Deutsch für Bayern

Den Wulff, den finden wir doch doof, oder? Der ist Politiker. Natürlich können wir den nicht leiden. Weil DIE DA OBEN, DIE MACHEN DOCH SOWIESO WAS SIE WOLLEN! Und der Wulff, der sagt viele Dinge. Ist ja Politiker. Ist deren Job. Reden. Und unsere Aufgabe ist es, uns darüber aufzuregen. Weil DIE DA OBEN…, ihr wisst schon.


Momentan wird viel über das Thema Integration gesprochen. Weil der Onkel Sarrazin hat nämlich gesagt, dass sich die Muslime nicht integrieren wollen. Um Arbeit geht’s. Kriminalität. Schulen. Alles wird durchgerödelt und wenn man bei wordpress die aktuellen deutschsprachigen Top-Posts durchklickt, behandeln grob geschätzt mindestens die Hälfte davon, dieses Thema. Ein Integrationsdebatten-Boom.


Dann kommt der Opa Wulff und sagt „Wer bei uns arbeiten will muss Deutsch sprechen.“. Hat er ja irgendwie recht. Meine bescheidene Meinung. Wenn ich Brötchen kaufen gehe, will ich, dass ich mich nur verbal äußern muss, ohne Zeichensprache anwenden zu müssen um mein Anliegen zu verdeutlichen. Nur mal so.


Aber der Satz an sich interessiert mich gar nicht. Soll er doch. Reden und reden lassen. [Und während ich das hier tippe denke ich mir, verdammte Axt. Jetzt gibste denen auch noch DAS Argument um dich dann tot zu reden, weil die soll ich dann halt auch einfach reden lassen. Mist, Mist, Mist. Egal. Vielleicht fällt’s ja nicht auf. Einfach ein paar blumige Neologismen einwerfen. Das lenkt doch immer ab. Puh!] Was mir saure Wutrülpser entlockt ist das immer wieder auftauchende Thema BAYERN.


Wer nicht versteht was ich gerade meine, eine kleine Assoziationskette, die zu weiteren Witzen über das Bayervolk führte.


Wulffi -> wer arbeiten will muss Deutsch sprechen -> nicht Deutsch sprechen -> unverständliche Dialekte -> yeah, Bayern -> aber Opa Wulffi, so viele arbeitslose Bayern, das geht doch nicht -> Schenkelklopf, höhöhöhöhö!!!


Verstanden? Gut. Und gelinde gesagt geht es mir derbe gegen den Strich. Absolut subjektiv brülle ich ein „Nieder mit dem Bayernbashing!!!“ in die traute Leserschaft. Warum? Ich bin Bayer. Und da ich nun mal ein Teil des eigenwilligen Völkchens bin, fühle ich mich persönlich verarscht und ausgelacht. Hihi, kuck mal. Die kann nicht richtig Deutsch reden. Lustig!!! Nicht!!!!!! Ich müsste mich nicht angesprochen fühlen. Ich könnte sie reden lassen. Wie ich den Wulffi-Schnupsipups reden lasse. Doch leider ist es so, dass sich diese Thematik wie ein roter Faden durch meine Außenwelterfahrung zieht.


„Wie? Du kommst aus Bayern? Das hört man aber gar nicht.“

„Also das du aus Bayern kommst, das hört man schon.“

„Wenn du dann nach Hamburg ziehst und keine Wohnung findest, vielleicht haben die im Asylantenwohnheim noch einen Platz für dich.“


Der Bayer spricht komisch, er feiert saublöde Feste, er kleidet sich absolut beschissen und überhaupt, weg mit diesem Bayernvolk, weil wollen wir nicht in unserem schönen Deutschland haben.


Besonders in dem Fall macht sich bei mir der Eindruck breit als, wäre Bayern ein sprachliches Gallien.


„Ganz Deutschland spricht verständliches Hochdeutsch… ganz Deutschland? Nein, ein kleines Bundesland leistet nach wie vor der Verhochdeutschisierung heftigen Widerstand.“


Ja, der Bayer ist stolz auf seinen Dialekt. Ja, viele Bayern vertreten die Ansicht, dass man sich ja nicht mit ihnen unterhalten müsste, wenn man sie nicht versteht. Sehe ich alles ein. Auch ich selbst machte mich über die Engstirnigkeit beim Thema „Erweiterung des sprachlichen Horizonts“ lustig. Aber es ist nun mal eine Tatsache, dass ich das darf. Weil ich Bayer bin. Ich darf über meine Landsleute herziehen und ihre sprachlichen Äußerungen als Verbaldurchfall betiteln. Unfair, aber ist nun mal so. Und vor allem erweckt es jedes Mal bei mir den Eindruck, als wäre Bayern das einzige Bundesland mit einem Dialekt dem man nur folgen kann, wenn ein Untertitel dabei ist.


Ein kleiner Schwank aus meinem Erfahrungsschatz was Dialekte anbelangt. Ich fuhr einmal vier Stunden mit einem Sachsen von Punkt A nach Punkt B. Die Unterhaltung mit dem netten Menschen fiel mir sehr schwer, weil jeder zweite Satz von mir ein „Wie bitte?“ war. Ich verstand ihn zum Großteil einfach nicht. Und so ist es in weiten Teilen von Deutschland. Es gibt so viele verschiedene Dialekte, die eben auch nur die Leute verstehen, die diesen sprechen. Ösis reden auch komisch. Über die macht man sich nicht lustig. Weil ist ja ein anderes Land. Die dürfen das. Oder die Schweizer. Versteht keine Sau. Ich war einmal in der Schweiz. Das Zahlen der von mir erworbenen Artikel war nur möglich, weil ich die Zahlen am Kassendisplay sah. Den Kauderwelsch den mir der Mensch da entgegenbrummelte war unverständliches HubbaBubba-Genuschel. Aber auch ein anderes Land. Stimmt. Scheiß auf das Deutsch in Schweizer-Deutsch.


