Shitstorm

Ich muss euch jetzt schon mal was fragen. Nehmt es mir bitte nicht krumm, aber ich will die Welt um mich herum verstehen und oft tauchen so Momente auf, da stoße ich an meine Verständnisgrenzen. Ist es eigentlich anstrengend, so ein absolut politisch korrekter Gutmensch zu sein? Ist es nicht manchmal absolut zermürbend, wenn ihr jedes Wort, dass ihr von euch gebt, abwägt, denn es könnte sein, dass man jemanden damit diskriminiert und in seinen Grundrechten als Individuum schadet? Wie ist es, wenn man sich durch das Leben kämpft mit der Absicht besser als Jesus zu sein, weil sogar er wusste, dass er nicht ohne Schuld ist. (Für die Nicht-Wisser unter euch: Den ersten Stein werfen der ohne Sünde ist, und so. Die Nummer.)? Könnt ihr überhaupt ruhig schlafen wenn ihr wisst, dass an dem Teebeutel, den ihr in den Bio-Müll geworfen habt, so ein böses Klammerdingsdi dran ist, dass vielleicht die gesamte Umwelt ins Verderben stürzen wird, wenn das jeder so machen würde?


Auf die ganzen Fragen komme ich weil auf Twitter mal wieder zur Hexenjagd aufgerufen wurde. Ein Aufschrei ging durch Twitterhausen. Man warf sogar mit Schimpfworten um sich und Sachlichkeit ward verschwunden, denn es ging darum die Rechte der islamischen Bevölkerung zu wahren. Für die Nicht-Wisser unter euch, mal wieder, es ging um folgenden Tweet von „mdrreiter“:


„Einheitstag 2030: Bundespräsident Mohammed Mustafa ruft die Muslime auf, die Rechte der Deutschen Minderheit zu wahren.“

Das darf natürlich nicht sein. So was sagt man nicht. Schon allein dieser Name. Als würde jeder Muslime Mustafa oder Murat heißen. Wie es bei uns ja auch nicht der Fall ist, dass jeder zweite Deutsche Peter oder Klaus heißt. Pfui Spinne. Und überhaupt. So eine Aussage bei der momentan mehr als gespannten Lage. Was erlaubt der sich denn nur, dieser mdr-Mensch?

Ich habe ein Wort für euch. Scheinheilig. Denn genau das seid ihr, wenn ihr euch über so einen schlechten Witz aufregt. Wenn ihr schon meint so absolut korrekte Menschen zu sein, deren größtes Ziel es ist, Weltfrieden zu propagieren, weil wir uns doch alle lieb haben und an den Händen halten, dann denkt bitte das nächste Mal daran, wenn ihr über folgende Dinge herzieht.

Die Frau. Ihre Eigenheiten und Macken. Beginnend bei Schuhtick und endend bei der Frage „Was denkst du gerade?“.

Um Umkehrschluss. Der Mann. Klischees über Nasen, Penislänge, Gefühlskälte oder nerviges Fußballgeglotze.

Die Mitreisenden im ICE, in der S-Bahn, etc.

Jede Form von Menschengruppe, die nicht eurem Bild von richtig und falsch entspricht.

Liste könnte ich ewig weiterführen. Hartz IV-Opfer, Ghetto-Jungs mit Ghetto-Slang, billig gekleidete Damen, etc pp.

Wer von euch noch nie über einen politisch absolut unkorrekten Witz gelacht hat, der darf sich brav darüber aufregen. Denn du bist dann besser als Jesus und er wäre so stolz auf dich und hält dir den Platz zur Rechten Gottes schon mal warm.

