Freundschaft vs Liebschaft

Habe mich ungefähr zwei Tage lang mit dem großen grünen Monster Namens „Ex endgültig aus dem Leben verbannen, weil jetzt sind es schon drei Jahre und genug ist genug“ beschäftigt. Ein netter Zeitgenosse auch wenn er einem ab und zu fies mit kleinen Holzstäbchen in das Herz bohrt und absolut abgeheilte Wunden mit seinem Einweg-Skalpell wieder aufritzt. Erwachsen wie ich bin, habe ich fast alles weggeworfen, was ich an dem Tag zusammengehortet hatte, als er mir mein Herz aus der Brust riss, hat um Baseball damit zu spielen. Eintrittskarten, Briefe, kitschige Kleinigkeiten und Fotos von der guten alten Zeit. Zu vielen Dingen hatte ich gar keinen Bezug mehr und konnte mich kaum mehr daran erinnern, warum ich das überhaupt aufbewahrt hatte. Alles bis auf ein Ring und ein noch brauchbares Feuerzeug, fanden ihren Weg in die Mülltonne. Ich kam für mich zu dem Schluss, dass es mir nichts bringt, wenn ich diese kleinen Erinnerungsfetzen wie einen Klotz am Bein mit mir herumschleppe und fühlte mich richtig gut. Ich erinnerte mich an die Zeit, als er Schluss machte. Als ich nicht essen und nicht schlafen konnte. Ich habe nicht viel geweint in der Zeit aber wenn, dann konnte ich nicht aufhören.

Und plötzlich bemerkte ich, als ich eins der Fotos betrachtete, auf der er mit einer ehemaligen Freundin zu sehen war, dass ich für sie keine Kiste hatte. Wir waren diese Freundinnen die man, wenn man nichts mit ihnen zu tun hat, und sie nur sieht, das Kotzen kriegt. Diese Weiber, die scheinbar immer Spaß miteinander haben. Die tagelang aufeinander hocken können ohne sich gegenseitig die Haare auszureißen. In meinen Semesterferien wohnte ich fast bei ihr und war nur zu Hause anzutreffen, wenn uns das Geld nicht mehr reichte, um uns etwas zu essen zu kaufen. Sie vertraute mir, ich vertraute ihr und wir waren unzertrennlich. Sie war lange vor diesem Ex da und auch danach war sie ein Teil meines Lebens. Doch wie das Leben nun mal so spielt erkannte ich plötzlich, dass sie mich nach Strich und Faden verarschte und es endete damit, dass ich eine Aussage bei der Polizei machen musste. Gegen sie. So endete unsere innige Freundschaft. Ich war sehr wütend auf sie. Keine Frage. Sie war der kleine Halt in meinem mickrigen Leben und der bröckelte einfach weg. Ich war enttäuscht und unglaublich traurig. Tja aber das war es dann auch schon.

Worauf ich hinaus will?

Im Allgemeinen wird einem gesagt, dass Männer/Frauen kommen und gehen aber nur Freundschaften sind die Basis, auf die man sich wirklich stützen kann. Ergo sind in der Emotionspyramide Freunde die Spitze der Herzigkeit. Ohne Freunde geht gar nichts und wenn man wie ich, nur sehr wenig Freunde hat, ist es an dieser Spitze ziemlich einsam. Freunde gehen also vor Lebensabschnittsgefährten. Soweit klar.

Wenn wieder einmal Schluss ist. Mit der vermeintlich großen Liebe für die man die besten Jahre seines Lebens geopfert hat, dann sind es die Freunde, die einen aufbauen. Sie reichen einem die Taschentücher und die Großpackung Vanilleeis in die man bittere Tränen weint, weil man doch so glücklich war. Sie sind die Personen, die einem sagen, dass man viel zu gut war für diesen Idioten, den sie sowieso nie leiden konnten, es aber nicht sagen durften, weil man doch so zufrieden und strahlend war. Also. Wenn Typ weg, sind immer noch die Freunde da, die einen trotz verquollener Augen in die Clubs der Kleinstadt schleppen um das Häuflein Elend ein bisschen aufzumuntern. Freunde besser als Typ.

