Dasein

Grundsätzlich kann ich das nicht. Diese Sache mit den Menschen. Kommunikation fällt mir schwer. Stummfischig sitze ich in einer Runde speziesverwandter Wesen und weiß nichts damit anzufangen. Ich habe weder einen großen Freundes- noch einen monströsen Bekanntenkreis. Sollte ich wieder umziehen, müsste ich mich nicht darüber aufregen, dass sich alle Menschen in meinem Umfeld mit dummen Ausreden aus der Affäre ziehen. Es gäbe gar keine Menschen die ich bitten könnte mir meinen Krempel in den Umzugswagen zu wuchten.

Es beginnt schon bei dieser Sache mit dem Smalltalk. Der Austausch von Basisinformationen fällt mir mehr als schwer. Nicht weil es mich nicht interessiert sondern weil ich den Sinn dahinter nicht sehe. Das ist doch kein Vorstellungsgespräch oder ein Casting für „Deutschland sucht den Superduperbekannten“. Ich kann mir keine Namen merken und bei Gesichtern wird es auch schwierig.

Aus diesem Grund sind die sozialen Kontakte die ich pflege sehr rar gesät. Man könnte sagen ich sei arrogant oder mir vorhalten ich müsse mich doch einfach nur öffnen und schon würden die Menschen auf mich zuströmen und erkennen wie wunderbar es doch ist, sich in meinem Dunstkreis aufzuhalten. Doch ich sehe keinen Sinn darin. Vielleicht bin ich auch einfach nur zu faul. Denn das alles würde bedeuten, je mehr Leute ich um mich habe, desto intensiver würde das Kontakthalten ausfallen. Freizeitstress würde sich breit machen in meinem schönen ruhigen Alltag und am Schluss machst du es doch keinem Recht.

Da ich aber doch nicht ganz allein auf dieser Erde wandle, schleichen sich ab und an vereinzelt Personen in mein Umfeld. Die sind dann da, sind mir oft mehr wert als ich mir selbst und parken auf den ersten Reihen in meinem Herzen. Man lacht und kichert und albert und rülpst und findet sich und die Zeit die man miteinander verbringt fantastisch. Doch dann kommt dieses Leben und wirft den Personen in meinem Umfeld Stöcke zwischen die Beine. Das schmerzt dann so sehr, sodass diese keine Lust auf kichern, albern, lachen und rülpsen haben. Plötzlich werden sie übermannt von Emotionen die oft zu Tränen führen. Und sobald die ersten salzigen Tropfen aus den Augenhöhlen meines Gegenübers purzeln verwandle ich mich in „Elefantenporzellanladen-Girl“.

Es ist nicht so, dass mich so etwas nicht berühren würde und ich nicht den Willen hätte die Schulter zu sein auf der man sich getrost ausheulen darf. Ich bin Pro-Emotion. Doch sobald mein Gegenüber von Tränen geschüttelt vor mir steht, beginnt der Fragenkatalog des Schreckens Antworten von mir zu fordern.

Soll ich jetzt umarmen? Viele Menschen mögen es nicht wenn man sie umarmt wenn sie im Gesicht ein Leck haben.

Soll man den Menschen verständnisvoll anlächeln, oder betroffen gucken, oder vielleicht auch einfach so tun als sei nix und irgendwas auf dem Boden zählen?

Soll ich einen auflockernden Witz reißen oder die Klappe halten?

Will derjenige jetzt tröstende Worte hören und welche Worte sind verdammt noch mal die richtigen tröstenden?

Wohin mit den Händen? Ein Taschentuch reichen oder gleich ein Badetuch oder will der Mensch es vielleicht sogar, dass ihm der Rotz literweise aus der Nase      quillt?

Näher ran, weiter weg oder ganz weg?

Und so stehe ich dann da. Mit diesem kuhäugigen Blick der verrät, dass die Gedankenmaschine gerade ganz wild am Rattern ist und mache… nichts. Weil ich nicht weiß wie ich damit umgehen soll. Weil ich selber eher vermeide, vor anderen zu heulen, weil ich weiß wie schwer es ist, darauf angemessen zu reagieren.

Oft mache ich dann doch irgendwie das Richtige. Irgendwann wird wieder ein bisschen gelacht aber vielleicht ist das auch nur die Verzweiflung die raus will und die Tränen einfach nicht mehr ausreichen. Oder man möchte, dass ich endlich meine verdammte Fresse halte wenn ich altklug Kalenderspruchweisheiten von mir gebe.