Ich für meinen Teil bin mir bewusst, dass das Leben nun mal nicht absolut korrekt abläuft. Das auch ich mich dazu hinreißen lasse, Witze auf Kosten anderer zu machen. Weil das nun mal das Leben ist. Weil wir Vergleiche suchen um uns selbst besser zu fühlen. Und immer dieses „Huch, das sagt man doch nicht.“. Ab wann ist es z.B. OK sich über Hitler lustig zu machen? Ein Mensch der dafür verantwortlich ist, dass wir uns noch heute entschuldigen, egal ob wir es müssen oder den tiefen Drang haben, es einfach zu tun. Ein Mensch der kaltblütig dafür gesorgt hat, dass Millionen von Menschen starben. Das ist in Ordnung? Oder über Dunkeldeutschland, wie der Osten der Republik noch genannt wird, Witze zu reißen? Noch eine Banane auf Kosten des Hauses? Ich habe mich schon einmal gefragt wer entscheidet, wann ein Witz angebracht ist und wann nicht. Als die Diskussion losging, ob es in Ordnung sei, sich über die JU-Single-Börse aus dem Frankenländle lustig zu machen. Und ich kann es immer wieder nicht fassen, wie schnell so ein Shitstorm entstehen kann. Wie leicht ein Mensch in eine Schublade gestopft wird, um sie dann mit Nägeln der Gewissensbereinigung zuzunageln. Ich könnte sagen, dass ihr doch mal den Stock aus dem Arsch ziehen solltet. Doch macht euch einfach mal bewusst, dass ihr zu Zeiten der Hexenverfolgungen wohl die Front gebildet hättet. Und wenn euch das nicht mit Scham erfüllt, dann weiß ich auch nicht weiter. Dann lebt in eurer Gutmenschen-Luftblase und seid glücklich. Aber mir für meinen Teil macht es Angst, wie schnell man bei euch in Ungnade fallen kann. Wie leicht es ist, aus einem miesen Witz eine Hetzjagd zu basteln.


In dem Zusammenhang lesenswerter als mein Gesabbel. stijlroyal

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25 Gedanken zu “Shitstorm

  1. Mhhh.. ist Dir aufgefallen, dass der Mann nun im dreistelligen Bereich mehr Follower als zuvor hat, der Tweet momentan 58 Retweets zählt und ihn viele verteidigt haben? Widerspricht ein bißchen Deiner These, Reiter wäre „in Ungnade gefallen“, oder?

    • Das mache ich doch nicht an Retweets oder Followerzahlen fest. Es ist der Umgang der gepflegt wird. Ich verlange nicht, dass man alles was einem widerspricht, kommentarlos hinnimmt. Tu ich ja auch nicht. Doch, dass viele ihre gute Kinderstube vergessen ist abartig. Und es ist nicht das erste Mal, dass Twitterer aufgrund kontroverser Aussagen an den Pranger gestellt werden. Und sobald Beleidigungen gegen logische Argumente ausgetauscht werden, ist das Maß voll. Meiner Meinung nach und so wie es aussieht bin ich damit nicht allein.

  2. Ich hab die Twitter-Hexenjagt zwar nicht verfolgt – aber es gibt durchaus eine logische Erklärung dafür. 🙂

    Das Geheimnis ist so einfach, wie gleichwohl kompliziert: Sozialer Druck!

    Wir leben in einer Gesellschaft mit schlechtem Gewissen. Zumindest wird der Gesellschaft ein schlechts Gewissen gemacht – und das jederzeit und überall. Über politisch Unkorrekte Witze lachen? Mit zynischem Sarkasmus auf eine möglicherweise soziale Schieflage aufmerksam machen? Oh je…

    Man bedenke: Allein öffentlich zu sagen, dass jemand seinen „inneren Reichparteitag feierte“, weil er einen Erfolg hatte kann schon den Job kosten (wir erinnern und dunkel…). Und? Also bevor diese Affäre so hochgekocht war, hab ich das als völlig normales Sprichwort betrachtet. Und jeder (wirklich jeder!) andere, völlig unabhängig von seinem Bildungsstand oder seiner sozialen Schicht auch.

    Es gibt also durchaus soziale Agitatoren, die ein bestimmtes Bild prägen wollen – und das dann auch durchsetzen, solange es nur medial wirksam genug präsentiert wird.

