H4rtz

Hartz IV. Großes wunderbares Thema über das man sich unsachlich und persönlich geprägt auslassen kann.

Hallo, mein Name ist Barbara aka bodensatz und ich war Teil einer sogenannten „Bedarfsgemeinschaft“. Ich weiß wie es ist, wenn man in regelmäßigen Abständen dicke Briefe in den Postkasten gestopft kriegt, in denen haarklein aufgedröselt wird, wie viel Heizkosten einem pro Person zustehen. Ich weiß wie es ist, wenn man die Uhrzeit eines Termins beim Arbeitsamt verplant, dies erklären kann, weil man um die Uhrzeit, die man eigentlich auf dem inneren Zettel hatte, vor der Tür steht und die Dame zu einem meint, sie hätte schon einen Aktenvermerk gemacht und man dürfte mit Sanktionen rechnen. Ich weiß wie es ist, wenn man sich nicht um Arbeitsstellen bewirbt, weil die einem zusagen, sondern weil man sein Pensum für die Arge erfüllen muss, weil man sonst mit weiteren Sanktionen d.h. Streichung von Geldern, die so gesehen der gesamten Bedarfsgemeinschaft zustehen, zu rechnen hat. Ich kenne den Besuch der Gerichtsvollzieherin. Ich weiß auch, ohne den Hartz-Hintergrund, wie es sich anfühlt, wenn man sich als einzige in der Klasse die Abschlussfahrt nach Hamburg nur leisten kann, weil man Geld vom Geburtstag gespart hatte. Ich kenne das Geräusch, wenn einem das Telefon abgestellt wurde, weil man die Rechnung nicht zahlen konnte. Ich kenne das Flimmern des Fernsehers, weil man die Kabel-Rechnung, wie alle anderen Rechnungen, irgendwann ungeöffnet in eine Schublade steckt. Ich weiß wie es ist, wenn man in einen dieser Kurse der Arge gesteckt wird. Man mit Menschen, die so alt sind, um die eigenen Eltern zu sein, vor einer Excel-Tabelle sitzt und haarklein erklärt bekommt, wie man die Summe mehrer Spalten erhält. In dem Kurs saßen Köche, Bäcker, Fabrikarbeiter. Alles Menschen, denen das Halbwissen über die Wunderwelt Office rein beruflich nichts gebracht hat. Aber sie waren weg von der Straße. Hauptsache das. Sie wurden in Praktika gesteckt wie Realschüler, denen damit die Arbeitswelt schmackhaft und die Berufsfindung erleichtert werden soll. Ich weiß wie es ist, wenn man um einen Zuschuss bittet, weil man seinen Führerschein machen will, weil man am Land kaum etwas mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht und die einem sagen, dass dies nur ginge, wenn man einen Vertrag vorzuweisen hätte, den man aber nicht kriegt, wenn man keinen Führerschein hat. Die Wege von A zu B nach C über D wenn man nur eine kleine Frage hatte, deren Antwort dann meistens „Nein!“ lautete. Ich kenne die Scham die man empfindet, wenn man den Besuch bei der Arge antritt um über die berufliche Zukunft zu sprechen. Ich kenne die Nutzlosigkeit und die Hilflosigkeit, weil man sich bemüht und keine Erfolge erzielt. Ich kenne die Lethargie, die man irgendwann entwickelt und sich fragt, wozu man denn bitte aufstehen soll, wo doch am Vormittag nur die Wiederholungen vom Nachmittag im Fernsehen kommen.  Ich weiß wie es ist, wenn man von dem Kursleiter gesagt kriegt, dass man sich mit 23 nicht mehr um eine Ausbildungsstelle bemühen soll und man sei doch selbst schuld, man hätte doch weiter studieren können. Ich kenne das Gefühl um alles betteln zu müssen. Ich kenne den Hunger den man hat, weil das Bafög noch nicht bewilligt ist und die Eltern einem kein Geld schicken können, weil sie selbst keins haben. Ich habe das alles selbst erfahren.

