Mittelmaß verpflichtet

Die Daten auf meiner Festplatte sind schön in verschiedenen Ordnern untergebracht und absolute Ordnung herrscht dort in meinem Datenmüllhaufen. Und in all diesem Null-Einser-Schrott findet sich auch ein Ordner, mit unfertigen Schreibereien. Hier ein kleiner Auszug dieser Gedankenerbrechungen, die es nie geschafft haben, fertig geschrieben zu werden. Bruchstückhaft und zusammenhanglos.

Verrannt in eine Idee, in eine Wunschvorstellung und alles was bleibt ist der bittere Beigeschmack der Vernunft. „Es hat nicht sollen sein“, sagt der Erwachsene. „Fick dich“, sage ich. / Damals, als ich noch sabbernd und kackend auf Mutters Schoß saß und immer brav Bäuerchen machte, wenn man mir rhythmisch auf dem Rücken herumtrommelte, wurde entschieden, dass man mich taufen sollte. / Reflektierendes Denken und Handeln. Aktionen, die in meinem Leben fast keinen Platz mehr finden. Es ist nur noch aufgeteilt in Tun und nichts Tun. Mehr geht momentan nicht, obwohl ich wissentlich mit Selbstbewusstsein um mich werfe. Verstehe den Wandel kaum, da ich mehr denn je auf Versagen gebürstet bin. / Manchmal, ja manchmal, da möchte ich einfach weinen. Nicht weil ich irgendeinen Grund dazu habe. Sondern weil ich das Gefühl habe, dass es genau das ist, was mein Körper gerade machen sollte. Er sollte aufhören zu denken, sich Szenarien auszumalen wie was sein könnte wenn es denn nur wollen würde, sondern er sollte einfach nur mit der Produktion von salzigem Wasser beschäftigt sein. / Es fällt einem schwer. Man hüstelt und fummelt nervös an den Ärmeln. Immer und immer wieder liest man sich die paar Worte durch, die man versucht hat, so schlau wie möglich zu wählen aber je öfter man es liest, desto mehr erkennt man, dass es totaler Blödsinn ist. Aber man denkt es sei wichtig. Zumindest genau in dem Moment hält man es für richtig. / Wie wir ja alle wissen sind wir alle Deutschland. Du und du und du und auch ich. Ach nein. Ich vergaß. Ich nicht. Wieso? Na ich komme aus Bayern. Der Nicht-Bayer denkt sich jetzt „Siehste, dieses arrogante Pack. Will sich absondern. Die Sau. Na das soll sie sich doch ein kleines Königreich basteln. Die mit ihrem Ratzi und Stoiber und bäh. Sau-Sau!“. / Ein kleiner Raum mit zwei Stühlen. Schauplatz einer Unterhaltung der bescheuerten Art. Einer, der man nicht beiwohnen möchte, weil man gottverfickt noch mal Besseres zu tun hat. Man könnte Postkarten nach Datum des Erhalts sortieren oder mal wieder rausgehen und kleine Kinder mit Steinen bewerfen. / Zeigen möchte ich dir die Frau die ich in all der Zeit geworden bin. Teilen möchte ich mit dir, was ich in diesen Jahren gelernt habe ohne je dein Gesicht zu vergessen. Wo soll es noch hinführen, dieses ewige Sehnen, Warten und Hoffen? All die Liebe, die ich je in mir hatte, nur dir gewidmet In jeder Pore meines Seins dein Antlitz, dass sich widerspiegelt und mir zeigt, wie leer ich doch ohne dich bin. Du sollst mir wieder verfallen. / Man könnte meinen, wenn man am Tag über drei Stunden durch die bayerische Pampa gegondelt wird, fände man die Zeit seine Gedanken zu sortieren und sie festzuhalten. Nicht der Gedanken wegen, sondern weil man es sich selbst schuldig sein sollte. Frühjahrsputz für die Seele. Doch eigentlich liegt alles blitzeblank und klar vor mir. Angst! / Es gibt so Tage, an denen sollte man sich unter einer dicken Schicht Gummibärchen begraben. Oder den Kopf abschrauben, mit quietschenden Geräuschen, und gepflegt gegen eine Wand werfen. Nur um zu erfahren, ob dann die dummen Gedanken vor Schreck herauspurzeln und sich verkrümeln. / Manchmal habe ich das Gefühl, einer versucht seine mickrigen Photoshopkenntnisse an mir auszutoben. Ich blicke in den Spiegel. Alles um mich herum ist farbenfroh und bunt. Nur ich bin in ein melodramatisches schwarz-weiß getaucht. / Ich mache Haarklammern fest, sehe in den Spiegel und denke mir „Genau. So ist’s gut. Wir werden Hässlichkeitskönigen, du und ich, wir beide, Spiegel-Ich und Vor-dem-Spiegel-steh-Ich. Das machen wir gut.“. Ich strecke mir die Zunge raus und merke wie hässlich ich doch bin, wenn ich das mache. / Sie war ihm zu kompliziert. Zu kopflastig. Zu diskutierfreudig. Zu direkt und vielleicht sogar ein bisschen zu klug für ihn. Sie war all das was er wollte, dachte er bei sich und baute sich gedanklich eine große Zukunft. / Sie ertrug es nicht, wenn man sie ansah. Das wusste ich. Und doch verstand ich die Leute, dass sie sie ansahen. Nicht weil sie so atemberaubend schön ist oder eben so abgrundtief hässlich. Sondern weil ihr Körper eine wirre Mischung aus absoluter Scheu und tiefsitzender Aggression ausstrahlt, sodass man nicht anders kann, als sich dieses eigenartige Mädchen anzukucken.

