Vernunft

[17.09.2010]

„Scheiß auf die Vernunft!!!!!“, schriest du. Du brülltest es mir in mein betäubtes Gesicht. Glasige Augen starrten dich an. Meine glasigen Augen. Besoffen vom Gras.  Gelassen drehtest du den zweiten Joint. Meine Finger bohrten sich in meine Socken. Selbstgestrickte, von meiner Großmutter.

Sie ist schon lange tot. Kann mich nicht an sie erinnern. Ein bisschen an ihren Geruch. Zigarettenqualm vermischt mit Kohlsuppe und diesen gammeligen Kirschlikörpralinen. Sie hatten schon immer einen leichten Grauschleier, wenn sie sich diese Kleinode in den fast zahnlosen Mund schob. Hustenanfälle. Die Lungen verklebt mit Teer und Kondensat. Immer wieder erzählte sie mir, wie schick sie sich doch früher fühlte, wenn sie in einer Bar saß, mit ihrem schönsten Kleid, und eine Zigarette rauchte, während ihr alle Herren im Etablissement den Hof machten. Sie übertrieb. Ich wusste es. Doch schön war sie. Damals. Alles verdorrt. Irgendwann. So geht es uns allen. Heute seien die Mädchen, dir rauchend an Bushaltestellen stehen, nur ordinär. Sie würde spucken wie Männer und sich manchmal sogar so anziehen. Meine Großmutter verstand die Welt schon lange vor der Zeit nicht mehr, in der sie von ihr nicht mehr verstanden wurde.

Mit einem spitzen Schrei wecktest du mich aus meinem bekifften Traum von meiner von Würmern und Totengräberkäfern zersetzten Oma in ihrem Mahagonisarg. Du begannst zu singen. Töne, die mehr einer Kreissäge ähnelten, krochen aus deinem Mund. Keine Melodie, doch für dich machte es Sinn. Plötzlich hieltest du inne. Packtest mich mit deinen beiden Händen an den Füßen, an denen ich immer noch verträumt pulte und sahst mir tief in die Augen. Voller Ernst blicktest du mich an. Und die folgenden Worte werde ich wohl nie vergessen. „Die Vernunft, sie wird uns noch alle töten. Es ist wahr, dass wir alle sterben werden. Daran führt kein Weg vorbei. Doch könnten wir unsterblich werden, ließen wir die Vernunft fallen und würden uns nur dem hingeben was wir wirklich wollen.“

Zu diesem Zeitpunkt machten deine Worte für mich keinen Sinn. Als du dich vier Monate danach auf die Gleise gelegt hattest, wusste ich, was du damit meintest. Du hattest all die Vernunft, dein wertfreies Leben voranzutreiben, obwohl du wusstest, dass es nur aus Sackgassen besteht, fallen gelassen. Hast dich fallen gelassen. Und ich fiel mit dir. Doch ich fiel in ein tiefes Loch. Aus Schmerzen, die sich bis ins Mark bohren und einen nachts nicht schlafen und tagsüber nicht leben lassen. Zumindest nicht so leben, wie es verlangt wird. Ich ließ die Vernunft fallen in dem Moment in dem ich dir die Tür öffnete. Die Scherben davon bewahre ich jedoch immer noch auf. Denn man weiß nie, wozu man sie vielleicht noch brauchen könnte.


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