    Nun ja – der sich so manifestiernde soziale Druck findet sein Ventil über pseudo-anonyme Kommunikationsplattformen, von denen wahrscheinlich der größere Teil der Bevölkerung noch nicht mal viel Kenntnis nimmt.

    Für netzaffine Menschen ein Drama. Für alle anderen ein Stum im Schnapsglas. 😉

  3. Ich glaube, jeder sollte das Recht haben seine Meinung öffentlich zu sagen und zu vertreten. Dennoch denke ich, dass es auch Grenzen gibt. Man sollte jeden Menschen akzeptieren und jedem nach seinem Glauben, seiner Auffassung und Meinung leben lassen. Trotzdem gibt es auch da wieder „Einschränkungen“: Wenn man als Fremder in ein anderes Land kommt, sollte man sich den dortigen Gegebenheiten und Lebensart anpassen (die Türkei würde schließlich auch nie eine Kirche für uns Christen bauen). Auch sollte man die Sprache fließend in Schrift und Wort beherschen.

    • Haben Sie den Satz mit der Kirche in der Türkei wirklich gut durchdacht? Ich hoffe es für Sie. Wirklich. Denn bei mir löst diese Aussage ein WTF aus. Und wie soll ich lernen mich anzupassen, wenn ich in Gegenden gesteckt werde, die mehr eigene Landsmänner als „Deutsche“ beherbergen?
      Aber ich will keine Integrations-Diskussion anzetteln, weil ich dazu viel zu schlecht informiert bin und ich es nicht wagen würde mit Thesen um mich zu werfen. Doch das grundlegende Problem, dass ich darstellen wollte ist nicht die Islam-Diskussion, sondern das Gehetze das online betrieben wird. Diese falsche Gruppendynamik. Nennen Sie es „dummen Zufall“, dass es was zu diesem Thema war.

  4. Ich glaube du hast da Phantomschmerzen. Du schämst dich fremd, wie beim RTL-Nachmittagsprogram; stelltst dir vor, die Leute wären alles Idioten und dichtest ihnen Psychosen und Komplexe an, weil du ihre Retweets gelesen hast (bzw. ihren Auftritt bei Birte gesehen).

    Dass du nicht verstanden hast, warum z.B. ein Mario Sixtus Udo Reiter für ein Arschloch hält ist ja ok. Ihm oder anderen zu unterstellen, was du so umständlich in 12 Zeilen packst ist albern. So albern, wie meiner Ex-Freundin zu unterstellen, wenn sie mich nicht mag, ist sie frigide/lesbisch/ beides.

    Zu deiner ulkigen Liste. Männer/Frauen machen sich lustig über die Ticks der anderen, weil sie sie hassen – die Ticks, nicht das ganze Geschlecht. Menschen machen sie über die unangenehmen Mitreisenden lustig, weil sie ihre Art nicht ausstehen können, billig gekleidete Damen ebenso – richtig! Du schreibst ja selber, dass man dies mit den Menschengruppen tut, die man in die Kategorie FALSCH einordnet. Und dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, wenn man im in Stilfragen unterschiedlicher Meinung ist.

    Aber eine RELIGION als FALSCH einzuordnen, vor dem Hintergrund einer von ihnen könnte in Deutschland Präsident sein, und die „Deutschen“ (was immer das sein soll) sind in der Minderheit *DOPPELFALSCH/HEUL*. WTF!1EINSELF!

    Ich würde seinen „Witz“ ja versuchen anders zu verstehen, aber mangels Pointe, bleibt da nicht viel.

    Dieser Argumentation muss ja keiner Folgen, aber dann bitte leiser Aufregen. Es wird keine Hetzjagd veranstaltet und es findet auch keine Hexenverbrennung statt. Udo Vetter und Herr Sarazin werden beide ein weiter sehr angenehemes Leben führen, weil die Meinungsfreiheit ihnen und ihren Kritikern dies gestattet.

