Guten Abend, gute Nacht

Ich sagte ihr, es würde irgendwann leichter werden. Ihr würde es nicht mehr so schwer fallen. Sie müsste sich nicht betrinken. Sie solle ihren Schmerz endlich zulassen ohne sich die Arme blutig zu ritzen. Sie dürfte mich schlagen, wenn ihr das helfen würde. Sie dürfte all ihre Wut auf eine ungreifbare Krankheit auf mich projizieren. Ich würde es ertragen. Für sie. Weil ich nicht nachempfinden konnte, wie es sein muss in ihrem Körper zu stecken. Weil ich nicht wusste wie es sein muss sich so allein zu fühlen. So unvollständig.


Später sollte ich erfahren, wie es sich anfühlt. Wie es sein muss, sie zu sein. Kinder desselben Schicksals nur in einem anderen Gewandt. Sie war nicht für mich da. Doch andere sagten mir an ihrer Stelle, dass wir gegen den Rest der Welt kämpfen, wenn es sein müsste. Das ich nicht allein sei. Mein Glas nicht halb voll oder halb leer. Es lag zerbrochen auf dem Boden. Die Scherben bohrten sich in meine Fußsohlen und ich hatte es gewusst, dass es passieren würde. Früher oder später.


Wann hört es auf? Diese Sehnsucht nach einem letzten Gespräch das alle Unklarheiten beseitigt. Du hast mich erschaffen. Mich geformt. Und jetzt wirst du nie sehen wie ich dein Kunstwerk in tausend Teile zerbreche, nur weil ich nicht weiß wo ich hin soll mit mir und meinem Kopf der voller wirrer Gedanken ist.


Immer wieder ist es da. Dieses Gefühl. Das Bedürfnis mich zu entschuldigen und dich zu verfluchen. Weil du dich so sehr in mein Herz gebohrt hast. Schon damals konnte ich dir so viele Dinge nicht zeigen, die ich dir zeigen wollte. Die ich mit dir teilen wollte, weil sie mir wichtig waren. Nichts hat sich geändert. Und immer wieder der Amboss der mir auf den Kopf knallt. Die Offstimme lacht. Lacht mich aus weil ich noch so sehr Kind bin. Weil ich mich nicht losreißen kann von dem Wunsch dich für immer bei mir zu haben. Ich dachte immer Flaschenkinder hätten nicht solche Trennungsängste. Vielleicht ertränken diese ihren Kummer auch nur im Alkohol. Halten sie tief ins Glas und sehen ihm dabei zu wie er um Erlösung fleht. Holen ihn wieder heraus, legen ihn neben sich. Nackt und blass liegt er da, der Kummer, und schlottert. Mit Bedacht legen sie ihren Arm um das arme Geschöpf und singen ihm ein Schlaflied.


„… Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt. …“ Oder eben auch nicht!

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Ein Gedanke zu “Guten Abend, gute Nacht

  1. hey, ich bin eine stille mitleserin deines Blogs. Konnte ich in vielem deiner Einträge wiedererkennen und mir geht es einfach ganz genauso.
    Ich trauere etwas oder auch jemanden noch nach fast drei jahren hinterher..

    liebste grüße und respekt für deine offenen worte
    m.

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