Individualität als Gemeinschaftsgefühl

Hört ihr euch eigentlich manchmal zu? Seht ihr euer Leben auch manchmal mit einem gewissen Abstand an, oder seid ihr schon so drin in diesem hippen, crazy Überlifesyle, sodass ihr gar nicht mehr merkt, was da passiert?

Ihr esst keine Nudeln mehr. Ihr esst Pasta. Selbst gemacht mit der Ikea-Nudel-Automaten-Maschine. Der Ikea-Rausch. Ein Rausch der Sinne. Individualität erreicht durch Uniformität. Ihr esst keine Aufläufe, ihr macht euch Gratins. Ihr trinkt auch keinen Kaffee. Weder mit oder ohne Kännchen. Ihr trinkt dreifach gezwirbelte antistatische rechtsrumgerödelte Soja-Lowfat-Lattechinos mit Hornochsenflavor. Ihr schreibt eure Notizen nicht mehr in schnöde Kalender. Ihr beschmiert Moleskines mit euren Kugelschreibern, die ihr auf Messen habt geschenkt bekommen. Biobauernmilch aus dem Tetrapack. Ihr geht zu Bands deren Namen zu lang sind. Statt Pur gibt es „Und Helmut geht um eine Ecke und findet dort einen Pfirsichkern den er sich mit Genugtuung in den Arsch schiebt um dann jodelnd die Neuzeit auszurufen“. Während ihr in den dreckigen Clubs steht, mit Flaschenbier und GinTonics in der Hand, tanzt ihr zur Begrüßung euren Namen. Ihr fresst nur noch Dinge, von denen ihr den Lebenslauf vorgelegt kriegt. Ihr kokettiert mit euren psychischen Erkrankungen als müsste man sich schuldig fühlen, wenn man keine Störungen vorzuweisen hat. Das Propagieren von Einsamkeit und deren Geschwister Alkoholismus und Untervögelung. Ihr seid nicht einfach nur arschfaul, ihr prokrastiniert. Ihr zieht in Stadtteile, in die sonst keiner ziehen will, weil dort sind noch die echten Menschen. Dort bleibt ihr am Boden. Dort seid ihr nicht umgeben von diesem Einheitsbrei. Ihr telefoniert nicht mehr mit Handys, nein. Ihr packt eure Smartphones auf den Tisch und bevor der Tag herum ist habt ihr tausendfach geflickrt, getickrt, getwittert, gegessrt! Wie individuell ihr doch seid, wenn ihr mit euren Jutebeuteln durch die Szenecafes der Stadt stolziert. Jeder von euch hat einen anderen Kartoffeldruck. Und während ihr am Abend dann euren rohen Fisch in das Gesicht stopft, während ihr bei Tatort kleine Mützchen häkelt, fühlt ihr euch so besonders. Weil ihr doch so individuell seid. Weil ihr euch abtrennt von der Masse.

Ich esse jetzt meine Nudeln von Mama Miracoli. Sehe währenddessen irgendeinen Brutalofilm und rülpse fröhlich vor mich hin. Ein Hoch auf eure Individualität.

[Disclaimer: Diejenigen unter euch, die sich angesprochen fühlen… joa… macht nur. Mir egal. Bin momentan dauersauer. So what!]

Advertisements

5 Gedanken zu “Individualität als Gemeinschaftsgefühl

  1. Wollen wir zusammen Tatort gucken? So ganz ohne Fummelei…Du kannst auch häkeln dabei?

    Ich bin angetan. Du triffst diese Pseudo-Individualität echt auf den Punkt! Toll.

    Ich sah letztens den Thomas Sabottka (http://www.sabottka.de) in Dresden. Der hatte eine entfernt ähnliche Geschichte parat. Ich glaub..was der kann, könntest Du auch. 🙂

  2. Was machen die richtigen Individualisten ohne die Pseudo-Individualisten? Wem gegenüber sollen sich die richtigen Individualisten dann individuell ungeclont fühlen? Da denk ich jetzt mal drüber nach, prost.

  3. Danke, danke danke. Einfach großartig. Aber irgendwas fühlt sich gerade falsch an – ach so – ich tippe nur von meinem schnöden Windows Laptop und nicht von meinem Mac Book oder Iphone aus. Man kann nicht alles haben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s