    Wie der Durschnittsmoslem bei uns so klarkommt, kannste ihn ja mal fragen. :-\

    Und was mir noch keiner erklären konnte; was ist ein „Gutmensch“?
    Jeder, der diesen Begriff abwertend (wird der auch anders benutzt?) verwendet, erklärt ihn so wie du: „Kann wegen der Metallklammer des Teebeutels in der Biotonne nicht schlafen.“ Ich habe noch keine realitätstauglich Erklärung von euch Gutmenschen-Hassern 😀 gehört. Da blieb am Ende nur, dass das die sind, die sich über Äußerungen aufregen, über die ihr euch nicht aufregt, obwohl ihr wisst, dass man sich darüber aufregen kööööönnnte (wenn man eine Gutmensch ist).

    Na das‘ ja mal ein pfiffiges Feindbild!

    • 😀 Sorry! Ich bin doch kein „Gutmenschen-Hasser“. Muss grad echt schmunzeln. Wie man sich nur so ausschweifend über einen kleinen Blogartikel aufregen kann. Fühlen Sie sich persönlich angegriffen oder warum die Gift-Spritzerei?
      Ich sage es gern nochmal. Es geht mir nicht um das Thema, den Islam, Integration oder Nicht-Integration. Es geht mir darum, dass Unsachlichkeit und Unhöflichkeit plötzlich der neue gute Ton sein soll. Das sich mancher meint aufspielen zu müssen, als hätte er die politische Korektheit mit dem großen Löffel gefressen.
      Und was das mit diesem Bild „Gutmensch“ auf sich hat. Gerne mal wieder biblisch untermalt: „Splitter im Augen des Anderen, übersehen des eigenen Balkens“. Diese Sorte von Mensch ist gemeint. Die großkotzigst vom großen Ganzen reden aber vergessen vor der eigenen Tür zu kehren. Easy.

      • Du bitte.
        Ich spritze keine Gift. Ich wundere mich nur, warum ein berechtigtes Anliegen (Udo Reiter sollte erst denken, dann schreiben und wenn das dabei rauskommt, die Kritik beherzigen) als Aufspielerei verwechselt wird.

        Im Internet gibt es nun mal keine eigene Tür, sondern eine globale Timeline.

        140 Zeichen mein Kommentar 😀
        Was das Ausschweifen betrifft, deeskaliere ich hier. Und das will ich ja auch: Der Raum, den Udo Reiter und die Replies eingenommen haben sind ja nun auch genug.

  5. @bodensatz:

    Moment… Du siehst das „abartig“-Level bei ein paar vereinzelten „Arschloch“s erreicht, aber plädierst gleichzeitig dafür, nicht „jedes Wort abzuwägen“, ob man jemandem „als Individuum schadet“? Meiner Meinung nach zeigt das, wie willkürlich Du die Grenze ziehst. (Was natürlich auch normal ist, denn ich vermute, dass selbst der größte Zyniker seine individuellen Grenzen hat.) Aber man sollte sich dessen bewusst sein.

    Hauptsächlich gab es einfach viel Kritik. Das ist aber noch kein Grund, von „Pranger“ oder „Hexenjagd“ zu sprechen. Gerade eben weil es eine Polarisierung gibt – wie Du ja selbst sagst, dass Du damit nicht allein bist. Aber ich muss Dir zustimmen, dass solche Beschimpfungen wie „rechtes Gesindel“ daneben sind. Aber die kann man momentan noch einzeln kritisieren und muss es nicht mit der bloßen Menge der Reaktion in einen Topf werfen.

    • Muss ich mir erst Einzelne herauspicken um sie ebenfalls an den Pranger zu stellen? Würde das nicht dem widersprechen was ich von mir gebe, wenn ich mich auf Einzelne festbeiße und ihnen mal gehörig die Meinung geige? Ich sehe in dieser ganzen Diskussion ein viel größeres Problem. Ein traurige Doppelmoral. Und sicher darf man von gewissen Menschen erwarten, dass sie erst denken und dann ins Internet rülpsen. Jedoch erschreckt es mich einfach, egal um was es geht, Tweetklau, komtroverese Aussagen, etc. wie schnell eine Menge gruppendynamisch auf einen Einzelnen einprügelt und sei es nur verbal.

