Daddy’s little girl

Abnabelung von den Eltern. Ein Prozess der notwendig ist, wenn man groß werden will. Wenn man anfangen möchte ein eigenes Leben zu praktizieren ohne den Bonusfaktor „Schoß der Familie“.

Der größte Schritt, der dies auch räumlich widerspiegelt, ist der Auszug aus dem heimeligen Elternnest. Ich bin einige Male von zu Hause ausgezogen. Bin wieder zurück, weil die Umstände es so verlangten. Während dem Studium immer wieder diese kleinen bunten Briefkuverts, gefüllt mit Grüßen, Sorgen und einem 20 €-Schein. Weil das Bafög-Amt nicht so wollte wie ich. Reichte nicht aus um die Miete zu bezahlen aber Brot und Bier, das konnte ich mir leisten. Mehr ging nicht und war sowieso mehr, als ich je erwartet hätte. Weil sie selber doch nichts hatten. Sagte die Schublade mit den Mahnungen.

Jetzt mit 26 bin ich endgültig ausgezogen. Nicht nur in ein anderes Dorf oder in einen anderen Landkreis. Einmal straight durch Deutschland, an das andere Ende. Größer die Stadt und riesiger die Entfernung zum elterlichen Rückzugsort, der nie einer war.

Eine Wohngemeinschaft bildeten wir. Mein Vater und ich . Keine Akzeptanz, weder in die eine noch in die andere Richtung. Es war eher ein Erdulden der Zwangssituation in der wir uns befanden. Wir arbeiteten, aßen und saßen in unseren Räumen. Jeder für sich. Es gab selten dieses Gefühl der Verbundenheit. Den Wunsch etwas teilen zu wollen. Sorgen machte ich mir jedoch immer. Wenn er einfach nicht nach Hause kam. Ohne das ich wusste wo er war. Weil wir doch so selten miteinander sprachen. Ich sah ihn liegen in irgendwelchen Straßengräben. Ausblutend und hilflos. Versuche ihn am Handy zu erreichen schlugen fehl und so schlief ich lange nicht ein. Bis das erlösende Geräusch des Schlüssel im Schloss zu hören war.

Traurig war er, als ich ging. Weinte und drückte mich fest an sich. Doch es ging ihm nicht um mich. Es ging ihm darum, dass er mit sich alleine sein musste. Genau jetzt. Seine Einsamkeit beweinte er und stellte sie über meine Abwesenheit.

Ein Sprung in die Allgemeinheit. Die Allgemeinheit hält Kontakt. Weil die Umstände normal sind. Das Verhältnis ist ein Gutes und oft gibt es den Kontakt sogar, wenn es das nicht ist. Familienkonferenzen per skype. Die Anrufe an Silvester. Geburtstagsgrüße. Die Heimat vermisst dich und die Eltern tun es noch viel mehr.

Der Wechsel wieder zum Ich. Drei Monate später. Genau drei Anrufe. Zweimal ging es darum, dass er wissen wollte, wo bestimmte Dinge liegen. Und gestern der dritte Anruf. Ich war entsetzt. Ein Anruf mit dem man nicht rechnet.

Er will wissen wie es mir geht. Ich klinge glücklich, meint er. Wir hangeln uns von einer Floskel zur nächsten. Er klang müde. Nicht lebendig aber zu müde zum Sterben. Ich sah ihn vor mir wie er da saß in den viel zu großen Jeans mit den hängenden Schultern die einen leeren Gesichtsausdruck auf sich tragen. Er isst nur noch Toastbrot erzählt er mir. Er verträgt sonst nichts mehr. Geht nicht arbeiten, darf aber nicht auf Kur, weil es nichts akkutes ist. Als sei es für Krankenkassen normal, dass ein Magen zweimal unkontrolliert zu bluten beginnt. Er erzählt von der Katze. Ich hatte nachgefragt. Er erinnert mich an den Geburtstag seines Vaters. Ich frage ob mein Paket angekommen sei. Zu Weihnachten. Ich hatte nichts von ihm gehört. Keine Karte und kein Anruf. Er hatte wohl wichtigeres zu tun.

Für mein Umfeld ist es normal. Dieses Austauschen von Lebensumständen mit Familie. Ich gehe nach dem Gespräch mit meinem Vater zu Lela und gucke sie ungläubig an. Erzähle, dass er wissen wollte, wie es mir geht. Eigentlich fast dumm, dass es mich so verwundert. Denn so sollte es doch sein. Kind geht weg, Eltern vermissen, Kind will erzählen von dem großen Neuen das ihr Tag für Tag widerfährt. Bei Normalität.

Ich könnte mich melden. Das Ruder in die Hand nehmen. Ihn daran erinnern, dass er nicht allein ist. Ich verspreche es ihm. Und irgendwann tu ich es. Die Priorität jedoch momentan so schwindend gering. Irgendwie sollte er mir wichtig sein. Sagt mir der Verstand. Weil er doch mein Vater ist. Doch so einen Vater, den sucht man sich nicht aus. Befohlene Liebe ist wertlos. Ich will ihn wieder lieben wollen und nicht lieben müssen. Ob das möglich ist…

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4 Gedanken zu “Daddy’s little girl

    • Wie gut ich das verstehen kann. Ich bin mit 16 Jahren weg von ihm, weg von zuhause, was ein Gefängnis war.
      Nachdem wir dann 3 Jahre gar keinen Kontakt hatten haben wir es immerhin hinbekommen, dass wir uns ca. 2 Mal im Jahr treffen. Ca. 6 Emails austauschen. Angerufen wird gar nicht.

      Es fühlt sich so an, als wäre 1996 nicht nur seine Frau, meine Mutter gestorben, sonder ich für ihn gleich mit.

      Und ich gebe zu – es tut mir immer wieder weh.

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