Fratzen, Wehen, Unwissen

Jeden Tag aufs Neue schlage ich das Buch der Fratzen auf. Dort kann man lesen was die Menschen machen, die einen begleiten oder zumindest kurz begleitet haben. Sie zeigen einem Bilder ihrer polierten Wägen und der Abende voller Suff und dem Wunsch für immer jung zu sein. Beziehungsstatus geändert, Orte angegeben und immer wieder die Frage, warum habe ich eigentlich keine SMS erhalten um dies wunderbare Ereignis zu erfahren, bevor ich es mit 174 anderen „Freunden“ teilen, es aus all dem „WOW!!! Fünfhundertrillionenmal wurde mein Profil angeklickt“-Botschaften herausfiltern muss.

 

Sie heiraten, verloben sich, gebären Kinder. Ich erlebe dies alles mit, aber bin kein Teil mehr davon. Es ist alles nur noch ein weiterer Punkt in der Chronik des Vergessens. Sie sind mir doch so wichtig, ich dachte ich sei ihnen wichtig. Doch Input funktioniert nicht mehr so, dass man spricht. Man postet. Sie sind zu weit weg um sie zu besuchen. Sie leben am anderen Ende von Deutschland. Der Großteil von ihnen. Und sie leben ihr Leben. So wie sie es für richtig empfinden, nur ohne mich. Ich könnte mich kümmern, mich bemühen, nachfragen und Pakete mit Tonnen von Abzügen der Bilder schicken, die ich all die Monate über gemacht habe. Aber ich tue es nicht. Ich drücke auf „gefällt mir“ und die Schuldigkeit wurde getan.

 

Ich schreibe eine Liste derer die plötzlich anfangen zu müssen mit diesem heiraten und Familie planen und Familie konstruieren. Die Liste ist länger als mir lieb ist. Ich grüble über das Alter derer die auf dieser Liste stehen. Sie sind jünger. Viel jünger. Es ist kein Zugzwang der mich packt aber ein Erschrecken darüber, dass mein Leben nicht hineinpasst in diese Form die mir dieses Buch der Fratzen vorgibt. Die Reife, sie fehlt, die Basis, das Verlangen danach, so zu sein wie sie. Und doch dieser Groll im Magen, dass ich es nicht vor Mark Zuckerberg erfuhr. Nur weil wir am selben Tag geboren sind, muss er das doch nicht vor mir wissen.

 

Ich sehe mich um. Die WG leer. Vor den Feiertagen fahren sie alle nach Hause. Ich bin zu Hause. Sie fahren zu ihren Familien. Ein Großteil meiner wahren Familie ist hier, wenn sie nicht mal wieder zu ihrer echten Familie fährt. Will ich eigentlich eine eigene Familie?

 

Ich frage ihn wann er Kinder will. Er weicht mir aus. Weil er mich nicht ängstigen will. Es kommt keine Gegenfrage weil er davon ausgeht, dass meine Frage bedeutet, dass ich dies möchte. Ich konfrontiere ihn damit, dass ich es nicht weiß. Es ist nicht der Zeitpunkt den ich nicht kenne, sondern es fehlt mir an dem Wissen ob ich es überhaupt will. Ob ich mich sehe in diesem Konstrukt Familie als Muttertier mit Eintöpfen und Wechselwindeln.

 

Wechsle zurück auf die Informationsplattform des Buches der Fratzen. Poste ein Bild des einsamen Weihnachtsgewächs. Geschenke davor, die Katzen, die neugierig ins Foto platzen. Trinke meine Flasche Wein leer und frage mich was ich will. Frage mich, ob ich mich vielleicht doch einfach mehr kümmern sollte um nicht alles total verkümmern zu lassen.

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