Getcha groove on

2000 bis 2003. Drei Jahre in meinem Leben. Rückblickend wohl eine der wichtigsten Zeitspannen in meinem Leben. Nicht weil ich so viele Erkenntnisse aus dieser Zeit zog, sondern weil es die Zeit war, die mich am meisten prägte. Zumindest bewusst. Ich war 16 und hatte meinen Realschulabschluss geschafft. Knapp war es und da ich nicht arbeiten wollte, wie all die anderen um mich herum, weil ich einfach nicht wusste, was, entschied ich, dass ich weiter zur Schule gehen sollte. Nach Passau sollte es gehen. Für jemanden, der bis dato nur in Dörfern wohnte, ein riesiger Schritt. Für einen Menschen, der sich immer zurückzog ein monströser Schritt. Obwohl jeden Tag ein Bus zur Schule fuhr, dies aber bedeutet hätte, dass ich ca. 3 ½ Stunden am Tag in einem solchen verbringen sollte, wollte ich nach Passau ziehen. Es gab keine Freundschaften, die ich zwingend aufrecht erhalten wollte. Meine Mutter kam dann auf die großartige Idee, mich in ein Mädchenwohnheim zu stecken. Dort verbrachte ich zwei der drei Jahre.

Mädchenwohnheim bedeutete:

Futterneid / übermotivierte Erzieherinnen die darauf bedacht waren, dass man sich nach der Schule in die Gemeinschaft einbrachte und hässliche Gipsmasken bastelt / die Rauchertreppe / Ausgang nur bis um zehn und nur wenn man sich brav in einem Buch ein- und austrug / kein Männerbesuch / nur zwei Minuten zur Schule / meine erste richtige Beziehung die bei Stefan Raab ihren Anfang fand / der Vorwurf, man würde Drogen nehmen, obwohl man kiffende Menschen doch nur aus dem Fernsehen kannte / erster Tequilla im Cafe Duft weil sie einen dort nicht nach dem Ausweis fragten / Mädchen, die Mitleid mit mir hatten weil sie dachten ich hätte Heimweh und würde mich deswegen so abkapseln / erste sexuelle Erfahrungen / Romantik mit HIM und Teelichtern / blau machen und dann nicht wissen was man mit sich anfangen soll weil man nicht raus durfte / ein Typ, der sich im Schrank versteckte und eine miese Heimbewohnerin, die das verriet / …

Nach zwei Jahren Wohnheim und erreichen der Volljährigkeit, zog es mich in eine eigene Wohnung. In einem überteuerten Studentenwohnheim wurde ich fündig und nistete mich dort ein.

Studentenwohnheim bedeutete:

Wodka-Abende bei dem schwulen Ernst, der sich den ganzen Tag damit beschäftigen konnte sein Gesicht zu betrachten und es mit verschiedensten Cremes einzukleistern / Verlust der richtigen echten Jungfräulichkeit an einen Mann / noch mehr blau machen weil es zu viel Wodka gab und der Abend zu lang wurde / Moppeligkeit / kiffen und Poppers schnüffeln / die Haare knallrot färben und damit richtig beschissen aussehen / per Anhalter mit dem Taxi fahren / Champagner-Abende und immer wieder die schlimmsten Trash-CDs hören / Peter für den ich alles getan hätte, der dann aber lieber zu seiner Ex zurück ging / …

