Unverliebbar

Da kommt man nach Hause, der Bauch mit Gebäck vollgestopft, weil die Übelkeit es so verlangte, setzt sich mit einer Tasse Eiskaffee an den Laptop am Schreibtisch und plötzlich, so aus dem absoluten Nichts, ereilt einen die Erkenntnis, warum man sich selbst als „nicht bindungsfähig“ einstuft. Man will sich vor Überraschung das Gehirn reiben und alle Verwandten, Freunde, Bekannten, Nachbarn und Arbeitskollegen anrufen. Schnell eine Rundmail verfassen oder gleich bei taff anrufen, dass die zügigst ein Interview mit einem machen.


Und dann beginnt man die Erkenntnis in ihre Bruchteile zu zerlegen, um an des Pudels Kern zu gelangen. Die These, die ich aufstelle, warum ich mich als unverliebbar einstufe lautet wie folgt.


„Ich habe ein absolut falsches Bild von Beziehungen eingepflanzt bekommen.“.


Erwähnenswerte Beziehungen hatte ich in meinem bisherigen Leben ganze zwei Stück. Die erste Beziehung, mit allem drum und dran, hatte ich mit 17. Sie hielt 1 ½ Jahre. Es war eine ziemlich harmonische Sache aus geben und nehmen. Sie hat gegeben und ich habe genommen. N. tut mir im Nachhinein sehr leid, dass sie an solch ein Monster wie mich geraten ist. Bei Streitereien, auch wenn ich eigentlich die Böse in dem Szenario war, endeten immer damit, dass ich auf der Rauchertreppe, sie verheult in ihrem Zimmer saß und irgendwann runter kam, um sich mit großen Worten und Gesten bei mir zu entschuldigen. Gütig wie ich war, vergab ich ihr natürlich immer wieder. Auch wenn sie ja eigentlich gar nichts gemacht hatte. In dieser Beziehung habe ich zum ersten Mal Abhängigkeit erfahren. Warum sie sich in solch ein Suchtverhalten stürzte, was meine Person anbelangt, das verstehe ich zwar bis heute nicht, aber es war nun mal so. Ich konnte alles mit ihr machen und trotzdem kraulte sie mich jede Nacht in den Schlaf. Das Grundgefühl das mir also in dieser Beziehung vermittelt wurde, war nicht ein harmonisches Gleichgewicht aus Weichherzgefühlen, sondern dem puren Ungleichgewicht. Ich wurde auf ein Podest gestellt und angeschmachtet während ich gönnerhaft ein paar Brocken Wärme absonderte.


Diese Begebenheit war mir auf eine gewisse Art und Weise eine Lehre und ich kam zu dem Schluss, dass ich so etwas auf keinen Fall noch einmal haben möchte. Und bevor man sich damit auseinandersetzt, wie man denn so eine Beziehung richtig führen könnte, lehnt man einfach jegliche Option ab. „Ich bin Single und stolz darauf.“ So Doofmist halt.


Und dann kam A. Hach dieser A. Zu dieser Zeit war ich 21 und alles was ich wollte war feiern. Dorfdisko, betrunken, immer. Vorglühen auf der Kirchbank, jeder eine Flasche Billig-Weinbrand in der Hand und küssen. Als er mich zum ersten Mal sah, kam ich aus diesem Laden heraus, er konnte sich noch ganz genau daran erinnern. An meine blauen Augen und die schwarzen Haare. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Ich war betrunken. Und A. war die Verkörperung von allem was ich nie wollte. Ein Onkelz-hörender, Calibra-fahrender und dicklicher Soldat. Weil ich irgendwann alle Kerle in diesem Saufpalast mit den Lippen durch hatte, blieb nur noch er übrig. Und eins konnte er und das war küssen. Er legte sich sehr ins Zeug für mich. Schrieb mir SMS und wollte sich immer mit mir treffen. Ich lehnte immer dankend ab oder schob andere Dinge vor. Sobald die Nacht über unser Kaff einbrach, trafen wir uns fast wie zufällig in der Dorfdisko, fielen übereinander her, sobald ich einen gewissen Pegel hatte. Oft schlief er gar nicht mehr und hatte seine Arbeitskleidung zur Sicherheit schon im Auto. Und dann kam der Moment, an dem er mich vor ein Ultimatum stellte. Und weil er so schöne Worte wählte und ich es mochte, dass sich jemand so sehr um mich bemüht, ließ ich mich darauf ein. Es hielt fast zwei Jahre und je mehr sein Selbstbewusstsein wuchs, desto größer wurde auch mein Ego. „Du bist die erste Frau bei der…“ Ein Satz den ich oft zu hören bekam und der mich jedes Mal innerlich einige Zentimeter wachsen ließ. Auch hier machte ich also die Erfahrung, dass man mich am liebsten in einen Schaukasten stellen würde, um mich nur zu feierlichen Anlässen rauszulassen.


Zusammengefasst ist es also kein Wunder, dass ich keine Ahnung davon habe, wie so eine stinknormale Beziehung abläuft. Weil ich gar nicht könnte, ohne diese Arschküsserei und dieses in den Himmel gehoben werden.


Bahnbrechend. Gut! Bringt mich jetzt sicher auch nicht zwingend weiter in meinem Leben aber hey, wieder mal etwas gelernt über mich. Ist doch auch super. Und wieder eine nette Geschichte, die ich den Zivis im Pflegeheim erzählen kann. „Daaaaaaaamals, ach Jungs, wenn ihr wüsstet. Da hat man mich noch verehrt. Das könnt ihr euch heute gar nicht mehr vorstellen, stimmts?“

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