Abkürzung

Eine dunkle Jahreszeit ist es. Diese Jahreszeit bei der sich jeder Schritt anfühlt wie der in einem Bahnhofsklo in der Provinz. Nasse Blätter gleichen geplatzten Kondomen und angepisstem Toilettenpapier. Dieses Dunkel in dem man nicht mehr unterscheiden kann ob man auf einen Hundehaufen steigt oder vielleicht doch auf einen toten Igel auf dem schon hunderte vor einem getrampelt sind.

 

Es ist eine Abkürzung die ich gehe. Zumindest bilde ich mir das jedesmal ein, wenn ich durch den winzigen schlecht beleuchteten Park rase. Durch die abgrenzenden Bäume sieht man die leuchtenden Wohnungsfenster in denen sich all das abspielt was man meistens gar nicht wissen möchte. Man müsste keine Angst haben, denn man ist doch umgeben von so viel Menschlichkeit. Von so vielen Telefonen und hilfsbereiten Türstehertypen die einen retten könnten, wenn was passieren würde. Aber trotzdem wird der Atem schneller sobald der erste Schritt getan ist. Zeige- und Mittelfinger in festem Griff um den Kopf des Schlüssels mit dem man im Falle des Falles zur Notwehr dem Angreifer in das Gesicht stechen könnte. Wenn man denn so weit kommen würde. Wenn man nicht vor Angst ihn einfach nur kitzeln würde mit der Spitze am Schlüsselende. Aber ich fühle mich sicherer. Vielleicht sollte man doch mit dem Baseballschläger das Haus verlassen. Niemand wird angegriffen, wenn er einen Baseballschläger bei sich trägt. Man könnte ihn wie der Bärenjude einschüchternd gegen alles schlagen was laute Plong-Geräusche macht. Alles um sicherer zu sein.

 

Es sind nur einige hundert Meter bis zur Haustür. Es kann eigentlich nichts passieren. Aber wir sind hier in einer Großstadt. Je mehr Menschen aufeinander sitzen, desto höher ist die Irrendichte. Weil sie fliehen, diese Irren aus ihren Kleinstädten. Weil sie auffielen. Weil die Bögen, die die Menschen um sie gemacht hatten zu groß wurden um dem Irrsinn in sich selbst nachgeben zu können. Und jeder kann es sein. Der Mann mit dem kleinen Hund. Der vielleicht auch Angst hat. Vielleicht vor mir. Weil ich hastig renne mit den Händen in meinen Taschen in denen Waffen stecken könnten um ihm sein weniges Rentengeld zu klauen. Oder die Jugendlichen die vielleicht nicht lachen weil sie sich freuen an dem Jungsein sondern lachen weil sie planen Böses zu betreiben. Denn in der Gruppe sind sie stark.

 

Nur keine Musik hören auf dieser kurzen Strecke. Man könnte sie überhören die Geräusche die Irre machen bevor sie einen überfallen. Kastanien die auf die Erde fallen, weil sie es leid sind an Bäumen zu hängen wo sie nicht beachtet werden, werden zu Schritten. Fester der Griff um den Schlüssel. Nur kein Blick auf das Handy, denn vielleicht ruft das kleine Leuchten die Irren heraus aus ihren Büschen in denen sie hocken und warten. Betrunkene auf Bänken die vielleicht nur jemanden suchen der ihnen zuhört weil sie sich selber nicht mehr zuhören können. Die Stimmen zu laut im Kopf und es muss raus. Ungefiltert. Nur nicht stehenbleiben. Der feste Griff um den Schlüssel und immer der Blick zu der beleuchteten Haustür. Was sollte schon passieren? Es sind doch nur hundert Meter.

 

Raus aus dem Park, ein kleiner Trampelpfad. Hindurch zwischen zwei Autos. Noch einmal den Schritt beschleunigen. Man weiß ja nie. Der Schlüssel liegt immer schwerer in der Hand. Die Luft die ganze Zeit angehalten. Denn sie können einen atmen hören die Irren. Zwei, drei, vier, fünf Schritte. Gehsteig. Blick in Fenster werfen. Ikea-Idyll das einem da aus dem Fenstern ins Gesicht gerotzt wird. Heile Welt in Milchglasoptik gehüllt. Ein weiterer Schritt und die Sicherheit hat mich wieder. Eilige Schritte hoch in den dritten Stock. Ein kurzer Blick auf den Baseballschläger und die Frage, ob man ihn das nächste Mal vielleicht doch mitnehmen sollte. Oder ob man einfach auf die Abkürzung verzichtet.

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