Ein Lächeln

Ich war nie ein Mensch der nach Großem strebte. Ich wollte immer nur zufrieden sein und merkte schnell, dass es wohl eins der schwierigsten Dinge ist, die man erreichen möchte. Denn grundlegende Zufriedenheit macht man nicht an einem kurzen Glücksmoment fest. Es ist die Grundeinstellung die man tagtäglich mit sich herumträgt. Mit der man einschläft und aufwacht. Und bald musste ich lernen, dass es wohl einfacher ist, sich nach großen Woohoo-Momenten zu sehnen, statt nach einer allumfassenden Zufriedenheit zu gieren, die in dieser Form scheinbar nie erreicht wird.

Denn man meckert. Immer. Einmal mehr und dann wieder weniger. Und man beschwert sich. Und man ist unzufrieden. Das Umfeld zeigt einem oft wie es sein könnte und man selbst blickt an sich herunter und bemerkt, nur ganz beiläufig, dass es bei einem eben nicht so ist. Das man selbst nicht so ist, wie man es gerne hätte. Und schon ist es vorbei mit der Zufriedenheit. Man hängt sich an die großen Momente. An das große Glück und hofft, dass dieses lange genug andauert, dass man es bis in den Schlaf mitnimmt um Morgens mit einem sanften Blick aufzuwachen.

Und dann, ganz unerwartet, passiert es doch. Für einen selbst. Nicht weil man viel getan hat dafür, sondern weil die Umgebung und das eigene Leben plötzlich nunmal so sind, wie sie sind. In meinem Fall ist es diese Stadt. Die große Stadt in die ich zog um endlich freier zu werden. Um mich nicht ewig kümmern zu müssen. Um nicht ewig auf einer Stelle zu trampeln das eigentlich mehr dem Schaufeln des eigenen Grabs glich.

Hamburg schaffte es, dass ich zufrieden bin. Es passierte einfach so. Es war ein fließender Übergang vom trotzigen und stinkwütenden Gör zum debil grinsenden Kleinstadt-Mädchen. Ich kann es kaum fassen, es nicht in Worte verstricken, wie zufrieden ich bin.

Mein Job ist eine Farce. Ich mag ihn nicht. Ich werde mich wahrscheinlich nie wohl fühlen in diesem aufgesetzten Konstrukt aus Sozialpädagogenbetriebsführung. Doch das Schöne und Gute ist, dass es mich nicht stört. Wenn ich zur Arbeit gehe, dann werde ich nicht automatisch langsamer je näher ich dem Bürokomplex komme. Ich beobachte meine Umgebung, raschle durch das Herbstlaub und bin früh Morgens die dumme Person, die lächelt. Nicht weil ich es muss, sondern weil ich es kann. Ich sauge alles in mich auf. Jeder neue Eindruck führt mir vor Augen, dass alles gut wird. Und gut ist.

Ich bin überwältigt. Seit einem Monat bin ich hier. Ich kenne nur wenige Orte die es hier zu bestaunen und bewundern gibt weil ich viel und lange arbeiten muss. Doch es macht mir nichts aus, dass mein Leben bestimmt ist von Wohnung, Arbeit, Bahn und Nahkauf. Denn ich weiß, dass ich irgendwann die Zeit finden werde mich noch viel wohler zu fühlen, als ich es jetzt schon tue. Und es erschreckt mich schon fast, dass ich keine Zeit finde hasserfüllte Worte in mein Notebook zu hämmern. Weil ich es nicht gewöhnt bin. Weil es nie so lief. Weil es immer etwas gab worüber man sich aufregen konnte. Was einem die Zufriedenheit aussaugte. Mein bisheriges Leben war der Kratzer am Gaumen, meine Marla Singer. Doch Marla wurde sanfter und gnädiger im Umgang mit mir. Marla fickt mich nicht mehr.

Es gibt viele Entscheidungen die man in seinem Leben fällt. Die, an die man sich erinnert sind meistens die, die man bereut. Weil man den falschen Weg eingeschlagen hat und keinen Ausweg mehr findet. Doch scheinbar habe ich einmal auf das wahre Bauchgefühl gehört.

Ich lächle. Und schmunzle. Und freu mich mehr denn je über Kleinigkeiten. Weil es gut und richtig ist. Hamburg. Nicht meine Perle. Der ungeschliffene Diamant. Gummibärenbandenzaubertrank für mein Herz und meine Seele. Und mein lächelndes Gesicht.

Erschreckend wie leicht es doch war. Mich zufrieden zu machen, mir das Gefühl zu schenken richtig zu sein. In dem hier. Und ich sitze hier, denke kurz nach und lächle. Weil es das ist was ich hier am Besten kann.

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