Augen

„Kann nicht schreiben.“, sagt sie. Guckt ihn an mit ihren wässrig blauen Augen mit den großen Schatten darunter. Er sieht ein Leuchten in ihnen. Diesen Augen. Sie erzählt davon, dass es zu viele Gedanken in zu viele Richtungen gibt. Ungeordnet prasseln sie auf sie ein und zerren an ihren Nervensträngen weil sie ihre Aufmerksamkeit wollen. Er, sie selbst, dieses „WIR“, Elfenbeinturmprinzessin, Mutter, Vater, Geld, Arbeit, Verpflichtungen und das sie zu wenig Flüssigkeit zu sich nimmt. Sie spricht von vergeudeten Lebensjahren. Er meint, jeder Tag hätte sie zu dem gemacht was sie jetzt ist. Aber waren die langen Anlaufzeiten wirklich notwendig? Die Schulden die gemacht wurden ohne einen Mehrwert daraus ziehen zu können?!

 

Und sie verabschiedet sich von ihm. Er schläft weiter, sie steht im Bus und gähnt in leere Bahngesichter. Vivaldi, Heaven Shall Burn, August Burns Red, Prinz Pi. Die Kopfhörer auf dem Schädel und immer wieder der Blick nach oben um den Absprung nicht zu verpassen.

 

Feucht und dunkel ist das Draußen und dann erscheint es immer wieder. Das Gesicht dieser Frau. Fast drei Jahre. Manchmal fühlt es sich so an, als wären es schon 100 Jahre. Als hätte es sie gar nicht gegeben und sie würde nur immer wieder an schlechte Szenen eines noch schlechteren Films denken, wenn der Kopf zu faul ist, sich eigene Geschichten auszudenken.

 

Und eigentlich bin ich es, die sich eigentlich dann doch kaum mehr erinnern kann. Die vergessen hat wie ihre Augen aussahen. Ihre Augenfarbe nicht mehr präsent. Alles woran ich mich erinnere, sind die Tränen und der verschmitzte Gesichtsausdruck wenn sie Aufkleber aus Frauenzeitschriften auf Blechdosen klebte. Sie klebte sie überall hin, diese Aufkleber.

 

Und der stillgestandene Atem. Ihr Gesicht, auf das ich eingeschlagen habe um ihr das Leben in den Körper zurück zu prügeln. Brille zwischen die Zähne geschoben. Der Kiefer verkrampft.

 

Die weichen Wangen die ich oft mit meinen kalten Fingern gestreichelt habe. Ihre leblose Hand mit den dreckigen, immer viel zu langen Fingernägeln. Die Salzstangen, die sie sich in ausgespülten Senfgläsern auf das Nachtschränkchen stellte. Die tausend Tischdecken die bestickt wurden. Immer fing sie eins dieser Dinge an und brachte sie nie zu Ende.

 

Das Flehen im Gesicht wenn sie mich um eine Zigarette anbettelte. Mein mahnender Blick in Richtung Sauerstoffgerät das mühsam mitatmete. Wenn sie mir versprach das es die letzte sei. Sie mir sagte, dass die Schmerzen erträglicher werden würden und die Erinnerung daran, wenn sie wippend und schluchzend auf dem Bett saß, weil ihre viel zu schwachen Beine tobten.

 

An so vieles erinnere ich mich. Doch ihre Augenfarbe wie ausradiert. Als hätte ich ihr nie in die Augen gesehen. Und vielleicht ist es auch der Grund. Weil ich ihr irgendwann nicht mehr in die Augen sehen konnte. Weil mein Blick immer die Flucht ergriff, erschien ihr Gesicht in meinem Blickfeld. Weil ich dieses Ding an ihrem Hals nicht ertrug, das in regelmäßigen Abständen chirurgisch gewechselt werden musste. Die Wunde am Kopf, die sie sich nachts immer aufkratzte.

 

Und so starrt sie mich seit zwei Tagen an. Weil sie fehlt. Weil ich mich erinnern möchte an ihre Augen. Und an ihre Stimme. Nur einmal möchte ich das Telefon nehmen um ihr zu sagen, dass es mir gut geht. Weil es das doch eigentlich tut.

 

Es geht mir gut. Ich wünschte du könntest es sehen.

 

 

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5 Gedanken zu “Augen

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