Sterbeszene

Wenn in einem Film ein Mensch stirbt, dann kommt oft der Teil an dem er mit sanfter Stimme davon spricht, dass er keine Schmerzen mehr hat. Er spürt plötzlich die gesamte Weisheit des Universums in sich vereint und beschenkt die Anwesenden, die seinem Sterben beiwohnen, den letzten klugen und wichtigen Gedanken den er als Lebender von sich geben kann. Wenn man in die Nahaufnahmen des Gesichts dieses Menschen sieht, ist es, als wäre eine Zufriedenheit über ihn eingebrochen. Als könnte ihn nichts verletzen. Als sei er endlich dort angekommen, worauf man sein ganzes Dasein hin arbeitet. Ein Zustand absoluter Gelassenheit und dem Wissen, dass alles gut wird. Vor diesem Moment gab es wahrscheinlich Geschrei. Die Schmerzen einer dramatischen Schusswunde. Oder bittere Tränen. Weil man das Leben nicht loslassen möchte oder die Menschen die sich in diesem aufhalten. Weil man noch so viel tun und erleben möchte. Doch kurz bevor diesem Menschen die Augen mit vorsichtigen Fingern geschlossen werden, sehen sie so satt und glücklich aus. Es muss kein Lächeln auf ihrem Gesicht sein um zu erkennen, dass dies scheinbar der einzig wahre Moment in ihrem gesamten Leben ist. Weil sie keine Schmerzen haben. Weil sie nichts mehr müssen. Weil sie vielleicht wissen, dass dies die letzten Atemzüge sind, die sie gezwungen sind zu machen. Und dann hineingleiten in etwas Ungewisses, was auch einfach nur ein schwarzes Nichts sein kann.

Wenn ich diese Szenen sehe, denke ich an dich. Bittere Tränen zerfurchen mein Gesicht und entstellen mich. Ich weine, weil ich an dich denken muss. Wenn sie in diesem Film eng aneinander gepresst auf dem Boden kauern und auf Gevatter Tod warten, sich tausendfach sagen, wie sehr sie sich lieben, dass der Sterbende nicht alleine gelassen wird, muss ich an dich denken. Daran, dass du allein warst. Zumindest denke ich das. Ich war nicht bei dir und hielt dir die Hand. Ich durfte keinen abschließenden klugen Worten aus deinem Mund lauschen. Ich wünsche dir, dass es für dich war, wie in den Filmen. Dass du den Moment genossen hast. Diese absolute Zufriedenheit, mit einem kleinen schimmernden Gedanken an mich. Ich hoffe die Schmerzen krochen aus deinem Körper und du konntest endlich nur dich spüren und nicht diese nagenden Untiere, die dir das Leben zur Hölle machten. Ich hoffe du konntest noch etwas Schönes betrachten und wenn auch nur vor deinem inneren Auge. Denn ich kenne die Zimmer auf der Intensivstation. Nicht viel Ansehbares in diesen kargen vier Wänden. Und so weine ich wieder einmal um dich. Für mich. Und wünsche dir, dass es diese Zufriedenheit wirklich gibt.

Aber wahrscheinlich ist sie nur eine Erfindung von Hollywood. So wie die Sache mit der Liebe.

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Ein Gedanke zu “Sterbeszene

  1. Ich erwache gerade, 2:25 Uhr, aus einem Höllenalbtraum. Wirres Zeug, habe die Hälfte schon wieder vergessen. Ich denke der Tod ist der konsequenteste Demokrat und jeder von uns ist kurz vor seinem Auftritt einsam, so einsam wie man nur sein kann. Sein Wissen um ihn ist der Preis für unser Bewusstsein, letztlich nur ein Problem für die Hinterbliebenen. Denn wie sagt schon Sokrates ( oder wars Solon?): Wo der Tod ist, bin ich nicht. Kommt er zu mir, bin ich fort.

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