Prom Night

Stellt euch vor euer Leben wäre eine Prom Night.

(Jaha! “Blablablablabla, wieso sagt die Frau nicht einfach Abschlussball wie es der gute Deutsche nun mal nennt? Ist doch genau dieselbe Scheiße nur ein anderes Wort. Verdammte Amerikanisierung des Sprachgutes der deutschen Bevölkerung!!!“

Ruhig Blut. Ich kann zwar nicht aus eigener Erfahrung sprechen, da ich mich immer vor solchen Veranstaltungen brav in meinem Zimmer versteckt habe, was ich jetzt in den kommenden Jahren auf jeder einzelnen Hochzeit meines Umfelds büßen muss. Aber dank fakebook und myspace und friends sehe ich die Ausmaße die ein solcher Abschlussball annimmt. Abschlussball ist die bürokratische Version von „Spaß an der Freude haben“. Und wie ich es aus amerikanischen Teenie-Lovestory-Filmen gelernt habe ist so eine Prom Night ja mal die Playboy-Mansion-Version einer Party. Da wird entjungfert, gesoffen und mit Glitzer bestäubten Fingern die Pickel ausgedrückt. Genau dieses Szenario brauche ich. Kein Arsch-im-Stock-Event in feierlichem Rahmen.)

Zurück zur Ausgangssituation:

Stell dir vor das Leben sei eine Prom Night. Nicht nur auf den besagten Abend bezogen. Man zähle alles Vorherige dazu was zu einem richtigen High-School-Leben gehört, so wie es mir Hollywood in die Hirnrinde gefräst hat. Doch grundlegend geht es uns um diesen einen Abend. Wenn ihr euch da seht in diesem verkitschten Albtraum aus Kotz in einer Turnhalle. Schlechte Musik und im Hinterkopf immer die Eltern, die einen dann um elf Uhr abholen.  Beißender Schweiß tanzender Menschen in der Nase. Zu schummrig um überhaupt jemanden zu erkennen. So stehst du in dieser Halle. Und wenn du dir jetzt eine Rolle geben müsstest und dabei deinen Platz im echten Leben betrachtest, was wärst du dann oder besser gesagt, wer wärst du dann? Bist du die Sorte Kerl der heimlich den Punsch mit Alkohol streckt, um ein bisschen Stimmung reinzubringen? Bist du die Nervensäge die den DJ mit deinen abgedrehten Musikwünschen nervt, weil du doch so individuell bist? Bist du diejenige, die dann am Schluss zur Ballkönigin ernannt wird um sich dann danach vom gesamten Footballteam in der Umkleidekabine anwichsen zu lassen? Tänzer, Kopfnicker oder doch eher der Eckenwarmhalter?

Wie ich auf den Gedanken komme? Ich wurde letztens gefragt, dass für mich das Unbegreiflichste der momentanen Situation ist, dass er mich mag. Ich musste nicht lange überlegen, machte eine kleine demonstrative Denkerpause doch eigentlich stand es schon von vorneherein fest, dass meine Antwort ein „Ja.“ sein würde.

Wenn ich mich also in dieses Prom-Night-Szenario werfe sehe ich folgendes.