Wir waren zu viert. Mein Erzeuger, meine kranke Mutter, meine Schwester und ich. Geld das meine Schwester erhielt, weil sie eine externe Schule besuchte um dort ihren Quali zu machen, wurde auf das Arbeitslosengeld II angerechnet. Mein Praktikantenlohn (190 Euro, die fast ganz für die Busfahrt drauf gingen) den ich erhielt als ich ein EQJ machte, wurde angerechnet. In einem Hartz-Haushalt ist Thema Nummer eins das Geld. Immer. Weil man es nicht hat. Weil es fehlt. Ich weiß, dass man sich in gewisser Weise glücklich schätzen kann, dass man in einem Sozialstaat lebt, der es einem ermöglicht sein Leben so gut wie es halt geht mit finanziellen Mitteln zu unterstützen. Aber zumindest ich hatte das Gefühl auf ewig als Schmarotzer abgetan zu werden. Das sich treiben lassen, irgendwann, weil man keine Perspektive sieht. Weil man nur die Absagen und die roten Zahlen auf dem Konto vor Augen hat. Weil einem jeden Tag das Klingeln des Weckers ins Ohr flüstert „Leg dich wieder hin. Du wirst heute nicht gebraucht.“

Ich verstehe es, dass sich darüber aufgeregt wird. Die momentane Diskussion ist wichtig. Weil einem ins Gedächtnis gerufen wird, dass das Sozialgefüge, in dem wir uns befinden ziemlich wacklig und fehlerbehaftet ist. Aber was mich ein bisschen ärgert ist, dass es oft die Leute sind, die sich aufregen, die keinen blassen Dunst haben. Jeder hat sein Recht auf eine Meinung. Kann es einschätzen wie es sein muss, so leben zu müssen. Doch wirklich darüber urteilen können sie erst, wenn sie auf geschenkte Rechner und Almosen angewiesen sind. Und wenn die Mutter wieder weinend vor einem sitzt, weil sie einem ein besseres Leben gewünscht hätte, dann zerreißt es einen. So fühlt sich Hartz IV an. Und wer das nicht weiß, hat einfach keine Ahnung.

Ich war ein Teil des schmarotzenden Hartz-Packs. Ich habe von euren Steuergeldern gelebt. Auf eure Kosten. Danke dafür. Aber spart euch eure Gutmenschlichkeit für Probleme auf, die ihr wirklich anpacken könnt. Und tut was, wenn ihr meint es sei so ungerecht. Und tippt nicht nur wütend auf eure MacBooks ein um euren Unmut kundzutun.

Vielleicht bin ich gerade ungerecht. Aber getretene Hunde beißen nun mal. Und ich fletsche nur ein bisschen mit den Zähnen.

Achja, apropo Hund. Ist ja nett das mit der Aufklärung darüber, was so ein Polizeihund am Tag verfrisst. Und ja, in gewisser Weise ist es tragisch, dass so einem Köter mehr Geld zusteht, als einem Menschen. Aber ist das wirklich euer Argument? Ein Hund „kostet“ mehr?! Gibt es nicht genug andere Vergleiche die gezogen werden können als die armen Koksnasenhunde?

Advertisements

16 Gedanken zu “H4rtz

  1. Eine Gesellschaft, welche solche Talente wie Dich verkümmern läßt und nicht fruchtbar zu integrieren weiß, ist sowas von kaputt, “ daß der Sau graust!“ Wie wir Bayern sagen. Das winzige Deutschland als drittreichstes Land dieser Erde ist schamlos in der Verteilung seiner Güter unter der eigenen Bevölkerung. Unbenommen der Tatsache, daß es auch HartzIV – Dynastien, besonders in Berlin, gibt, welche es sich mit dieser Transferleistung und obskuren Rot- und Blaulichtdienstleistungen bequem gemacht haben.

  2. Das ist genau das was mich auch so aufregt. Die, die gar nix damit zu tun haben regen sich am meisten auf, aber nur, weil irgendwo demnächst Wahlen sind.