Es sind 31 Dateien. D.h. ich saß mindestens 31mal vor einem Computer und meinte meine Gedanken auf elektronischem Papier festhalten zu müssen. Viel Blödsinn ist dabei. Und diese Anhäufung von absolutem Bockmist führt mich zu der Erkenntnis, dass ich einfach nie was wirklich fertig bringe und dass mein gesamtes Leben wie meine Schulbesuche abläuft.

In der Schule war ich immer dieses Mittelmaß. Wenn ich mich ein bisschen bemühte, schaffte ich meine „befriedigend“ und wenn ich mich gar nicht anstrengte, dann konnte es auch mal darunter sein. Und so läuft auch mein Leben ab. Ich halte mich immer im Mittelmaß auf. Ich bin mittelmäßig attraktiv, bin mittelmäßig klug, mittelmäßig motiviert, mittelmäßig talentiert. Über meinem gesamten Leben baumelt die Note Drei Minus. Doch das ist nicht einmal das Problem. Das Problem ist, dass ich vielleicht sogar etwas dagegen tun könnte, doch schon wie in der Schule macht sich der Gedanke breit, dass es ja eben auch so geht. Ich habe doch alles geschafft. Wieso sollte ich mich also mehr anstrengen, Lebensenergie hineinstecken, wenn doch alles ganz rund läuft? Und das ist der Grund warum nie mehr aus mir werden wird, als das was ich heute bin. Das ist der Grund warum ich wohl nie erfahren werde, worin ich gut bin. Eigentlich sollte mich das zum Umdenken animieren. Mir ein Zeichen sein, dass ich noch die Möglichkeit habe das Ruder rumzureissen. Aber das würde Anstrengung bedeuten. Und so was, kann ich nun wirklich nicht gebrauchen.

Und um mit den Worten meines Deutschlehrers am Gymnasium zu schließen, der dies immer zu mir sagte, wenn er mir eine Arbeit zurück gab.

„Geh mit Gott, aber geh!“


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5 Gedanken zu “Mittelmaß verpflichtet

  1. Du bist das grösste schriftstellerische Talent seiT Doris Lessing! Ebenbürtig der Formulierungskraft einer Elfriede Jelinek! Wenn Du Mittelmaß bist, weiß ich nicht was Spitze ist.

  2. Ich hab dein Blog schon vor einiger Zeit entdeckt, war dann länger nicht mehr hier, in den letzten Tagen dafür wieder häufiger. Warum? In deinen Beiträgen steckt ab und an eine Wortgewalt, die ihresgleichen sucht. Ob das nun unbedingt das attestierte schriftstellerische Talent ist – jedenfalls schaffst du es, Gedanken auf den Punkt genau zu formulieren. Nicht immer, aber oft genug. Fäkalsprache hin oder her. Manchmal wünschte ich mir, ich rotzte Worte so hin. Aber nein. Ich bin zu brav dazu.

    Nach dem zigsten gelesenen Beitrag musste das einfach einmal gesagt werden.

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