Fels oder Kiesel

Ihr sucht gemeinsam einen Arzt der nicht zu weit weg ist. Hauptsache zentral, sodass man auch zu Fuß hingehen kann. Denn das mit den Parkplätzen ist immer so eine Sache. Gerade in der Großstadt. Dann noch kurz die Bewertungen im Internet checken. Die Homepage. Darüber sprechen, dass die Praxis doch ganz nett aussieht. Dumme Witze reißen um von der Angst abzulenken, dass es etwas Schlimmeres sein könnte. Denn es könnte immer etwas Schlimmeres sein.

Ich sage ich komme mit. Weil ich mich selbst beruhigen und Felsen spielen möchte. Händchen halten und wenn nötig Taschentücher reichen. Oder vor Freude hüpfen. Und ich tu so, als wäre alles OK. Als würde ich das tagtäglich machen. Mich sorgen und kümmern und besonders besorgt kümmern.

Am nächsten Tag der Anruf beim Arzt, ein Termin und das Versprechen, dass man auch wirklich mitkommt. Immer noch tut man so als sei man ruhig. Sobald aber die wirkliche Ruhe in einem aufkommt, sich breit macht, fühlen sich die Ängste herausgefordert. Ihnen ist es zu still. Und wie du da sitzt in deinem Kapuzenpulli mit der Sonnenbrille im Gesicht. Der Kaffee und Füller vor dir. Worte prasseln aus dir heraus. Worte, die sich mit den Ängsten verbündet haben und platschen auf das Tagebuchpapier. Aber beruhigend wird die Stimme. Immer. Weil es das ist was zählt. Durchdrehen kann man wenn es dann so weit ist und dann auch nur wenn man allein ist. Denn man ist doch Fels.

Am nächsten Morgen. Es ist zu früh. Ein Kaffee zu Hause, eine Cola auf der Fahrt dort hin und noch einen Kaffee für den Weg. Es wird geplappert. Meine Hand wandert immer wieder an den Nacken und versucht zu beruhigen. Denn eigentlich ist da Angst. Wir sind viel zu früh dran. Suchen uns Frühstück. Ich rauche und sehe weiter beim Plappern zu. Lege meine Hand auf den Oberschenkel und versuche zu beruhigen. Ohne Worte.

Zehn Euro zahlen, Fragebogen ausfüllen und in das Wartezimmer setzen. Die Sonne brennt uns ihre Strahlen ins Gesicht und die Leute gucken einen nicht an. Ein verschämtes „Guten Morgen.“. Denn man ist aus demselben Grund hier. Irgendwas ist nicht in Ordnung in diesem Körper. Ich erinnere mich wieder daran, dass ich Wartezimmer nicht mag. In meinem Kopf rattere ich alle mir bekannten Krankheiten herunter und bastle den Mitwartenden kleine Post-its, die ich ihnen an die Stirn klebe. „Pest und Cholera sind aus. Aber wir hätten noch Magengeschwür im Angebot.“. Namen werden aufgerufen und dann sitze ich dort alleine. Suche mein Buch und beginne zu lesen. Nur halb bei der Sache, wenn überhaupt. Denn was ist, wenn es doch etwas Schlimmeres ist? Kann ich das dann noch und reicht es dann aus, dass ich meine Hand auf Körperteile lege? Fühle mich mehr Kieselstein denn Fels und blättere nur aus Gewohnheit die Seiten um.

Es geht schnell. Der Weg bis zum Ausgang eine Ewigkeit. Denn nichts kann ich lesen in dem Gesicht. Keine Erleichterung und keine Sorge. Nichts. Als wäre es leer. Traue mich nicht zu fragen und dann die Erlösung, dass alles gut ist. Es nichts Schlimmes ist und man sich umsonst so große Sorgen gemacht hat. Gebirge fallen mir von meinem Herzen. Erst jetzt merke ich, wie groß die Angst wirklich war. Die in mir drin.

Auf dem Weg nach Hause nehme ich das Buch aus dem Rucksack. Schlage es auf, suche das Eselsohr und merke plötzlich, dass ich die ganze Zeit an der falschen Stelle gelesen habe und noch gar nicht so weit war. Ich schlage das Buch zu und sehe aus dem Bahnfenster.

Wie schnell es doch gehen kann, dass man sich sorgt. Um einen anderen. Jemanden, den es vor einigen Monaten noch gar nicht gab im eigenen Leben.

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