Vater-Tochter-Verhältnis

Und dann stehst du bei den medizinischen Fachangestellten die man früher noch Arzthelferinnen nannte. Die Frauen, die schneller tippen als Lucky Luke schießen kann. Man plaudert, weil man sonst nicht viel zu tun hat oder einfach nicht ins Büro zurück will, wo die Stimmung zum Zerreißen gespannt ist. Es wird über das vergangene Wochenende gesprochen. Was man gemacht hat und was man machen wollte, währe das Wetter doch nur besser gewesen. Und wenn das abgehakt ist, werden die immer wiederkehrenden Fragen auf den Tisch geknallt. Dieses „Und? Hast du jetzt schon einen neuen Job?“ Es wird dann über Hamburg geredet. Darüber, warum ich dort hin will. Ich kann es nie zufriedenstellend erklären. Eins meiner kleinen, winzigen Argumente, dass ich in solchen Momenten immer auspacke ist, dass ich niemanden hier habe. Das ich meine Schwester auch jetzt kaum sehe, obwohl wir nur 30 km voneinander entfernt leben. Das sich nicht viel ändern würde. Und irgendwann tauchte eine Frage auf, auf die ich folgende Antwort hatte.


„Mein Vater ist ein Arschloch. Nein, ich werde ihn ganz sicher nicht vermissen.“


Als ich fertig war, diese beiden Sätze auszusprechen, sahen mich große und ungläubige Augen an. Ich hatte ein Tabu gebrochen, so schien es mir zumindest. Der anwesende Assistenzarzt sah mich sogar ein bisschen abschätzig an. Als hätte ich auf das Grab seiner Großmutter gerotzt. Als hätte ich seine ganze Familie angespuckt und mich unzüchtig an ihrem Familiengrab gerieben. Nachdem sie den ersten Schock verdaut hatten, kam dieses „Aber es ist doch dein Vater. So etwas kann man doch nicht über seinen Vater sagen.“ Als ich sagte, dass ich nichts dafür könne, dass er meine Mutter geschwängert hat und ich ihn mir nicht ausgesucht habe und dadurch, dass ich seine Tochter bin, das allergrößte Recht habe, ihn als Arschloch zu bezeichnen, stieß ich auf noch mehr Unverständnis und ich ließ sie zurück in ihrer kleinen heilen Welt. Ich hatte keine Kraft mich für mein Empfinden zu rechtfertigen. Und ich sah es ehrlich gesagt auch nicht ein ihnen mein Privatleben vorzukauen, sodass auch sie es verdauen können, dass ich kein liebevolles Vater-Tochter-Verhältnis habe.


Diese Sache ist jetzt schon einige Wochen her doch es stellt sich mir immer noch die Frage, ab wann man seinen Vater verachten darf. Ab wann hat man das Recht ungestraft über seinen Erzeuger herzuziehen ohne von hasserfüllten Blicken durchbohrt zu werden.


Darf man ihn hassen, wenn er mit einem aufgeschürften Gesicht durch die Kleinstadt rennt in der man lebt, weil er besoffen aus dem Bus gefallen ist?


Darf man ihn hassen, wenn er einen Tag nachdem seine Frau gestorben ist fragt, ob man was dagegen hätte, wenn er eine Freundin haben würde?


Darf man ihn hassen, wenn er seiner kranken Frau, die sich nicht wehren kann, die Tür vor der Nase zuschlägt, nur weil er nicht mehr mit ihr reden möchte?


Darf man ihn hassen wenn er mit vollgepissten und angeschissenen Hosen auf dem Dorffest herumstolziert und allen ein Foto unter die Nase hält auf dem du mit 16 Jahre entgegenlächelst?


Darf man ihn hassen wenn er einige Wochen nachdem seine Frau eingegraben wurde mit einer Alkoholikerschlampe in der gemeinsamen Wohnung auftaucht und sie als Übernachtungsgast vorstellt?


Darf man ihn hassen wenn er einem in unsachlichen Streitereien vorwirft, dass man sich doch so schlau fühlt, nur weil man ein paar Semester studiert hat?


Darf man ihn hassen wenn er einem immer wieder sagt, dass das Haus zu klein sei für euch beide und einer von euch müsse gehen?


Darf man ihn hassen wenn die Leute im Bus vom Herrn N. reden, der wieder einmal total betrunken im Bus gesessen hat und so streng roch?


