Ein Selbstversuch

Ich bin ein schwer verplanter Mensch. Ich kann mir keine Geburtsdaten merken, wie alt mein Vater dieses Jahr wird, weiß ich nicht. Ich kann mir mit Müh und Not meine eigenen Handynummer merken. Wenn ich mich ausnahmsweise mal von meinem Bett erhebe, weil ich etwas holen will, vergesse ich manchmal auch, was ich eigentlich wollte, sobald der zweite Fuß den Boden berührt hat. Namen kann ich mir auch nicht merken und ich danke der Geschäftsleitung des Krankenhauses für die Einführung der Namensschilder. Dies erspart mir einige Peinlichkeiten vor allem wenn man bedenkt, dass ich in dieser Institution schon über 2 Jahre arbeite. Mein Kontostand wird sehr stiefmütterlich behandelt. Meine eigenen vier Wände gehen im absoluten Chaos unter und wenn ich etwas Bestimmtes suche, muss ich schon eine gewisse Suchzeit einberechnen. Aber über eins weiß ich immer Bescheid. Da kann mir niemand etwas vormachen. Wie viele Zigaretten habe ich noch.

Gestern Abend fiel mir beim Durchzählen der verbleibenden Zigaretten auf, dass die für genau noch zwei Tage reichen würden. Kein Problem für den Raucher. Es war Sonntag, Montag geht man zur Arbeit und hat genügend Zeit sich Nachschub zu besorgen. Doch plötzlich schoss mir der Gedanke durch den Kopf. Eine fixe Idee. Was wäre, wenn ich dem Staat und der Tabakindustrie ausnahmsweise mal kein Geld in den Rachen werfen würde? Was würde passieren, wenn ich nach diesen 1 ½ Schachteln einfach keine Zigaretten mehr hätte?

Und so beginnt heute ein Experiment. Vor ca. drei Stunden hatte ich noch 11 Zigaretten. Jetzt sind es noch acht. Für heute Abend wird es noch reichen. Was dann morgen früh passieren wird, wenn ich nicht wie üblich zuerst mal eine rauche, bevor ich überhaupt richtig wach bin, wird sich zeigen. Weil der Mensch auf Routine steht, werde ich mir eine andere Morgenroutine zulegen. Kaffee trinken statt Kippe in den Mund schieben. Das ist kein richtiger Versuch das Rauchen aufzuhören. Es ist ein Experiment wie es sich anfühlt ohne Nikotin. Wie lange ich mich selbst unter Kontrolle habe. Und wenn es gut läuft, wer weiß. Vielleicht schaffe ich den Absprung. Man darf gespannt sein. Vielleicht hört man ja genau so auf. Oder eben auch nicht.

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15 Gedanken zu “Ein Selbstversuch

  1. Ich selbst versuch es grad seit dem 14. August:

    War bei meiner Freundin. Wir hatten gemeinsam nur noch 5 Zigaretten, da wir versäumt hatten welche nach zu kaufen. Nett und zuvorkommend wie ich halt bin ließ ich ihr den Vortritt und sie hat die 5 Kippen dann auch ruckzuck weg geraucht.

    Am nächsten Morgen hab ich mir dann mal als (erneutes) Experiment (wieder mal) keine Zigaretten gekauft und was soll ich sagen…noch hatt ich kein einziges Mal Lust drauf wieder eine zu rauchen.

    Wie das ab Mittwoch beim kommenden Festival aussehn wird steht noch in den Sternen aber ich bin guter Dinge.

  2. Richtig aufhören will ich gar nicht. Ich will einfach nur wissen, ob es mich echt so irre machen würde, darauf zu verzichten. Und so wie es mir gerade geht, nach nicht mal 4 Stunden ohne, kann ich eins sagen:
    „Ich bin bescheuert und meine Sucht sitzt tiefer als ich je dachte. Allein die Tatsache, dass ich nicht rauchen kann, wenn ich wollen würde, macht mich irre und je näher die Mittagspause rückt, desto schlimmer wird es gerade.“

  3. Nikotinpflaster sind hierbei keine Schande (zahlt sogar die Kasse + begeleitenden Doc).
    Ein Verwandter, der auch gerade seinen ersten unvernebelten Sommer durchfriert, sagte ganz offen, dass er es ohne ex-smokers little helper nicht bis hierhin geschafft hätte. Dafür ist er nun in der Lage seiner Tochter ’nen Schwimmflügel ohne Pause, in der zwischenzeitlich das Badeticket abgelaufen ist, aufzupusten. Und Sätze dauern auch nicht mehr so lang, weil die bronchitischen Anfälle ausbleiben. Nur die Krankschreibungen im Frühjahr, die er, die Zichten und die Erkältungsviren zurück aus dem Süden, feierten, wird er vermissen.

    Walk on!

