Ein Prosit

Bierzeltstimmung, Zuckerwatte, gebrannte Mandeln, Kotzfahrgeschäfte, Losbuden, Bier aus riesigen Krügen trinken und zu viel Geld für versalzenen Käse und trockene Brezen zahlen. Oder in einem Wort: Dult. Was für den Münchner das Oktoberfest ist, ist für den Passauer die Dult. Zweimal im Jahr. Einmal im Mai und einmal im September. Und ich, wie sollte es auch anders sein, hasse es.

Man könnte mich arrogant nennen. Weil ich auf solch typisch bayerischen Veranstaltungen keinen Wert lege. Weil ich sie abstoßend finde und ich mich einfach nur unwohl fühle, wenn ich mich durch die Zuckerjunkies und Rauschkugeln drängen muss. Es ist die Musik, der unausgesprochene Dresscode, das Schunkeln und die Stammtischstimmung mit Wackelärschen auf Biertischen. Es ist der absolute Vollrausch, der über all dem schwebt. Ja, ich bin arrogant aber hey, ich stehe dazu.

Und heute wurde ich seit Ewigkeiten wieder auf eine dieser Veranstaltungen gezerrt. Herbstdult nennt es sich. In Passau findet es statt und mir reichten die zwei Stunden vollkommen aus, um für die nächsten trilliarden Jahre darauf verzichten zu können. Erster Punkt. Es riecht. Entweder nach Pisse. Überall. Weil das Bier, dass sich der lederbehoste Niederbayer in den Astralkörper schüttet, auch wieder irgendwo hin muss. Überteuertes Bier. Das einzig gute an dem besagten Gesöff ist, dass Festbier um einiges besser reinhaut, als die Ottonormaltag-Variante. Und wenn es nicht nach Urin müffelt, dann eben nach Fisch. Oder Fett. Oder Zuckerschock. Oder einfach nur nach Pferdedung. Milliarden Gerüche die auf einen einprasseln und einem die netten kleinen Härchen im Naseninneren wegätzen.

Und dann die Menschen. Alle Farben, Formen und Stufen von boah-verpiss-dich-aus-meinem-Gesichtsfeld-oder-ich-hau-dir-eine-rein. Die quietschigen Teenies, die Bierkrugtragend am Autoscooter lehnen und sich gegenseitig beim Paffen von Marlboro Light supercoolst fühlen. Die übergroßen Gruppen an Landhausmodenkatalog-Models die jeden Coversong der Täterä-Band auswenig können und das Bierzelt zum Wackeln und mich zum Brechen bringen. Im normalen Leben studieren sie BWL und KuWi aber wenn Dult ist, dann machen sie mit, bei diesem eigenwilligen Brauchtum der Bayerwäldler und lassen die Sau raus. Nun hätten wir noch die Checkerjungs, die, weil ihnen ihr motorisierter und aufgemotzter Untersatz fehlt, ihre Runden zu Fuß um den Dultplatz drehen. Immer auf der Suche nach Streit, weil was wäre eine Dult ohne eine ordentliche Klopperei. Erst wenn der letzte Bierkrug auf einem Hohlschädel zerschellt ist, werdet ihr merken, dass ihr einfach nur bescheuert seid. Nachmittags gibt es dann noch die Muttis. Früher Breitarschmutti. Heute Magerarschmutti, Anfang zwanzig die sich den Namen ihres Sprösslings auf den Unterarm tättowieren hat lassen. Neben das Tribal mit der Rose darin. Stopfen dem Kleinkind versalzene Pommes in den Mund und schütten brav Colamix in die fettbeschmierten Mäulchen. Ach und die Omis mit den Enkelchen. Dürfen auch mal raus. Beide. Lassen es so richtig ordentlich krachen die beiden. Sie bestellt ein Radler, er ist zehn Jahre alt und darf aber artig mittrinken. Denn ein richtiger bayerischer Junge muss doch wissen wie man einen Bierkrug hebt.

Der dritte Punkt ist das Bedürfnis sich der guten alten Tradititon der Stammtischdiskussion hinzugeben. Politik immer ganz groß. Die da oben. Alles Schweine. Außer der Sarrazin. Der ist momentan ein super Typ, weil der das ausspricht, was doch alle denken. Bloß nicht diskutieren. Einfach noch einen tiefen Schluck aus dem gläsernen Putzeimer nehmen und sich das sieben Euro-Bier schmecken lassen.

Und dann laufen die Menschen immer in eine andere Richtung als ich. Warum tun die das? Sie rempeln mich an und kucken dann auch noch dumm, wenn ich sie mit meinen Blicken töten möchte. Die machen das doch extra. „Oh kuckt mal, die Barbara. Die will Richtung Norden. Schnell, schnell. Formatiert euch. Alle Richtung Süden. Ich wiederhole. Richtung Süden!!!!“

Als kleines Kind fand ich Dult sicher super. Es gab diese riesigen Luftballons. Und Kettenkarussell und Zuckerwatte. Lose und Papa hat einem Rosen geschossen. Auch als Teenie war es noch eine nette Veranstaltung. Zu zweit eine ganze Maß trinken. Heimlich hinter dem Klohäuschen eine rauchen und dann sich zu den Coolen beim Autoscooter schummeln. Übermäßig viel Geld für Fahrchips und billigen Modeschmuck ausgeben. Hach, damals da war es noch eine schöne Sache.

Heute weckt so eine Veranstaltung den puren Fluchtreflex. Ich sehe ein riesiges Bierzelt und will weg. Einfach nur weg. Wahrscheinlich bin ich auch einfach nur zu engstirnig. Oder zu nüchtern um die wahre Wunderbarigkeit eines solchen Events genießen zu können. Aber solange mich keiner mit drei Promille voll pumpt, werde ich nie wieder auf einer Dult auftauchen. So wahr mir der Anstich helfe.

Achja. Was ich dann heute alles gemacht habe? Radler getrunken, einen ganzen Liter. Dem leicht angesäuselten Mädchen gegenüber beim wirr reden gelauscht. Sie berichtete mir von ihrem Kinderwunsch und davon, dass sie sofort wieder mit dem Rauchen beginnt, wenn sie das Jüngelchen hat. Spiegelkabinett. Im Verzerrspiegel bemerkt, dass ich einfach nur einen längeren Oberkörper bräuchte und kurze Stummelbeine, dann wäre ich total sweet. Suche nach einem Geschenk für die kleine Schwester an den Schmuckständen. Erinnerungen an die Kindheit als ich eine Kette mit einem Plastikdelphin sah. Hach damals, die Plastikschnuller. Das waren noch Zeiten. Versucht ein Glücksbärchenstofftier in einem dieser Greifarmautomaten abzugreifen. Mädchen gegenüber prahlte mit ihrem Talent. Sie hat gelogen. Kind die Zunge gezeigt. Es hat angefangen. 250 Gramm Käse und Breze für „günstige“ sechs Euro erstanden. Hat sich doch gelohnt, oder?

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Ein Gedanke zu “Ein Prosit

  1. Das mit dem Sarrazin kenn ich auch von der Arbeit (in ner Bahnhofsbuchhandlung) … Wenn ich noch EINMAL höre, dass der ja SO Recht hat und ausspricht was ALLE denken und dass ja GANZ GANZ VIELE (die Leute meinen zwar „alle“, sprechen das aber nicht aus, denn das ist man ja wirklich Nazi) Türken dem Staat nur auf der Tasche liegen und deshalb nach Deutschland kommen …

    dann beiß ich dem Kunden den Kopf ab. So.

    Schöner Blogeintrag! Super geschrieben.

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