Muss ich wirklich all das auflisten um mir das Recht herauszunehmen einen Menschen zu hassen? Ist es wirklich nötig, dass ich das alles erzähle nur um die Absolution zu erhalten? Muss das alles stimmen oder würde auch weniger reichen? Muss er mich erst körperlich bedroht haben um dieses Gefühl der Abneigung zu empfinden? Reicht es, wenn er mir, nachdem ich ihm gesagt habe, er könne mich mal kreuzweise, nachgerannt ist und mir angedroht hat, wenn ich die Badezimmertür nicht öffne, träte er sie ein? Reicht das aus? Oder will man mehr? Mehr von diesem ganzen Zeug das man doch nicht öffentlich breit tritt. Über das man nur hinter vorgehaltener Hand spricht. Weil das geht die Leute doch nichts an. Das ist Familienangelegenheit. Sollte ich die Sensationsgeilheit und das Unverständnis der Menschen über meine eigenen Bedürfnisse stellen oder sollte ich gerade deswegen, weil ich es nicht nötig habe etwas zu verheimlichen, darüber sprechen. Offen sagen, dass meine Mutter tot ist. Offen darlegen, dass ich meinen Vater verachte. Offen darüber reden, dass mir meine Tante Angst machte, als sie besoffen mit ihrem riesigen Köter und einem Putzlappen vor der Haustür stand und mir ins Gesicht rotzte, dass ich so dumm sei. Offen ausplaudern, dass ich die 5.000 €, die ich zu meinem achtzehnten Geburtstag geschenkt bekam, in unser altes Haus investiert habe, in dem jetzt eine fremde Familie lebt. Vielleicht auch noch erwähnen, dass ich mich ein Jahr um meine kranke Mutter kümmerte und die 150 Euro Kindergeld, die ich jeden Monat von meinem Vater erhielt, mit den Schulden verrechnete, die sie bei mir hatten, weil er mir vorwarf, ich sei faul. Sollte ich es tun oder einfach nur schweigen. Oder noch besser, lügen. Wenn man mir die Frage stellt, ob ich meinen Vater vermissen würde, die bitteren Gedanken in die letzte Ecke meines Kleinhirns stecken und ein winziges „Ja!“ heucheln. Nur damit ich mich nicht rechtfertigen muss. Vielleicht sollte ich die Frage behandeln wie alle platten Fragen die einem in seinem Leben gestellt werden.


„Wie geht es dir?“

„Danke der Nachfrage. Man lebt. [… und wenn ich mich nachts in den Schlaf weine brülle ich die echte Antwort in mein Kissen aber die willst du gar nicht hören.]“


Vielleicht sollte ich das nächste Mal wieder auf diese Methode zurückgreifen. Nur um sicher zu gehen, dass ich verstanden werde. Nur um sicher zu gehen, dass ich nicht mit Blicken gestraft werde.


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8 Gedanken zu “Vater-Tochter-Verhältnis

  1. Es stimmt mich traurig, dass die Gesellsachft verlangt, ehrlich zu sein – mit der Warheit dennoch aber nicht umgehen kann!

    Wieviel Wahrheit jeder einzelne so verträgt, sieht man genau in solchen Momenten.

    Und ich weiß, wovon Du sprichst!

    Alles gute und viel viel Glück

  2. Ob man ihn hassen darf?

    Was man darf, weiß ich nicht. Was man tut ist eigentlich vollkommen egal.

    Aber Sie dürfen jedes Ihrer Gefühle leben. Und wenn Ihnen einen Mensch nicht gut tut, dann dürfen Sie jegliche Entscheidung treffen, damit es Ihnen besser geht.

    Soweit ich mich erinnere, gibt es kein verbrieftes Recht auf dieser Welt, dass einen dazu anhält alles hinzunehmen.

    Ich habe vor 10 Jahren alles hinter mir gelassen, wahrscheinlich aus anderen Gründen als die Ihren, aber ich möchte Sie wissen lassen, ich lebe großartig damit… und wesentlich entspannter.

  3. Ich würde gern auf ‚Like‘ klicken, weil meine Gedanken Dir so sehr zustimmen, dass ich es nicht in Worte fassen kann, aber ‚Like‘ erscheint mir unpassend beim dem Inhalt des Eintrags.

  4. erstens einmal hochachtung für soviel ehrlichkeit in so einer verlogenen welt.

    im endeffekt kann, nein – MUSS es dir egal sein, was die leute über dich reden, solang du in den spiegel sehen und sagen kannst: es ist okay, ich halt es für richtig, genauso wie ich es mache.

    ich denke, in so einer situation, muss sich niemand für irgendetwas rechtfertigen, ich weiss schon, dass es in einem ländlichem gesellschaftsgefüge nicht immer leicht ist, über sowas zu stehen, aber irgendwie muss es. sonst gehst du ein. ist bei mir ein anderes thema, aber unterm strich ists dasselbe..

    nicht unterkriegen lassen, ja?

