Leben im Internet

Früher beschwerte man sich darüber, dass man auf die Frage „Wie geht es dir?“ keine ehrlichen Antworten geben kann. Weil man, wenn man wirklich mal auspacken würde, so richtig von der Seele kotzen würde, wie es einem denn geht, auf Unverständnis und immer größer werdende Augen treffen würde, statt auf das erhoffte Mitgefühl. Diese Frage nach dem Seelenzustand wurde zu einer Floskel wie das Wünschen des guten Appetits.

Jetzt wurde die Frage jedoch zur Nebensache, weil man live dabei sein kann, wie es jemandem geht. Man muss mit demjenigen nicht mehr sprechen solange man weiß, welche URLs man oben in den Browser eingeben muss.

Man weiß wo die Menschen die einem wichtig sind sich gerade befinden. Dank Foursquare und dem obligatorischen Markieren bei Facebook. Man fährt an wundervolle Orte und sobald man das Ziel erreicht hat, wird in Gruppendynamik das iPhone gezückt um sich gegenseitig zu markieren. Katzen pissen Dinge übrigens an, wenn sie etwas markieren. Das stinkt und kriegt man richtig schlecht weg. Als Randinformation an all die katzenlosen Wesen.

Es werden Fotos geschossen nicht mehr um sie dann per Abzug durch die interessierten Finger der Freunde gleiten zu lassen, sondern um sie bis zur Unkenntlichkeit zu verändern und dann irgendwo hochzuladen. Pauschal meldet man sich an einer Plattform des Grauens an, lässt dort die Verknüpfungen die diese Anwendung anbietet für sich arbeiten und schon wissen alle bei Facebook, Twitter und tumblr was man gerade mit wem isst.

Wenn man wissen möchte wie es mit dem Gefühlsleben aussieht, dann stopft man sich die Blogs der Lieben einfach in den Feedreader, folgt den Zweittwitteraccounts und beobachtet sehr angeregt den Beziehungsstatus auf Facebook. Gefühle werden nicht mehr gelesen aus traurigen oder fröhlichen Gesichtern. Man hört nicht mehr dieses enttäuschte und vielsagende Schnauben sondern sieht nur noch Emoticons in den Statusanzeigen. Es wird nicht mehr abgewartet, was es Neues gibt. Man wiederholt jeden noch so kleinen Tweet und erwartet eine Reaktion. Oder wartet einfach den nächsten Blogeintrag ab der vielleicht ein bisschen Licht ins Dunkel bringt.

Jeder hat überall seine Accounts. Profilbilder werden hochgeladen und Biographien gefüllt mit Interessen die man oft schon vergessen hat, weil man doch damit beschäftigt ist die verschiedenen Accounts zu pflegen.

Miteinander befreundet sein heißt plötzlich nicht mehr, dass man sich seine Geheimnisse erzählt sondern nur, dass man jetzt alle Profilinformationen mit einer anderen Person teilt. Man folgt sich, man liked sich, ab und an wird gestuppst und wenn man damit fertig ist, werden mögliche Partner gegooglet und bei Xing gestalkt.

Ab und an treibt einen der Internetselbstzerstörungstrieb und man löscht sich aus verschiedenen Selbstdarstellungshöhlen. Aber irgendwas fehlt und man verliert den Anschluss. Also sucht man sich eine neue Emailadresse und beginnt von vorne.

Darf ich vorstellen: Euer Leben. Mein Leben. Ich bin Teil dieser 2.0-Welt, was auch immer das bedeuten mag. Ich habe Accounts überall und pflege diese mit Bildern und verbalen Ausfällen. Und es fällt mir nicht schwer dies zu tun. Verbale Kommunikation in der WG fällt gerne mal aus und man beschimpft sich nicht mehr live und in Farbe sondern tut dies auf der Pinnwand. Keine CDs werden mehr ausgetauscht, Sampler gebrannt sondern youtube-Links herumgeschoben.

Manchmal frage ich mich wie es war vor diesem Internet. Bevor ich diesen Kasten im Flur stehen hatte der macht, dass ich per Mausklick und Tastengehämmer in die Untiefen des WWW hoppeln kann. Ich denke es war nicht anders. Denn da hat man dann einfach gar nicht miteinander gesprochen. Saß einsam vor sich hin und sinnierte darüber welche Vor- und Nachteile der Begriff Negerkuss hat.

Aber jetzt schnell fertig werden. Muss das noch schnell in das Blog stopfen und dann sofort bei Twitter veröffentlichen. Mir geht es momentan übrigens so: 🙂  Nur falls es jemanden interessiert.

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5 Gedanken zu “Leben im Internet

  1. Da ist viel wahres dran.
    Aber ich sehe auch viel positives an sozialen Netzen.
    Es ist dieses Mitteilungsbedürfnis das jeder Mensch irgendwo in sich trägt. Wenn was tolles passiert ist teilt man es mit und freut sich darüber das sich andere auch darüber freuen können. Egal wie banal die Sache auch ist. Und so auch andersrum. Geht es einen schlecht teilt man es mit, benutzt das soziale Netz als Ventil um seine Frust los zu werden. Und genau hier sehe ich das gute daran. Dieses in sich hinein fressen fällt aus. Die Welt um einen weiß nun das man am liebsten die Welt zerreißen möchte weil nichts so läuft wie es am besten laufen soll. Man fühlt sich besser. Und es ist wesentlich angenehmer als sich auf die Straße zu stellen und den Himmel anzuschreien. xD gleicher Effekt nur weniger peinlich halt. (-;

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