    • Also ich habe mich da grad versucht ein bisschen schlau zu machen, bezüglich Krankenkassen und Zahlung von Nikotinpflastern. Soweit ich das rausgelesen habe, zahlen die das nicht. Oder nur in bestimmten Fällen, was auch immer das heißen soll.
      Zwischenzeitlich habe ich 4 Zigaretten geraucht. Jawohl.

      • Ist vielleicht kassen-abhängig; bei ihm hast sie’s gezahlt. Bei der AOK glaube ich auch. Eigentlich haben die doch für jedes Volksleiden Programme, die ihnen die Mitglieder gesund halten.

        Vielleicht muß man das Pferd auch von vorn aufzäumen und beim Arzt sagen, das man ganz doll süchtig ist und jetzt unbedingt mit ihm zusammen aufhören will. Wenn man dazu noch gelegentlich einen farbenfrohen Husten vorweisen kann, möchte ich die Kasse sehen, die das nicht weg haben will. Raucher können ja später mal ganz schön teuer werden.
        Werde aber mal nachfragen, wie er es bei welcher Kasse angegangen ist.

        Und: Hui, dann bist Du ja kurz vor dem Lift-off – ich bleibe am Apparat …

  4. Scheint mir die beste Art zu sein, aufzuhören. so ohne dieses „Icke muss jezz abber!“. Ich kan da nicht mitreden, habe gott sei dank nie angefangen.

  5. Kann leider auch nicht mitreden, habe schon mit 5 Jahren das Rauchen aufgegeben. Nach genau einer trockene-Blätter-und-Zeitungspapier-Fluppe…

  6. Hier der versprochene Realitätscheck, Ergebnis: Es ist alles gar nicht wahr. Es gab bei meinem Verwandten nur eine zeitliche Zusammenkunft von bronchitisbedingtem Arztbesuch, dem Entschluß mit dem Rauchen aufzuhören und dem Kauf von Nikotinpflastern. Habe das auf der Feier damals irgendwie anders verstanden.
    Also kein Doktor, der einem hilft, keine Kasse, die was zahlt. Nur das die AOK „etwas“ anbietet, scheint wohl zu stimmen, ein Nichtraucher-Seminar.
    So viel zur Korrektheit dessen, was ich da vor einigen Tage kommentiert habe, also ungefähr auf dem Niveau eines durchschnittlichen BILD-Artikels. HMPF!

    Und um diesen Kommentar so deprimierend zu beenden, wie er begann: Mein Verwandter raucht schon wieder. Zwar hat er monatelang eisern durchgehalten, wurde dann von seiner Familie aber gebeten doch wieder anzufangen, da seine Laune wohl kurz vor „unausstehlich“ war. (Immerhin eine originelle Variante.)

    Tut mir wirklich leid für den Schnellschuß da oben. Versuch es aber bitte trotzdem. (Ich kenne auch ein paar dauerhaft erfolgreiche Ex-Raucher.)

    • Habe nach 4 Stunden!!! kläglich versagt. Es ging gar nicht. Saß in der Arbeit vor dem PC und wollte dem Menschen, der mir gegenüber saß, zur eigenen Beruhigung ein paar mal den Bildschirm über den Schädel ziehen.

      Es hätte mich ehrlich gesagt sehr verwundert wenn die Kasse bei so etwas finanzielle Unterstützung leisten würde.

      Ach und dieses „Bitte! Fang wieder an zu rauchen! Du bist unausstehlich!“ kenne ich. Ging mir beim ersten Versuch vor ca. 7 Jahren so.

  7. „Es hätte mich ehrlich gesagt sehr verwundert wenn die Kasse bei so etwas finanzielle Unterstützung leisten würde. “

    Mich hat es eher überrascht, das die so etwas nicht anbieten. Ich hätte diese Antwort bei der 250000-Euro-Frage definitiv genommen.
    Bei all den von Robotern einoperierten Hüftgelenken, ökotrophologischen Kochkursen und dem Rückenschulen-Gedöns der Kassen, wäre DAS doch mal etwas, was nicht zu teuer ist und ihnen langfristig eine Menge Geld spart, von glücklich-gesunden Mitgliedern ganz abgesehen.

    btw: Die erfolgreichen Ex-Raucher, die ich erwähnte, brauchten unter anderem erst eine „eindringliche“ Motivation bis sie aufhörten. Als da wären: überraschende Schwangerschaft, Krankheit und dem-neuen-Partner-gefallen. Aber dann fiel es ihnen anscheinend sehr leicht, kein Rückfall, kein Murren.
    Finde das bemerkenswert, weil es auch zeigt, auf welchem Level die als übermächtig angesehene Sucht dem gegenüber steht. Wenn es sich also RICHTIG lohnt, mehr als der Kick durch das Frassgift einer Pflanze, dann scheint der Verzicht nicht so dominant zu sein.

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