      • Ja, wenn einzelne Mist bauen, dann müssen einzelne kritisiert werden. Jeder hat doch die Verantwortung dafür, was er twittert. Er sollte sich nicht hinter einer anonymen Gruppendynamik verstecken können.

        Das wäre vielleicht etwas anders, wenn Du Dir tatsächlich Gedanken um Gruppendynamik machen würdest. Aber stattdessen machst Du Dir viele Gedanken um politische Korrektheit und ziehst Deine Kritik personalisiert auf: „Ich muss euch jetzt schon mal was fragen […] wenn ihr jedes Wort […] wie ist es, wenn man sich […] könnt ihr überhaupt ruhig schlafen“ etc pp

        Mach Dir doch mal Gedanken um Gruppenprozesse! Schreib, wie Du Pranger definierst, wo es anfängt und aufhört. Das würde ich sehr begrüßen!

      • Es ist so personalisiert weil es MICH interessiert. Weil ICH wissen will, wo die Grenzen des guten Geschmacks sind, wer sie steckt. Weil ICH der Meinung bin, dass man alles übertreiben kann. Weil ICH denke, dass ich eben so global „angreifen“ sollte, weil ICH nicht anfangen möchte Einzelpersonen schlecht zu machen. Es geht hier um MICH. Es ging nie um etwas Anderes. Es ist MEIN Empfinden der Situation. Und ich habe mich wie gesagt schonmal über ähnliche Themen ausgelassen. Weil es mir eben nicht um diesen Kerl geht, der miese Witze schreibt, sondern um diese arrogante Allmachtsstellung die so manche Twitterer an den Tag legen. Dieses pure Schwarz-Weiß-Verständnis. Ich habe nie behauptet, dass einer meiner Einträge allgemeingültige Dogmen sind. Sie spiegeln MEIN Empfinden wider. Und das Recht nehme ich mir heraus. Absolut egoitisch.
        Und vor allem weil ich nunmal weiß, wie leicht es doch ist für manche, den Moralapostel zu polieren aber parallel über Katholiken, Frauen, Bayern, etc. herzuziehen. Und das ärgert MICH!

    • Ok, Shitstorm ist wirklich ein übel. Da geben wir dir hoffentlich alle Recht.

      Das ganze beginnt aber oft mit berechtigter Kritik. Und weil dann auch immer gleich Worthülsen wie „Gutmensch“ und „politisch korrekt“ fallen – Totschlagargumente für wichtige Anliegen – fand ich meine Komentar angemessen.

      Aber klar, die Mob jenseits guter Argumente tobt schnell. Aber wie @xbg schon sagt, Hexenverbrennung und Prager finde ich übertrieben. Digitaler (Großstadt)Schulhof triffts viellicht eher.

  6. Religion ist gerade eine gutes Beispiel für die Scheinheiligkeit, welche sich hinter den bekannten Empörungsreflexen verbirgt. Besonders in diesem speziellen Fall schwappte meine Timeline über, vor lauter Ablehnung gegen Reiters Tweet. Ironischerweise kam ein guter Teil dieser Ablehnung von Menschen, die einige Zeit zuvor noch „Christen fisten“ retweetet hatten oder fröhliches Katholiken-Bashing betrieben. Katholiken und ihren Glauben allgemein, nicht bloß die tatsächlichen Verbrecher. Im Gegensatz zu „politisch unkorrekten“ Bemerkungen, scheinen Christenspäße sehr salonfähig zu sein.
    Ich nehme stark an, dass sich eine solche Bigotterie in nahezu jedem Menschen versteckt und davon nehme ich mich nicht aus. Man muss nur den passenden Köder auslegen, dann sieht man Jeden irgendwann geifern.

  7. Es ist Deutschland hier. Das muss als Erklärung reichen. Man kommt auf die Welt und ist betroffen. Call it Erbsünde, Baby.