Wenn in einer Beziehung das Weibchen schimpft, dass der Herr nicht genug Zeit für sie hat, argumentiert er damit, dass er, nur weil er jetzt vergeben ist, nicht auf seine Freunde verzichten kann und auch nicht will. Das er seinen Freiraum braucht. D.h. Freunde sind der Freiraum. Beziehung ist das, wovon man ab und zu eine Pause braucht. Und diese Pause ist nun mal oft gefüllt mit Aktivitäten die gemeinsam mit Freunden praktiziert werden.

Dies sind Anzeichen dafür, dass eine Freundschaft ein viel wichtigeres Konstrukt ist, als eine Beziehung. Nun stelle ich mir jedoch die Frage: Wenn Freunde um so vieles wichtiger sind, als der Mensch der Nachts neben einem im Bett liegt, warum trauert man dann nicht genauso um eine beendete Freundschaft, wie um eine in die Brüche gegangene Beziehung? Was ist das schlagende Argument im Kampf der Giganten „Freunde vs. Partner“? Ist es der Sex? Oder der Wunsch sich eine gemeinsame Zukunft aufzubauen mit Eigentumswohnung, Klein-Kevin und Lebensversicherung? Und warum gibt es eine eigene Bezeichnung für das Beenden einer Beziehung? Schluss machen. Trennung. So etwas gibt es für Freundschaften nicht. Zumindest ist mir keins bekannt. Sind Freundschaften also doch nicht so wichtig oder viel oberflächlicher als wir uns eingestehen wollen?

Ich für meinen Teil habe jetzt beschlossen, da ich sowieso eine überschaubare Anzahl an Freunden habe, sollte sich einer von diesen aus meinem Leben verabschieden, werde ich ihm auch eine Kiste widmen. Und die dann in etwa drei Jahren wegwerfen. Weil es doch eigentlich ziemlich albern ist.

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8 Gedanken zu “Freundschaft vs Liebschaft

  1. schon alleine die frage, ob der partner oder die freunde wichtiger sind, ist doch irrsinnig. an eine freundschaft stellt man ganz andere ansprüche als an eine liebesbeziehung. z. b. freunde „dürfen“ sich mal ein weile nicht melden oder verschwinden. wenn das der/die liebende machen würde, wäre doch polen offen. usw. usf. und deshalb geht man beim ende einer freundschaft wohl lapidarer damit um als beim ende einer liebesbeziehung. vielleicht. vielleicht auch, weil man sowieso noch ein paar andere freunde hat, die diese lücke zunächst ausfüllen können. die lücke, die beim ende einer liebesbeziehung bleibt, kann man m. e. nicht so schnell und einfach mit „etwas“ neuem füllen.

      • so ist das ja auch nicht gemeint. deshalb schrob ich auch, dass es irrsinnig ist, zu fragen, wer wichtiger von beiden ist. denn das sollte ja keiner von beiden sein. nicht wahr? ich meine nur, dass eine freundschaft nicht vergleichbar mit einer liebesgeschichte ist und deshalb das ende ganz anders „zelebriert“ wird, weil man eben unterschiedliche ansprüche an diese beiden arten von beziehungen stellt. meistens. öhm… ich, zumindestens. 😉

      • Ich finde eben schon, dass man beides vergleichen kann. Die Basis einer guten Beziehung ist eine Freundschaft. Oft enden Trennungen, deren Ende nicht all zu tränenreich waren, in einer Freundschaft. In beiden Konstellationen, Freundschaft wie Liebschaft, sucht man Geborgenheit und ein Gegenüber das einem das Leben schöner macht. Jeder auf seine Art und Weise. Und ich finde es irrsinnig, dass man zwar immer so tut, als wäre Freundschaft das höchste Gut, sich aber dann in wertfreien Trennungsschmerszenarien verliert wenn der falsche Partner sich von einem trennt.

  2. im endeffekt liegt es an jedem selbst, welchen wert er seinen beziehungen -ob freund- oder liebschaft- und deren ende beimisst. ich persönlich würde beides nicht in der hinsicht gleichstellen, weil ich in einer liebschaft mich mehr offenbare als in einer freundschaft. d. h. nicht, dass wenn eine freundschaft kaputt ging, dass ich deshalb weniger gelitten hätte. ist irgendwie schwierig zu beschreiben. deshalb lass ich’s jetzt.