    Wie es den Menschen wirklich geht und wo man Geld wirklich besser und sinnvoller investieren kann, da schaut keiner nach.

    Wenn man schon bei HartzIV sparen muss, dann doch zuerst bei unnötigen „Weiterbildungen“ und den stumpf-bürokratischen Vorgaben vom „Gesetzgeber“.

    Dann würden mehr Menschen schneller in Arbeit kommen und weniger HartzIV Empänger würden „rumschmarotzen“

    Bin übrigens selbst einer von denen.

    • Naja ob das Finden von Arbeit dadurch behindert wird, dass man statt zu Hause zu sitzen, sich in eine „Weiterbildung“ hockt, glaube ich kaum. Denn so wie ich die Erfahrung gemacht habe, und wie ich es auch von Kursleitern solcher ABM-Veranstaltungen kenne, wird einem dort immer die Möglichkeit gegeben, sich aktiv nach einem Job umzusehen. Und z.B. wurde mir die Arbeitssuche durch den Kurs dahingehend erleichtert, dass ich endlich einen Internetzugang hatte, den wir bei uns zu Hause aus Mangel an Hardware, nicht hatten.

      Ob so Maßnahmen sinnig sind, ist dann wieder ein anderes Thema. Aber die Suche nach Beschäftigung werden einem durch so etwas, in meinen Augen, keine Steine in den Weg gelegt.

  3. fatal finde ich eben die Kombination von Vorgaben wie “ Bringen sie mir einen Arbeitgeber, der bescheinigt, dass er sie einstellt, wenn sie diesen Kurs machen“ und dann die Kurse nicht dort machen zu dürfen wo man das wirklich beigebracht bekommt was man braucht, sondern Maßnahmen die fünfmal so teuer sind und ein Fünftel von dem bringen was ein VHS Kurs z.B. bewirken könnte, den man aber nicht machen darf, weil er nicht „zertifiziert“ ist.

    Oder, dasss man quasi bestraft wird, wenn man sich Arbeit sucht, indem man dann eventuell noch weniger hat als wenn man nicht arbeiten würde. Gäbe es mehr Anreize Arbeit zu finden und zu behalten, dann wären vielleicht mehr Menschen schneller in Arbeit. Vielleicht hab ich mcih da nicht ganz klar ausgedrückt.

    • Einerseits verstehe ich es jedoch, dass die Ämter so handeln. Wenn ich Geld für etwas ausgebe, dann mache ich dies auch nicht, weil der Mensch, der mir hierfür eine „Gegenleistung“ bietet, dieses in besten Absichten vorgibt. Ich möchte einen Zettel haben auf dem ich stehen habe, dass mein investiertes Geld auch „sinnvoll“ verwendet wird, in dem Fall benötigt wird, um einen Job zu erhalten. Das dies in den meisten Fällen nicht möglich ist, weil ein zukünftiger AG nicht darauf wartet, bis man die gewünschten Qualifikationen hat, wenn doch zig andere darauf warten den freien Platz einzunehmen und die diese schon vorweisen können, ist klar. Doch eine andere Handhabung von Finanzierung von Kursen ist kaum möglich.

      Und ich finde es ein bisschen eigenwillig, von der Arge zu erwarten, dass sie einem, wie du es sagst „Anreize“ zu schaffen. Sein eigenes Weiterkommen und Leben sollte Anreiz genug sein. Dazu brauche ich keine Behörde.

      Wie gesagt. Denn Sinn von gewissen Kursen, in die man gesteckt wird, verstehe ich nicht und finde ich absolut albern. Jedoch sollte man in meinen Augen vielleicht ein bisschen von diesem „aber der Staat muss doch“-Gedanken wegkommen.

      Wie ich schon zu Beginn sagte und es auch so meinte. Das alles was ich schrieb ist absolut subjektiv und es geht eigentlich mehr darum, dass ich weiß wie sich Hartz IV anfühlt. Wie es ist der ewige Bittsteller zu sein. Und wie leicht man den Willen verliert irgendwas an der Situation zu verändern weil man sich selbst irgendwann verliert. Zumindest ging es mir so.