    Man muss noch nicht einmal betroffen sein, um sich zum Betroffenen zu erklären, vielmehr: es hindert enorm. Vor ein paar Wochen kursierte das Video durchs Netz, in dem der Auschwitz-Überlebende Adolek Kohn mit seinen Kindern tanzte. Im Vernichtungslager. Zu I will survive. Kann man gut finden, muss man aber nicht. Kann man auch einfach ignorieren. Aber am lautesten geplärrt haben deutsche Gutmenschen, denn offensichtlich haben die allein zu entscheiden, was politisch korrekte Gedenkkultur ist. Die Lufthoheit über dem semantischen Netz ist da doch allemal wichtiger als die eigene Glaubwürdigkeit.

    Und wenngleich das keine Pointe war, bei der ich Heißgetränke über den Schreibtisch spucke, ist Reiter noch um Längen geistreicher als Muttchens Präsidialbarbie. Er hat nur einen Kardinalfehler begangen. Er hat die Grundregeln verletzt. Linke lachen nicht. Schon gar nicht in Deutschland.

  8. @bodensatz:

    Geht es Dir jetzt primär a) um Dein Empfinden, b) um Gruppendynamiken oder c) darum, anhand welcher Kriterien Menschen eine Grenze für „unkorrekte“ Witze ziehen?

    Ich nehme jetzt erstmal c).
    Komplizierte Frage.. Jeder hat natürlich eine individuelle Grenze. Aber ich denke für viele verläuft sie irgendwo zwischen Sarkasmus und Zynismus. Zynismus hat eine menschenverachtende Intention, Sarkasmus nicht. Das hilft uns hier wohl nicht weiter, denn ob man Scherze über Katholiken oder Muslime als zynisch oder ironisch betrachtet, hängt wohl vom Kontext ab, den man sieht.

    Aber da sind wir schon beim Kontext. Wie stehen wir zu der betroffenen Volksgruppe, gibt es tatsächlich realweltliche Auseinandersetzungen oder haben wir gar versucht, diese Gruppe mal auszurotten? Gibt es Leute in der „eigenen Gruppe“, die diesen anderen Leute das Menschsein absprechen oder sie weghaben wollen? Ich würde mal sagen Katholikenbashing in Irland hat einen anderen Kontext als Katholikenbashing in Deutschland.

    Weiterhin kommt natürlich noch die vermutete Intention des Sprechers dazu. Glaubt er an die Klischees bzw. was glaubt er daraus ableiten zu können? Schließt er an einschlägig bekannte Denkmuster an? Will er jemanden verletzen? Kann man Augenzwinkern, Ironie, Witz, Satire erkennen oder nicht?

    Aus all diesen Eindrücken muss man sich dann eine Meinung bilden. Das fällt sehr unterschiedlich aus. Es gab ja auch schon andere Streits auf Twitter z.B. bezüglich Witzen über Dicke. Die Konstellation der verschiedenen Menschen mit verschiedenen Befindlichkeiten entscheidet dann letztlich darüber, ob es ein Grummeln, ein einfacher Unfollow oder ein Shitsturm wird.

    Nun, bei Reiter traf es offenbar den Nerv vieler, die da weder Ironie noch Augenzwinkern noch Satire erkennen konnten. Nachvollziehbar, wie ich finde. Aber schwieriges Thema, natürlich.

    • Danke für den Versuch meine Fragen zu klären. Und in gewisser Weise sehe ich es ja ein, dass man jede Aussage im Kontext sehen muss. Und ich fand die Aussage von dem Herrn weder witzig, noch abstoßend. Stehe dem ganzen ziemlich neutral gegenüber. Doch es macht mich wütend, wenn Unmut über eine Aussage unsachlich geäußert werden. Wenn eine Person angegriffen wird und nicht nur die Aussage. Wenn es persönlich wird. Und eben das Gefühl von Scheinheiligkeit, dass ich bei solchen Aufregern habe. Weil es dann eben die sind, die über andere Personengruppen schlechte Witze machen und dies in Ordnung finden. Nur weil das momentan nicht diskutiert wird. Klar wirkt meine Darstellung des vermeintlichen Gutmenschen übertrieben und vielleicht auch unsachlich. Aber da fängt es an mit dem Empfinden. Der Schreck darüber, was man mit nur einem Satz auslösen kann. Bestes Beispiel diese Diskussion wo ich mich für mein Empfinden rechtfertigen muss.

