Heldensterben

Trinke schon wieder. Weil es momentan eins der wenigen Dinge ist, die ich wirklich gut kann. Trinken.


„Barbara, wenn du Bettzeug brauchst. Oder Geschirr. Du musst es nur sagen. Och. Das die Katze da rauskommt aus dem Transportkorb ist natürlich dumm. Vielleicht finde ich in der Arbeit einen dicken Draht und den kann man dann da durch und dann die Tür zumachen. Du verstehst?! Aber Wenn du Besteck brauchst, sag es nur.“


„Ja! Vater!“


Ich glaube er hat Angst. Vor diesem allein sein.


Wir reden nicht viel miteinander. Wetter, Arbeit, au mein Bein, au mein Rücken, ach die Katzen, hast du?, wirst du?, kannst du?, Essen steht in der Küche. Wir sind eine Wohngemeinschaft. Wir wohnen zusammen aber leben das tun wir nicht gemeinsam. Wenn meine Schwester mit ihrem Verlobten zu Besuch ist, ihn Honey nennt und ihm kleine feuchte Küsse auf die Stirn drückt, dann täuschen wir gemeinsames Leben vor. Er macht Kaffee, ich hole die Milch, stelle die Tassen und Teller auf den Tisch. Noch jemand ein Stück Kuchen?


Und auch wenn er eigentlich jetzt auch schon allein ist. Weil er dort wohnt in diesem Raum mit dem Fernseher und seine freien Stunden mit schlafen, dem Stopfen von Zigaretten und dem Lösen von Kreuzworträtseln vergeudet. Und ich in meinem Zimmer. Er wird noch viel einsamer sein. Weil das Wissen, dass doch jemand da ist, wenn man an eine Tür klopft, verpufft. Er wird klopfen und es wird keiner missmutig ein „Gleich!“ brüllen. Es wird keiner da sein, der ihm die Uhr am Handy richtig einstellt. Es ist niemand mehr da, der ihm seine Wäsche aufhängt, die schon zwei Tage in der Waschmaschine vor sich hingammelt. Es ist keiner da, der er erzählen kann, wie anstrengend sein Tag war. Er wird nur noch eine von zwei Katzen haben. Und das wars.


Das sind so Momente, da tut er mir leid. Wenn er mich mit seinen glasigen Augen anfleht. Nur hinter der Maske. Wenn man sich die Fahne wegdenkt und die unkontrollierten Bewegungen. Dann fleht er mich an, dass ich ihn doch wieder so lieben soll, wie ich es getan habe, als ich klein war. Er weiß, dass er mich verloren hat. Das ich ihn nur noch dulde und nicht mehr akzeptiere. Und es tut mir leid, wenn es ihm deswegen einen Stich in sein vertrocknetes Herz gibt. Doch er ist schuld. Er hat es verbockt.


Und so stelle ich mich heute vielleicht in den Türrahmen. Mit der Fahne. Mit dem glasigen Blick. Und mit dem Flehen, dass es doch wieder so sein soll wie zu dem Zeitpunkt als ich klein war. Als er mein Held war und nicht mein Kryptonit.

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Ein Gedanke zu “Heldensterben

  1. Ich weiß genau wie du dich fühlst.

    Entdecke da viele Parallelen. Auch wenn ich dieses Gefühl nur habe wenn ich mich nach meinem Besuch bei ihm einmal in 1-2 Monaten der Haustür zum verabschieden nähere.

    Es ist wirklich eklig dieses Gefühl.

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