  5. Das ist ziemlich harter Stoff. Neben deinem Hass lese ich genauso viel Wut, Enttäuschung und Scham heraus. Und – wenn deine Fragen nicht rhethorisch gemeint sind – noch so eine letzte, kleine Zurückhaltung, weil: „er ist ja mein Vater“ und ihr NOCH finanziell auf einander angewiesen seid.

    Ich finde den letzten Absatz von Herrn MiM sehr gesund. Man sollte sich von Menschen, die einem nicht gut tun, räumlich und zeitlich entfernen, wenn es keine andere (= gute) Lösung gibt. Stichworte Selbstwertgefühl und Würde. Das mögliche Gefühl, geflohen zu sein oder aufgegeben zu haben, ist besser als weiterhin gedemütigt und enttäuscht zu werden. Und es verblasst.

    Das Du so lange deine Mutter versorgt hast, kann ich gar nicht hoch genug schätzen! Meinen Respekt!

    • Fällt halt schwer. Dieses hinter sich lassen. Weil auch mein Kleinhirn mir sagt, dass es mein Vater ist. Und weil es nicht immer so war. Und weil es z.T. auch gut läuft, zwischen uns. Weil er mir doch am Herzen liegt, irgendwie, sonst würde ich mir keine Sorgen machen, wenn er Nachts erst spät heim kommt und mir keinen Zettel hingelegt hat, wo er hingeht. Ich bin ein bisschen zerrissen. Viel Wut und doch ein Funke Zuneigung.

      • Genau so „klingt“ es auch, hin und her gerissen. „Hinter sich lassen“ wäre eben nur die weniger schlechte Möglichkeit, solltest Du die Situation nicht mehr ertragen – bevor sie dich vielleicht kaputt macht.
        Aber von außen betrachtet läßt sich das so leicht sagen …

  6. Vater / Mutter ist für mich eher eine reine Bezeichnung für das verwandschaftliche Verhältnis / „biologische Notwendigkeit“ , keine Begriff für die zwischenmenschliche Beziehung zueinander. Der „Status“ Vater (Mutter – nehme der Einfachheit halber mal Vater) schließt für mich weder negative Gefühle aus , noch (er)fordert er positive Gefühle.

    Die Gefühle liegen für mich im Verhalten der entsprechenden Person begründet, nicht im „Status“. Ich kenne auch Menschen die statt „Vater“ konsequent „Erzeuger“ nutzen für eine möglichst starke Abgrenzung von der gängigen Sichtweise auszudrücken. Ich habe mich dagegen entschieden, finde ich zu auffällig jedem Fremden gegenüber direkt zu betonen, dass das Verhältnis zu den Eltern „nicht normal“ ist.
    Ich werde meine familiären Probleme hier mal nicht komplett ausführen, aber es geht (bzw ging) bei mir in die selbe Richtung (wobei ich hoffe „häusliche Gewalt“ war bei dir / euch nie ein Thema, bei mir zu Hause leider schon), wenn ich den Kleinstadt/Dorf teil lese frage ich mich ob es eher ein Vorteil war in einer recht anonymen Großstadt aufgewachsen zu sein. Zumindest kennt man hier eigentlich niemanden und es scheint auch niemanden zu interessieren was mit dem anderen Menschen / Nachbarn passiert, daher sind mir solche Situationen eher erspart geblieben.

    Ich bin mir aber auch seit ein paar Monaten sehr unsicher wie ich die Vergangenheit für mich selbst bewerten soll bzw. wie ich meine Eltern denn sehen sollte oder will. Den Alkohol mal außen vor gelassen ( kann man das überhaupt ?) frage ich mich ob ich es denn besser machen könnte / würde als sie in derselben Situation ( und nein, die Antwort ist leider kein einfaches „ja“, ich würde es Versuchen …aber wahrscheinlich einfach nur ungewollt anders scheitern (?)) bzw. ob sie vielleicht „ihr Bestes versucht haben“ und das Ergebnis war halt entsprechend mies ….kommt mir nach dem abtippen in der Form extrem dumm vor, ist aber nicht auf Einzelsituationen zu beziehen oder anders gesagt halt nicht auf „die selben Fehler“. Im Zweifelsfall einfach den kompletten Kommentar löschen 🙂

    (Wahrscheinlich unverständlicher Gedankengang , die Erklärung würde länger ausfallen. Breche mal hier ab, da ich nicht weiß ob dir der Kommentar überhaupt etwas bringt. )

    PS:
    In „Smalltalk-Situationen“ antworte ich inzwischen nicht mehr ehrlich, unzählige Male probiert und immer wieder festgestellt – es ist den Aufwand (meinerseits) nicht wert, wobei ich das darauf folgende immer gleiche hin & her auch nur schwer ertragen kann ….

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