Dunkelblauer Samt

Sie saß mir schräg gegenüber. Zwei Bankreihen zwischen uns. Ich weiß nicht warum ich sie ansah. Denn eigentlich darf man das nicht. Sich in der Bahn die Menschen genauer angucken. Und wenn man es doch tut, sieht man sofort beschämt aus dem Fenster. Sieht der Welt beim Davonlaufen zu oder mustert sich selbst solange, bis das Gesicht nur noch ein grauer Dreckfleck ist und man von einem „Ausstieg rechts“ erlöst wird. Sie war schon alt. Zumindest hatte sie graue lange Haare und die hat man nur wenn man alt ist. Sie trug eine Lederjacke über einem dunkelblauen Samtkleid. Das Gesicht aufgeschwämmt. Vielleicht vom Saufen. Oder einfach nur vom Fressen. Der Bauch größer als die Brüste. Unter dem Kleid eine Jeans. Als sie dann vor mir lief, diese wackeligen und unsichere Schritte, sah ich, dass die Hose hinten diese Löcher hatte die entstehen, wenn man zu klein ist für die Hosen, die man kauft. Ich musterte ihren Kopf als sie so vor mir die Treppe hinunterhumpelte. Dieser klägliche Versuch Ordnung zu bringen in das fransige Grau. Und plötzlich wollte ich sie umarmen. Weil sie mich erinnern und vermissen ließ. Weil ich plötzlich wieder ihr trauriges Gesicht vor Augen hatte mit diesen Wangen auf denen schon tiefe Furchen waren von den vielen Tränenströmen, die aus den Augen schossen. Ich wollte umarmt werden von ihr, weil es fast so gewesen wäre als hätte sie es getan. Ich hätte die Augen fest zusammengedrückt. So sehr, dass ich blinkende Lichter auf den Lidern sehen würde. Ich hätte ihr über den Kopf gestreichelt. Hätte mir vorgestellt wie es wäre wenn alles noch so wäre wie es nunmal war. Ich hätte angefangen zu weinen, weil ich mich dran erinnert hätte, dass ihre sie viel zu selten umarmt habe. Das ich anfange in fremde Frauen in der Bahn das hinein zu projizieren, was ich nun nicht mehr habe. Ich wartete darauf, dass was passieren würde. Irgendwas. Ein Zeichen. Von wem auch immer. Aber alles was passierte war, dass sie nach links ging und ich nach rechts. Ich schaute ihr hinterher. Diese grauen Haare. Wie die ihren. Dieser traurige Hundeblick. Wie ihrer. Dieser Glanz in den kleinen Augen. Der selbe wie bei ihr. Und doch ist es nicht das Selbe. Nur das Gefühl wird es sein.

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3 Gedanken zu “Dunkelblauer Samt

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