  4. Ich denke schon, daß die Tatsache, daß die ‚Sache Hund‘ unseren Politikern offensichtlich mehr Wert ist als ein Mensch, einen unmittelbaren Angriff auf die Menschenwürde darstellt.

    Meist wird dann noch das ‚Argument‘ für den geringen ALG II- Satz mit dem Hinweis auf den Lohnabstand unterfüttert. Es waren inzwischen alle Parteien, die in den letzten Legislaturperioden die Löhne immer und immer wieder gedrückt haben. Tatsache ist, daß Arbeit in Deutschland am schlechtesten von allen Industrienationen bezahlt wird. Ebenso ist es Tatsache, daß durch Schaffung immer neuer Möglichkeiten im Niedriglohnsektor mit staatlicher Hilfe Armut produziert wird: Reguläre Stellen werden immer weniger, dafür werden immer mehr Teilzeit- und Geringverdienststellen geschaffen.

    Wie Du selbst schreibst, ist das Argument ‚fördern und fordern‘ mit der gegenwärtigen Regelung jedenfalls keins: indem man den Menschen die Möglichkeit nimmt, sinnvolle Selbsthilfe aus der Arbeitslosigkeit heraus zu organisieren, wird der Status des Hilfeempfängers verfestigt und im Laufe der Zeit zur Regel.

    Dazu kommt noch, daß es auch Menschen gibt, die alt, krank oder behindert sind (und damit dem Arbeitsmarkt garnicht zur Verfügung stehen), wohin sollen die ‚gefördert und gefordert‘ werden?

    Die Sätze für ALG II wurden nahezu 10 Jahre nicht angepasst – in dieser Zeit sind aber (auch politisch gewollt) alle Kosten, die besonders diesen Personenkreis treffen, exorbitant gestiegen. Damit hat sich die Politik von der Idee sozialer Sicherung und Unterstützung Hilfloser verabschiedet.

    Der Zynismus der jetzigen ‚Sozial’ministerin ist nur der (vorläufige?) Gipfel einer Entwicklung, die unter Kohl begann, von Schröder institutionalisiert wurde und jetzt von Merkel als ‚einzige Lösung des Problems‘ gepriesen wird.

    Und hier schließt sich der Kreis zur Sache Hund: der Mensch genießt keine Wertschätzung mehr w e i l e r M e n s c h i s t, sondern nur dann, wenn er leistungsfähig ist.

    Damit kehren wir ins beginnende industrielle Zeitalter zurück. Die am Ende der 1800er Jahre eingeführte solidarische Renten- und Krankenversicherung wurde zerstört. Jetzt gilt: Solidarität mit den Schwachen und Hilflosen nach Kassenlage.

  5. Ich gehöre zu denen, die „nicht selbst betroffen sind“ und sich dennoch darüber aufregen. Warum ich letztlich meine, dennoch selbst Teil der Zielgruppe zu sein, habe ich gerade gestern in meinen Block gekritzelt und hoffe, der Gedankengang ist nachvollziehbar.

    Ich bin wie gesagt nicht in Deiner Situation. Aber auch ich kenne das Gefühl, auf einem Amt, das sich mit dem Wort „sozial“ schmückt, vor die Wahl „Ausbildung ODER Wohnung“ gestellt zu werden, das Gefühl als Bittsteller zu Kirchenverbänden zu gehen um dann durch gnädige Almosen wohlhabender Stifter doch noch beides zu erhalten, weil ich „so talentiert“ sei. Aus eigener Erfahrung. Ich habe in meinem unmittelbaren Umfeld Menschen, die sich schämen, von einem Staat, der an Feiertagen großmütig über seine vermeintlich soziale Marktwirtschaft zu salbadert, einen intakten Warmwasserbereiter zu fordern, um im Winter angesichts ihrer fast 60 Lebensjahre nicht jeden Körperpflegevorgang zur Kneippkur machen zu müssen. Ich könnte das beliebig fortführen (kein Kunststück angesichts von Millionen Betroffenen!), aber ich kommentiere nicht, um einen Wettbewerb loszutreten.

