Vaterfigur

Wütende Worte wollte ich schreiben. Mit Zorn in den Fingern. Wutschnaubend davon berichten wie du mir Jahre meines Seins aus der Seele gesogen hast um sie dann achtlos wegzuwerfen. Wie sehr ich doch den Respekt vor dir verlor und wie oft ich daran gezweifelt habe, dass du deinem Spiegelbild standhalten würdest, wärst du nur einmal gezwungen genauer hinzusehen.

Hattest du es dir so vorgestellt? Dein Leben. Deinen Lebensabend von dem man schon langsam sprechen kann. War das alles dein Wunsch und Wille? Dein Plan den du verfolgt hast?

Du hast zwei Töchter gezeugt. Hast versucht dir ein Leben weiter oben zu erschaffen. Mit Privilegien und dem Anhäufen von Wissen. Du wolltest deiner Familie etwas bieten, ein Nest bauen und stolz darauf sein. Auf das, was du mit deiner eigenen Hände Arbeit erschaffen kannst. Und nun bist du damit beschäftigt drei Stunden lang Blut vom Boden aufzuwischen, dass du vor einer Woche in deine einsame Wohnung mit Hall in den Wänden gekotzt hast. Wie ernüchternd doch diese Realität sein kann wenn man sie mit einem klaren Kopf betrachten muss.

Viel hast du verloren. Das Schicksal hat dir geschadet. Immer wieder. Nicht in kleinen Häppchen wurde dir das Unglück serviert, sondern du bekamst immer die größte Portion. Du hast resigniert und weil es doch sowieso egal ist, und das Vergessen einem oft so viel leichter fällt, hattest du dich wieder in etwas gestürzt, was du eigentlich überstanden hattest. Doch dein Körper wehrt sich nun. Er macht es nicht mehr mit. Die Jahre die du ihn gequält hast, immer und immer wieder, zahlt er dir nun heim. Er möchte dich wach rütteln. Schon dreimal zeigte er dir auf, wo deine Grenzen sind. Doch du hast es nicht wahrgenommen. Tauchtest ein in dein Selbstmitleid und dachtest nur an dich. Nicht weiter, nicht ein Stück.

Wie sehr ich dich doch schütteln wollte als ich dich anrief weil die Polizei dich suchte weil du aus dem Krankenhaus geflohen bist. Aber ich war zu weit weg. Ich musste mich damit begnügen dir wütend in dein Ohr zu brüllen. Es kam nichts bei dir an. Du wolltest nicht mit mir streiten wenn du im Bus sitzt. Als würde es dir plötzlich was ausmachen, was die Leute von dir denken.

Und doch so wütend ich auch bin. So sehr ich dich hasse für die Sorgen die ich mir mache. Um dich und auch ein bisschen um mich umso mehr liebe ich dich dann doch. Nicht weil das Blut, dass dir aus deinen geplatzten Adern in der Speiseröhre spritzt, uns verbindet. Sondern weil es dich gab für mich. Irgendwann in einer fernen Welt warst du der Ritter mit der Rüstung aus Glanz. Du hattest den Schimmer um dich und ich sah zu dir auf weil du so viel klüger warst als all die Vaterfiguren die ich sonst erleben durfte. Ich sah auf andere Kinder herab mit ihren mickrigen Papa-Versionen. Denn du warst der Held in meiner eigenen verschrobenen Kinderwelt. Doch der Glanz ist verschwunden. Asche umgibt dich und ich weiß nicht ob ich dir in die Augen sehen kann, ohne zu weinen. Weil ich weiß, dass du mehr verdient hättest vom Leben als solch ein Ende.

Und als ich heute mit dir sprach, du verschlafen und müde warst, wollte ich leise flüstern, dass du dir bitte helfen lassen sollst. Das du es tun sollst für dich aber vor allem für uns. Für meine Schwester und mich. Weil du nun mal das einzige bist was wir noch haben. Und man sucht sich seine Eltern nicht aus. Ich weiß du wirst sterben. Früher oder später. So ist der Lauf des Lebens. Doch musst du Gevatter Tod herausfordern? Bist du wirklich so fern aller Realitäten, sodass du meinst du könntest eine Krankheit besiegen ohne den Anweisungen geschulter Mediziner Folge zu leisten?

Du fragest mich, ob es mir gut ginge. Und ich wusste, dass die Antwort ein ja ist. Weil es das tut. In Momenten in denen ich nicht zitternd an meinem Telefon sitze und den Botschaften horche, die mir Krankenschwestern, Polizisten, Tanten oder meine Schwester in das Ohr klopfen. In den restlichen Momenten bin ich glücklich. Ich hoffe du weißt es zu schätzen. Die Tatsache, dass es deine Töchter geschafft haben sich eine eigene Welt aufzubauen. Auch wenn du sie immer und immer wieder mit Ängsten fütterst. Ich hoffe du weißt was du zu tun hast. Und ich hoffe du wirst endlich wieder der kluge Mann den ich mal kannte. Den ich schätzte und liebte. Und ich hoffe es ist es dir wert, dass du vielleicht doch einmal deine Enkelkinder kennenlernst, deren Tante ich sein werde. Das ist doch was du immer wolltest. Kleine Kinderhände und dieses Lachen. Wenn du sie gesehen hast diese Kinder anderer Menschen warst du oft wie ausgewechselt. Sollte das nicht Antrieb genug sein? Ein einziges „Opa!“.

Ich wollte hasserfüllt sein. Wollte dich verfluchen und dir sagen du hättest es verdient. Doch auch ich werde klüger…

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