  3. Entäuschungen gibt es bei Liebschaften Freundschaften, ja sogar in der Familie.
    Ich finde es aber wichtig, dass man seine GANZEN sozialen Beziehungen pflegt, gerade wenn man eine neue Liebschaft hat – da ist man leicht versucht, sich abzukapseln, weil man mit der/m Liebsten gern allein sein möchte –
    Liebhaber/in, Freund/innen, Familie, alles sind wichtige Menschen im Leben.

  4. Ich für meinen Teil halte das ganze Freundschaft-über-alles/Männer-kommen-und-gehen/Freundschaft-für-immer für neumodisches Sex-and-the-City-Getue.
    Klar sind Freunde wichtig, und auch ich möchte meine nicht missen, aber jetzt mal ehrlich: wer würde wirklich eine Freundschaft über seine Beziehung stellen?
    Und wo existieren diese Freundschaften, die uns bei Friends, Sex and the City und Co vorgespielt werden, in der realen Welt?
    Anscheinend ist es momentan ziemlich chick, dies nachzuleben und vor allem nachzureden (denn die Betonung dieser ach so besonderen Freundschaft steht meist mehr im Mittelpunkt als das tatsächliche Ausleben).
    Freundschaften sollten gepflegt und für sehr wichtig genommen werden, aber geht eine in die Brüche oder wird zu einer „Fern-Freundschaft“, geht nicht gleich eine ganze Zukunft in die Brüche, wie man sie sich wahrscheinlich mit einem Partner erhofft hab. Und tut einfach nicht so weh.

    • Woohoo. Na holla die Waldfee. Ein Wespennest in das ich gestochen habe.
      1. Ich möchte mir bitte verbitten mich mit SATC-Gehabe gleichzsetzen.
      2. Stelle ich hier eine Frage, ziehe MEINE persönlichen Schlüsse und erkenne, dass mir PERSÖNLICH Freundschaften mehr bedeuten, als eine Beziehung zu einem Kerl.
      3. Jeder setzt seine Prioriäteten im Leben unterschiedlich. Keine Frage. Jedoch möchte ich mir nicht vorwerfen lassen, dass ich ein chickes Klischee nachlebe. Denn dies könnte auch ich behaupten wenn es um dieses „gemeinsame Zukunft mit dem perfekten Partner“-Ding geht. Das Ausleben eines Klischees. Der Gartenzaun, die zwei Kinder und der kleine Hund im Garten mit den selbst angebauten Radieschen.
      4. Wenn wir schon SATC erwähnen. Ich erinnere mich nur vage daran, dass die Grundtendenz, die in der Serie und in den Filmen herrscht, in die Richtung „Wir suchen Liebe“ geht (in SATC2 sind drei der vier NewYork-Tussneldas verheiratet. Zwei haben Kinder…).
      5. Sehe ich nunmal einen kleinen Fehler im eigenen Empfinden wenn ich einem Mann, der mich 2 Jahre meines Lebens begleitet hat, mehr nachtrauere, als einer Frau, die das vier Jahre gemacht hat.
      6. Und ICH würde meine Beziehung über meine Freundschaften stellen. Denn ich habe es schon einmal genau anders rum gemacht. Und den Dreckberg, der sich um einen türmt, dann wieder wegzukarren ist schwere und harte Arbeit.
      7. Ich habe keine „ach so besonderen Freundschaften“. Ich habe eigentlich kaum Freunde und ich lasse mir ungern indirekt vorwerfen, dass ich eine Frau bin, die es wichtiger nimmt über Freundschaft zu sprechen, was ich nicht tue, als sie zu leben.

      Du darfst anderer Meinung sein. Sehe ich ein, und wie öd und traurig wäre die Welt, wenn wir alle gleich denken würden. Aber man möge mir bitte meine Vorstellung von „richtig und falsch“ lassen ohne diese mit Serien-Vergleichen ins Lächerliche zu ziehen.

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