    Ich kommentiere, damit Du verstehst, daß auch Menschen, die aktuell nicht oder nicht mehr betroffen sind und sogar solche, die es noch nie waren, „ihren Unmut in Macbooks tippen“ (ich nutze übrigens keins). Das kann mehrere Gründe haben, auch in Kombination:

    – Weil sie wissen, spüren oder fürchten, daß es heute nur noch ein kleiner Schritt sein kann, der fehlt.
    – Weil sie längst selbst durch Outsourcing, „alternativlos“-Geschwafel und dergleichen in die Niedriglohnmühle gedrückt werden, die von Anfang an Teil des Agenda-Masterplans war und es mehr denn je ist (auch angesichts der Selbstreferenzialität, da ja die Regelsätze an diesen Hungerlöhnen bemessen werden).

    Oder aber, und das halte ich bei aller zur Schau getragenen sozialen Kälte vieler Zeitgenossen dennoch für den häufigsten und wahrscheinlichsten Grund:

    – Weil sie sich schämen, in einem Land zu leben, in dem Mütter vor ihren Kindern weinen, weil sie ihnen nicht ein besseres Leben bieten können. Weil sie nicht, wie angeblich 56% des Wahlviehs, einverstanden sind mit dem Geschwafel von „Sozialstaat muß schlanker, alternativlos!“. Weil sie aller entmenschlichten Mediendemagogie zum Trotz noch ein Menschen- und Weltbild haben, in dem es eine Schande ist, andere mit Almosen abzuspeisen (was auch für leistungstragende Finanzmarktteilnehmer gilt, nur mit ein paar Nullen mehr). Und weil sie mehr und mehr fühlen, daß sich am status quo etwas ändern muß.

    Ich würde mich gerne mit Dir darüber austauschen (auch ohne die bei mir sonst übliche dramaturgische Polemik), ob Du das nicht doch ein wenig nachvollziehen kannst und vor allem, ob Du nicht meinst, daß „wir“ (also jetzt nicht du und ich alleine) gemeinsam sehen sollten, wie man diese unsägliche Situation ändern kann. Womit ich, das dürfte klar sein, nicht die Gründung eines nächsten Almosenverwaltungsvereins meine. Denn, so ehrenvoll und akut hilfreich ich das Engagement jedes einzelnen Tafel-, Kleiderkammer- etc. -unterstützers selbstverständlich finde: Allein die Tatsache, daß es diese Volkssuppenküchen 2.0 gibt und sich das System inzwischen hemmungslos auf sie verläßt, empfinde ich als Raub an jedem Euro, den von meinem Bruttogehalt in die sogenannte solidarische Sozialsicherung zahle.

    Ups, ist etwas lang geworden. Aber ich finde eben auch jeden Macbookbesitzer, der dieses Macbook nicht als gottgegeben und standesbedingte Selbstverständlichkeit betrachtet und versucht, sich zu solidarisieren, wichtiger als jeden, der mir einen Nachtwächterstaat verkaufen will, der Minderjährige in Stadtparks verprügelt.

    • Wow. Wie ich sagte. Ja ich verstehe den Solidaritätsgedanken. Und bin froh dass es Menschen gibt, denen das Leben Anderer nicht egal ist weil sie sich satt und sicher fühlen. Jedoch habe ich manchmal das Gefühl, dass wenn man als Betroffener oder Ex-Betroffener von Erfahrungen spricht, man zwar verständnisvoll benickt wird, jedoch mit dem Hintergedanken „och der will nur Mitleid“. Vielleicht ist das auch nur mein persönliches Urmisstrauen. Kann sein. Jedoch geht es eben hier nicht um allgemeingültiges Anprangern von der Situation, sondern darum wie es einem geht, wenn man Teil der Hartz-Familie ist. Damit nicht nur angeprangert wird, sondern damit man vielleicht auch einen klareren Blick darauf hat, was es bedeuten kann.