Ich bin 16. Ungeküsst versteht sich. Kann aber vielleicht auch daran liegen, dass ich bis vor Kurzem eine Zahnspange trug und die Vollkornbrotreste immer im falschen Moment im Zahngitter hängenblieben. Der Hintern ein bisschen zu breit aber auch nur weil ich nun mal echt gerne sitze und da nutzt sich so ein Körperteil auch schon mal ab. Zur Feier des Tages durfte ich mir ein besonders schönes Kleid aussuchen. Es musste aber im finanziellen Rahmen sein. Also wurde nichts aus dem atemberaubenden Traum aus Tüll und Glitzer und Eleganz sondern eher die plumpe Schwester davon. Aufgrund von mangelnder Einkaufsberatung sehe ich also extrem beschissen aus in meinem schweinchenrosa Chiffonalbtraum. Nichtsdestotrotz habe ich mir dank Schmink-Tutorials einschlägiger Videoportale Smokeyeyes gepinselt, die mehr einer Schminkexplosion eines Emos in seinen Anfängen gleicht. Stolz bin ich auf mich. Habe ich es geschafft dort hinzukommen ohne Limo oder einem riesigen Menschenauflauf der sich im allgemeinen Sprachgebrauch auch Freunde nennt. Und dann passiert es. Ich stehe am Rand, rülpse leise und versucht damenhaft in meine Satin-Handschuhe als der Schwarm der gesamten Schule auf mich zukommt. Zuerst denke ich natürlich nicht im Entferntesten daran, dass er sich gerade auf den Weg zu mir macht. Ich werde rot und starre pflichtbewusst auf meine Schuhspitzen. An dem immer betörender werdenden Geruch erkenne ich, dass er näher kommt. Und plötzlich werde ich angesprochen. Von ihm. Ich gucke hoch und sehe in diese Augen von denen ich geträumt habe seitdem ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. Heimlich habe ich ganze Seiten gefüllt mit seinem Namen um diese Zettel dann auf der Schultoilette zu verbrennen, damit keiner etwas von meiner Schwärmerei mitkriegt. Er bittet mich um einen Tanz und mein Herz rutscht mir sofort in den geblümten 1-€-Schlüpfer. Zitternd und schwitzend nehme ich seine ausgestreckte Hand. Mit stolz geschwelter Brust lasse ich mich von ihm auf die Mitte der Tanzfläche begleiten. Ich weiß, dass alle Augen auf uns beide gerichtet sind und zum ersten Mal in meinem Leben genieße ich es im Mittelpunkt zu stehen. Vorsichtig bewegen wir uns zu den sanften Klängen von Scooter, er presst mich immer fester an sich. Wenn ich mich genug anstrenge, dann könnte der Tanz auf meiner To-do-Liste sogar als Petting durchgehen. Ich schwebe verträumt vor mich hin und mein Kopf macht nur noch wohlige Gurgelgeräusche. Das Scheinwerferlicht genau auf uns gerichtet. Endlich erkennen die Menschen in meiner Umgebung was für ein Potenzial ich doch habe. Ich bin mehr als Hüftspeck und feuchte Aussprache. Seht mich an. Ich tanze hier mit DEM Kerl. Und als ich weiterhin mental mit dem Stinkefinger rumfuchtle und mich schon auf den nächsten Schultag freue an dem sie tuscheln werden. An dem ich beneidet werde, an dem mir vielleicht sogar ein roter Teppich ausgerollt wird wenn ich mal wieder wegen Nasenbluten zur Toilette sprinten muss, höre ich ein ratschendes Geräusch. Plötzlich fühlt es sich oben rum viel kühler an als vorher. Das eintretende Lachen zeigt mir, dass gerade etwas nicht so läuft wie ich es mir tausendfach in meinen feuchten Teenagerträumen ausgemalt habe. Und auch der Schwarm eines jeden Jungfernhäutchens lacht. Er zeigt mit dem Finger auf mich und hält sich den Bauch vor Lachen. Verwirrt blicke ich an mir herunter und erkenne, dass er mir den Reißverschluss des Kleides geöffnet hat und ich nun allen meinen fleischfarbenen BH zeige, bei dem Mutter meinte er würde sich nicht so sehr abzeichnen. So etwas würden alle Hollywoodstars tragen. Hätte sie in der Gala gelesen. Oder war es Bunte. Oder vielleicht doch die Cosmo. Entsetzt versuche ich zu retten was zu retten ist, doch ich mache mit meinem Gefuchtel alles nur noch schlimmer. Weinend und mit „Schweinchen Babe!!!“-Rufen eile ich aus der Turnhalle.

Genau so sähe ich mich in diesem Prom-Night-Szenario.

Und logischerweise, wenn man sich selbst als Schweinchen Babe mit blankem Busen sieht, fällt es einem schwer das dies ein Anderer nicht tut. Und momentan tanzt so einer dieser Schulschwarm-Typen mit mir. Fragt mich ob ich lauter rülpsen kann als der Typ da drüben hässlich ist. Und ein kleiner Teil in mir wartet immer noch auf diesen Oben-ohne-Moment. Weil der Teil es nicht verstehen kann. Weil er immer die Bestätigung erfuhr die er brauchte um auf seinem Standpunkt zu beharren.

Aber vielleicht läuft es ja auch mal wie in einem dieser ekelhaft positiven Teenie-Lovestory-Hollywoodstreifen. Und wir tanzen einfach. Nicht mehr und nicht weniger. Ich werde nicht in den Punsch-Eimer geworfen und keiner wird mich bloßstellen.

Aber grundsätzlich ist es mir gerade egal ob es in einem Schamrot-Moment endet oder nicht. Ey, ich darf tanzen und muss nicht in mein Punschglas rülpsen.  Der Vorteil liegt gerade so was von auf meiner Seite.

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7 Gedanken zu “Prom Night

  1. ooooch. heißt das, wir kriegen jetz keine boah-ich-hasse-diese-scheiß-verfickt-glücklich-händchenhaltenden-und-knutschenden-teenie-pärchen-postings mehr? 😛

    • We will see. (Vor allem kann ich mich leise daran erinnern, dass ich jeglicher Menschenform versuche eine Daseinsberechtigung zu geben. Auch Pärchen. Auch in diesem „Vorher“.)

  2. wer auf seinem standpunkt beharrt, kann nicht tanzen. ich glaub, ich geh mich mal auch was bewegen.
    plan b: wenn die bh-nummer kommt, könnten wir den doch einfach runterreißen, verbrennen, den dj zwingen, dä aufzulegen und irgendwas von „schwanz ab, schwanz ab, runter mit dem männlichkeitswahn!“ singen.

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