  9. Mittlerweile, als Nicht-Twitterer musste ich nachschauen, soll es sich also um einen gezeichneten Witz einer deutschen Zeitung gehandelt haben, der hier als Tweet wiedergegeben wurde- also auch noch fremden Content für eine mögliche lustige Aufmerksamkeit benutzen- wie symp- to-ma-tisch für Twitter, da lach ich mir doch ein Loch in den Arsch, herrlich! Wann wird Twitter eigentlich in das soziale Netzwerk für Luftpumpen umbenannt? OMFG ist das schlecht… Was ist eigentlich das Gegenteil von Shitstorm? In den Arsch kriech-Storm? Ich frage für die sich über andere Erhebenden.

    @Wörterschmied Word!

  10. Man sollte nicht die p.c.-Versessenen mit den Gutmenschen zu einer Gruppierung vermengen. Die, von denen Du sprichst, sind die, die gerne im Schutz des Rudels ihre Empörung spazieren führen. Die gern etwas falsch verstehen möchten, um sich aufzuregen. Die Jetztdarfichauchmals.

    Gutmenschen, dieses Schimpfwort habe ich mit einiger Verspätung erstmals (vor Jahren bei Spreeblick von Kommentatoren im Bezug auf Entwicklungshelfer) gelesen als es schon wild um sich griff. Gezielt sollen damit Personen in Heckenschützenmentalität verspottet werden, die etwas selbstlos tun. Ohne großes Aufheben, was dann in angeberhaftes Understatement umgedeutet wurde, „der machte das doch nur, weil er sich dann toll fühlt, läßt es aber gerade so heraus hängen, dass ich es noch bemerke“. Zeigt meiner Ansicht eher ein schlechtes Gewissen des Spötters.

    Um auf den Reiter-Tweet zurück zu kommen, ich fand den witzig, verscheißert er doch all die Überfremdungsversehrten mit der Sarrazin-Bibel. Das ist die umgekehrte Variante des Statistik-Unfugs, „die Deutschen“ stürben aus, indem man die aktuelle Geburtenrate soweit in die Zukunft verlängert, bis keiner mehr da ist. (meine Interpretation)

    Harald Schmidt sagte einmal, auch „Randgruppen“ haben ein Recht darauf verarscht zu werden.

  11. „Der Schreck darüber, was man mit nur einem Satz auslösen kann. Bestes Beispiel diese Diskussion wo ich mich für mein Empfinden rechtfertigen muss.“

    Ich glaube mit diesen drei Sätze erklärst Du Dir selbst perfekt den Shitstorm: Jeder ist der Meinung, er würde – genau wie Du – nur mal eben seinem Empfinden Ausdruck verleihen (über Udo Reiters Aussage). Und jeder wundert sich dann – genau wie Du -, wieso er sich für sein Empfinden rechtfertigen soll (gegenüber Deinem Artikel).

    Shitstorm und Gegenshitstorm galore!

    • Aber es ist das WIE was mich stört, aufregt, nervt, etc. Ich bin sicher kein Mensch, der seine Klappe hält. Ich bin wohl mehr große Klappe als Restmensch. Aber ich sehe es nicht ein, dass immer wieder dieser Twitter-Terror entsteht, egal um was es sich handelt. Es ist eben NUR Twitter. Öffentlich zugänglich, ja. Aber gerade weil das so ist, sollte man Kritik auch so von sich geben, sodass sich keiner fremdschämen muss. Und ich sehe in meinen Worten keinen Gegen-Shitstorm. Jawohl!
      [Und gerade bin ich müde, abgespannt und gestresst und blubber wohl nur Mist. Man entschuldige dies bitte. Danke. Gute Nacht!]

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