Noch viel mehr passierte, woran ich mich mit einem kleinen verschmitzten Lächeln erinnere. Es war eine gute Zeit. Ich hatte das Gefühl, dass es genau so sein müsste. Das Leben. Es fühlte sich alles so richtig an und ich fühlte mich wohler denn je. Und über allem hing die Musik. Ich war nie der Mensch, der einen außergewöhnlichen Musikgeschmack hatte. Ich war Mainstream und glücklich damit. Mit Nirvana-Aufnäher auf dem schwarzen Eastpack war ich zufrieden und hörte mittelharte Musik mit meinem Disc-Man. Eine dieser Bands, die ich mir anhörte wenn ich mal wieder nach einer feuchtfröhlichen Nacht nach Hause torkelte, war Limp Bizkit. Man möge mich schlagen, mir rostige Nägel in die Augen treiben und mir alle Fingernägel einzeln ausreißen. Ich fühlte mich wohl mit dieser Art von Musik. Es spiegelte all das wider was ich empfand. Nur derber. Immer wollte ich diese Band live sehen. Ich wollte Fred Durst dabei zusehen wie er über eine Bühne hüpft und in sein Mikrofon spuckt. Zu der Zeit kam es nie dazu. Mein Musikgeschmack hatte sich dann irgendwann weiter entwickelt. Ob zum Guten oder zum Schlechten weiß ich nicht. Doch Limp Bizkit war immer da. Irgendwo. Weil diese Band symbolisch für die drei Jahre meiner eigenen persönlichen Entwicklung standen. Vom Dorfkind, dass sich in den Pausen auf der Toilette einsperrt um sich vor den Anderen zu verstecken, zu dem Dorfkind, dass heimlich auf dem Klo raucht und Klopapier mitgehen lässt.

Zehn Jahre und viele, viele Konzerte später, war es dann plötzlich so weit. Gestern um genau zu sein. Ich sah Limp Bizkit. Live. Auf einer Bühne. Ich zahlte fast fünfzig Euro für das Ticket und noch dreißig Euro um den Tank von Lelas Auto zu füttern. Doch mir war es das wert. Weil ich das Gefühl hatte, dass ich genau das machen müsste. Mir diesen Wunsch aus Teenie-Zeiten zu erfüllen. Weil ich es diesen drei Jahren schuldig war. Und dann stand ich gestern dort, verrenkte mir den Kopf damit ich einen Blick auf die Band erhaschen konnte. Da es kein aktuell veröffentlichtes Album gibt wurde in der Kiste der Erinnerungen gekramt. Und heraus kam ein Konzert, fast genau so, wie es wahrscheinlich vor zehn Jahren gewesen wäre. Und ich konnte die Texte. Alle. Und ich tanzte. Eines der Dinge die ich selten mache. OK, ich mache es eigentlich nie. Bin eher dieser Kopfnicker und Hände in die Hosentaschen-Stecker. Die Klamotten durchgeschwitzt, die Stimmbänder kratzig und die Knochen am Knacken. So humpelte ich nach dem Konzert zum Parkplatz. Und selten war ich so zufrieden wie zu diesem Zeitpunkt. Jede Winzigkeit, die mich aufregte, die mir auf der Seele lag und dort steppend um Aufmerksamkeit bettelte, lag verschnürt in der Ecke. Maul gestopft und ab dafür. Ich fühlte mich so satt, wie ich mich lange nicht fühlte. Und ein bisschen schäme ich mich, dass das aufgrund einer solchen Band passiert. Das es mir wegen solch einer Band gut geht. Einfach nur gut. Ohne Schnörkel und dem Verlust der Bodenhaftung. Und um im Stil der mir präsentierten Musik zu bleiben. „Fuck! Es war das beschissen geilste und beste was mir passiert ist und passieren konnte. Scheiß die Wand an geht’s mir verfickt noch mal gut!“

[All right partner! Keep on rollin’ baby. You know what time it is!]

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4 Gedanken zu “Getcha groove on

  1. Ich versteh Dich voll und ganz. Hab es leider bis jetzt auf keines der deutschen Limp Bizkit Konzerte geschafft. LIMP BIZKIT rocks!

  2. Nice, LB waren auch bei mir damals prägent….war ne geile/seltsame Zeit.
    Und ja, auch hier erfreut sich „Break Stuff“, „Faith“ oder „Rollin“
    immer noch gewisser Beliebtheit, meistens so gegen 4, nachdem ersten Kotzen, wenn sich dummerweise aufgerafft hat, die alten Kollegen doch zu treffen.

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