Tod und Vergessen

Es begann alles mit einem Anruf. Einem der nicht ankam. Ich erhielt nur die SMS. Wann ich das letzte Mal Kontakt zu ihm gehabt hätte. Kann mich nicht mehr erinnern. Also ist es lange her. Zwei Tage sei sein Handy schon aus. Das ist nicht normal. Sage ich. Und die Bilder in meinem Kopf überschlagen sich. Sie wollen sich übertreffen. Zeigen mir blutige Szenarien. Viel Tod, viel Blut, wenig Hoffnung. Panik hat mich fest im Griff. Ich sitze und warte. Die Polizei tut ihr Übriges. Am Ende ist es wieder ein Anruf. Sie haben ihn gefunden. Tot. Ich weine. Und trinke. Rauche und versuche mich mit flachen Witzen über Wasser zu halten.

 

Zwei Tage später fahre ich zurück in die alte Heimat. Hätte nicht gedacht, dass ich die bayerischen Grenzen dieses Jahr noch überschreiten werde. Die Sonne brennt und ich versuche zu funktionieren. Ein Mann neben mir dessen Kopf auf Hochtouren arbeitet. Seine Eltern die unterstützen. Tipps geben. Und ich segne alles mit einem Nicken ab. Denn zum ersten Mal in meinem Leben weiß ich nicht was zu tun ist.

 

Die kleine Schwester, sie funktioniert. Sie tut was man tun muss in solch einem Fall. Die Rest-Familie guckt dabei zu und sagt uns nur, was sich gehört. Was man tun muss. Wohin man gehen sollte weil es der Anstand so will. Ich will ihnen den Fickfinger zeigen aber nicke es nur hinfort.

 

Die Beerdigung. Zu viel Weihrauch. Wechselbad der Gefühle. Möchte den Ministranten in ihre Kutten brechen und warte dann darauf, dass der Kaplan zum Circlepit aufruft. Lache. Innerlich. Der Gang zum Grab. Eine weitere Urne die wir unter der Erde verbuddeln und das innerhalb von drei Jahren. Jetzt sind sie wieder zusammen. Und plötzlich merke ich, dass es das war. Zwischen den Tränen ein „Das ist nicht fair.“ Als alle weg sind stehe ich dort mit meiner Schwester, gucke auf dieses Loch vor mir und sage ihm, dass er ein Arschloch ist weil er uns verlassen hat.

 

In der Wohnung stinkt es. Es ist normal, dass es so riecht wenn ein Mensch dort so haust wie er es tat und wenn er dann eine Woche liegt, so unlebendig. Ich will alles mitnehmen aber kann nicht, weil es zu viel wäre und es doch sowieso nur Dinge sind und die Erinnerungen trägt man im Herzen und die riechen wenigstens nicht nach Verwesung.

 

Wir teilen die Fotos aus. Jeder kriegt seinen Anteil am Erinnern. Ich weiß immer noch nicht was ich tun soll. Lasse mich dirigieren und handle so wie man es von mir erwartet. Höre mir die Geschichten an. Großvater der Andeutungen macht, dass mich meine Eltern nicht behalten wollten. Keiner mehr da den ich fragen kann. Mir wird gesagt, dass er kein Heiliger war. Als wüsste ich das nicht. Ich träume von ihm. Jede Nacht. Wie er dort liegt so tot und einsam. Ich wusste es, dass es so enden würde aber so schnell!?

 

Kann nicht sagen wie es mir geht weil ich es nicht weiß. Erhalte das Paket das ich ihm geschickt hatte als ich davon erfuhr. Nennt man wohl dumm gelaufen. Ob er es verstanden hätte? Ob er sich gefreut hätte?

 

Hier oben geht das Leben weiter. Hohe Wellen und ich will nur einmal richtiger Fels sein und bin wieder nur Kiesel der vorsichtig aus den Wellen gefischt wird. Sage, dass alles gut ist aber möchte weinen weil es eben nicht gut ist.

 

Sitze im Büro. Versuche mich zu konzentrieren und wieder nur die Gedanken daran, dass er dort lag. Ich hätte mich kümmern müssen. Aber zu spät. Alles. Und ich hätte nichts dagegen machen können. Weil es an der Zeit war. Der Kaplan erzählt, dass ihn Gott zu sich geholt hat. Ich möchte laut lachen aber verkneife es mir und murmle innerlich ein „Halt die Fresse. Du hast keine Ahnung.“

 

Zum ersten Mal in meinem Leben weiß ich nicht weiter. Weiß nur, dass es weitergehen muss, ich weitermachen muss. Die Liste dessen was zu erledigen ist wird länger. Die Zahlen was alles zu zahlen ist werden größer. Nur wenn ich schlafe und nicht träume ist alles gut. Doch dazu ist keine Zeit.

 

In drei Jahren zwei Menschen. Nun hat das sich Sorgen machen ein Ende aber wann beginnt der Zustand des normal denken Könnens?

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4 Gedanken zu “Tod und Vergessen

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