriebene Dramenleben eines wahren Teenagers. Ich war der langweiligste Teenager den diese Welt jemals ausgespuckt hat und doch war ich ein nerviges Menschenwesen bei dem ich es verstanden hätte, hätte man mich an einer Raststätte mit einer Leine um den Hals an einen Laternenmasten gebunden. Meine pure Anwesenheit war eine Zumutung.

Die Blicke gehen hin und her. Die Gedanken implodieren, ebenso wie die Gefühle. Und kurz vor der Endstation rechne ich in meinem Inneren aus, wann ich das nächste Mal Kondome kaufen muss. Man könnte sich ja auch einen Papagei kaufen. Der kann auch sprechen und kommt ganz sicher nicht in die Pubertät.

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2 Gedanken zu “Roter Papagei

  1. Ich sitze grad auf dem Balkon meiner Eltern und drei kleine Mädchen prügeln sich unten im Sandkasten um eine Schippe…
    Es gibt genauso viele Gründe Kinder in die Welt zu setzen wie keine Kinder in die Welt zu setzen…

  2. Wie oft ich daran denke, wie meine Kindheit war und wie gerne ich zurück wollte. Du warst ein langweiliger Teenager, dann geselle ich mich zu dir, denn ich war ebenfalls einer. Heute möchte ich nicht mehr zurück, jedoch möchte ich auch nicht altern, wenn wir dies tun, altern, dann beäugen wir wahrscheinlich die Menschen, in unserem jetzigen Alter. Was wir wohl denken werden?

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