      • Ok, Botschaft angekommen. 🙂 Und glaube mir, Urmißtrauen, das kenne ich nur zu gut. Wer einmal gebissen wurde, streichelt keine fremden Hunde mehr. (Oder, wie in meinem Fall, erst nach etlichen Jahren wieder.) Und ich kenne es auch auf der nicht-hundebezogenen Metaebene.

        Ich wünsche mir sehr, daß ich noch mal einen Staat erleben darf, in dem Menschlichkeit der Leitgedanke ist und nicht bedingungsloser Materialismus und Profit. Ein paar Jahre habe ich ja (hoffentlich) noch vor mir.

  6. Hier, Bekennereinstieg: Ich habe auch mal ein halbes Jahr lang von Hartz IV leben müssen. Schön ist das nicht. Aber nur Leuten, die selbst einmal in dieser Lage (gewesen) sind zu erlauben, sich darüber ein Urteil zu bilden, halte ich – mit Verlaub – für falsch. (Achtung: herb hinkender Vergleich, auch das Milieu ist herzlich unpassend.) Richter und Anwälte können also nichts richtig beurteilen, solange sie nicht selbst ein Verbrechen begangen haben?

    Mein MacBook lasse ich mir jedenfalls nicht vermiesen.

    Davon abgesehen ist es natürlich ein Hohn, wie ein Vorkommentator bereits angemerkt hat, daß mit Verweis auf die mit voller Absicht niedrig gehaltenen Löhne dann auf den Lohnabstand gepocht wird, um die noch niedrigeren Regelsätze von Hartz IV zu begründen. So schürt man Neid und Zwietracht in der sogenannten Unterschicht. Ein politisches Paradebeispiel, jegliche aufkeimende (früher hieß das mal Klassen-)Solidarität im Keim zu ersticken.

    Eins noch: Das Hundefutter-Argument scheint mir auch nicht wirklich eins zu sein. http://www.wortfeld.de/2010/09/polizeihunde-futter/

    • Erfreut euch an euren MacBooks. Ich will keinem seinen Wunsch nach Apfelprodukten vermiesen. So etwas steht mir gar nicht zu. Und wie ich schon mal sagte fühle ich mich persönlich, absolut subjektiv leicht verarscht. Das ist wahrscheinlich falsch, das gestehe ich mir selbst ein, dass ich nicht die absolute unantastbare Superwahrheit von mir gebe. Nur die momentane Diskussion versetzte mich nunmal in die Zeit zurück, die nicht nur ein paar Monate war, sondern einige Jahre mein Dasein begleitet hat. Eine Situation in die ich gerutscht bin, für die ich nichts konnte. Und zu etwas wurde, was zwar finanziell „untestützt“ wird aber in einen Topf geworfen wird mit dem Wort „Schmarotzer“.
      Es sind so Situationen in denen man von Studienkollegen gefragt wird, warum die Schuhe Löcher haben, die man trägt, weil man nunmal lieber eine Packung Brot kauft, als neue Treter. Und die ganze Diskussion um lebenswert und nicht lebenswert wirft mich persönlich in eine Zeit zurück, die ich so nicht mehr erleben möchte. Vielleicht werde ich dadurch unfair und unsachlich. Weil ich meine persönlichen Interessen und Erfahrung über die der wohlgesonnen Allgemeinheit stelle. Doch Sachlichkeit sollte man hier, in meinem Bloguniversum sowieso nicht suchen. Weil ich mir nicht anmaße sachliche und gut recherchierte „Artikel“ zu schreiben. 😉

  7. Weiterbildung und Qualifizierung von Hartz-IV-Empfängern dürfte schon etwas bringen, nur scheint sich niemand, weder bei der Bundesagentur für Arbeit noch bei den Argen, um die Qualität dieser Angebote zu scheren.

    z.B. hier http://www.youtube.com/watch?v=d_gQnWL9qu0

    Persönlich finde ich es genau so bescheuert zu diskutieren, was Polizeihunde, Politiker und Hartz-IV-Empfänger so täglich/monatlich bekommen. Wichtig ist, was man in diesem Land an Geld braucht um zu Leben.

