Der Anfang

[19.07.2010]

Woher du plötzlich kamst, weiß ich nicht mehr. Du warst einfach da. Ich könnte es mit etwas vergleichen, mit einem ersten grauen Haar oder der zugelaufenen Katze, die man irgendwann beginnt zu füttern und dann nicht mehr los wird. Aber all das ist so negativ behaftet. Und ich möchte dein plötzliches Erscheinen nicht mit etwas Negativem verschlechtern. Weil das hast du nicht verdient, dass du der reudige Kater in meiner Geschichte bist. Doch genau so war es. Wir hatten nie ein Date. Wir haben uns nie zum Kaffee trinken getroffen um uns besser kennenzulernen. Du warst plötzlich da, standst in meiner Wohnung als hättest du nie nicht dort gestanden. Wie eins der Möbelstücke hast du dich angepasst. Meinem Leben. Und doch ist es, als wärst du ein Eindringling. Ich bin zerrissen. Weiß nicht, ob ich dich nicht einfach vor die Straße stellen soll wie den Sessel den ich eigentlich geliebt hatte, weil er mich an meinen Großvater erinnert hat. Doch er fiel beinah auseinander und als erwachsener, klar denkender Mensch wirft man nunmal Dinge weg und lernt sich von Sachen zu trennen.

„Deine Augen, sie sind wie Eiswasser. Du könntest mit diesen Augen töten. Glaub mir das mein Schatz. Du wirst mit diesen Augen noch töten. Wahrscheinlich werde ich es sein und du wirst nichts dagegen tun können.“

Genau das sagstest du zu mir, als du in der Wohnung standest. Im Wohnzimmer. Auf dem Teppich, den mir meine Eltern vor gefühlten hundert Jahren zum Auszug schenkten mit den Worten „So ein Teppich, der macht es doch gleich viel wohnlicher, meinst du nicht auch!?“ Es war das erste und letzte Mal, dass sie in meiner Wohnung waren. Scheinbar reichte die Wohnlichkeit nicht aus.

„Töten wirst du mich. Und sterben werde ich in den Armen einer anderen Frau. Vielleicht wirst du mich gerade deswegen töten. Zieh dich aus. Lass uns den Teppich beschmutzen. Mit meinem Schweiß, deinem Schweiß, meinem Sperma und deinem Saft. Aber bitte töte mich noch nicht jetzt. Wenn die Zeit reif ist, dann wirst du es erfahren. Doch noch nicht heute. Vielleicht morgen. Ich werde es dir sagen. Und du wirst mich töten. Mit deinen Augen die an Eiswasser erinnern.“

Genau das sagtest du. Zogst dich aus und lagst nackt und erwartungsvoll auf dem Teppich meiner Eltern. Maltest die Muster mit deinem Zeigefinger nach und starrtest durch mich hindurch. In diesem Moment hattest du mich getötet. Für andere Menschen getötet. Für dich allein sollte ich leben. Für alle anderen wurde ich zu einer menschlichen Hülle. Dies war der Anfang.

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