nein

Hach das Leben. Wie es mir den Arsch pudert. Großkotzig schenke ich wildfremden Männern 50 Cent, biete alten Inderinnen meinen Sitzplatz in der Bahn an und schüttle wild grinsend die zu breiten Hüften im Aufzug, weil Musik mein Innerstes zum Vibrieren bringt. Grinsend wache ich auf, kacke, putze, motze, saufe, gröle und gehe wieder schlafen. Grinsend versteht sich. Arrogant wird man und plötzlich ist doch alles so leicht. „Hallo Fremder, auf ein Wort. Oder zwei. Oder erzähl mir doch einfach deine Lebensgeschichte. Ich kann dir auch meine erzählen. Ey, Fremder! Wo gehst du hin. Huch, ein neuer Fremder. Hallo!“

Du siehst plötzlich in rein gar nichts mehr ein Problem. Die Riesenhürde „Mensch“ wird plötzlich zu einer überwindbaren Angelegenheit. Weil es ist doch alles gut. Plötzlich entdeckst du neben all dem Unrat eine kleine Portion Liebenswürdigkeit in dir. Die ist teilbar und woohey, teilen macht doch so viel Spaß. Gelassen summst du die Super-Mario-Melodie und fühlst dich unkaputtbar. Und wenn doch mal etwas kaputt geht, dann haste doch noch ein paar Restleben. Die gammeln doch sonst nur so nutzlos vor sich rum. Verfickte Axt ist dieses Leben wundervoll. Wie hatte man es doch nur ausgehalten. So miesgelaunt und unerträglich leidend?!

Natürlich macht man auch plötzlich Dinge, die man vorher nie getan hätte. Einfach mal „JA!“ sagen. Ohne lange zu überlegen. Kein obligatorisches Zögern, Stirnrunzeln und dann das tiefe und ernstgemeinte „NEIN!“.

Wie es mich doch selber ankotzt weil ich so unglaublich gut gelaunt bin und Konfetti kotze vor Frohlockigkeit.

Und dann packst du für Dinge, zu denen du eigentlich nein gesagt hättest. Frohen Mutes kaufst du Sonnencreme in Sprühflaschen, Antimückenzeugs und natürlich ganz viele Taschentücher weil man die immer zur Hand haben sollte. Während dem Packen grinst du und freust dich über Meer und über glücklich sein und darüber, dass du dich so freust…

und ohne Vorwarnung, während du das Batman-Shirt faltest, und so vor dich hingrinst, wird es dir plötzlich bewusst, was du da eigentlich gerade machst. Du machst etwas, was du nie tun würdest. Was du nie getan hättest. Weil du nein gesagt hättest. Weil ein nein immer die sichere Seite ist. Ein ja führt immer zu Situationen von denen du nicht weißt, wohin es dich schlussendlich bringen wird. Es wird keinen festen Plan geben. Alles kann, nichts muss. Der Swingerclub ist ein Club voller Ja-Sager. Und weil dir plötzlich bewusst wird, dass du eigentlich ein Angsthase bist, der es ganz gut hatte aufrecht sitzend im Bett, die Finger am eigenen Puls um überhaupt irgendwas zu spüren was nach Leben riecht. Deine Bewegungen werden langsamer. Weil eigentlich war doch das Nein so schön sicher. Ein altbekannter Freund seit Kindertagen der zwar oft zu Kratzwunden und blauen Flecken führte, weil nicht jedes Kind ein „nein“ versteht, aber ich konnte immer vorhersagen, was passieren würde. Die Welt war vorhersehbar.

Hin und hergerissen bin ich. Ich will offen sein. Weil Offenheit und die Bereitschaft Neues zu wagen haben dazu geführt, dass ich mich im Glücklichkeitsarroganzmodus befinde. Doch das alte Ich holt mich ein. Es hatte sich versteckt. Ist mir gefolgt und greift immer dann an, wenn es am allerwenigsten passt. Es raubt mir die Sicherheit. Aber ich brauche sie doch so sehr. Diese Sicherheit. Die Listen an denen ich mich festhalten kann. Gewissheit darüber, was als Nächstes passiert. Ungewissheit schnürte mir die Luft ab. Vergangenheitsform. Doch warum sollte das alles plötzlich weg sein?

Es wurde fertig gepackt. Die Sorgen legte ich neben das Gepäck. Die Angst stopfte ich nach ganz unten. Denn man weiß ja nie. Vielleicht kann man sie ja brauchen. Heute Nacht wird wohl nur geschlafen. Ohne Grinsen. Die Panik des Unvorhersehbaren drückt mir schelmisch die Mundwinkel nach unten.

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