Und mir wird das langsam zu blöd (schon wieder). Das ich ständig hören darf wie selten scheiße wir doch sind. Wir Bayern mit unserem Bier und unserem Winter und unserer Sprache. Urlaub auf dem Bauernhof im Bayerischen Wald. So schön idyllisch. Und alle waren sie so nett und freundlich.


Kindergartenniveau. Es fehlt nur noch die rausgestreckte Zunge und ein gesungenes Nanananana. Dann wäre es perfekt.


Ich bin es leid, mich für was zu entschuldigen, indirekt, was ich nun mal bin. Ich kann nichts dafür. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich boxte meine Mutter im Bauch nicht in Richtung Bayerischer Wald und gab ihr Morsezeichen, dass sie mich genau da rauspressen soll.


Ach und ihr Komiker. Nur mal am Rande. Deutsch ist nicht gleich Hochdeutsch. Nur mal so.


Und während Opa Wulff darüber nachdenkt, wie er den Bayern richtiges, echtes, brauchbares Deutsch beibringt, damit er nicht Abermillionen neue Arbeitsamt-Besucher hat, philosophiere ich still und leise, aber in Mundart, darüber, dass es der Bayer schafft, mit nur einem einzigen Buchstaben eine ganze Unterhaltung aufrecht zu erhalten.


Pfiad eich!

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6 Gedanken zu “Deutsch für Bayern

  1. Ach, im Urlaub halten’s die Deutschen doch auch nicht so mit der Sprache. Alle Jahre Malle oder Türkei und? Nix gelernt, aber jedes Jahr hinfliegen, weil’s doch so schön ist. Und im Afrikaurlaub nur Anlagen buchen die deutschen Standards entsprechen und mal mind. englisch sprechen. Wann soll man auch zwischen Arbeit und Online-& TV-Zeit ein paar Worte und Sätze des Urlaubslandes lernen? Herrlich, diese Doppelmoral. Aber gut zu wissen, daß offenbar die Bayern wissen, we sich Ausländer, Migranten, etc. sich hierzulander fühlen könnten. Ich mag bayrisch, ich mag Bayern. Schwäbisch hingegen gar nicht so.

  2. Och komm, beim Wettbewerb der beliebtesten deutschen Mundarten holt Bayern regelmäßig den Pokal (wie auch bei einer Ballsportart). Und schwer verständliche Dialekte gibt es in ganz Deutschland. Ur-Kölsch ist ne ganz harte Nuß, wenn nicht ein paar hochdeutsche Anhaltspunkte zum Satzverständnis eingestreut werden. Das Sächsische wird seit ewig durch schlechtes Nachahmen verspottet, selbst im Sauerland muß man genau hinhören, wenn man einen Dialektpatrioten vor sich hat. In Baden-Württemberg hat einmal jemand „etwas“ auf mich eingeplaudert, von dem ich ungelogen nicht EIN Wort verstanden habe. Ich habe nur genickt und mich nicht getraut nachzufragen, weil die Situation schon in der Abteilung „Hochnotpeinlich“ angekommen war.
    Einige Hessen haben sich für ihre gar nicht mal so ausgeprägte Mundart sogar einmal entschuldigt. Seltsam.

    Mir sind Dialekte jedenfalls sympathisch, sie strahlen eine gewisse Wärme aus. Und als Regionalvertreter eines recht reinen Hochdeutschs fühle ich mich mancherorts irgendwie nackt.

    (Allerdings stelle ich nach einigen Tagen in München stets fest, dass ich mein Verwandten unwillkürlich nachzuäffen beginne. Bin dann immer SEHR dankbar, dass sie es mir nicht vorhalten. Im Grunde möchte ich mich als Immigrant fei nur integrieren, woll?!)

  3. Och Gottchen, die Bayern.. ich bin ja mindestens genauso leidenschaftlich gebürtige NRWlerin wie du Bayrin und mal im Ernst, ich mag Bayern. Ich mag halt einzelne Aspekte nicht, z.B. die Sache mit dem Bayrischen Roten Kreuz (sind die sich zu gut, dass der Rest des Landes mit ’nem Deutschen Roten Kreuz auskommen muss?) .. Oder BAFöG in Bayern, auch so ’ne Sache, die am Rest des Bundes schlank vorbeigeht. Aber mei… ist halt so. Der Bayer an sich mit seinen klischeehaften Eigenarten bietet ja auch nicht mehr oder weniger Angriffsfläche als alle anderen Bundesländler. Allein was die Schwaben so an Lästereien einstecken müssen 😀 Ich muss mir von Außen auch immer immer anhörn „joah mei, hier im Ruhrgbiet gibtsch ja Bäum!“ Was soll’s. Einfach nicht ärgern 🙂

    • Nur um das klar zu stellen. Ich bin kein „überzeugter“ Bayer. Ich bin nicht stolz auf weiß-blau-Trallala. Ist mir ziemlich egal alles. Mich nervt nur dieses ständige Gedisse.
      Und was hat das mit dem Bafög, was du erwähnst, auf sich?

  4. Achjau, und um HecPac zuzustimmen, so als Sandwich-Deutscher aus der Mitte des Landes, wo das Höchste der Gefühle ein „datt“, „watt“, und „kärrweißee!“ ist, das dann zum Dialekt idealisiert wird… da hätt ich gerne mal das Problem 😀

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