    Ich habe bisher zwei Mal Hartz IV erhalten, bei beidem mal musste ich aus der Regelleistung einen Teil meiner Miete bezahlen. Einmal musste ich sogar auf einen Teil des Heizkostenzuschusses verzichten, weil Warmwasseraufbereitung durch den Regelsatz abgedeckt sei.

    • Das mit diesem Supermarkt ist wohl der unglaublichste WTF-Mist den ich je gesehen haben. Aber das Prozedere wie die Arge so etwas durchzieht, kenne ich selbst. Man wird eingeladen, einem wird ein unglaublich interessanter Kurs „angeboten“ was heißt „Geh da hin oder wir kürzen dich!“. Ich durfte einen Songcontest mit organisieren. Was zumindest ein bisschen Spaß machte aber ein Mehrwert war nicht erkennbar. Zu meinem Glück konnte ich, aufgrund der fehlenden Motivation der restlichen Teilnehmer, bis auf ein paar wenige, und meinem Sturschädel, etwas Positives aus dieser Sache mitnehmen. Jedoch ging es dem Rest nicht so und ich will nicht wissen, wieviele von denen heute in „Bewerbungstrainings“ hocken in denen ihnen die neuesten Lebenslauf-Vordrucke von Monster.de vorgejault werden. Das Tragische ist, dass man oft durch solche Veranstaltungen den Fokus aus den Augen verliert, der sich aktive Arbeitssuche nennt. Weil es sich anfühlt wie Arbeit. Weil es aufgebaut ist wie Arbeit. Und wenn man dann gesagt kriegt, dass der Kurs zeitlich verkürzt wird, weil die Finanzierung gestrichen wurde, wird man erst wieder daran erinnert, dass es sich nur um eine „Integrationsmaßnahme“ handelte.

  8. Das mit dem Hund ist mir beim Durchsehen alter Notizen aufgefallen. Das habe ich gelesen, lange bevor ich bei Twitter war. Dachte das hätte schon lange die Runde gemacht.
    Ich hab’s gefunden und spontan getweetet, hätte nie gedacht es wird solche Wellen schlagen wird.
    Und, ja. Ich weiss auch wie das ist um Hartz zu betteln.
    Bin durch Krankheit vom Gutverdiener zum Hartzer geworden.

  9. Danke für den bodenständigen Bericht.

    „Ich war ein Teil des schmarotzenden Hartz-Packs. Ich habe von euren Steuergeldern gelebt. Auf eure Kosten. Danke dafür. Aber spart euch eure Gutmenschlichkeit für Probleme auf, die ihr wirklich anpacken könnt. Und tut was, wenn ihr meint es sei so ungerecht. Und tippt nicht nur wütend auf eure MacBooks ein um euren Unmut kundzutun.

    Vielleicht bin ich gerade ungerecht.“

    Nein, du bist nicht ungerecht. Du triffst einen Nagel auf den Kopf und sprichst mir aus der Seele. Danke auch dafür.

    „Aber was mich ein bisschen ärgert ist, dass es oft die Leute sind, die sich aufregen, die keinen blassen Dunst haben. Jeder hat sein Recht auf eine Meinung. Kann es einschätzen wie es sein muss, so leben zu müssen. Doch wirklich darüber urteilen können sie erst, wenn sie auf geschenkte Rechner und Almosen angewiesen sind.“

    Ja, genau so ist es. Und nein, @Drikkes, man muss nicht in der Pfanne sitzen, um zu wissen, wie ein Spiegelei schmeckt. Aber um zu beurteilen, wie es sich für das Ei anfühlt, wenn es gebraten wird, führt kein Weg an der Pfanne vorbei.

    (Bin über den Link beim Gurkenkaiser hier gelandet.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s