Schrei

Auf dem Weg zur Arbeit. Total erschlagen weil ich mit Wissen vollgepumpt werde. Von halb neun bis halb sechs. Weil es zu viele Eindrücke sind. Zu viel reden. Zu viel Neues. Und zu viel Katze die meint sie müsse auf meinem Nervenkostüm Polka tanzen.

 

Es ist kurz nach sieben. Es regnet. Wir sind in Hamburg. Da regnet es doch immer. Auf dem Weg zur S-Bahn. Und zwischen die Regentropfen zwängt sich ein ohrenbetäubender und knochmarksprengender Lärm. Ein Kind. Es schreit als würde man ihm glühende Nägel in die Augäpfel treiben während man ihm jedes einzelne Kindskopfhaar einzeln ausreißt. Ich sehe nicht woher der Urschrei genau herkommt. Doch ich weiß, dass sich dort in der Nähe ein Jugendamt befindet. Sofort kommen mir Bilder in den Kopf von einer Mutter der ihr Kind aus den verkrampften Armen gerissen wird. Zum Besten für das Kind weil die Mama nimmt Drogen und der Papa geht auf den Strich. Oder anders rum. Und dann erreiche ich den Ursprung des Gebrülls. Eine KiTa. Mit weit aufgerissenen Augen steht das Kind vor der Glastür und schreit sich das kleine unbescholtene Seelchen aus dem Leib. Es zittert und Tränen, Rotz und Spucke quellen aus allen Luken des schmerzverzerrten Gesichts. Der Vater vor der Tür. Nicht wissend was er jetzt eigentlich tun soll. Und ich sehe nur eins. Die Verlustängste.

 

Ich glaube schon die Geburt ist der erste Moment in dem einem Menschenwesen klar wird, dass es mit Verlusten im Leben zu rechnen hat. Neun Monate lang wohnt man in der eigenen Mutter und plötzlich wird man aus einer Öffnung gepresst. Fremde Hände greifen nach einem, packen einen und geben einem einen Klaps. Der erste Schrei des Kindes für die Mutter eine Befreiung. Weil das Kind atmet. Ein erstes Anzeichen für Gesundheit. Eine Sorge weniger. Abhaken. Ich glaube nicht, dass so ein Kind schreit, weil es plötzlich kalt ist oder aus anderen sonderbaren Gründen die einem erzählt werden. Ich glaube es ist das Bewusstsein, dass man loslassen muss im Leben. Die erste Erfahrung im Zyklus des getrennt Werdens. Die erste Erfahrung, dass man sich nicht ewig an einer Person halten kann. Und dieses will man nicht wahrhaben. Man wehrt sich dagegen. Und da so ein Baby weder zuschlagen kann, noch Blogs mit emotionalem Gedönse vollhauen kann, schreit es. Kleine Kinder schreien. Wenn man ihnen Dinge wegnimmt. Wenn man sie zwingt in den Kindergarten zu gehen, wo man sich doch mindestens drei Jahre ständig um sie gekümmert hatte. Rund um die Uhr. 24/7 war einer da.  Plötzlich wird man allein gelassen. Und nichts drückt das besser aus als ein Schrei. Schreien führt dazu, dass man beachtet wird.

 

Und irgendwann wird man größer. Körperlich und vielleicht auch ein bisschen im Denken. Und dann lernt man, dass es nichts bringt. Dieses Schreien. Das man trotzdem allein gelassen wird. Immer wieder. Von jedem. Oft von denen wo man es am wenigsten erwartet hatte.  Man lernt damit umzugehen. Ohne dies in ein Kreischen zu verwandeln, dass einem die Nebenhöhlen freivibriert.

 

Und als ich die Treppe der S-Bahn erreichte fragte ich mich, warum man es denn irgendwann unterlässt. Das Schreien. Warum man darauf verzichtet sich so einfach Luft zu machen. Wenn man erwachsen ist, dann trinkt man und weint in eine Tempo-Box. Man stopft sich mit Essen voll und lässt die EC-Karte glühen. Man leidet. Doch schreien fällt einem nur dann ein, wenn man alleine ist. Und oft nicht einmal da, weil man sich geniert. Und als ich den Gang zur S-Bahn entlang ging wollte ich schreien. Laut aufschreien. Um all die Verlassensmomente in einem angemessenen Rahmen nachzuholen. Und doch wäre das absolut sinnfrei gewesen. Denn die, die es betroffen hätte, die hätten es sowieso nicht gehört.

 

Ich glaube das Kind hat es richtig gemacht. Und ich denke wir sollten abschalten. Die Prozesse des Verarbeitens und einfach drauf losschreien, wenn uns etwas so tief verletzt, dass es dazu führt, dass wir uns einsam und verlassen fühlen. Weil es so viel wirkungsvoller ist als das heimliche Leiden das wir uns selbst auferlegt haben.

 

Urschreitheorie my ass. Ich bin für die „Du willst mich verlassen? Ich schreie so laut, dass dir das Trommelfell platzt“-Theorie. Befreiendes Brüllen und Rotz gegen Wände schleudern.

 

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2 Gedanken zu “Schrei

  1. Ich mag den Text und das Gefühl dahinter. Wir sollten das wirklich öfter mal tun … Es würde mit Sicherheit nicht schaden – und gesünder wäre es auch.

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