Linsenfleck

So viele „das erste Mal“ in nur drei kleine Tage gepackt.

 

Das erste Mal gemeinsam in den Urlaub fahren.

Das erste Mal mit einem Partner in den Urlaub fahren.

Das erste Mal Urlaub am Meer machen.

Das erste Mal eine Art Familienurlaub mache.

Das erste Mal so lange am Stück mit seinen Eltern verbringen.

 

Vorfreude gepaart mit rauer Stimme und dem Wunsch perfekt zu sein. Der richtige Eindruck zum richtigen Zeitpunkt. Fehler die auftauchen könnten wegmogeln und mit einem Lächeln verwischen. Und dabei noch genießen. Die Zeit, das Wasser um einen herum und die Tage ohne die Großstadt und das Leben in der WG. Das Internet eintauschen gegen einen Steg direkt ins Meer. Quallen beobachten und zurück ins Nasswasser schubsen. Zehen in den Sand drücken und Fotos machen für die Erinnerung zum Anfassen. Postkarten schreiben und Milch mit Honig trinken. Sonnenbrand. Kurze Anrufe in denen man erzählt. SMS in denen man sorgenvoll nachfragt. In dem fremden Haus mit den noch fremden Menschen darin einschlafen.

 

Ich beobachte. Sauge jede Information auf, die mir angeboten wird. Ich erlebe Neues und mit großen Augen zerre ich alles in mein Innerstes. Die Eindrücke überrumpeln mich. Wie von einem Tsunami fühle ich mich überrannt. Ein flackerndes Feuer, viele Berührungen, eine Welt die ich so nicht kenne breitet sich vor mir aus und je länger ich das alles beobachte, desto sicherer werde ich mir, dass dort was nicht stimmt. Ich stimme nicht. Ich bin nicht richtig. Ich bin der Fleck auf der Linse. Ich bin die Laufmasche in der Strumpfhose am Ballabend. Ich bin die Tante die man totschweigt, weil sie nicht in das Bild passt. Auf Familienfotos schiebt man den Familienhund vor sie um die Fotografien später auch noch stolz an die Wände pressen zu können.

 

IKEA-Familienfeeling. Die Brötchen, das Gebet, die Umarmungen, das gemeinsame Lachen, die blendend weißen Zähne, die Allgemeinbildung.

 

Meine Kindheit. Eine der guten Sorte. Nicht immer aber manchmal. Aber wenn man dann erlebt wie es sein könnte, wird man neidisch. Fühlt man sich parasitär. Als hätte man sich wie ein Mitesser auf die perfekte Nase der Schönheitskönigin gesetzt. Aus Trotz. Oder aus purer Missgunst.

 

Beklemmung überkommt mich. Ich muss raus. Rauchen. Die Füße bewegen und mir einreden, dass das nun mal ist, wenn man normal ist. Das ich mich dort wohlfühlen darf ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Frage mich ob ich neidisch bin. Oder ob in mir zu viel kaputt ist, um es nicht mehr akzeptieren zu können, wenn man einfach so nebeneinander her lebt. Angst überkommt mich, dass ich das alles nicht bieten kann. Diese Nestwärme. Das mich das Leben kaputtgespielt hat als es mich fest im Griff hatte.

 

Er fragt mich was los ist. Die Dunkelheit frisst die kleinen Tränen in meinem Gesicht. Ich versuche es zu erklären und finde keine Worte. Unterbreche mich selber mit einem „Alles ist gut.“.

 

Und doch bleibt die Frage ob ich nicht einfach falsch bin in diesem Bild. Suche den Fehler. Landet der Kugelschreiber auf meinem Gesicht?

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Ein Gedanke zu “Linsenfleck

  1. Alles ist gut, ist genau die falsche Message. So wird er dein Problem nie verstehen. Und es ist egal, ob du das Gefühl hast, nicht genug bieten zu könnne. Wenn ihm das, was du bietest, langt, ist alles okay.

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