Das ist einer der Gründe warum mir Menschen Angst machen. Man kann so viel kaputt machen an diesen Wesen und nur durch eine falsche Handbewegung oder Bemerkung. Einmal kurz nicht richtig nachgedacht und schon zertrümmert man alles was man sich vorher mühevoll miteinander aufgebaut hat. Und gerade in solchen Momenten kann ein falscher Blick alles bedeuten.

Grübelnd zieht sich Elefantenporzellanladen-Girl zurück in ihre Wuthöhle. Fragt sich ob es eine allumfassende Superlösung gibt, für diese Fragestellung und ob es vielleicht wirklich nur dieses Dasein ist, von dem alle sprechen.

Advertisements

6 Gedanken zu “Dasein

  1. mhm.. sehr schöner Beitrag! Kann dich in allen Teilen da sehr gut verstehen!

    Ganz oben dacht ich mir nur… endlich jemand, der auch keinen Sinn in Smalltalk sieht..
    danach hab ich mich oft wiedererkannt…

    Ne Lösung für das Problem gibt’s wohl nicht. Weiterleben und um Erfahrungen reicher werden…

  2. ich bin das krasse gegenteil von dem was du beschreibst, ganz viele freunde, ich meine echte freunde und täglich unter menschen, unter vielen menschen.
    vielleicht ist es bei mir auch schon zu krass zu einer sucht geworden.

    zu deiner frage, was möchtest du, wenn du weinst und z.b. mir gegenüber sitzt? überlege dir das und mach das dann einfach mit deinem gegenüber. so erhälst du dir authentizität indem du dich nicht verhälst wie du dir vorstellst, was die anderen jetzt von dir erwarten, sondern indem du so agierst wie du es gerne magst.

  3. Also im ersten Moment machen mich Deine Texte immer ein wenig sprachlos :-o.
    Ich vermute mal, wenn Du versuchen würdest mal ein wenig Kontrolle über Dein eigenes Verhalten weg zu lassen, dürfte Dir sicherlich manches leichter fallen. Natürlich passiert es, das man Menschen vor dem Kopf stößt und sie gar verletzt mag, aber ich denke einfach, dass es wichtig ist, dass man sich selbst offen und ehrlich verhält. Und nicht versucht irgendeiine Art von Rolle zu spielen oder Programm abzuspulen. Das wird nie klappen, weil jeder Mensch zum Glück etwas unebrechenbares ist. Würde doch sonst das Leben langweilig machen.

    Achja… ich denke Du hast hier sicher einige treue Leser, die Dir zur Not auch bei einem Umzug helfen ;-).

  4. Ich kann dich voll und ganz verstehen. Ich sehe keinen Sinn in Smalltalk und „kann“ ihn auch nicht. Ich habe auch schon überlegt, ob ich vielleicht einfach nur zu faul oder zu bequem dazu bin, aber ich glaube das inzwischen nicht mehr. Wenn ich mit Menschen interessante Informationen auszutauschen habe oder eben „richtige“ Themen da sind, kann ich mich durchaus Stundenlang unterhalten. Aber meist überfordern mich soziale Situationen einfach und ich scheine völlig falsch wargenommen zu werden. Auch, bei der Sache mit den Tränen.

    Wenn du eine Lösung findest, lass die Welt daran teilhaben.

  5. Ich habe mich in Deinem Text sehr genau wiedergefunden. Ich musste sehr lange forschen, was dahinter stecken mag, warum ich so offensichtlich „anders“ bin. Ich habe für mich entdeckt, dass ich eine leichte Form von Autismus habe, Asperger Syndrom genannt. Ich sage damit nicht, dass Du das sicher auch hast, aber vielleicht magst Du einfach mal ein bisschen was darüber lesen? Hier zum Beispiel: http://www.aspies.de

    • Vielen herzlichen Dank für die Info. Aber ich denke mal nicht, dass mein Verhalten, mein Wesen das ich plump gesagt in die Sparte „schüchtern“ und „eigensinnig“ stopfen würde, mit einer Diagnose und einem Namen versehen werden sollte. Reinlesen werd ich trotzdem. Man kann ja nie genug Wissen anhäufen. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s